Mat verzog das Gesicht und stieß mit dem Kopf gegen eine der Speichen. Es war schon wieder passiert. Er mußte raus aus der Wüste, weg von Moiraine, weg von allen Aes Sedai. Vielleicht sollte er für eine Weile nach Hause gehen.
Möglicherweise konnte er noch rechtzeitig dort sein, um zu helfen, diese Probleme mit den Weißmänteln zu lösen. Ach, die Chancen sind gering, außer ich benutze die verdammten Kurzen Wege oder wieder einen verfluchten Portalstein. Das würde seine Probleme aber sowieso nicht lösen. Beispielsweise konnte er in Emondsfeld keine Antwort darauf finden, was diese Schlangenwesen damit gemeint hatten, daß er die Tochter der Neun Monde heiraten werde, oder mit dem Sterben und wieder Leben. Oder mit Rhuidean.
Durch den Stoff seines Wamses hindurch rieb er das Medaillon mit dem Fuchskopf, das wieder an seinem Hals hing. Die Pupille im Auge des Fuchses war ein winziger Kreis, der durch eine Schlangenlinie geteilt wurde. Die eine Seite glänzte hell, während die andere matt war. Das uralte Abzeichen der Aes Sedai vor der Zerstörung der Welt. Den Speer mit dem schwarzen Schaft, dessen Schwertklingenspitze durch zwei Raben gekennzeichnet war, nahm er nun von dem Platz neben sich, wo er ihn an den Wagen gelehnt hatte, und legte ihn sich über die Knie. Noch ein Werk der Aes Sedai. Rhuidean hatte keine Antworten geliefert, sondern lediglich neue Fragen aufgeworfen, und...
Vor Rhuidean hatte sein Gedächtnis große Lücken aufgewiesen. Wenn er damals versucht hatte, sich an etwas zu erinnern, war es so, als wisse er noch, daß er am Morgen durch eine Tür ging und am Abend wieder herauskam, aber was dazwischen lag, war dunkel geblieben. Jetzt gab es etwas dazwischen, das diese Lücken füllte. Wachträume oder etwas sehr Ähnliches. Es war, als könne er sich an Tanzveranstaltungen, an Kämpfe, an Straßen und Städte erinnern, die er alle niemals wirklich gesehen hatte und von denen er nicht einmal wußte, ob es sie je gegeben hatte. Wie hundert verschiedene Bruchstücke, die von hundert verschiedenen Menschen stammten. Vielleicht war es besser, sie als Träume zu betrachten — ein wenig besser zumindest —, aber er war sich all dieser Szenen genauso sicher, als seien es seine eigenen Erinnerungen. Am häufigsten kamen Kämpfe darin vor, und die schlichen sich gelegentlich in sein Bewußtsein ein, so wie das mit der Armbrust. Er ertappte sich dabei, wie er auf einen Fleck am Boden starrte und dabei plante, hier einen Hinterhalt anzulegen, oder sich gegen einen zur Wehr zu setzen, oder wie er sein Heer zur Schlacht anordnen solle. Es war verrückt.
Ohne hinzusehen, fuhr er die fließende Schrift auf dem schwarzen Speerschaft nach. Er konnte sie mittlerweile so leicht wie ein Buch lesen, auch wenn er den ganzen Marsch zurück zum Chaendaer dazu gebraucht hatte, bis ihm das klargeworden war. Rand hatte nichts gesagt, doch er glaubte, sich ihm gegenüber dort in Rhuidean verraten zu haben. Er sprach jetzt die Alte Sprache, und das kam allein von diesen Träumen her. Licht, was haben sie bloß mit mir angestellt? »Sa souvraya niende misain ye«, sagte er laut. »Ich bin verloren in meinem eigenen Geist.« »Ein Gelehrter, und das in diesen Tagen und diesem Zeitalter!« Mat sah auf und erblickte den Gaukler, der ihn aus dunklen, tiefliegenden Augen anschaute. Der Bursche war überdurchschnittlich groß, ungefähr von mittleren Jahren und wirkte wahrscheinlich auf Frauen anziehend. Nur hielt er den Kopf so eigenartig schief, als wolle er einen immer von der Seite her ganz eindringlich ansehen.
»Nur etwas, das ich mal gehört habe«, sagte Mat. Er mußte einfach vorsichtiger sein. Falls Moiraine sich entschloß, ihn zum Lernen in die Weiße Burg zu schicken, dann würden sie ihn nie wieder rauslassen. »Man hört irgendwelche Gesprächsfetzen und erinnert sich später daran. Ich weiß ein paar solcher Sachen.« Das sollte irgendwelche Ausrutscher einigermaßen decken, die ihm in seiner Dummheit passierten.
