Am hinteren Ende des Lagers der Weisen Frauen stand ein kleines Zelt, das ihr vorher gar nicht aufgefallen war. Es war genauso niedrig wie die anderen, aber rundherum dicht geschlossen. Zu ihrer Überraschung begann Amys, sich auszuziehen, und sie bedeutete ihr, dasselbe zu tun. Sie biß die Zähne zusammen, damit sie nicht vor Kälte klapperten und kam Amys Aufforderung langsam nach. Als die Aielfrau ausgezogen war, stand sie da, als sei die Nacht überhaupt nicht kalt, atmete tief ein und breitete die Arme aus dabei. Schließlich bückte sie sich und schlüpfte hinein. Egwene eilte beflissen und dankbar hinterher.
Dampf und Hitze schlugen ihr entgegen. Der Schweiß quoll ihr beinahe augenblicklich aus allen Poren. Moiraine befand sich bereits drinnen, dazu die anderen Weisen Frauen und Aviendha. Alle saßen nackt und schwitzend um einen großen Eisenkessel herum, der bis zum Rand mit rußigen Steinen gefüllt war. Kessel und Steine verströmten diese Hitze. Die Aes Sedai schien recht gut erholt von ihren Strapazen, obwohl die Haut um ihre Augen herum angespannt war. Das hatte sie früher bei ihr nicht gesehen.
Während Egwene sich ganz vorsichtig einen Sitzplatz suchte — hier gab es keine Schichten von Teppichen, sondern nur den blanken, steinigen Boden —, holte Aviendha einen Schöpflöffel voll Wasser aus einem kleineren Kessel an ihrer Seite und goß es in den großen hinein. Es zischte, und das Wasser verdampfte augenblicklich. Auf den Steinen blieb nicht einmal ein feuchter Fleck übrig. Aviendhas Miene war ausgesprochen sauer. Egwene konnte sich vorstellen, wie sie sich fühlte. Den Novizinnen in der Burg teilte man auch Arbeiten zu. Sie konnte sich selbst nicht entscheiden, ob sie das Bodenschrubben mehr haßte als das Abwaschen oder andersherum. Diese Arbeit hier schien lange nicht so unangenehm.
»Wir müssen besprechen, was wir in bezug auf Rand al'Thor unternehmen sollen«, sagte Bair, als Amys schließlich auch am Kessel saß.
»In bezug auf ihn unternehmen?« fragte Egwene aufgescheucht. »Er hat die Male. Er ist derjenige, nach dem Ihr geforscht habt.« »Er ist es«, bestätigte Melaine grimmig und wischte sich eine goldene Haarsträhne aus dem feuchten Gesicht. »Wir müssen versuchen, dafür zu sorgen, daß so viele wie möglich aus unserem Volk sein Kommen überleben.« »Und genauso wichtig ist«, bemerkte Seana, »daß er überlebt, um den Rest der Weissagungen in Erfüllung gehen zu lassen.« Melaine funkelte sie zornig an, und Seana fügte in geduldigem Tonfall hinzu: »Sonst wird überhaupt niemand von uns überleben.« »Rhuarc sagte, er werde einige von den Jindo als Leibwächter einsetzen«, sagte Egwene bedächtig. »Hat er seine Meinung nun geändert?« Amys schüttelte den Kopf. »Hat er nicht. Rand al'Thor schläft in den Zelten der Jindo, und hundert Mann wachen darüber, daß er auch wieder aufwacht. Aber die Männer sehen die Dinge oftmals anders als wir. Rhuarc wird ihm folgen, vielleicht bei Entscheidungen widersprechen, die er für falsch hält, aber er wird nicht versuchen, ihn zu gängeln.« »Glaubt Ihr, daß er Führung braucht?« Moiraine zog die Augenbrauen hoch, als Egwene das sagte, doch die jüngere Frau beachtete sie nicht. »Er hat bisher genau das vollbracht, was notwendig war, ohne von anderen angeleitet zu werden.« »Rand al'Thor kennt unsere Sitten und Gebräuche nicht«, erwiderte Amys. »Er könnte Hunderte von Fehlern begehen, die einen Häuptling oder einen Clan dazu bringen, sich gegen ihn zu stellen und ihn lediglich als einen Feuchtländer zu betrachten, statt als den, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt. Mein Ehemann ist zweifellos ein guter Mann und ein hervorragender Häuptling, aber er ist keiner, der Frieden stiften kann, er ist nicht darauf vorbereitet, zornige Männer dazu zu bringen, ihre Speere wegzulegen. Wir müssen eine an Rand al'Thors Seite stellen, die ihm etwas einflüstern kann, wenn er drauf und dran sein sollte, einen falschen Schritt zu tun.« Sie bedeutete Aviendha, mehr Wasser auf die heißen Steine zu gießen. Die junge Frau gehorchte mürrisch, aber mit lockergraziöser Bewegung.
