Carridin nickte. »Wenn ich sie in Händen halte, werde ich den Panarchenpalast absichern, und die Kinder des Lichts werden alle... subversiven Elemente unterdrücken, die... die versuchen, die Thronbesteigung zu stören. Das schwöre ich unter dem Licht.« Die Spannung unter den Tarabonern ließ fühlbar nach. Nun kippten sie praktisch ihren Wein in einem Zug herunter, sogar Andric.
Soweit es die Einwohner Tarabons betraf, würden die Kinder des Lichts an dem unvermeidlichen Gemetzel die Schuld tragen und nicht der König oder das Heer von Tarabon. Sobald Amathera gekrönt und mit dem Stab des Baumes versehen war, konnte es geschehen, daß noch ein paar Mitglieder der Versammlung sich den Rebellen anschlossen, aber wenn die anderen zugaben, daß sie diese Frau gar nicht gewählt hatten, würde diese Nachricht in Tanchico ein Feuer entzünden. Was die Berichte derjenigen betraf, die geflüchtet waren — nun, Rebellen erzählten natürlich alle möglichen verräterischen Lügen. Und sowohl König wie auch Panarchin hingen dann an einem Gängelband, das Carridin Pedron Niall übergeben würde, der dann damit machen konnte, was er wollte.
Sicher bedeutete das nicht schrecklich viel, da der König von Tarabon lediglich ein paar hundert Quadratmeilen Fläche rund um Tanchico herum beherrschte, aber das Gebiet konnte ja wieder wachsen. Mit Hilfe der Kinder des Lichts, die dafür bestimmt ein oder zwei Legionen benötigten und nicht nur Carridins fünfhundert Mann, konnte man die Drachenverschworenen vielleicht doch noch zurückschlagen, die verschiedenen Rebellengruppen besiegen und sogar den Krieg mit Arad Doman erfolgreich beenden. Falls eines dieser Länder überhaupt noch wußte, daß es sich mit dem anderen im Krieg befand. Carridin hatte gehört, die Zustände in Arad Doman seien noch chaotischer als die in Tarabon.
In Wirklichkeit war es ihm völlig egal, ob Tarabon zum Herrschaftsbereich der Kinder des Lichts gehörte, oder Tanchico oder überhaupt etwas. Er tat das alles mechanisch, wie er es immer getan hatte, aber es fiel ihm schwer, dabei an etwas anderes zu denken als daran, wann man ihm die Kehle durchschneiden werde. Vielleicht würde er sich sogar eines Tages danach sehnen. Zwei Monate seit dem letzten Bericht.
Er blieb nicht länger, um mit den Tarabonern zu trinken, sondern verabschiedete sich so knapp, wie es nur möglich war. Falls sie sich dadurch beleidigt fühlten, so brauchten sie ihn doch zu nötig, um es sich anmerken zu lassen. Selindrin sah, wie er herunterkam, und als er auf die Straße trat, war da bereits ein Stallbursche, der sein Pferd zum Vordereingang führte. Er warf dem Jungen eine Kupfermünze zu und gab dem Wallach die Sporen, der daraufhin in einen schnellen Trab verfiel. Das zerlumpte Volk in den gewundenen Straßen sprang aus dem Weg, wenn er durchkam, und das war auch gut so. Er war nicht sicher, ob er es überhaupt bemerken würde, wenn er einen davon niedertrampelte. Nicht, daß es einen Verlust bedeutet hätte. Die Stadt war voll von Bettlern. Er konnte kaum einatmen, ohne den Gestank nach altem, saurem Schweiß und Schmutz zu riechen. Tamrin sollte sie zusammentreiben und hinauswerfen. Sollten doch die Rebellen auf dem Land mit ihnen fertigwerden.
Immer wieder beschäftigte ihn das Land draußen, aber nicht die Rebellen. Mit denen wurde man schnell genug fertig, wenn man das Gerücht verbreitete, dieser oder jener sei ein Schattenfreund. Und sobald er es geschafft hatte, daß ein paar davon der Hand des Lichts übergeben wurden, würden sie öffentlich erklären und gestehen, wie sie dem Dunklen König gedient und selbst Kinder aufgegessen hätten. Sie würden überhaupt alles gestehen, was man ihnen sagte. Danach würden sich die Aufständischen kaum noch halten können, und die paar, die immer noch zu kämpfen versuchten, stünden plötzlich allein da. Aber diese Drachenverschworenen, die Männer und Frauen, die sich als Anhänger des Wiedergeborenen Drachen zu erkennen gegeben hatten, konnte man nicht einfach dadurch wegfegen, daß man sie zu Schattenfreunden erklärte. Die meisten Leute hielten sie sowieso dafür, weil sie sich einem Mann verschworen hatten, der die Macht benutzen konnte.