»Ich heiße Jasin Natael und bin Gaukler.« Natael schwenkte seinen Umhang nicht so wie Thom. Er hätte genausogut erklären können, daß er ein Zimmermann sei oder ein Wagner. »Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich Euch Gesellschaft leiste?« Mat nickte dem Boden in seiner Nähe zu, und der Gaukler schob sich den Umhang unter das Hinterteil und setzte sich drauf. Er schien fasziniert von dem Gewirr der Jindo und Shaido, die sich um die Wagen drängten. Die meisten trugen sogar noch Speere und Schilde. »Aiel«, murmelte er. »Anders, als ich erwartet hatte. Ich kann es immer noch kaum glauben.« »Ich bin nun schon seit Wochen bei ihnen«, sagte Mat, »und ich kann selbst kaum glauben, wie sie sich so verhalten. Ein eigenartiges Volk. Falls ein paar der Töchter des Speers Euch auffordern, mit ihnen den ›Kuß der Jungfrau‹ zu spielen, dann schlagt es ihnen ab. Höflich. Das rate ich Euch.« Natael zog fragend die Augenbrauen hoch. »Ihr führt ein aufregendes Leben, wie es scheint.« »Was meint Ihr damit?« fragte Mat vorsichtig.
»Ihr haltet es doch sicher nicht für ein Geheimnis? Nicht viele Männer reisen in Gesellschaft einer... einer Aes Sedai. Diese Frau Moiraine Damodred. Und dann noch Rand al'Thor. Der Wiedergeborene Drache. Er, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt. Wer weiß schon, wie viele Weissagungen er noch erfüllen muß? Sicher doch ein ungewöhnlicher Reisegenosse.« Die Aiel hatten natürlich geplaudert. Das würde ja jeder. Aber es war doch ein wenig verwirrend, wenn ein Fremder seelenruhig auf diese Art von Rand sprach. »Er ist schon ganz in Ordnung. Wenn Ihr euch für ihn interessiert, dann sprecht mit ihm. Ich lasse mich nicht so gern daran erinnern.« »Vielleicht werde ich das. Später allerdings. Laßt uns ein wenig über Euch sprechen. Ich habe gehört, Ihr wart in Rhuidean, wo seit dreitausend Jahren niemand außer den Aiel war. Habt Ihr den dort bekommen?« Er faßte nach dem Speer auf Mats Knien, ließ die Hand aber wieder sinken, als Mat sich leicht zurückwich. »Also gut. Erzählt mir, was Ihr gesehen habt.« »Warum?« »Ich bin ein Gaukler, Matrim.« Natael hielt den Kopf wieder auf diese eigenartige Weise schief, und in seiner Stimme schwang der Ärger darüber mit, daß er das erklären mußte. Er hob eine Ecke seines bunten Flickenumhangs hoch, als sei das Beweis genug. »Ihr habt gesehen, was niemand sonst sah außer einer Handvoll Aiel. Welche Geschichten könnte ich erzählen über das, was Eure Augen erblickt haben? Ich werde sogar Euch zum Helden machen, wenn Ihr möchtet.« Mat schnaubte. »Ich will kein verdammter Held sein.« Andererseits gab es keinen Grund zu schweigen. Amys und die anderen sollten ruhig davon quatschen, daß man nicht von Rhuidean berichten durfte, aber er war kein Aiel. Außerdem konnte es nicht schaden, wenn man jemand unter den Händlern hatte, der einem wohlgesonnen war, jemand, der ein gutes Wort einlegen konnte, wenn man es brauchte.
So berichtete er von der Nebelmauer am Anfang bis zu dem Zeitpunkt, wo sie wieder herausgekommen waren, ließ aber ein paar ausgewählte Dinge weg. Er hatte nicht die Absicht, irgend jemand anderem von der Verdrehten Tür zu erzählen, diesem Ter'Angreal, und er hätte am liebsten diese aus dem Staub geformten Kreaturen vergessen, die versucht hatten, ihn zu töten. Diese eigenartige Stadt mit ihren riesigen Gebäuden reichte ja wohl, und natürlich Avendesora.
Den Baum des Lebens überging Natael ziemlich schnell, aber er ließ Mat den Rest immer wieder erzählen, fragte nach immer neuen Einzelheiten, wollte wissen, was für ein Gefühl es gewesen sei, diesen Nebel zu durchschreiten und wie lange er brauchte bis zu dem schattenlosen Lichtschein im Inneren, und Mat mußte ihm jeden einzelnen Gegenstand genau beschreiben, den er auf dem großen Platz im Mittelpunkt der Stadt gesehen hatte. Da zögerte Mat denn doch. Ein Ausrutscher, und er würde plötzlich doch von dem Ter'Angreal sprechen, na, und wer wußte schon, wohin das führte? Aber auch so trank er den letzten Schluck warmes Bier und redete immer noch weiter, bis seine Kehle ausgetrocknet war. Es klang alles eigentlich ziemlich langweilig, wie er es erzählte, als sei er einfach hineingegangen und habe gewartet, bis Rand zurück war, und dann seien sie wieder rausmarschiert. Doch Natael schien bedacht darauf, auch die allerletzte Einzelheit aus ihm herauszuholen. Da erinnerte er Mat an Thom. Manchmal konzentrierte sich auch Thom so sehr auf jemanden, daß es schien, er wolle ihn total leerquetschen. »Ist es das, was du vorhattest?« Mat fuhr unwillkürlich beim Erklingen von Keilles Stimme zusammen, die trotz der sanften Obertöne hart klang. Die Frau regte ihn auf und im Moment sah sie aus, als wolle sie ihn zerreißen und den Gaukler auch noch.