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Er ertappte sich dabei, daß er Min vermißte. Min hatte nie einen Narren aus ihm gemacht. Nun ja, nicht mehr als ein- oder zweimal. Und sie hatte ihn nie beleidigt. Sicher, sie hatte ihn ein paar Mal als Schafhirten bezeichnet. Aber er fühlte sich einfach wohl in ihrer Nähe, und auf seltsame Art empfand er Wärme ihr gegenüber. Sie gab ihm nicht das Gefühl, ein kompletter Idiot zu sein, wie es Elayne und Aviendha taten.

Sein Schweigen schien die Aielfrau noch mehr aufzuregen, falls das überhaupt möglich war. Sie knurrte etwas in sich hinein und schritt aus, als wolle sie am liebsten irgend etwas niedertrampeln. Ein halbes Dutzend Mal mindestens zog sie ihren Schal zurecht. Schließlich verflog das Grollen auf ihren Gesichtszügen. Statt dessen begann sie nun, ihn ständig anzustarren. Wie ein Geier. Er verstand nicht, wieso sie nicht stolperte und auf den Hintern fiel.

»Was schaut Ihr mich so an?« wollte er wissen.

»Ich höre zu, Rand al'Thor, da Ihr ja wünscht, daß ich schweige.« Sie lächelte trotz zusammengebissener Zähne. »Gefällt es Euch nicht, wenn ich Euch zuhöre?« Er blickte über sie hinweg zu Mat, und der schüttelte den Kopf. Aus Frauen wurde einfach niemand schlau. Rand bemühte sich, daran zu denken, was vor ihm lag, aber es war schwierig, wenn ihn diese Frau ständig ansah. Hübsche Augen. Wären ihre Blicke nur nicht so ablehnend gewesen. Er wünschte, sie würde einmal woandershin schauen.

Mat schützte seine Augen mit einer Hand gegen die Sonne und sah betont an Rand und der Aielfrau vorbei, die zwischen ihren Pferden einherschritt. Er konnte nicht verstehen, wieso Rand sich das gefallen ließ. Aviendha war schon hübsch, ganz klar, mehr als nur hübsch sogar, jetzt, da sie endlich so etwas wie richtige Kleidung trug, aber sie hatte eine derart spitze Zunge und war so launisch, daß sie sogar Nynaeve in den Schatten stellte. Er war froh, daß sie sich an Rand gehängt hatte und nicht an ihn.

Er zog sich das Tuch vom Kopf und wischte sich damit das Gesicht ab. Dann band er es sich wieder um die Stirn. Die Hitze und dieser ewige Sonnenschein, der ihn blendete, machten ihn allmählich fertig. Gab es in diesem ganzen verdammten Land keinen Schatten? Der Schweiß brannte in seinen Wunden. Er hatte sich vorigen Abend geweigert, seine Wunden von Moiraine heilen zu lassen, als sie ihn weckte, nachdem er endlich Schlaf gefunden hatte. Ein paar Schrammen waren ein kleiner Preis dafür, vermieden zu haben, daß man mit Hilfe der Macht behandelt wurde. Der übelschmeckende Tee der Weisen Frauen hatte immerhin seine Kopfschmerzen besiegt. Was ihn sonst noch plagte, war seiner Meinung nach nichts, womit Moiraine hätte fertigwerden können. Er hatte auch nicht die Absicht, ihr etwas davon zu erzählen, bevor er es selbst verstand. Wenn überhaupt. Er wollte gar nicht daran denken.

Moiraine und die Weisen Frauen beobachteten ihn. Sicher, wahrscheinlich beobachteten sie vor allem Rand, aber das Gefühl war das gleiche. Überraschenderweise war die blonde — Melaine — hinter der Aes Sedai auf Aldieb geklettert und saß nun ungeschickt da, klammerte sich an Moiraine fest und unterhielt sich mit ihr. Er hatte nicht geglaubt, daß eine Aiel jemals reiten würde. Melaine war eine hübsche Frau, mit diesen feurigen grünen Augen. Pech war nur, daß sie die Macht benützen konnte. Ein Mann mußte schon ein kompletter Idiot sein, wenn er sich mit einer solchen Frau einließ. Er setzte sich auf Pips' Sattel etwas bequemer zurecht und erinnerte sich daran, daß es für ihn keine Rolle spiele, was die Aiel machten.

Ich bin in Rhuidean gewesen. Ich habe getan, was diese Schlangenmenschen von mir verlangten. Und was konnte er als Beweis vorzeigen? Diesen verdammten Speer, ein silbernes Medaillon und... Ich könnte jetzt eigentlich wegreiten. Wenn ich noch einen Funken Verstand besitze, haue ich jetzt ab.

