»Ein gutes Angebot«, sagte sie mit dieser melodiösen Stimme. »Ich bin Keille Shaogi und eine fahrende Händlerin.« Sie schnappte sich Kaderes Hut und hielt ihn Mat hin. »Fest, guter Herr, und fast neu obendrein. Ihr werdet so etwas brauchen, um im Dreifachen Land zu überleben. Hier kann ein Mann im Handumdrehen... « Fette Finger schnalzten wie ein Peitschenhieb. »... sterben.« Ihr plötzliches Lachen klang genauso rauchig und angenehm wie ihre Sprechstimme. »Oder eine Frau. Eine Goldmark, habt Ihr gesagt.« Als er zögerte, glitzerten ihre halbverborgenen Augen rabenschwarz. »Ich biete nur selten einem Mann denselben Sonderpreis zweimal an.« Eine eigenartige Frau, um noch das Mindeste zu sagen. Kadere protestierte nicht weiter. Nur verzog er leicht das Gesicht. Falls Keille seine Partnerin war, gab es keinen Zweifel darüber, wer von beiden das Sagen hatte. Und wenn der Hut Mats Kopf vor dem Überkochen bewahrte, dann war er für ihn auch diesen Preis wert. Sie biß in die tairenische Goldmark, die er ihr reichte, und dann ließ sie den Hut los. Erstaunlicherweise paßte er. Und obwohl es unter dem breiten Rand nicht kühler war, warf er doch wenigstens einen willkommenen Schatten. Das Tuch wanderte zurück in seine Tasche.
»Irgend etwas für die anderen?« Der Blick der fetten Frau wanderte über die Aiel, und sie murmelte »Was für ein hübsches Kind« in Richtung Aviendha, wobei die die Zähne bleckte, was wohl ein Lächeln bedeuten sollte. Zu Rand sagte sie mit süßer Stimme: »Und Ihr, guter Herr?« Es war schon ein gewaltiger Kontrast, diese Stimme aus diesem von Fettpolstern umgebenen Mund zu vernehmen, besonders bei dem jetzt angeschlagenen honigsüßen Tonfall. »Etwas, das Euch vor diesem Land der Verzweiflung schützt?« Rand ließ Jeade'en wenden, damit er die Fahrer besser sehen konnte, und er schüttelte den Kopf. Mit der um den Kopf gewickelten Schufa sah er wirklich wie ein Aiel aus.
»Heute abend, Keille«, sagte Kadere. »Wir eröffnen heute abend an einem Ort, den man den Imre-Außenposten nennt.« »Tatsächlich?« Einen Augenblick lang spähte sie hinüber zu der Kolonne der Shaido und noch länger zu den Weisen Frauen und ihrer Begleitung. Mit einemmal wandte sie sich zum Gehen und sagte nur noch nach hinten gewandt zu dem Händler: »Warum haltet Ihr diese guten Herren noch auf? Bewegt Euch, Kadere. Bewegt Euch.« Rand sah ihr nach und schüttelte wieder den Kopf.
Hinten bei ihrem Wagen befand sich ein Gaukler. Mat zwinkerte erst und glaubte, die Hitze habe ihn nun vollends erwischt, aber der Bursche verschwand nicht. Es war ein dunkelhaariger Mann von mittleren Jahren, der den Flickenumhang trug. Er beobachtete aufmerksam die Menschenansammlung, bis Keille ihn vor sich die Treppen zum Wagen hochschob. Kadere sah ihren weißen Wagen mit noch ausdrucksloserer Miene an, als es die Aiel fertigbrachten. Dann stolzierte auch er davon. Wirklich ein seltsamer Haufen.
