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Der Imre-Außenposten

Die Sonne stand noch eine Handbreit über dem zerklüfteten Horizont im Westen, als Rhuarc sagte, der Imre-Außenposten, wo er die Nacht verbringen wollte, liege nur etwa eine Meile vor ihnen. »Warum bleiben wir eigentlich schon dort?« fragte Rand. »Es wird noch stundenlang hell bleiben.« Diesmal beantwortete Aviendha seine Frage. Sie schritt auf der anderen Seite von Jeade'en entlang. Ihr Tonfall war genauso verächtlich, wie er es von ihr erwartete: »Es gibt Wasser am Imre-Außenposten. Es ist am besten, ein Lager in der Nähe einer Wasserstelle aufzuschlagen, wenn sich die Möglichkeit bietet.« »Und die Wagen der Händler können auch nicht viel weiter fahren«, fügte Rhuarc hinzu. »Wenn die Schatten länger werden, müssen sie anhalten oder sie riskieren, ihre Räder und die Beine der Maulesel zu brechen. Ich will sie nicht zurücklassen. Ich kann niemanden entbehren, um sie zu überwachen, aber Couladin könnte... « Rand drehte sich im Sattel um. Mittlerweile flankierten Jindo Duadhe Mahdi'in, Wassersucher, die Wagen. Sie rumpelten schwerfällig ein paar hundert Schritt seitlich von ihnen dahin, schaukelten und hinterließen eine lange, gelbe Staubfahne. Die meisten Rinnen in dem zerklüfteten Boden waren zu tief oder hatten zu steile Wände, so daß die Fahrer gezwungen waren, weite Umwege zu machen. So wand sich die Reihe der Wagen dahin wie eine betrunkene Schlange. Laute Flüche erschollen immer wieder von dort her. Meist galten sie den Mauleseln, die an allem schuld sein sollten. Kadere und Keille befanden sich nach wie vor im Inneren ihrer weißgestrichenen Wagen.

»Nein«, sagte Rand. »Das macht Ihr besser nicht.« Er lachte unwillkürlich leise auf.

Mat sah ihn unter dem breiten Rand seines neuen Huts hervor so komisch an. Er lächelte in der Hoffnung, ermutigend zu wirken, aber Mats Miene änderte sich nicht. Er wird auf sich aufpassen müssen, dachte Rand. Es hängt zuviel davon ab. Was das Aufpassen betraf, wurde ihm wieder bewußt, daß Aviendha ihn musterte. Den Schal hatte sie wie eine Schufa um den Kopf gewickelt. Er richtete sich wieder kerzengerade auf. Vielleicht hatte Moiraine ihr befohlen, sie solle sich um ihn kümmern, aber er hatte das Gefühl, sie wolle ihn nur fallen sehen. Das würde sie zweifellos amüsant finden, so wie sich der Humor bei den Aiel gezeigt hatte. Er hätte sich ja gern eingebildet, sie sei lediglich wütend darüber, daß man sie in ein Kleid gesteckt und ihr befohlen hatte, ihn zu überwachen, aber das Glitzern in ihren Augen war einfach zu persönlich für diese Möglichkeit.

Endlich einmal beobachteten Moiraine und die Weisen Frauen ihn nicht. In der Mitte zwischen den Jindo und den Shaido gingen Moiraine und Egwene zu Fuß neben Amys und den anderen her, und alle sechs Frauen betrachteten etwas, das die Aes Sedai in der Hand hielt. Im Schein der untergehenden Sonne funkelte es wie ein Edelstein. Den Frauen schien das genauso zu gefallen wie jedem Mädchen, das etwas Hübsches sieht. Lan ritt hinten bei den Packpferden und den Gai'schain, als hätten sie ihn weggeschickt.

Der Anblick verunsicherte Rand. Er war bereits daran gewöhnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieser Frauen zu stehen. Was interessierte sie denn nun auf einmal noch mehr? Sicher war es nichts, worüber er sich hätte freuen können. Nicht, wenn es um Moiraine ging, und die anderen unterschieden sich nicht sehr von ihr. Sie hatten alle ihre Pläne, was sie mit ihm anfangen wollten. Egwene war noch die einzige bei ihnen, der er vertraute. Licht, hoffentlich kann ich ihr immer noch vertrauen. Eigentlich war er selbst der einzige, dem er wirklich vertraute. Wenn der Keiler aus dem Gebüsch bricht, bist du ganz allein mit ihm und deinem Speer. Diesmal klang sein Lachen ein wenig bitter.

