Es mußte einen Ausweg geben, aber wohin er auch blickte, standen überall nur neue Fallen.
Liandrin huschte wie ein Geist durch die Säle und mied ohne Schwierigkeiten Diener ebenso wie Weißmäntel. Als sie aus einer kleinen Hintertür auf eine enge Gasse hinter dem Palast trat, sah der hochgewachsene junge Wächter dort sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Unsicherheit im Blick an. Bei Carridin hatte sie nicht einmal den kleinen Trick anwenden müssen, jemanden für ihre Suggestionen aufnahmebereit zu machen, indem sie nur ein ganz klein wenig von der Macht benützte. Aber bei diesem Narren hier hatte es bewirkt, ihn davon zu überzeugen, daß er sie einlassen mußte. Lächelnd winkte sie ihm, näher zu kommen. Der schlaksige Tor grinste, als erwarte er einen Kuß. Das Grinsen erfror ihm jedoch auf dem Gesicht, als ihr schmaler Dolch direkt durch sein Auge gestoßen wurde.
Sie sprang gelenkig zurück, als er wie ein Sack voll Fleisch, aber ohne Knochen zusammensackte. Jetzt konnte er nichts mehr über sie ausplaudern, nicht mal durch einen Zufall. Und nicht einmal ein einziger Tropfen Blut beschmutzte ihre Hand. Sie wünschte sich Chesmals Geschick, mit Hilfe der Macht zu töten, oder auch nur Riannas geringer einzuschätzendes Talent. Seltsam, daß die Fähigkeit, durch die Macht zu töten, ein Herz einfach anzuhalten oder das Blut in den Venen zum Kochen zu bringen, so eng mit der Fähigkeit zu heilen verbunden war.
Sie selbst konnte kaum mehr heilen als ein paar Kratzer oder Prellungen und hatte auch gar kein Interesse daran.
Ihre Sänfte, rot lackiert und mit Elfenbein und Gold verziert, wartete am Ende der Gasse, und mit ihr warteten ihre Leibwächter, ein Dutzend kräftige Männer mit Gesichtern wie verhungernde Wölfe. Einmal im Gewühl der Straße angekommen, bahnten sie ihr problemlos einen Weg durch die Menge mit Hilfe ihrer Speere, mit denen sie jedem einen kurzen Schlag versetzten, der nicht schnell genug aus dem Weg sprang. Sie waren alle dem Großen Herrn der Dunkelheit verschworen — selbstverständlich —, und obwohl sie nicht wußten, wer sie wirklich war, wußten sie, daß andere Männer verschwunden waren, die ihr nicht so gut gedient hatten.
Das Haus, das sie und die anderen bewohnten, zwei ausgedehnte Stockwerke hoch, mit flachem Dach und weiß getüncht, am Abhang eines Hügels eingangs der Verana, der östlichsten Halbinsel Tanchicos gelegen, gehörte einem Kaufmann, der ebenfalls seine Eide auf den Großen Herrn abgelegt hatte. Liandrin hätte ja lieber ein Schloß gehabt. Vielleicht würde ihr eines Tages der Königspalast auf der Maseta gehören. Wo sie aufgewachsen war, hatte sie immer neidvoll die Schlösser der Lords angesehen, aber warum sollte sie sich jetzt mit so einem begnügen? Doch trotz ihrer Vorliebe war es nur vernünftig, noch eine Weile versteckt auszuharren. Es war wohl unmöglich, daß die Närrinnen in Tar Valon auch nur auf die Idee kommen konnten, daß sie sich in Tarabon aufhielten, aber die Burg suchte gewiß noch nach ihnen, und Siuan Sanches Lieblinge konnten ja überall herumschnüffeln.
Ein Tor führte in einen kleinen Hof, der unten von fensterlosen Mauern umgeben war. Nur im Obergeschoß gab es Fenster. Sie verließ die Wächter und Träger dort und eilte hinein. Der Kaufmann hatte ihnen ein paar Dienerinnen zur Verfügung gestellt, wie er ihnen versicherte, alle im Dienst des Großen Herrn, aber es waren kaum genug für elf Frauen, die sich noch dazu kaum jemals nach draußen begaben. Eine der Dienerinnen, eine auf ihre stämmige Art gutaussehende Frau mit dunklen Zöpfen namens Gyldin, fegte gerade die roten und weißen Bodenplatten in der Eingangshalle, als Liandrin eintrat.
»Wo sind die anderen?« wollte sie wissen.
»Im vorderen Ruheraum.« Gyldin zeigte auf die große Doppeltür zur Rechten, als wisse Liandrin nicht, wo sich dieser Raum befand.
