»Wir verlangen nicht von dir, daß du ihn liebst und mit ihm ins Bett gehst«, sagte Seana mit beißender Stimme. »Wir befehlen dir, dem Mann zuzuhören, und du wirst gehorchen!« »Kindisch!« schnaubte Amys. »Was für eine Art von jungen Frauen bringt die Welt denn neuerdings hervor? Wird denn keine von Euch erwachsen?« Bair und Melaine reagierten noch schärfer. Die ältere Frau drohte Aviendha anstelle von Rands Sattel auf dessen Pferd zu binden, und es klang, als meine sie es ernst. Und Melaine schlug vor, statt zu schlafen solle Aviendha lieber nachts Löcher graben und dann wieder auffüllen, damit sie einen klaren Kopf bekäme. Die Drohungen waren allerdings nicht dazu bestimmt, sie zur Durchführung des Befehls zu zwingen, das wurde Egwene schnell klar. Diese Frauen erwarteten, daß man ihnen gehorchte. Jede nutzlose Extraarbeit, die Aviendha sich einhandelte, wäre lediglich eine Strafe für ihre Sturheit. Die schien nun allerdings aufzuweichen, da sich die Blicke vierer Weiser Frauen gleichermaßen in sie bohrten. Sie hockte vorgebeugt und abwehrend auf den Knien, aber sie gab noch immer nicht nach. Egwene beugte sich hinüber und legte eine Hand auf Aviendhas Schulter. »Du hast mir gesagt, daß wir beinahe Schwestern seien und ich glaube das auch. Tust du es für mich? Stell dir einfach vor, du paßt für Elayne auf ihn auf. Du magst sie doch auch, wie ich weiß. Du kannst ihm ausrichten, daß sie das ernst gemeint hat, was sie in ihren Briefen schrieb. Das wird ihm gefallen.« Aviendha verzog ihr Gesicht krampfhaft. »Ich werde es tun«, sagte sie und sackte in sich zusammen. »Ich werde für Elayne auf ihn aufpassen. Für Elayne.« Amys schüttelte sich. »Idiotisch. Du wirst auf ihn achtgeben, weil wir es dir befohlen haben, Mädchen. Wenn du glaubst, es aus einem anderen Grund tun zu müssen, wirst du auf schmerzhafte Weise herausfinden, daß du dich irrst. Mehr Wasser. Der Dampf verfliegt ganz.« Aviendha schüttete einen weiteren Schöpfer voll Wasser auf die Steine, als schleudere sie einen Speer. Egwene war froh, daß ihr Widerstandsgeist nicht ganz erloschen war, aber sie würde sie warnen, wenn sie miteinander allein waren. Trotz war ja schon in Ordnung, aber es gab einige Frauen, wie etwa diese vier Weisen Frauen und auch Siuan Sanche, bei denen einem die Vernunft sagte, man sollte besser diesen Trotz im Zaum halten. Man konnte auch den ganzen Tag über die Frauenversammlung anschreien, und am Ende machte man doch, was sie von einem wollten und wünschte, man hätte den Mund gehalten.
»Nun, da dies geklärt ist«, sagte Bair, »laßt uns den Dampf schweigend genießen, während wir noch Zeit dazu haben. Einige von uns haben diese Nacht noch eine Menge zu tun und auch in den kommenden Nächten, wenn wir für Rand al'Thor eine Versammlung in Alcair Dal einberufen wollen.« »Männer finden immer einen Weg, den Frauen Arbeit zuzuschieben«, sagte Amys. »Warum sollte Rand al'Thor da eine Ausnahme machen?« Dann senkte sich Schweigen über das Zelt, außer dem gelegentlichen Zischen, wenn Aviendha mehr Wasser über die heißen Steine goß. Die Weisen Frauen saßen mit auf die Knie aufgestützten Händen da und atmeten tief ein. Es war wirklich recht angenehm und entspannend, diese feuchte Hitze und das reinigende Gefühl, wenn der Schweiß aus allen Poren rann. Egwene war der Meinung, das wiege den verlorenen Schlaf voll und ganz auf.
Allerdings wirkte Moiraine keineswegs entspannt. Sie starrte auf den dampfenden Kessel, als blicke sie hindurch auf etwas sehr, sehr Fernes.
»War es schlimm?« fragte Egwene leise, um die Weisen Frauen nicht zu stören. »In Rhuidean, meine ich.« Aviendha blickte schnell auf, sagte aber nichts.