»Findet Ihr das Dreifache Land amüsant, Rand al'Thor?« Aviendhas Zähne blitzten einen Moment im Anflug eines Lächelns auf. »Lacht nur, solange es geht, Feuchtländer. Wenn dieses Land beginnt, Euch zu zerbrechen, wird das eine würdige Strafe dafür, wie Ihr Elayne behandelt habt.« Warum konnte diese Frau nicht endlich damit aufhören? »Ihr habt dem Wiedergeborenen Drachen keinen Respekt erwiesen«, fuhr er sie an, »aber Ihr könntet Euch wenigstens um etwas Respekt dem Car'a'carn gegenüber bemühen.« Rhuarc schmunzelte. »Ein Clanhäuptling ist kein König wie bei den Feuchtländern, Rand. Und der Car'a'carn ist auch keiner. Man erweist ihm schon Respekt, wenn auch die Frauen sich bemühen, das bis zum Letzten herunterzuspielen, aber jeder kann natürlich mit einem Häuptling sprechen.« Trotzdem warf er der Frau auf der anderen Seite von Rands Pferd einen strengen Blick zu. »Einige strapazieren allerdings die Geduld derer, denen Ehre gebührt, ein bißchen zu sehr!« Aviendha wußte offensichtlich, wem die Bemerkung galt, und ihre Miene versteinerte sich. Sie schritt ohne ein weiteres Wort an Rands Seite dahin. Die Hände hatte sie allerdings zu Fäusten geballt.

Zwei der Kundschafterinnen aus den Reihen der Töchter des Speers erschienen. Sie liefen zurück, so schnell sie nur konnten. Offensichtlich gehörten sie nicht zusammen, denn die eine eilte geradewegs zu den Shaido hinüber, während die andere zu den Jindo gehörte. Rand erkannte sie, eine blonde Frau namens Adelin, gutaussehend, doch mit einem harten Gesicht. Eine Narbe zog sich wie ein dünner, weißer Strich über ihre eine sonnengebräunte Wange. Sie war eine von denen, die auch im Stein dabeigewesen waren, obwohl sie älter war als die anderen dort — vielleicht um zehn Jahre älter als er selbst. Der kurze Blick, den sie Aviendha zuwarf, bevor sie sich Rhuarcs Schritt anpaßte, eine Mischung von Neugier und Sympathie, brachte Rand in Rage. Wenn Aviendha eingewilligt hatte, im Auftrag der Weisen Frauen zu spionieren, verdiente sie auch keine Sympathie. Und seine Gesellschaft war ja wohl auch nicht derart widerlich. Ihn selbst ignorierte Adelin vollständig.

»Es gibt Schwierigkeiten am Imre-Außenposten«, sagte sie zu Rhuarc. Sie sprach schnell und ein wenig abgehackt. »Es ist niemand zu sehen. Wir haben uns versteckt und sind nicht näher herangegangen.« »Gut«, antwortete Rhuarc. »Sagt den Weisen Frauen Bescheid.« Unbewußt packte er seine Speere ein wenig kräftiger und ließ sich zu der Hauptgruppe der Jindo zurückfallen. Aviendha knurrte irgend etwas und zupfte an ihrem Rock herum. Ganz klar, daß sie ihm am liebsten gefolgt wäre.

»Ich glaube, sie wissen es bereits«, sagte Mat, als Adelin zur Gruppe der Weisen Frauen hinübereilte.

Unter den Frauen um Moiraine herrschte helle Aufregung, so daß Rand Mat recht geben mußte. Sie schienen alle auf einmal sprechen zu wollen. Egwene hob eine Hand über die Augen und blickte entweder zu Adelin oder zu ihm herüber. Die andere Hand hatte sie auf den Mund gelegt. Woher sie die Neuigkeiten hatten, mußte er später einmal klären.

»Was kann denn da los sein?« fragte er Aviendha. Sie murmelte immer noch etwas in sich hinein und antwortete nicht. »Aviendha? Was kann da los sein?« Nichts. »Seng Euch, Frau, könnt Ihr keine einfache Frage beantworten? Was ist dort los?« Sie errötete, antwortete nun aber mit beherrschter Stimme: »Höchstwahrscheinlich war es ein Überfall, um ihre Ziegen oder Schafe zu stehlen. Beide finden bei Imre eine recht gute Weide, aber wahrscheinlich sind die Ziegen das Ziel gewesen, wegen des Wassers. Vielleicht waren es die Chareen, die Weißberge-Septime, oder auch die Jarra. Sie wohnen am nächsten. Oder es könnte auch eine Septime der Goshien gewesen sein. Die Tomanelle wohnen zu weit weg, denke ich.« »Wird es Auseinandersetzungen geben?« Er griff nach Saidin, und der süße Schwall der Macht erfüllte ihn. Der ranzige Beigeschmack drang in sein Inneres, und neuer Schweiß rann ihm aus allen Poren. »Aviendha?« »Nein. Adelin hätte es berichtet, wenn die Räuber noch dagewesen wären. Die Herde und die Gai'schain dürften sich mittlerweile meilenweit entfernt befinden. Wir können die Herde auch nicht zurückholen, weil wir Euch begleiten müssen.« Er fragte sich, warum sie nichts davon erwähnte, die Gefangenen zu befreien, die Gai'schain, aber der Gedanke verflog schnell. Er mußte sich große Mühe geben, aufrecht sitzen zu bleiben, während er von Saidin erfüllt war, sich nicht zusammenzukrümmen und einfach wegschwemmen zu lassen, und das ließ ihm keine Zeit für unbeantwortete Fragen.