Rhuarc und die Jindo liefen los und verschleierten sich bereits. Rand folgte ihnen etwas langsamer. Aviendha warf ihm ungeduldige Blicke zu, aber er ließ Jeade'en lediglich etwas schneller gehen. Er würde nicht in die Falle eines anderen hineingaloppieren. Wenigstens Mat hatte auch keine Eile. Er zögerte und blickte zu den Händlerwagen hinüber, bevor er Pips richtig in Bewegung setzte. Rand sah die Wagen nicht an.
Die Shaido fielen zurück und verlangsamten ihren Schritt, bis sich die Weisen Frauen wieder in Bewegung setzten. Klar. Das hier war Gebiet der Taardad, und es war Couladin gleich, ob ein Überfall stattgefunden hatte oder nicht. Rand hoffte, daß sie die Clanhäuptlinge möglichst bald in Alcair Dal zusammenbringen würden. Wie konnte er ein Volk einen, dessen Teile sich untereinander pausenlos bekämpften? Doch das war jetzt seine geringste Sorge.
Als endlich der Imre-Außenposten in Sicht kam, stellte er doch eine Überraschung dar. Ein paar weit verstreute Grüppchen von langhaarigen, weißen Ziegen grasten friedlich auf größeren, mit zähem Gras bewachsenen Flächen oder fraßen sogar die Blätter von den Dornbüschen ab. Zuerst entdeckte er das rohe Steingebäude gar nicht, das sich unten an eine hohe Spitzkuppe lehnte. Das grobe Mauerwerk paßte sich farblich der Umgebung hervorragend an, und außerdem hatten mehrere Dornbüsche auf dem mit Erdboden bedeckten Dach Wurzeln geschlagen. Es war nicht sehr groß, hatte Schießscharten anstelle von Fenstern und, soweit er erkennen konnte, nur eine Tür. Einen Augenblick später entdeckte er noch ein zweites Gebäude, auch nicht größer, das auf einem Felsvorsprung zwanzig Schritt über dem anderen stand. Ein tiefer Einschnitt zog sich hinter dem unteren Gebäude bis zu dem Vorsprung hoch. Es war kein anderer Weg erkennbar, der dorthin führte.
Rhuarc stand ganz offen etwa vierhundert Schritt von der Kuppe entfernt da und hatte den Schleier abgenommen. Kein anderer Jindo war sichtbar. Das hieß natürlich nicht, daß die anderen nicht auch da seien. Rand hielt sein Roß neben Rhuarc an und stieg ab. Der Clanhäuptling betrachtete weiter eingehend die Steingebäude.
»Die Ziegen«, sagte Aviendha besorgt. »Bei einem Überfall wären keine Ziegen zurückgeblieben. Die meisten sind weg, aber es macht beinahe den Eindruck, als sei die Herde sich selbst überlassen worden und habe sich zerstreut.« »Das muß schon vor Tagen geschehen sein«, stimmte ihr Rhuarc zu, der den Blick nicht von den Gebäuden wandte, »sonst wären noch mehr da. Warum kommt niemand heraus? Sie sollten von dort aus mein Gesicht sehen und mich erkennen.« Er ging vorwärts und erhob keine Einwände, als Rand sich ihm mit Jeade'en am Zügel anschloß. Aviendha hatte eine Hand am Griff ihres kleinen Messers und Mat, der hinter ihnen herritt, trug seinen Speer mit dem schwarzen Schaft, als erwarte er, ihn gebrauchen zu müssen.
Die Tür war aus schmalen, kurzen und rauhen Brettern zusammengenagelt. Ein paar der dicken Scharniere waren zerbrochen, von Axthieben zerstört. Rhuarc zögerte einen Moment lang und drückte sie dann auf. Er warf nur einen kurzen Blick hinein und betrachtete dann von diesem Standpunkt aus die sie umgebende Landschaft.
