Erst als er wieder in seiner Ecke stand, ging sie zum Tisch vor, um zu nehmen, was er dort hingelegt hatte. Sie wandte den Blick nicht von ihm, und die Armbrust zeigte weiter auf seine Brust. So hob sie den Gegenstand auf und hielt ihn in ihr Sichtfeld. Es war eine kleine Elfenbeinplakette mit Goldrand, auf die ein Rabe und ein Turm eingraviert waren. Die Augen des Raben waren kleine schwarze Saphire. Ein Rabe, das Symbol der Kaiserfamilie, und der Turm der Raben, das Symbol der kaiserlichen Rechtsprechung.
»Normalerweise würde das ausreichen«, sagte sie zu ihm, »doch wir sind weit weg von Seanchan in einem Land, wo das Fremdartige beinahe schon alltäglich ist. Könnt Ihr mir noch weitere Beweise vorzeigen?« Er lächelte amüsiert, zog seinen Mantel aus, band sein Hemd auf und entfernte auch das. Auf jeder Schulter waren der Rabe und der Turm eintätowiert.
Die meisten der Wahrheitssucher benützten sowohl den Raben wie auch den Turm, aber nicht einmal jemand, der es gewagt hatte, einem von ihnen die Plakette zu stehlen, würde sich selbst auf diese Art zeichnen. Wenn man den Raben trug, war man Eigentum der kaiserlichen Familie. Es gab da eine alte Geschichte über einen idiotischen jungen Lord und seine Lady, die sich im betrunkenen Zustand so tätowieren ließen. Das mußte ungefähr dreihundert Jahre her gewesen sein. Als die Kaiserin davon erfuhr, ließ sie die beiden zum Hof der Neun Monde bringen und von da ab nur noch Fußböden schrubben. Dieser Bursche hier konnte vielleicht einer ihrer Nachkommen sein. Das Zeichen des Raben trug man ein ganzes Leben lang.
»Verzeiht mir, Sucher«, sagte sie und legte die Armbrust weg. »Warum seid Ihr hier?« Sie fragte ihn nicht nach seinem Namen — er könnte so oder so falsch sein.
Er überließ ihr noch die Plakette und zog sich in aller Ruhe wieder an. Damit wollte er sie gewiß an ihre unterschiedlichen Positionen erinnern. Sie war wohl Kapitän und er Eigentum, aber er war eben auch einer der Sucher und konnte sie ganz legal auf eigene Verantwortung verhören. Er hätte tatsächlich das Recht gehabt, sie wegzuschicken, um das Seil zu kaufen, mit dem er sie für das Verhör fesseln würde. Und — er konnte erwarten, daß sie tatsächlich mit dem Seil wiederkam. Flucht vor einem Sucher galt als Verbrechen. Sich zu weigern, mit einem der Sucher zusammenzuarbeiten, war ebenfalls ein Verbrechen. Sie hatte noch nie in ihrem ganzen Leben ein Verbrechen geplant, genausowenig wie Verrat am Kristallthron. Doch falls er die falschen Fragen stellte, die falschen Antworten forderte... Die Armbrust lag ja immer noch in ihrer Nähe, und Cantorin war weit weg. Wilde Gedanken. Gefährliche Gedanken.
»Ich diene der Hochlady Suroth und der Corenne für die Kaiserin«, sagte er. »Ich überprüfe die Fortschritte der Agenten, die von der Hochlady in diese Regionen gesandt wurden.« Überprüfen? Was mußte da überprüft werden und noch dazu von einem der Sucher? »Ich habe von den Kurierbooten nichts darüber erfahren.« Sein Lächeln vertiefte sich, und sie errötete. Natürlich würde die Besatzung nicht über einen Sucher sprechen. Doch er beantwortete ihre Frage, während er sich das Hemd zuband.
»Ich darf bei meinen Reisen die Kurierboote nicht benützen — das Risiko für sie wäre zu groß. Ich fahre statt dessen auf den Schiffen eines der hier ansässigen Schmuggler mit. Das ist ein Mann namens Bayle Domon. Seine Schiffe legen überall in Tarabon und Arad Doman und dazwischen an.« »Ich habe von ihm gehört«, sagte sie gelassen. »Alles geht gut?« »Jetzt schon. Ich bin froh, daß wenigstens Ihr Eure Anweisungen richtig verstanden habt. Unter den anderen war das nur bei den Suchern der Fall. Es ist bedauerlich, daß sich nicht mehr Sucher bei den Hailene befinden.« Er zog sich das Wams über und nahm ihr die Plakette aus der Hand. »Es hat einige Verlegenheit ausgelöst, daß Deserteure aus den Reihen der Sul'dam zurückgekehrt sind. Solche Desertationen dürfen nicht allgemein bekannt werden. Es ist viel besser, wenn sie einfach für immer verschwinden.« Sie konnte ihre Gesichtszüge auch nur deshalb beherrschen, weil sie ein wenig Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. Bei dem Debakel von Falme waren einige Sul'dam zurückgeblieben, wie man ihr gesagt hatte. Möglicherweise waren also bei der Gelegenheit einige desertiert. Ihren Anweisungen von Hochlady Suroth zufolge, sollte sie jede zurückschicken, die sie aufspüren konnte, ob sie wollte oder nicht, und wenn das nicht möglich war, sollten sie beseitigt werden. Das letzere war ihr nur als eine Notlösung erschienen. Bisher.
