Rand ließ sich von Moiraine behandeln, obwohl er keine äußere Wunde davongetragen hatte. Sie knurrte irgend etwas. Da sie so viele Verwundete versorgen mußte, habe sie keine Zeit und Energie, seine bloße Erschöpfung mit Hilfe der Einen Macht wegzuwaschen.
»Der Angriff galt Euch«, sagte sie dann zu ihm inmitten des Stöhnens der Verwundeten. Die Trollocs schleifte man in die Nacht hinaus, im Notfall mit vorgespannten Packpferden und den Mauleseln der Händler. Die Aiel wollten offensichtlich die Myrddraal liegen lassen, bis sie aufhörten, sich zu bewegen und zu zucken. Sie wollten erst sicher gehen, daß sie wirklich tot waren. Der Wind frischte auf, wie ein Eishauch ohne jede Feuchtigkeit.
»Tatsächlich?« sagte er. Ihre Augen blitzten im Feuerschein auf, bevor sie sich wieder den Verwundeten zuwandte.
Auch Egwene kam zu ihm herüber, aber sie sagte nur in leisem, aber zornigem Flüsterton: »Was du auch machst, um sie wieder aufzuregen — hör auf damit!« Der Blick, den sie an ihm vorbei Aviendha zuwarf, ließ keinen Zweifel daran, wen sie gemeint hatte. Dann ging sie wieder, um Bair und Amys zu helfen. Er hatte keine Gelegenheit, etwas darauf zu sagen. Sie wirkte lächerlich mit diesen beiden Zöpfen und den hineingeflochtenen Bändern. Auch die Aiel schienen das so zu empfinden, denn ein paar von ihnen grinsten offen hinter ihr her.
Stolpernd und frierend suchte er sein Zelt. Er war noch niemals derart müde gewesen. Das Schwert war beinahe nicht erschienen. Er hoffte, daß es nur an seiner Erschöpfung gelegen hatte. Manchmal war überhaupt nichts da, wenn er nach der Wahren Quelle griff, und manchmal bewirkte die Macht nicht das, was er wollte, doch das Schwert war von Anfang an ohne Nachdenken einfach in seiner Hand erschienen. Und ausgerechnet diesmal... Es mußte an der Erschöpfung gelegen haben.
Aviendha bestand darauf, ihm bis zum Zelt zu folgen, und als er am nächsten Morgen erwachte, saß sie mit übergeschlagenen Beinen davor, wenn auch wieder ohne Speer und Schild. Ob sie nun spionierte oder nicht — er war froh über ihren Anblick. Wenigstens wußte er, wo und wer sie war und was sie für ihn empfand.
38
Verborgene Gesichter
Der ›Garten der Silbernen Winde‹ war überhaupt kein Garten, sondern ein riesiges Weinlokal, eigentlich viel zu groß, um es noch als ›Wirtshaus‹ zu bezeichnen. Er lag oben auf einem Hügel mitten auf der Calpene, der westlichsten der drei Halbinseln Tanchicos, gleich unterhalb des Großen Kreises. Ein Teil des Namens zumindest entsprach der Wahrheit und rührte von der Brise her, die ständig auf einer Seite hereinwehte, wo statt einer Wand glänzende, grün gemaserte Marmorsäulen und eine Steinbalustrade standen. Nur im Obergeschoß war hier eine Wand durchgezogen. Goldfarbene, geölte Seidenvorhänge konnten unten vorgezogen werden, falls es gerade regnete. Auf dieser Seite fiel der Hügel steil ab und von den Tischen aus, die an der Balustrade standen, hatte man eine prächtige Aussicht über weiße Kuppeln und Türme und über den großen Hafen hinweg, in dem jetzt noch mehr Schiffe lagen als sonst schon. Tanchico benötigte praktisch alles äußerst dringend, und man konnte gutes Gold verdienen — zumindest solange, bis das Gold und die Zeit aufgebraucht waren.
Selbst in der Zeit vor den Unruhen war der ›Garten der Silbernen Winde‹ das teuerste Weinlokal in der Stadt gewesen. Vergoldete Lampen hingen von einer mit auf goldenen Hochglanz polierten Messingfriesen verzierten Decke. Die Bedienungen, gleich ob männlich oder weiblich, hatte man auf Grund ihrer Schönheit, Grazie und Diskretion ausgewählt. Die Preise waren mittlerweile völlig überhöht. Aber diejenigen, die täglich mit großen Summen Geldes umgingen oder die Macht und Einfluß besaßen oder es sich zumindest einbildeten, kamen immer noch. In mancher Hinsicht gab es weniger als zuvor, mit dem man handeln konnte, in mancher Hinsicht aber auch mehr.