Er konnte durchaus gehen. Dann müßte er versuchen, selbst einen Weg aus der Wüste hinaus zu finden, bevor er verdurstete oder an einem Hitzschlag einging. Er könnte, aber Rand zog ihn nach wie vor mit und hielt ihn fest. Am leichtesten konnte er herausfinden, wie fest er an Rand gebunden war, indem er einfach versuchte, ihn zu verlassen. Doch dann sah er sich die kahle Landschaft ein wenig genauer an und verzog das Gesicht. Wind kam auf. Es war ein Gefühl, als wehe er über einen überhitzten Ofen. Kleine Luftwirbel ließen gelben Staub über den aufgesprungenen Boden fegen. Das Hitzeflimmern war so stark, daß sogar die Berge in der Ferne nur verschwommen sichtbar waren. Vielleicht war es das Beste, noch eine Weile bei den anderen zu bleiben.

Eine der Töchter des Speers, die als Kundschafterin unterwegs gewesen war, kam zurückgetrabt und ging neben Rhuarc her, wobei sie leise mit ihm sprach. Sie grinste Mat kurz an, als sie fertig war, und er beschäftigte sich verlegen mit Pips Mähne, aus der er eine besonders unangenehme Klette herauszog. Er erinnerte sich nur zu gut an diese rothaarige junge Frau namens Dorindha. Sie war ungefähr so alt wie Egwene. Dorindha war eine von denen gewesen, die ihn dazu überredet hatten, mit ihnen den ›Kuß der Jungfrau‹ zu spielen. Sie hatte damals das erste Pfand kassiert. Es war ja nicht so, daß er sie meiden wollte. Er konnte sie durchaus anblicken. Aber seinem Pferd die Kletten zu entfernen und so was war doch äußerst wichtig.

»Händler«, verkündete Rhuarc, als Dorindha wieder in die Richtung zurückrannte, aus der sie gekommen war. »Händlerwagen kommen in unsere Richtung gefahren.« Es klang nicht erfreut.

Mats Miene erhellte sich aber doch deutlich. Ein fahrender Händler konnte jetzt genau das Richtige sein. Wenn der Bursche den Weg hierher kannte, kannte er auch den Weg zurück. Er fragte sich, ob Rand erriet, was er dachte. Der Mann machte schon ein genauso nichtssagendes Gesicht wie die Aiel.

Die Aiel marschierten etwas schneller. Couladins Leute taten es ohne zu zögern den Jindo und den Weisen Frauen gleich. Wahrscheinlich hatten ihnen die eigenen Kundschafter die gleichen Neuigkeiten gebracht. Nun mußten auch die Pferde schneller voranschreiten. Die Sonne machte den Aiel nichts aus; nicht einmal den Gai'schain in ihren weißen Gewändern. Sie glitten elegant über den zerklüfteten Boden.

Nach weniger als zwei Meilen kamen die Wagen in Sicht. Es waren eineinhalb Dutzend, die alle in einer Reihe hintereinander fuhren. Bei allen zeigten sich Spuren einer langen, schweren Reise. Überall hatte man Reserveräder festgebunden. Trotz der gelben Staubschicht, die alle überzog, sahen die beiden ersten Wagen aus wie weiß angestrichene Schachteln auf Rädern oder wie kleine Häuser. Sie hatten sogar hinten ein paar Holzstufen, und aus den Dächern ragten Blechschornsteine. Die letzten drei, die von Mauleselgespannen von je zwanzig Tieren gezogen wurden, erschienen ihm lediglich als Riesenfässer. Auch sie waren weiß angestrichen und enthielten bestimmt Wasser. Die anderen Wagen dazwischen hätten auch an den Zwei Flüssen als Händlerwagen herhalten können. Ihre Räder waren hoch und die Speichen dick, und an den Seiten und sogar auf der hohen, runden Plane waren überall klappernde Kochtöpfe und große Netze vollbepackt mit anderen Waren festgezurrt.

Die Fahrer ließen sofort ihre Gespanne anhalten, als sie die Aiel ausmachten. Dann warteten sie auf die sich nähernden Wüstenkrieger. Ein schwergewichtiger Mann in hellgrauem Wams und mit einem dunklen, breitrandigen Hut kletterte hinten aus dem ersten Wagen heraus und beobachtete die Ankömmlinge. Von Zeit zu Zeit nahm er den flachen Hut ab und wischte sich mit einem großen weißen Taschentuch die Stirn ab. Falls er nervös geworden war beim Anblick von vielleicht fünfzehnhundert Aiel, die auf ihn zukamen, konnte ihm Mat keinen Vorwurf machen. Das eigenartigste war jedoch der Gesichtsausdruck der Aiel, die Mat am nächsten waren. Rhuarc, der vor Rands Pferd einhertrabte, blickte finster drein, und mit Heims Miene hätte man Steine zerklopfen können.

»Ich verstehe Euch nicht«, sagte Mat. »Ihr seht aus, als wolltet Ihr jemanden umbringen.« Das würde seiner Hoffnung allerdings ein jähes Ende bereiten. »Ich hatte geglaubt, daß Ihr Aiel drei Arten von Leuten hier hinaus in die Wüste ziehen laßt: Händler, Gaukler und das Fahrende Volk.« »Händler und Gaukler sind uns willkommen«, antwortete Heim kurz angebunden. Falls das ein Willkommen sein sollte, wollte Mat lieber nicht erleben, wenn die Aiel jemanden als unerwünscht betrachteten.