Die Leibwächter bahnten ihr mühelos einen Weg durch die Menge. Die Menschenmassen strömten durch die engen Straßen, die sich um die Hügel der Stadt wanden, stauten sich hier und da, ließen aber genug Freiraum für die von Wächtern umgebenen Sänften. Es waren kaum Kutschen zu sehen. Pferde wurden allmählich hier zu Luxusgütern.
Der Ausdruck ›ausgelaugt‹ kam ihr in den Sinn, als sie die sich drängende Menge beobachtete — erschöpft und verängstigt. Erschöpfte Gesichter, abgetragene Kleidung, zu stark glänzende, verängstigte Augen, Hoffnung im Blick, obwohl sie wußten, daß es keine Hoffnung gab. Viele hatten aufgegeben, hockten an Hauswände gelehnt da, kauerten in Eingängen, hielten sich an ihren Frauen, Männern, Kindern fest, nicht nur ausgelaugt, sondern abgerissen und mit ausdruckslosen Gesichtern. Manchmal erwachten sie zu vorübergehender Aktivität, riefen den Passanten etwas zu und bettelten sie um eine Münze, ein Stück Brotrinde oder sonst irgend etwas an.
Egeanin richtete den Blick geradeaus und vertraute zwangsläufig darauf, daß die Leibwächter etwaige Gefahren entdecken würden. Einen Bettler direkt anzusehen hätte bedeutet, daß sich innerhalb von Sekunden zwanzig um ihre Sänfte drängen würden. Eine Münze zu werfen führte dazu, daß sich hundert schreiend und weinend herandrängten. Sie benützte ja bereits einen Teil des Geldes, das ihr die Kurierboote brachten, um eine Suppenküche zu unterhalten, genauso, als sei sie eine vom Blut. Sie schauderte, als sie daran dachte, welche Folgen es für sie haben könnte, wenn man entdeckte, wie sie Dinge tat, die ihrem Rang nicht entsprachen. Da konnte sie gleich ihren Kopf rasieren und eine Brokatrobe anlegen.
Aber all das konnte man wieder richtigstellen, wenn Tanchico einmal gefallen war. Dann würde jeder richtig ernährt und an seinen ihm zustehenden Platz gestellt. Und sie mußte sich nicht mehr mit schönen Kleidern und anderen Dingen abgeben, mit denen sie keine Erfahrung hatte, und konnte auf ihr Schiff zurückkehren. Zumindest Tarabon und vielleicht auch Arad Doman waren soweit, daß sie als Staaten beim geringsten Druck zusammenbrechen würden — wie verkohlte Seide. Warum griff Hochlady Suroth immer noch nicht an? Warum?
Jaichim Carridin saß bequem auf seinem Stuhl, den Umhang über die Armlehnen gelegt, und musterte die Adligen aus Tarabon, die auf den anderen Stühlen in diesem Separee saßen. Sie saßen steif da in ihren goldbestickten Mänteln, die Lippen zusammengekniffen unter kunstvoll gearbeiteten Masken in Form von Habicht-, Löwen- und Leopardenköpfen. Er hatte bestimmt mehr Sorgen als sie, aber äußerlich hielt er sich ganz gelassen. Es war zwei Monate her, da hatte man ihm berichtet, daß man seinen Cousin tot im Schlafzimmer aufgefunden hatte. Man hatte ihm die Haut bei lebendigem Leib abgezogen. Vor drei Monaten war seine jüngste Schwester Dealda bei ihrer Hochzeit von einem Myrddraal entführt worden. Der Haushofmeister der Familie schrieb ihm verzweifelte Briefe über all die Tragödien, die sich in der Familie Carradin abspielten. Zwei Monate. Er hoffte, daß Dealda schnell gestorben war. Man sagte, daß eine Frau in den Händen eines Myrddraal schnell den Verstand verlor. Zwei ganze Monate. Jeder andere als Jaichim Carridin hätte längst Blut geschwitzt.
Jeder Mann hielt einen goldenen Pokal mit Wein in der Hand. Diener waren nicht zu sehen. Selindrin hatte sie persönlich bedient, bevor sie mit der Versicherung gegangen war, daß sie nicht gestört würden. Es befand sich auch sonst niemand mehr in diesem Obergeschoß des ›Gartens der Silbernen Winde‹. Zwei Männer, die mit den Adligen gekommen waren — vermutlich Mitglieder der königlichen Leibgarde —, standen am Fuß der Treppe und ließen niemanden nach oben, so daß sie dort ihre Ruhe hatten.
Carridin schlürfte seinen Wein. Keiner der Taraboner hatte bisher an seinem auch nur genippt. »Also«, sagte er im Plauderton, »König Andric möchte, daß die Kinder des Lichts ihm behilflich sind, in der Stadt wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Wir lassen uns nicht oft in die Angelegenheiten eines Staats verwickeln.« Jedenfalls nicht offiziell. »Ich kann mich nicht erinnern, ein solches Ansuchen schon einmal gehört zu haben. Ich weiß nicht, was der kommandierende Lordhauptmann dazu sagen wird.« Pedron Niall würde sagen, er solle tun, was notwendig sei, und sicherstellen, daß die Taraboner wußten, sie schuldeten den Kindern des Lichts einen Gefallen, für den eines Tages in vollem Maße bezahlt werden mußte.
