Выбрать главу

»Ich... ich glaube, ich habe wieder eine gefunden.« »Seid Ihr sicher? Es hat schon... Fehler gegeben.« Das Wort ›Fehler‹ war viel zu sanft ausgedrückt. Beinahe ein Dutzend Frauen, die den Beschreibungen nur in etwa ähnlich sahen, hatte sie noch als Ärgernisse betrachten können, sobald sie sie gesehen hatte. Aber dann diese Adlige, die von ihren im Krieg niedergebrannten Gütern geflohen war. Gelb hatte die Frau von der Straße weg entführt, weil er glaubte, mehr zu verdienen, wenn er sie ablieferte, als nur zu erzählen, wo er sie angetroffen hatte. Zu seiner Verteidigung mußte man ihm zugestehen, daß Lady Leilwin einer der Frauen, die Egeanin suchte, sehr ähnlich sah, aber sie hatte ihm auch gesagt, daß diese Frauen mit einem Akzent sprächen, den er bestimmt hier noch nicht gehört habe, und sich ganz sicher nicht im taraboner Dialekt verständigten. Egeanin hatte die Frau nicht töten wollen, aber selbst in Tanchico hätte ihr vielleicht jemand ihre Geschichte abgenommen. Leilwin war mitten in der Nacht gefesselt und geknebelt auf eines der Kurierboote gebracht worden. Sie war jung und hübsch, und irgend jemand würde sie vielleicht nützlich finden. Das war besser, als ihr die Kehle durchzuschneiden. Aber Egeanin befand sich nicht in Tanchico, um für den Heimatadel Dienerinnen zu suchen.

»Kein Fehler diesmal, Frau Elidar«, sagte er schnell, und seine Zähne blitzten in einem nervösen Lächeln auf. »Diesmal wirklich nicht. Aber... ich brauche ein wenig Gold. Um sicher zu gehen. Um nahe genug heranzukommen. Vier oder fünf Kronen?« »Ich zahle nur für Ergebnisse«, sagte Egeanin mit entschlossener Stimme zu ihm. »Nach Euren... Fehlern habt Ihr Glück, daß ich Euch überhaupt noch bezahle.« Gelb leckte sich unsicher die Lippen. »Ihr habt gesagt... Damals, zu Anfang, habt Ihr gesagt, Ihr hättet ein paar Münzen übrig für diejenigen, die besondere Arten von Arbeit für Euch verrichten.« Ein Muskel in seiner Wange zuckte. Sein Blick huschte unstet umher, als lausche jemand hinter der durchbrochenen Mauer, die drei Seiten des Tisches umgab. Dann senkte er die Stimme zu einem heiseren Flüstern: »Schürt Ihr die Unruhen hier noch weiter? Ich habe ein Gerücht gehört — von einem Burschen, der Leibdiener bei Lord Brys ist — über die Versammlung und daß sie einen neuen Panarchen wählen wollten. Ich halte das für wahr. Der Mann war betrunken, und als ihm klar wurde, was er gesagt hatte, hätte er sich beinahe in die Hose gemacht. Aber selbst, wenn es nicht stimmt, würde es in Tanchico für neue Unruhen sorgen.« »Glaubt Ihr wirklich, es sei in dieser Stadt noch notwendig, Unruhen durch Geld hintenherum zu schüren?« Tanchico war wie ein überreifer Apfel, den der erste Windstoß vom Baum fallen läßt. Das traf für dieses ganze armselige Land zu. Einen Augenblick lang war sie sogar versucht, sein ›Gerücht‹ zu kaufen. Man nahm von ihr an, sie handle mit allen Gütern und Informationen, über die sie stolperte, und sie hatte tatsächlich einige davon weiterverkauft, um diesen Eindruck zu untermauern. Aber mit Gelb umgehen zu müssen machte sie krank. Und sie fürchtete sich vor ihren eigenen Zweifeln. »Das war dann alles, Meister Gelb. Ihr wißt ja, wie Ihr mit mir Verbindung aufnehmen könnt, falls ihr eine weitere dieser Frauen aufspürt.« Sie berührte dabei den groben Jutesack.

Statt sich zu erheben, blieb er sitzen und blickte sie unverwandt an, als wolle er durch ihre Maske hindurchsehen. »Wo kommt Ihr her, Frau Elidar? So, wie Ihr sprecht, so langgezogen, undeutlich und weich, kann ich Euch nirgends unterbringen. Verzeiht, ich wollte nicht unhöflich sein.« »Das war alles, Meister Gelb.« Vielleicht war es ihr Befehlston, oder die Maske konnte ihren kalten Blick nicht verbergen, jedenfalls sprang Gelb auf, verbeugte sich hastig mehrmals und stammelte Entschuldigungen, während er ungeschickt die kleine Tür in dem Mäuerchen öffnete.

Sie blieb sitzen und gab ihm Zeit, den ›Garten der Silbernen Winde‹ zu verlassen. Draußen würde ihm jemand folgen, um sicherzugehen, daß er nicht auf sie wartete, um sie zu beschatten. Dieses ganze Herumdrücken und die Versteckspielerei ekelte sie an. Sie wünschte sich beinahe, jemand würde ihre Maskerade auffliegen lassen und ehrlich und offen mit ihr kämpfen.

