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Rianna schüttelte besorgt den Kopf. »Es ergibt schon einen Sinn, auch wenn mich der nicht gerade beruhigt. Unsere Befehle waren ganz eindeutig, aber genauso klar ist ja wohl, daß Carridin seine eigenen Befehle bekommen hat. Ich kann nur glauben, daß unter den Verlorenen Uneinigkeit herrscht.« »Die Verlorenen«, murmelte Jeaine und faltete die Arme. Unter der dünnen weißen Seide zeichneten sich ihre Brüste so noch deutlicher ab. »Was taugen schon Versprechen, daß wir die Welt regieren werden, wenn der Große Herr zurückkehrt, und zuerst werden wir zwischen den sich streitenden Verlorenen aufgerieben? Glaubt eine von Euch, wir könnten auch nur einem davon entgegentreten?« »Baalsfeuer.« Asne sah sich um und ihre dunklen, schrägstehenden Augen blickten die anderen herausfordernd an. »Baalsfeuer vernichtet sogar einen der Verlorenen. Und wir haben die Mittel, es hervorzubringen.« Einer der Ter'Angreal, die sie aus der Burg mitgenommen hatten, eine etwa einen Schritt lange schwarze Hohlröhre, diente genau diesem Zweck. Keine von ihnen wußte, warum ihnen aufgetragen worden war, sie mitzunehmen, nicht einmal Liandrin selbst. Das war das gleiche wie bei vielen Ter'Angreal, die sie auf Befehl mitgenommen hatten. Der Befehl war nicht begründet worden, aber es gab eben Aufträge, denen man einfach nachkommen mußte. Liandrin bedauerte, daß sie statt dessen keinen einzigen Angreal mitnehmen durften.

Jeaine schnaubte hörbar. »Falls eine von uns das unter Kontrolle halten könnte. Oder habt Ihr vergessen, daß ich bei der einen einzigen Probe fast getötet worden wäre? Und wie es sich durch beide Seiten des Schiffes hindurchbrannte, bevor ich es verhindern konnte? Es hätte uns ganz gewiß genützt, wenn wir vor der Ankunft in Tanchico ertrunken wären.« »Wozu brauchen wir denn schon das Baalsfeuer?« fragte Liandrin. »Wenn wir den Wiedergeborenen Drachen am Gängelband haben, dann sollen die Verlorenen mal sehen, wo sie bleiben.« Plötzlich wurde ihr bewußt, daß noch jemand anders sich im Raum befand: die Frau Gyldin, die gerade einen geschnitzten Stuhl mit niedriger Lehne in einer Ecke des Raums abwischte. »Was tust du hier, Frau?« »Saubermachen.« Die Frau mit den dunklen Zöpfen richtete sich unbeeindruckt auf. »Ihr habt mir aufgetragen, sauberzumachen.« Liandrin hätte beinahe mit der Macht zugeschlagen. Beinahe. Aber Gyldin wußte mit Sicherheit nicht, daß sie Aes Sedai waren. Wieviel hatte die Frau gehört? Nichts Wichtiges wohl. »Du wirst zum Koch gehen«, sagte sie von kalter Wut erfüllt, »und ihm sagen, er solle dich mit dem Riemen prügeln. Hart! Und du wirst nichts zu essen bekommen, bis aller Staub weg ist!« Schon wieder. Wieder hatte dieses Weib es fertiggebracht, daß sie sich wie eine gewöhnliche Frau verhielt.

Marillin stand auf, hob die Katze empor und stupste ihre Nase gegen die des Tieres. Dann reichte sie es Gyldin. »Seht zu, daß er eine Schale Sahne bekommt, wenn der Koch mit Euch fertig ist. Und etwas von diesem guten Lammbraten. Schneidet das Fleisch für ihn in kleine Häppchen; er hat nicht mehr viele Zähne, der arme Kerl.« Gyldin sah sie mit großen Augen an und so fügte sie hinzu: »Gibt es etwas, das Ihr nicht versteht?« »Ich verstehe schon.« Gyldins Mund war eine straffe Linie. Vielleicht verstand sie es nun endlich, daß sie nämlich eine Dienerin war und ihnen nicht gleichgestellt.

Liandrin wartete noch einen Moment, nachdem sie mit der Katze im Arm gegangen war, und dann riß sie plötzlich den einen Türflügel auf. Doch die Eingangshalle war leer. Gyldin lauschte nicht. Sie traute dieser Frau einfach nicht. Allerdings kannte sie überhaupt niemanden, dem sie traute. »Wir müssen uns mit unseren eigenen Problemen beschäftigen«, sagte sie nervös und schloß die Tür. »Eldrith, habt Ihr in diesen Papieren neue Hinweise gefunden?