»Die Zeit reicht nicht aus, um Euch Instruktionen aus Amador zu holen«, sagte ein Mann mit einer schwarzgefleckten Leopardenmaske in eindringlichem Tonfall. Keiner hatte seinen Namen gesagt, aber die brauchte Carridin gar nicht.
»Was wir von Euch verlangen, ist pure Notwendigkeit«, fauchte ein anderer empört, dessen dicker Schnurrbart unter einer Habichtsmaske ihn wie eine etwas eigenartige Eule aussehen ließ. »Ihr müßt wissen, daß wir Euch nicht darum bitten würden, wäre es nicht außerordentlich notwendig. Wir brauchen Einigkeit und nicht noch mehr Streit, der unser Land spaltet. Es gibt so viele Streitpunkte, selbst hier in Tanchico. Alles, was die Uneinigkeit schürt, muß unterdrückt werden, wenn wir auch nur etwas Hoffnung haben wollen, den Frieden im Land wiederherzustellen.« »Der Tod der Panarchin hat alles noch viel komplizierter gemacht«, fügte der erste Bursche hinzu.
Carridin zog fragend eine Augenbraue hoch: »Habt Ihr bereits ermittelt, wer sie tötete?« Seiner eigenen Meinung nach hatte Andric selbst den Befehl dazu gegeben, und zwar im Glauben, die Panarchin bevorzuge einen der Rebellen auf dem Königsthron. Da hatte der König möglicherweise sogar recht, aber nachdem er alles zusammengerufen hatte, was von der Versammlung der Lords erreichbar war — viele befanden sich bei einer der Rebellengruppen draußen auf dem Land —, fand er heraus, daß sie mit bemerkenswerter Sturheit seinen Vorschlag ablehnten. Und hätte auch Lady Amathera gerade nicht mit Andric das Bett geteilt, so wäre doch die Wahl des Königs und der Panarchin die einzige wirkliche Chance der Versammlung geblieben, politischen Einfluß auszuüben, und die wollten sie auf keinen Fall aufgeben. Außerdem waren die Differenzen in bezug auf Amathera offiziell nicht bekannt. Selbst die Versammlung hatte begriffen, daß diese Nachrichten aus dem Königshaus beim Volk Aufstände hervorgerufen hätten.
»Sicher einer von diesen drachenverschworenen Verrückten«, sagte der Mann, der wie eine Eule aussah, und zupfte heftig an seinem Schnurrbart. »Kein wahrer Taraboner würde der Panarchin etwas tun, oder?« Es klang beinahe, als glaube er selbst daran.
»Selbstredend«, sagte Carridin verbindlich. Er nippte wieder an seinem Wein. »Wenn ich den Panarchenpalast für die Thronbesteigung von Lady Amathera sichern soll, muß ich das vom König selbst hören. Sonst könnte es aussehen, als griffen die Kinder des Lichts in Tarabon nach der Macht, obwohl doch alles, was wir wollen, ist, die Spaltung zu beenden und den Frieden unter dem Licht wiederherzustellen. So sagtet Ihr ja.« Ein älterer Leopard mit kantigem Kinn und grauen Strähnen im blonden Haar sagte in kaltem Tonfalclass="underline" »Ich habe gehört, daß Pedron Niall Einigkeit gegen die Drachenverschworenen erreichen will. Einigkeit unter seiner Führung, oder?« »Der kommandierende Lordhauptmann strebt nicht nach Macht und Herrschaft«, erwiderte Carradin genauso eisig. »Die Kinder dienen dem Licht, wie alle Menschen guten Willens.« »Es kann gar keine Frage sein«, warf der erste Leopard ein, »daß Tarabon in irgendeiner Weise Amador untertan ist. Keine Frage!« Zornige Zustimmung erhob sich von beinahe jedem Stuhl.
»Natürlich nicht«, sagte Carridin, als sei ihm dieser Gedankengang völlig fremd. »Wenn Ihr mich um Hilfe bittet, bekommt Ihr sie — unter den von mir genannten Bedingungen. Wenn nicht, nun, es gibt immer Arbeit für die Kinder. Der Dienst im Namen des Lichts endet nie, denn überall wartet der Schatten.« »Ihr werdet Sicherheiten bekommen, die vom König unterzeichnet und gesiegelt wurden«, sagte ein ergrauter Mann mit Löwenmaske. Es waren die ersten Worte, die er gesprochen hatte. Das war natürlich Andric selbst, aber man nahm an, daß Carridin nicht einmal eine Ahnung davon habe. Der König konnte sich nicht mit einem Inquisitor der Hand des Lichts treffen, ohne größtes Aufsehen zu erregen. Genauso konnte er öffentlich kein Weinlokal betreten, nicht einmal den ›Garten der Silbernen Winde‹.