Jeder Tisch war von einer niedrigen Mauer umgeben und wirkte wie eine Insel auf den grünen und goldfarbenen Fußbodenkacheln. Jedes Mäuerchen war wie geklöppelte Spitzen durchbrochen, so daß kein Lauscher sich ungesehen anschleichen konnte, und gerade hoch genug, um den vor flüchtigen Blicken zu verbergen, der sich dort mit jemand anderem getroffen hatte. Trotzdem liefen die Gäste gewöhnlich maskiert umher, besonders in letzter Zeit, und manche hatten Leibwächter neben ihrem Tisch stehen. Selbst diese waren bei besonders vorsichtigen Gästen ebenfalls maskiert, damit man auch sie nicht erkannte und auf den Gast schließen konnte. Kein Wächter führte sichtbare Waffen mit sich. Das gestattete die Besitzerin des ›Gartens der Silbernen Winde‹ nicht, eine schlanke Frau von unbestimmbarem Alter namens Selindrin. Waffen mußte man draußen abgeben. Ihre Vorschrift wurde zumindest nicht offen mißachtet.
Von ihrem üblichen Tisch an der Balustrade aus beobachtete Egeanin die Schiffe im Hafen, besonders die unter vollen Segeln. Sie wünschte sich bei diesem Anblick, wieder an Deck zu stehen und Befehle zu geben. Sie hatte nicht erwartet, daß die Pflicht sie einmal dahin führen würde, wo sie sich nun befand.
Unbewußt rückte sie die Samtmaske zurecht, die die obere Hälfte ihres Gesichts verbarg. Sie kam sich lächerlich vor mit diesem Ding, aber es war doch notwendig, sich den örtlichen Gegebenheiten bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Die Maske — sie war blau und paßte somit zu ihrer hochgeschlossenen Seidenrobe —, die Robe selbst und ihr dunkles, mittlerweile schulterlanges Haar waren auch wirklich alles, was sie an Anpassung fertigbrachte. Es war unnötig, daß sie für eine Bewohnerin Tarabons gehalten wurde, denn Tanchico platzte aus allen Nähten vor Flüchtlingen, und viele davon waren Fremde, die vor den Unruhen geflohen waren. Außerdem hätte sie sowieso keine Tarabonerin darstellen können. Diese Leute waren Tiere; sie hatten keine Disziplin und kannten keine Ordnung.
Bedauernd wandte sie sich vom Hafen ab und wieder ihrem Tischgenossen zu, einem Burschen mit schmalem Gesicht und dem gierigen Lächeln eines Wiesels. Floran Gelbs ausgefranster Kragen paßte nicht in den ›Garten der Silbernen Winde‹, und er wischte sich ständig die Hände am Wams ab. Sie traf sich immer hier mit ihnen, diesen schmierigen kleinen Männern, mit denen sie gezwungenermaßen zusammenarbeiten mußte. Für sie war es eine Belohnung und ein Mittel, um sie dauernd in Spannung zu halten.
»Was habt Ihr für mich, Meister Gelb?« Er wischte sich noch mal die Hände ab und hob einen grobgewebten Jutesack hoch. Er legte ihn auf den Tisch und sah sie erwartungsvoll an. Sie nahm den Sack vom Tisch und hielt ihn neben sich, bevor sie ihn öffnete. Drinnen lag ein aus silbrigem Metall gefertigter Adam,
Halsband und Armband, durch eine raffiniert gearbeitete Leine verbunden. Sie schloß den Sack und stellte ihn auf den Boden. Das war der dritte, den Gelb wieder aufgefunden hatte, mehr als jeder andere.
»Sehr gut, Meister Gelb.« Eine kleine Börse wanderte in seiner Richtung über den Tisch. Gelb ließ sie unter seinem Wams verschwinden, als stecke die Krone der Kaiserin drinnen und nicht nur eine Handvoll Silber. »Habt Ihr sonst noch etwas?« »Diese Frauen. Diejenigen, nach denen ich für Euch suchen soll?« Sie hatte sich an die abgehackte Sprache dieser Leute gewöhnt, aber sie wünschte, er würde sich nicht auf diese Art die Lippen lecken. Sie konnte ihn deshalb genausogut verstehen, aber es sah ekelhaft aus.
Sie hätte ihm beinahe gesagt, sie habe kein Interesse mehr. Aber es war ein Teil des Grundes, aus dem heraus sie sich überhaupt in Tanchico befand und jetzt vielleicht sogar der Hauptgrund. »Was ist mit ihnen?« Die Tatsache, daß sie überhaupt daran gedacht hatte, ihre Pflichten zu vernachlässigen, ließ sie nun härter mit ihm umgehen, als sie vorgehabt hatte, und Gelb zuckte bei ihrem Tonfall prompt zusammen.