Liandrin verzog den Mund. Die Frau knickste nicht einmal und gebrauchte keine Titel und ähnliches. Sicher, sie wußte nicht, wer Liandrin wirklich war, aber Gyldin wußte auf jeden Fall, daß sie hoch genug gestellt war, um Befehle zu geben, denen man gehorchen mußte, und um den fetten Kaufmann mitsamt seiner Familie unter vielen Verbeugungen und Kratzfüßen wegzuschicken in irgendeinen Schuppen, den sie inzwischen bewohnen konnten. »Man erwartet von dir, daß du hier putzt, oder? Und nicht herumstehst? Also, dann putz gefälligst! Überall liegt hier Staub. Wenn ich heute abend auch nur noch ein Staubkorn entdecke, dumme Kuh, dann werde ich dich prügeln lassen!« Sie biß die Zähne zusammen. Sie hatte die Manieren der Adligen und Reichen mittlerweile schon so lange nachgeahmt, daß sie manchmal ihren Vater vergaß, der Obst vom Karren weg verkauft hatte. Aber in diesem einen Augenblick voller Zorn hatte sie sich vergessen und einen Ausdruck aus der Gassensprache verwendet. Zuviel Streß. Zu viel Warterei. Mit einem letzten harten »Arbeite!« trat sie in den Ruheraum und knallte die Tür zu.
Nicht alle der anderen befanden sich darin, und das regte sie noch mehr auf, aber es waren genug. Eldrith Jhondar mit dem runden Gesicht saß an einem mit Lapislazuli eingelegten Tischchen unter einem Behang an einer ansonsten weiß getünchten Wand und machte sich sorgfältig Notizen aus einem zerfledderten Manuskript. Manchmal wischte sie geistesabwesend die Spitze ihrer Feder am Ärmel ihres dunklen Wollkleides ab. Marillin Gemalphin saß neben einem der schmalen Fenster und blickte mit ihren blauen Augen verträumt hinunter auf den winzigen Brunnen, aus dem in einem kleinen Innenhof das Wasser plätscherte. Sie kraulte gelangweilt eine magere gelbe Katze hinter den Ohren und schien die Haare nicht zu bemerken, die das Tier auf ihrem grünen Seidenkleid hinterließ. Sie und Eldrith waren beide Braune Schwestern, aber falls Marillin jemals herausfand, daß Eldrith der Grund war, warum die streunenden Katzen ständig verschwanden, die sie von der Straße aufgelesen hatte, dann würde es Zunder geben.
Sie waren Braune gewesen. Manchmal war es schwierig, nicht zu vergessen, daß sie keine mehr waren, oder daß sie selbst keine Rote mehr war. So vieles von dem, was sie vorher eindeutig als Mitglieder ihrer alten Ajahs geprägt hatte, war auch jetzt noch zu spüren, obwohl sie sich ganz offen den Schwarzen verschworen hatten. Da waren zum Beispiel die beiden ehemaligen Grünen. Jeaine Caide mit dem Schwanenhals trug auf ihrer kupferfarbenen Haut die dünnsten, am engsten anliegenden Seidenkleider, die sie hatte auftreiben können — heute trug sie ein weißes —, und meinte lachend, sie müsse damit auskommen, denn in Tarabon gebe es nichts, was einen Mann aufmerksam machen könne. Jeaine kam aus Arad Doman, und die Domanifrauen waren berüchtigt für ihre skandalöse Kleidung. Asne Zeramene mit ihren dunklen Augen und der auffallenden Nase wirkte dagegen züchtig in ihrem hellgrauen, einfach geschnittenen und hochgeschlossenen Kleid, aber Liandrin hatte oft genug gehört, wie sie ihren Behütern nachtrauerte, die sie zurückgelassen hatte. Und was Rianna Andomeran betraf... Schwarzes Haar mit einer auffälligen weißen Strähne über dem linken Ohr umrahmte ein Gesicht, dessen kaltes, arrogantes Selbstbewußtsein nur bei einer Weißen so ausgeprägt zu finden war.
»Es ist geschafft«, verkündete Liandrin nun. »Jaichim Carridin wird seine Weißmäntel zum Panarchenpalast verlegen und ihn für uns besetzen. Er weiß natürlich noch nicht, daß er... Gäste haben wird.« Ein paar verzogen das Gesicht. Der Wechsel der Ajahs hatte die Gefühle Männern gegenüber nicht geändert, die Frauen haßten, weil sie die Macht benutzen konnten. »Es gibt da noch eine interessante Tatsache. Er glaubte, ich sei gekommen, um ihn zu töten, da er es nicht geschafft hatte, Rand al'Thor umzubringen.« »Das ergibt aber keinen Sinn«, sagte Asne mit gerunzelter Stirn. »Wir sollen ihn binden, überwachen, aber ihn nicht töten.« Sie lachte plötzlich weich und leise auf und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. »Falls es möglich ist, ihn zu überwachen, hätte ich nichts dagegen, ihn an mich zu binden. Ich habe nicht viel von ihm gesehen, aber er scheint ein gutaussehender junger Mann zu sein.« Liandrin schnaubte. Sie konnte Männer grundsätzlich nicht leiden.