»Und wir müssen ihn beobachten«, warf Melaine in scharfem Ton ein. »Wir müssen eine Ahnung von dem haben, was er vorhat, bevor er es durchführt. Die Erfüllung der Weissagung von Rhuidean hat begonnen und kann so oder so nicht aufgehalten werden, bevor sie ihr Ende findet, aber ich will unbedingt erreichen, daß so viele unserer Leute wie möglich überleben. Wie das erreicht werden kann, hängt von Rand al'Thors Absichten ab.« Bair beugte sich zu Egwene vor. Sie schien nur aus Knochen und Sehnen zu bestehen. »Ihr habt ihn von Kindheit an gekannt. Wird er sich Euch anvertrauen?« »Das bezweifle ich«, sagte Egwene zu ihr. »Er vertraut nicht mehr so wie früher.« Sie vermied es, Moiraine dabei anzusehen.
»Würde sie es uns mitteilen, wenn er sich ihr anvertraut?« wollte Melaine wissen. »Ich will hier keinen Ärger machen, aber Egwene und Moiraine sind Aes Sedai. Was sie wollen, muß nicht dem entsprechen, was wir wollen.« »Wir haben einst den Aes Sedai gedient«, sagte Bair schlicht. »Damals haben wir versagt. Vielleicht ist es unsere Bestimmung, ihnen wieder zu dienen?« Melaine errötete offensichtlich vor Verlegenheit.
Moiraine gab nicht zu erkennen, daß sie es bemerkte oder daß sie die vorherigen Äußerungen der Frau vernommen hatte. Abgesehen von der um ihre Augen herum straff gespannten Haut wirkte ihre Ruhe eisig. »Ich werde helfen, so gut ich kann«, sagte sie kühl. »Aber ich habe wenig Einfluß auf Rand. Gegenwärtig webt er das Muster nach eigenen Vorstellungen.« »Dann müssen wir ihn ganz genau beobachten und hoffen.« Bair seufzte. »Aviendha, du wirst jeden Tag zu Rand al'Thor gehen, wenn er erwacht, und ihn nicht mehr verlassen, bis er zur Nacht unter seine Decken kriecht. Du wirst ihm so nahe sein wie das Haar auf seinem Kopf. Deine Ausbildung muß weitergehen, so gut es eben möglich ist. Ich fürchte, es wird eine Last für dich sein, beides nebeneinander zu tun, doch es läßt sich nicht vermeiden. Wenn du viel mit ihm sprichst und ihm vor allem zuhörst, solltest du keine Schwierigkeiten haben, in seiner Nähe zu bleiben. Nur wenige Männer schicken eine hübsche, junge Frau weg, die ihnen zuhört. Vielleicht läßt er irgendeinen Hinweis heraus.« Aviendha versteifte sich bei jedem Wort mehr. Als Bair fertig war, fauchte sie: »Das werde ich nicht!« Totenstille breitete sich aus, und alle Augen richteten sich auf sie. Sie erwiderte die Blicke trotzig.
»Du wirst nicht?« fragte Bair leise. »So, du wirst es also nicht tun.« Sie schien die Worte im Mund auf ihren Geschmack zu überprüfen.
»Aviendha«, sagte Egwene mit weicher Stimme, »keiner will von dir, daß du Elayne betrügst. Du sollst nur mit ihm sprechen.« Die einzige Wirkung ihrer Worte war, daß die ehemalige Tochter des Speers sich noch vehementer nach einer Waffe umzusehen schien.
»Ist das eine Disziplin, die man heutzutage bei den Töchtern lernt?« fragte Amys streng. »Falls das so ist, wirst du bald herausfinden, daß die Disziplin bei uns noch strenger ist. Falls es einen Grund gibt, daß du dich nicht in Rand al'Thors Nähe aufhalten kannst, dann nenne ihn uns.« Aviendhas Trotz schien ein wenig schwächer zu werden, und sie murmelte kaum hörbar irgend etwas. Amys Stimme klang nun messerscharf: »Ich sagte, du solltest uns deinen Grund nennen!« »Ich kann ihn nicht leiden!« brach es aus Aviendha heraus. »Ich hasse ihn! Ich hasse ihn!« Hätte es Egwene nicht besser gewußt, dann hätte sie glauben können, Aviendha sei den Tränen nah. Aber die Worte schockierten sie dennoch. Das konnte Aviendha doch nicht ernst meinen.