Eldrith?« Die mollige Frau fuhr zusammen und blickte sich blinzelnd um. Es war das erste Mal, daß sie den Blick von dem zerfledderten, alten Manuskript hob. Sie schien überrascht, daß Liandrin anwesend war. »Was? Hinweise? O nein. Es ist schon schwierig genug, in die Bibliothek des Königs hineinzukommen. Falls ich nur eine Seite entnehme, merken die Bibliothekare es sofort. Aber wenn ich sie beseitige, finde ich überhaupt nichts mehr. Der Ort ist ein Labyrinth. Nein, das hier habe ich bei einem Buchhändler in der Nähe des Königspalastes gefunden. Es ist eine interessante Abhandlung über... « Liandrin griff nach Saidar und verstreute die Blätter über den ganzen Fußboden. »Laß sie verbrennen, außer es ist eine Abhandlung darüber, wie man Rand al'Thor in die Hand bekommt! Was habt Ihr über das erfahren, was wir herausfinden müssen?« Eldrith betrachtete blinzelnd die verstreuten Blätter.

»Also, es befindet sich im Panarchenpalast.« »Das habt Ihr vor zwei Tagen erfahren.« »Und es muß sich um einen Ter'Angreal handeln. Um jemanden zu lenken, der die Macht benützen kann, braucht man selbst die Macht, und da dieser Zweck hochspezialisiert ist, muß man einen Ter'Angreal haben. Wir werden ihn im Ausstellungssaal finden oder vielleicht in der Sammlung der Panarchen.« »Etwas Neues, Eldrith.« Mit Mühe beherrschte Laindrin sich, damit ihre Stimme nicht so schrill klang. »Habt Ihr etwas Neues herausgefunden? Irgend etwas?« Die Frau mit dem runden Gesicht blinkerte unsicher. »Tatsächlich... Nein.« »Es spielt keine Rolle«, sagte Marillin. »In ein paar Tagen, wenn sie endlich ihre kostbare neue Panarchin ins Amt eingeführt haben, können wir mit Suchen anfangen. Und wenn wir jeden Kerzenhalter untersuchen müssen: Wir werden es finden. Wir stehen an der Schwelle, Liandrin. Wir werden Rand al'Thor an die Leine legen und ihm beibringen, Männchen zu machen.« »O ja«, sagte Eldrith mit glückseligem Lächeln. »An die Leine.« Liandrin hoffte, es werde tatsächlich so kommen. Sie hatte genug vom Warten und von diesem Versteckspiel. Sollte die Welt sie doch endlich kennenlernen. Die Menschen sollten die Knie vor ihr beugen, wie es ihr versprochen worden war, als sie statt der alten Eide die neuen wählte.

Egeanin wußte, daß sie nicht allein war, sobald sie durch die Küchentür in ihr kleines Haus trat. Sie ließ ihre Maske und den Jutesack achtlos auf den Tisch fallen und ging hinüber zu dem gemauerten Kamin, neben dem ein Eimer Wasser stand. Als sie sich bückte, um den kupfernen Schöpflöffel zu nehmen, schoß ihre rechte Hand in eine kleine Öffnung hinter dem Eimer, wo sie zwei Backsteine herausgenommen hatte. Sie richtete sich blitzschnell auf und hielt eine kleine Armbrust in der Hand. Sie war wohl nicht mehr als einen Fuß lang und hatte weder viel Durchschlagskraft noch eine große Reichweite, aber sie hatte sie immer an diesem Ort bereits gespannt liegen, und der dunkle Fleck von einer Flüssigkeit an der Spitze des Stahlbolzens würde jeden innerhalb eines Herzschlags töten.

Falls der Mann, der entspannt in der Ecke an die Wand gelehnt dastand, die Armbrust sah, war zumindest kein äußeres Anzeichen dafür sichtbar. Er hatte blondes Haar und blaue Augen, war von mittleren Jahren und sah gut aus, wenn er auch für ihren Geschmack etwas zu schlank war. Ganz klar, daß er sie durch das mit einem Eisengitter versehene Fenster neben ihm beobachtet hatte, wie sie über den kleinen Hof schritt. »Glaubt Ihr, daß ich Euch bedrohe?« fragte er nach einem Augenblick des Wartens.

Sie bemerkte, daß er den vertrauten Dialekt ihrer Heimat sprach, senkte aber die Armbrust nicht. »Wer seid Ihr?« Statt einer Antwort griff er vorsichtig und langsam mit zwei Fingern in seine Gürteltasche und holte etwas Kleines und Flaches heraus. Sie bedeutete ihm, den Gegenstand auf den Tisch zu legen und sich wieder zur Wand zurückzubegeben.