»Ich bedaure, daß man in diesen Ländern keinen Kaf kennt«, sagte er und setzte sich an den Tisch. »Selbst in Cantorin haben mittlerweile nur noch die vom Blute Kaf. Wenigstens war es so, als ich abfuhr. Vielleicht sind seither Frachtschiffe aus Seanchan angekommen und haben mehr mitgebracht. Jetzt muß eben Tee ausreichen. Bereitet mir Tee zu.« Sie hätte ihn am liebsten vom Stuhl geworfen. Der Mann war Eigentum. Und ein Sucher. Also kochte sie Tee. Und sie servierte ihm diesen Tee und blieb mit der Kanne neben seinem Stuhl stehen, um ihm nachzuschenken. Sie war überrascht, daß er sie nicht auch noch aufforderte, einen Schleier anzulegen und auf dem Tisch zu tanzen.
Schließlich gestattete er ihr, sich hinzusetzen, nachdem sie eine Feder, Tinte und Papier geholt hatte, und nun mußte sie für ihn Pläne von Tanchico und seinen Verteidigungsanlagen zeichnen, und dazu noch jede andere größere und kleinere Stadt, von der sie auch nur das Geringste wußte. Sie führte die einzelnen Streitkräfte auf, soweit sie darüber informiert war, berichtete über ihre Stärke und wo ihre Loyalität lag und was sie von ihren Absichten hielt.
Als sie fertig war, steckte er alles in seine Tasche, befahl ihr, den Inhalt des Jutesacks mit dem nächsten Kurierboot wegzuschicken und verließ sie wieder mit amüsiertem Lächeln. Er sagte noch, er werde in ein paar Wochen wieder nach ihr sehen.
Sie saß noch lange Zeit da, nachdem er gegangen war. Jede Karte, die sie gezeichnet hatte, jede Liste, war ein genaues Duplikat von einem Bericht, den sie bereits vor einiger Zeit mit dem Kurierboot abgeschickt hatte. Daß er sie gezwungen hatte, das alles noch mal zu machen, konnte ja eine Strafe dafür gewesen sein, daß sie ihn seine Tätowierungen hatte zeigen lassen. Die Gardesoldaten der Totenwache gaben mit ihren Raben an, die Sucher aber kaum jemals. Das konnte der Grund sein. Wenigstens war er nicht hinunter in den Keller gegangen, bevor sie zurückkehrte. Oder doch? Hatte er nur darauf gewartet, daß sie etwas davon erwähnte?
Das schwere Eisenschloß hing anscheinend unberührt an der Tür im Flur gegenüber der Küche. Aber man behauptete auch, daß die Sucher Schlösser ohne jeden Schlüssel öffnen könnten. Sie nahm den Schlüssel aus ihrer Gürteltasche, schloß auf und ging die schmale Treppe hinunter.
Eine Lampe auf einem Regalbrett beleuchtete den Kellerraum mit dem Natursteinboden. Lediglich vier Backsteinwände umgaben ihn, und an denen hing nichts, was bei einer Flucht behilflich sein konnte. Ein schwacher Latrinengeruch hing in der Luft. Auf der Seite der Lampe gegenüber saß eine Frau in einem schmutzigen Kleid verzagt auf einigen groben Wolldecken. Sie hob den Kopf, als sie Egeanins Schritte hörte. Ihre dunklen Augen waren voller Furcht und blickten sie bettelnd an. Sie war die erste Sul'dam gewesen, die Egeanin aufgespürt hatte. Die erste und die einzige, denn Egeanin hatte die Suche praktisch aufgegeben, seit sie Bethamin gefunden hatte. Und seither war Bethamin in diesem Kellerraum geblieben, während die Kurierboote kamen und gingen.
»Ist jemand hier herunter gekommen?« fragte Egeanin.
»Nein. Ich hörte Schritte oben, aber... Nein.« Bethamin streckte ihr die Hände entgegen. »Bitte, Egeanin. Das ist nur ein großer Fehler. Ihr kennt mich doch seit zehn Jahren. Nehmt mir dieses Ding ab.« Um ihren Hals lag ein silbernes Band. Es war durch eine dicke Silberleine mit einem Armband aus dem gleichen Metall verbunden, das an einem Haken ein paar Fuß über ihrem Kopf hing. Sie hatte das Bethamin eigentlich nur aus der Absicht heraus umhängen wollen, weil sie die Sul'dam ein paar Minuten lang festhalten wollte — als normale Fessel mehr oder weniger. Doch dann hatte sie Egeanin zu Boden gestoßen und versucht, zu entkommen.