Rand steckte den Kopf hinein. Es war niemand da. Das Innere bestand nur aus einem Raum, und der machte nicht den Eindruck eines Wohnraums, sondern nur den einer Unterkunft, die den Hirten Schutz bieten konnte und in dem sie sich im Notfall auch verteidigen konnten. Das Licht fiel in grellen Balken durch die Schießscharten hinein. Es gab keine Möbel, keine Tische und Stühle. Ein etwas erhöhter offener Herd befand sich genau unter einem verrußten Rauchabzugsloch in der Decke. An der Rückwand war der blanke graue Felsen mit diesem breiten Spalt zu sehen, in den man Stufen gehauen hatte. Das Gebäude war geplündert worden. Bettzeug, Decken, Töpfe, alles lag verstreut auf dem Steinboden herum. Die Kissen hatte man aufgeschlitzt. Über alles war irgendeine Flüssigkeit gespritzt worden, deren schwarze Reste überall, auch an den Wänden und sogar an der Decke angetrocknet waren.
Als ihm klar wurde, was das war, zuckte er zurück und hielt das aus der Macht gefertigte Schwert in der Hand, bevor er überhaupt nachdenken konnte. Blut. Soviel Blut.
Hier hatte ein Blutbad stattgefunden, so schlimm, wie er es sich nur vorstellen konnte. Draußen rührte sich nichts außer den Ziegen.
Aviendha ging so schnell wieder hinaus, wie sie eingetreten war. »Wer?« fragte sie ungläubig, und in ihren großen blaugrünen Augen stand Erbitterung. »Wer würde so etwas tun? Wo sind die Toten?« »Trollocs«, brach es aus Mat hervor. »Das sieht meiner Meinung nach aus, als hätten es Trollocs angerichtet.« Sie schnaubte verächtlich. »Trollocs kommen nicht ins Dreifache Land, Feuchtländer. Höchstens unten am Rand der Fäule mal ein paar Meilen weit, und das auch noch sehr selten. Ich habe gehört, daß sie das Dreifache Land als das Land des Todes bezeichnen. Wir jagen die Trollocs, Feuchtländer, und nicht sie uns.« Nichts rührte sich. Rand ließ das Schwert verschwinden und schob Saidin von sich. Es war schwierig. Die Süße der Macht reichte fast aus, um den Ekel vor dem Verderben, das darin lag, zu überwinden; der manische Genuß darin sorgte beinahe dafür, daß ihm alles gleich war. Mat hatte recht, was Aviendha auch dagegen sagen mochte. Aber das hier war alt und die Trollocs waren längst verschwunden. Trollocs in der Wüste an einem Ort, an den er sich begab. Er war kein Narr, der dabei an einen Zufall glaubte. Aber wenn sie mich für einen Narren halten, werden sie vielleicht leichtsinnig.
Rhuarc gab den Jindo ein Zeichen herzukommen. Sie schienen plötzlich aus dem Boden herauszuwachsen. Eine Weile später erschienen auch die anderen, die Shaido, die Wagenkolonne der Händler und die Gruppe mit den Weisen Frauen. Die Kunde, was sie vorgefunden hatten, verbreitete sich schnell, und unter den Aiel wurde die Anspannung beinahe greifbar. Sie bewegten sich, als erwarteten sie jeden Augenblick einen Angriff, vielleicht auch von dem jeweiligen Gegner aus dem eigenen Volk. In jede Richtung schwärmten Kundschafter aus. Die Fahrer der Wagen spannten ihre Maulesel ab und blickten sich unruhig um. Sie schienen bereit, beim ersten Aufschrei mit einem Sprung unter ihre Wagen zu hechten.
Eine Weile wirkte das Ganze wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen. Rhuarc sorgte dafür, daß die Händler ihre Wagen an den Rand des Jindo-Lagers schoben. Couladin war wütend darüber, denn das bedeutete, jeder Shaido, der etwas kaufen wollte, mußte zu den Jindo gehen. Aber er schlug keinen Krach deswegen. Vielleicht sah sogar er ein, daß ein Streit zu diesem Zeitpunkt dazu führen konnte, daß man den Tanz der Speere tanzte. Die Shaido errichteten ihre Zelte eine knappe Viertelmeile entfernt, und wie immer lagerten dazwischen die Weisen Frauen mit ihrer Begleitung. Auch diese untersuchten das Innere des Gebäudes zusammen mit Moiraine und Lan, aber falls sie zu irgendeinem Schluß kamen, sagten sie es niemandem.