Ein neues Schiff lief unten gerade in den Hafen ein. Es war ein Klipper des Meervolks mit hochaufragenden Masten und ganzen Wolken von Segeln. Sie hatte einmal einen gekaperten Klipper besichtigt, und nun hätte sie beinahe alles darum gegeben, als Kapitän mit einem davon in See zu stechen. Wahrscheinlich bräuchte sie eine Besatzung von Meerleuten, um wirklich alles aus dem Schiff herausholen zu können. Die Atha'an Miere weigerten sich aber stur, die Eide abzulegen. Es wäre nicht so gut, wenn sie die Besatzung kaufen müßte. Aber eine ganze Schiffsbesatzung kaufen! Ihr stieg wohl das viele Gold zu Kopfe, das ihr von Kurierbooten gebracht wurde, um es hier auszugeben.

Sie nahm den Jutesack und wollte aufstehen, setzte sich dann aber schnell wieder hin, als sie sah, wie ein breitschultriger Mann am nächsten Tisch aufstand und ging. Sein dunkles Haar fiel ihm bis auf die Schultern, und ein Bart, der seine Oberlippe frei ließ, rahmte Bayle Domons rundes Gesicht ein. Er war natürlich nicht maskiert. Er hatte ein Dutzend Küstenschiffe, die in Tanchico stationiert waren, und offensichtlich war es ihm gleich, wo man ihn sah. Maskiert. Sie konnte einfach nicht mehr normal denken. Er würde sie mit der Maske nicht erkennen. Trotzdem wartete sie, bis er weg war, und verließ erst dann ihren Tisch. Falls dieser Mann zur Gefahr wurde, würde sie sich um ihn kümmern müssen.

Selindrin nahm das angebotene Gold mit verbindlichem Lächeln entgegen und murmelte etwas von guten Wünschen und möge Egeanin wiederkommen. Die Wirtin des ›Gartens der Silbernen Winde‹ trug ihr Haar zu Dutzenden kleiner Zöpfe geflochten und bevorzugte eng anliegende Kleider aus weißer Seide, beinahe so dünn wie das eines der Mädchen, die hier bedienten, und dazu einen dieser durchsichtigen Schleier, bei deren Anblick Egeanin immer versucht war, die Trägerin zu fragen, welche Tänze sie denn vorführen wolle. Die Shea-Tänzerinnen trugen beinahe identische Schleier und sonst nicht viel mehr. Andererseits, dachte Egeanin, als sie zur Straße ging, hatte die Frau einen scharfen Verstand, sonst könnte sie sich nicht so geschickt in Tanchico durchmanövrieren und ihr Etablissement halten. Sie mußte jedermann freundlich bewirten und sich keine Feinde machen, und das war nicht gerade einfach hier.

Ein typisches Beispiel dafür war der hochgewachsene Mann mit weißem Umhang und grauen Schläfen, mit hartem Gesicht und harten Augen, der an Egeanin vorbeiging und von Selindrin begrüßt wurde. Auf Jaichim Carridins Umhang war vorn ein goldenes Sonnenbanner aufgestickt, und dazu noch vier goldene Knoten mit einem roten Hirtenstab dahinter. Ein Inquisitor der Hand des Lichts und somit hochrangiger Offizier der Kinder des Lichts. Allein schon das Konzept hinter diesen Kindern des Lichts empörte Egeanin. Eine militärische Organisation, die nur sich selbst verantwortlich war. Aber Carridin und seine paar hundert Soldaten hatten in Tanchico eine gewisse Machtposition, wo die meiste Zeit über sowieso eine Autorität völlig fehlte. Die Miliz ließ sich nicht mehr auf den Straßen blicken, und das Heer — soweit es überhaupt noch zum König stand — war zu sehr damit beschäftigt, wenigstens die Festungen in der Umgebung der Stadt zu halten. Egeanin bemerkte, daß Selindrin noch nicht einmal einen Blick auf das Schwert an Carridins Hüfte warf. Der Mann hatte eindeutig eine Machtposition inne.

Sobald sie auf die Straße kam, liefen ihre Träger mit der Sänfte aus dem Gewühl der Diener herbei, die auf ihre Herrschaften warteten. Ihre Leibwächter formierten sich mit ihren Speeren um sie herum. Sie waren ein ziemlich bunter Haufen. Manche trugen Stahlhelme, und drei von ihnen Lederhemden mit aufgenähten Stahlschuppen. Es waren Männer mit groben Gesichtern, vielleicht Deserteure aus dem Heer des Königs, aber sehr wohl bewußt, daß ihre gefüllten Mägen und das Silber, das sie ausgeben konnten, ganz auf ihrer fortgesetzten Sicherheit beruhten. Selbst die Träger hatten feste Messer am Gürtel, und aus ihren Schärpen ragten Knüppel heraus. Keiner, der irgendwie nach Geld roch, wagte sich ohne Wächter aus dem Haus. Und wenn sie es dennoch riskiert hätte, hätte es zuviel Aufmerksamkeit erregt.