»Hast du den Gaukler gesehen?« fragte Mat Rand, der abwesend nickte und die Reihe der Wagen so beäugte, als habe er noch nie welche gesehen. Rhuarc und Heim befanden sich bereits auf dem Rückweg zu den anderen Jindo. Die hundert Leibwächter Rands warteten geduldig und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen ihm und allem, was auch nur einer Maus als Schlupfwinkel hätte dienen können. Die Fahrer setzten sich zurecht, aber Rand rührte sich nicht vom Fleck. »Seltsame Leute, diese Händler, findest du nicht auch, Rand? Aber ich schätze, man muß schon einen Knacks haben, wenn man freiwillig in die Wüste geht. Sieh nur uns mal an.« Das ließ Aviendha das Gesicht verziehen, aber Rand schien nichts gehört zu haben. Mat wollte doch nur, daß er etwas sagte. Irgendwas. Dieses Schweigen raubte ihm den letzten Nerv. »Hättest du gedacht, daß es solch eine Ehre sein muß, einen Händlerzug zu begleiten, daß sich Rhuarc und Couladin darum streiten? Verstehst du etwas von diesem ganzen Ji'e'toh?«
»Ihr seid ein Narr«, knurrte Aviendha. »Es hat nichts mit Ji'e'toh zu tun. Couladin versucht, sich als Clanhäuptling aufzuspielen. Rhuarc kann das nicht zulassen, bis — ohne daß — er nach Rhuidean geht. Die Shaido würden jedem Hund den Knochen stehlen, oder wahrscheinlich sowohl den Knochen wie auch den ganzen Hund, aber selbst sie haben es verdient, einen echten Häuptling an der Spitze zu haben. Und Rand al'Thors wegen müssen wir nun tausend von ihnen in unserem Gebiet lagern lassen.« »Seine Augen«, sagte Rand, ohne den Blick von den Wagen zu wenden. »Ein gefährlicher Mann.« Mat runzelte die Stirn. »Wessen Augen? Couladins?« »Kaderes Augen. All das Schwitzen und dann das Erblassen. Und doch hat sich der Ausdruck seiner Augen nie geändert. Du mußt immer die Augen beobachten. Nicht, was er zu sein scheint.« »Sicher, Rand.« Mat rutschte im Sattel umher. Er hob die Zügel, um weiterzureiten. Vielleicht war das Schweigen doch nicht so schlimm gewesen. »Du mußt die Augen beobachten.« Rand verlagerte seine Aufmerksamkeit auf die nächstgelegenen Felsnadeln und Spitzkuppen und drehte seinen Kopf mal in die eine Richtung und mal in die andere. »Das Risiko liegt im Zeitaufwand«, murmelte er. »Die Zeit stellt uns Fallen. Ich muß die ihren meiden, während ich die eigenen aufstelle.« Oben gab es nichts, was Mat besonders auffiel, bis auf verstreute Dornbüsche und hier und da einen verkrüppelten Baum. Aviendha blickte finsterneugierig hoch und dann Rand an. Sie rückte ihren Schal zurecht. »Fallen?« fragte Mat. Licht, laß ihn doch mal irgend etwas antworten, was nicht verrückt klingt! »Wer stellt uns Fallen?« Einen Augenblick lang sah ihn Rand an, als habe er die Frage nicht verstanden. Die Händlerwagen rumpelten mit einer Eskorte von Töchtern des Speers an den Seiten los und bogen auf den Kurs der Jindo ein, die an ihnen vorbeitrabten. Die Shaido trabten ebenfalls zu beiden Seiten weiter. Weitere Töchter des Speers rannten los, um die Vorhut zu bilden. Nur die Aiel um Rand herum standen noch da. Und die Gruppe um die Weisen Frauen zögerte noch und beobachtete sie. Egwene gestikulierte, so daß Mat glaubte, sie wolle herüberkommen und nachsehen, was mit ihnen los sei.
»Du kannst es nicht sehen oder fühlen«, sagte Rand schließlich. Er beugte sich ein wenig zu Mat vor und flüsterte laut, als gebe er nur vor, ein Geheimnis mitzuteilen: »Wir reiten jetzt mit dem Bösen weiter, Mat. Paß auf dich auf.« Er grinste wieder so schief, während er die Wagen an sich vorüberrumpeln ließ.
»Glaubst du, dieser Kadere sei böse?«
»Ein gefährlicher Mann, Mat — das verraten einem immer die Augen — aber wer weiß? Doch warum sollte ich mir Sorgen machen, wo doch Moiraine und die Weisen Frauen über mich wachen? Und Lanfear dürfen wir auch nicht außer acht lassen. Ist jemals ein Mann von so vielen wachsamen Augen überwacht worden?« Plötzlich richtete sich Rand im Sattel auf. »Es hat angefangen«, sagte er leise. »Wünsche uns, daß ich dein Glück habe, Mat. Es hat angefangen und nun gibt es keinen Weg zurück, wohin auch die Klinge trifft.« Er nickte sich selbst zu und ließ seinen Apfelschimmel hinter Rhuarc hertraben. Aviendha blieb an seiner Seite, und die hundert Jindo folgten ihnen.
Mat war froh darüber, daß es weiterging. Das war sicherlich besser, als hier zurückzubleiben. Die Sonne brannte heiß von einem wolkenlosblauen Himmel. Sie mußten noch ein ganzes Stück weit reiten bis zum Sonnenuntergang. Es hatte angefangen? Was meinte er damit, daß es angefangen habe? Es hatte doch in Rhuidean begonnen, oder besser, in Emondsfeld in der Winternacht vor einem Jahr. ›Mit dem Bösen reiten‹ und ›kein Weg zurück‹? Und dann Lanfear? Rand balancierte jetzt tatsächlich auf des Messers Schneide. Da gab es wohl keinen Zweifel. Es mußte einen Weg aus der Wüste hinaus geben, und sie mußten ihn finden, bevor es zu spät war. Von Zeit zu Zeit betrachtete Mat die Wagen der Händler. Bevor es zu spät war. Falls es nicht schon zu spät war.