Das eigentliche Problem war der Mann, dem sie Treue geschworen hatten. Man kannte noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Rand al'Thor? Wo befand er sich? Da draußen gab es hundert Banden von Drachenverschworenen. Mindestens zwei davon waren groß genug, um Heere genannt zu werden. Sie kämpften gegen das Heer des Königs, soweit es überhaupt noch Andric gehorchte, und gleichzeitig kämpfte es gegen die Rebellen, die wiederum untereinander ganz fleißig kämpften und natürlich gegen die Drachenverschworenen und den König... Doch Carridin hatte keine Ahnung, bei welcher dieser Banden sich Rand al'Thor aufhielt. Er konnte sich sowohl auf der Ebene von Almoth befinden wie auch in Arad Doman, wo die Lage sowieso die gleiche war. Sollte das der Fall sein, war Jaichim Carridin vermutlich bereits ein toter Mann.
In dem Schloß auf der Verana, das er als Hauptquartier für die Kinder des Lichts requiriert hatte, warf er die Zügel einem der weißgekleideten Wächter zu und stolzierte hinein, ohne ihren Gruß zu erwidern. Der Eigentümer dieser Ansammlung heller Kuppeln und zierlicher Türmchen und schattiger Gärten hatte seinen Anspruch auf den Thron des Lichts verkündet, und niemand beklagte sich nun über ihre Besetzung. Am wenigsten beklagte sich der Eigentümer. Was von seinem Kopf übriggeblieben war, steckte immer noch auf einem Spieß über der Treppe der Verräter auf der Maseta.
Diesmal verschwendete Carridin kaum einen Blick an die feingewebten Taraboner Teppiche oder die mit Gold und Silber verzierten Möbel oder die Innenhöfe mit ihren Brunnen, deren plätschernde Wasser allein durch ihr Geräusch schon kühlten. Die breiten Gänge mit ihren goldenen Lampen und den hohen, mit Goldfriesen verzierten Decken interessierten ihn überhaupt nicht. Dieser Palast hielt mit den schönsten in Amadicia mit und vielleicht auch mit den größten, doch er hatte im Augenblick nur den starken Branntwein im Kopf, der in dem Zimmer stand, das er als Arbeitszimmer erwählt hatte.
Er war schon halbwegs über den kostbaren blau- und rot- und goldgemusterten Teppich geschritten, den Blick auf das geschnitzte Schränkchen gerichtet, in dem die silberne Karaffe mit dem extrastarken Branntwein stand, da wurde ihm bewußt, daß er nicht allein war. Eine Frau in einem enganliegenden hellroten Kleid stand an einem der schmalen, hohen Fenster und blickte auf den Garten mit seinen vielen schattenspendenden Bäumen hinab. Ihr honigfarbenes Haar fiel, zu vielen Zöpfen geflochten, auf ihre Schultern herunter. Ein Nichts von Schleier verbarg kaum ihr Gesicht. Jung und hübsch war sie, hatte einen Rosenknospenmund und große, braune Augen. Sie war keine Dienerin — bei dem Kleid, das sie trug.
»Wer seid Ihr?« fragte er ärgerlich. »Wie seid Ihr hier hereingekommen? Geht sofort wieder, oder ich lasse Euch hinauswerfen!« »Drohungen, Bors? Ihr solltet einen Gast willkommen heißen, oder?« Der Name erschütterte ihn bis ins Innerste. Ohne nachzudenken, riß er sein Schwert heraus und hieb nach ihrem Hals. Die Luft verwandelte sich in eine wabbelnde, klebrige Masse und packte ihn, zwang ihn auf die Knie, schloß ihn vom Hals bis an die Füße ein. Sie schloß sich besonders hart um das Handgelenk seines Schwertarms, bis die Knochen beinahe nachgaben. Seine Hand sprang auf und das Schwert polterte zu Boden. Die Macht. Sie band ihn mit Hilfe der Einen Macht. Eine Hexe aus Tar Valon. Und da sie diesen Namen kannte...