»Die Erinnerungen verblassen«, sagte Moiraine genauso leise. Sie blickte weiter durch alles hindurch, und ihre Stimme klang fast so eisig, daß sie die Hitze der Luft besiegte. »Das meiste ist bereits vergessen. Manches habe ich schon vorher gewußt. Anderes... Das Rad webt, wie das Rad es wünscht, und wir sind nur einzelne Fäden im Muster. Ich habe mein Leben der Aufgabe gewidmet, den Wiedergeborenen Drachen zu finden, Rand zu finden, und ihn darauf vorzubereiten, in die Letzte Schlacht zu gehen. Das werde ich vollenden, was es auch kosten mag. Nichts und niemand kann wichtiger sein als das.« Obwohl sie so schwitzte, lief Egwene ein kalter Schauer über den Rücken. Sie schloß die Augen. Die Aes Sedai wollte keine Sympathie. Sie war ein Eisklumpen und keine Frau. Egwene verlagerte ihr Gewicht und bemühte sich, dieses angenehme Gefühl wieder zurückzugewinnen. Sie vermutete, es werde in den kommenden Tagen wenig Gelegenheiten geben, irgend etwas zu genießen.
36
Falsche Spuren
Die Aiel brachen die Zelte früh am Morgen ab und entfernten sich von Rhuidean, während die noch nicht einmal richtig aufgegangene Sonne noch die fernen Bergketten scharf umriß. In drei Gruppen marschierten sie in Serpentinen um den Chaendaer herum nach unten und hinaus in die zerklüftete Ebene mit ihren gelegentlichen Hügeln, hohen Steinsäulen und abgeflachten Felskuppen. Grau und Braun und jede Schattierung dazwischen beherrschten das Bild des Landes, und an manchen Stellen war der Fels mit langen Streifen von Rot und Ocker durchsetzt. Von Zeit zu Zeit kamen sie auf ihrem Weg nach Nordwesten an einem mächtigen, von der Natur geschaffenen Torbogen vorbei oder an eigenartigen, riesigen Steinplatten, die auf einer Felsnadel balancierten, immer haarscharf am Rande des Absturzes. In jeder Richtung sah Rand in der Entfernung neue Bergketten aufragen. Alle Bruchstücke, die von der Zerstörung der Welt übriggeblieben waren, schienen hier gesammelt worden zu sein in diesem Land, das man die Aiel-Wüste nannte. Wo der harte Boden nicht aus überall aufgesprungenem gelben oder braunen Lehm bestand, da kam der blanke Fels durch, andauernd von trockenen Rinnen und Senken durchzogen. Die verstreute Vegetation war spärlich und niedrig: Dornbüsche und blattlose Dinge mit langen Stacheln. Die vereinzelt sichtbaren wenigen weißen oder roten oder gelben Blüten überraschten das Auge immer wieder. Gelegentlich bedeckte hartes, zähes Gras eine kleinere Fläche und noch seltener entdeckten sie einen verkrüppelten Baum, der gewöhnlich ebenfalls Dornen oder Stacheln aufwies. Wenn er es mit dem Chaendaer und dem Tal von Rhuidean verglich, wirkte aber diese Vegetation schon beinahe üppig. Die Luft war so klar, das Land so kahl, daß es Rand schien, er könne unendlich weit blicken.
Die Luft war ansonsten genauso trocken und die Hitze genauso erdrückend wie vorher. Die Sonne hing wie ein Klumpen geschmolzenen Goldes hoch an einem wolkenlosen Himmel. Rand hatte sich eine Schufa zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gewickelt und trank gelegentlich aus dem Wasserschlauch an Jeade'ens Sattel. Seltsamerweise half es ihm, daß er sein Wams trug. Er schwitzte wohl nicht weniger, aber unter der roten Wolle blieb sein Hemd feucht und verschaffte ihm so etwas Kühlung. Mat hatte ein großes weißes Taschentuch mit Hilfe eines Stricks auf seinem Kopf festgebunden. Es hing ihm wie eine Narrenkappe über den Nacken herunter. Dazu hob er ständig die Hand, um seine Augen vor dem grellen Sonnenschein zu schützen. Er trug den beschrifteten Speer mit der Schwertklinge wie eine Lanze, den Schaft unten in einen Steigbügel gestützt.
Ihre Gruppe bestand aus ungefähr vierhundert Jindo. Rand und Mat ritten neben Rhuarc und Heim an der Spitze. Die Aiel gingen natürlich zu Fuß. Ihre Zelte und einiges aus der Beute von Tear hatten sie auf Maulesel und Pferde geladen. Eine Anzahl von Töchtern des Speers war bereits vor ihnen als Kundschafter ausgeschwärmt. Einige Steinhunde bildeten die Nachhut. Die Hauptgruppe war eingerahmt von wachsamen Augen, bereitgehaltenen Speeren und Bögen mit aufgelegten Pfeilen. Angeblich galt der Friede von Rhuidean ja solange, bis diejenigen, die zum Chaendaer gegangen waren, in ihre eigene Festung zurückkehrten, aber Rhuarc hatte Rand erklärt, daß durchaus schon Fehler vorgekommen seien, und Entschuldigungen und selbst ein Blutpreis hatten die Toten auch nicht wieder aus ihren Gräbern auferstehen lassen. Rhuarc schien gerade diesmal einen Fehler für besonders wahrscheinlich zu halten, sicher vor allem der Gruppe von Shaido wegen.