»Wenn Ihr es zu mir bringt, dann nehme ich es Euch ab«, sagte Egeanin zornig. Sie war einfach wütend, aber nicht auf Bethamin. »Bringt den Adam her, und Ihr seid ihn los.« Bethamin schauderte und ließ die Hände sinken. »Es ist ein Fehler«, flüsterte sie. »Ein schrecklicher Fehler.« Aber sie machte keine Bewegung in Richtung des Armbands. Nach ihrem ersten Fluchtversuch hatte sie oben auf dem Boden gelegen, sich vor Schmerzen gewunden, und ihr war furchtbar schlecht und schwindlig gewesen — zu Egeanins völliger Verblüffung.
Die Sul'dam beherrschten die Damane, Frauen, die mit der Macht arbeiten konnten, mit Hilfe des A'dam. Doch die Damane war es, die mit der Macht umging, und nicht die Sul'dam! Andererseits konnte ein Adam ausschließlich eine Frau beherrschen, die die Macht benutzte. Keine gewöhnliche Frau und keinen Mann junge Männer mit dieser Fähigkeit wurden sowieso hingerichtet —, sondern nur eine Frau mit der Eigenschaft, die Macht lenken zu können. Eine solche Frau, die das Halsband umhatte, konnte nicht mehr als ein paar Schritte tun, ohne daß das dazugehörige Armband am Arm einer Sul'dam die Verbindung schloß.
Egeanin war sehr müde, nachdem sie die Treppe wieder hinaufgestiegen war und die Tür abgeschlossen hatte. Sie hätte nun selbst gern etwas Tee getrunken, aber das wenige, was der Sucher übriggelassen hatte, war kalt, und sie hatte einfach nicht mehr die Energie, sich neuen zu kochen. Statt dessen setzte sie sich an den Tisch und zog den A'dam aus dem Jutesack. Für sie war es nur ein Gegenstand aus unglaublich feingliedrigem Silber. Sie konnte ihn nicht benutzen und er konnte ihr keinen Schaden zufügen, es sei denn, jemand schlug ihn ihr über den Kopf.
Aber sogar diese Art von Körperkontakt mit einem A'dam, der sie ja gar nicht beeinflussen konnte, jagte ihr einen Schauer den Rücken hinab. Frauen, die mit der Macht umgehen konnten, waren keine Menschen, sondern gefährliche Tiere. Sie waren es gewesen, die einst die Welt zerstörten. Man mußte sie beherrschen, denn sonst würden sie bald jeden anderen zu Eigentum degradieren. So hatte man es ihr beigebracht und so hatte man es in Seanchan tausend Jahre lang gelehrt. Seltsam, aber hier schien sich das nie durchgesetzt zu haben. Nein. Selbst das war ein gefährlicher Gedankengang, und unsinnig obendrein.
So stopfte sie den A'dam in den Sack zurück und spülte das Teegeschirr ab, damit sie auf andere Gedanken kam. Sie liebte die Ordnung und empfand ein wenig Befriedigung dabei, die Küche wieder richtig aufzuräumen. Bevor es ihr bewußt wurde, braute sie sich doch eine Kanne Tee. Sie wollte nicht über Bethamin nachdenken, und auch das war gefährlich und närrisch dazu. Also setzte sie sich bequem an den Tisch und rührte Honig in eine Tasse des schwärzesten Tees, den sie nur fertigbrachte. Immer noch kein Kaf, aber es ging auch so.
Trotz ihres Leugnens, trotz ihrer Bitten, war ihr klar, daß Bethamin die Macht benutzen konnte. Wie war das bei anderen Sul'dam? War das der Grund, warum die Hochlady Suroth so großen Wert darauf legte, daß diejenigen getötet wurden, die in Falme zurückblieben? Das war undenkbar. Es war unmöglich. Bei den jährlichen Überprüfungen in Seanchan fand man jedes Mädchen, das auch nur den Anflug einer solchen Fähigkeit zeigte. Jede von ihnen wurde aus der Liste der Bürger Seanchans gestrichen, wurde aus den Familienstammbäumen gestrichen und wurde fortgebracht, um sie mit dem Halsband der Damane auszustatten. Bei den gleichen Überprüfungen fand man auch die Mädchen mit der Fähigkeit, zu lernen, mit dem Armband der Sul'dam zu arbeiten. Keine Frau konnte diesen Überprüfungen entkommen, und zwar so lange, bis sie in dem Alter war, wo sie in jedem Fall auch auf eigene Faust mit dem Gebrauch der Macht begonnen hätte, sollte der Funke bei ihr vorhanden sein. Wie konnte man auch nur ein einziges Mädchen zur Sul'dam machen, wenn sie in Wirklichkeit eine Damane war? Und doch saß nun Bethamin in ihrem Keller und wurde von einem A'dam festgehalten, als sei er ein Anker um ihren Hals.
Eines war jedenfalls gewiß: Die Möglichkeiten, die sich aus dieser Sache ergaben, brachten tödliche Gefahren mit sich. Hier waren die vom Blute verwickelt und die Sucher. Vielleicht sogar der Kristallthron. Würde es Hochlady Suroth wagen, solche Kenntnisse der Kaiserin vorzuenthalten? In deren Gesellschaft konnte auch ein einfacher Kapitän eines Schiffes bereits schreiend sterben, wenn sie sich nur ein Stirnrunzeln erlaubt hatte. Oder sie könnte aus einer Laune heraus zum Eigentum degradiert werden. Sie mußte mehr erfahren, um auch nur hoffen zu können, dem Tod der Zehntausend Tränen zu entrinnen.
Das bedeutete in diesem frühen Stadium, daß sie Gelb und anderen miesen Spitzeln wie ihm mehr Geld zuschieben mußte, mehr Sul'dam aufspüren und feststellen, ob auch sie von einem Adam beherrscht wurden. Darüber hinaus... Darüber hinaus befuhr sie ein unbekanntes Meer ohne Navigator und Kompaß.
Als sie die Armbrust mit ihrem tödlichen Bolzen berührte, die immer noch auf dem Tisch lag, wurde ihr klar, daß noch etwas sicher war: Sie würde sich nicht von einem der Sucher umbringen lassen. Nicht, um lediglich Hochlady Suroth zu helfen, ein Geheimnis zu wahren. Überhaupt nicht, gleich aus welchem Grund. Der Gedanke kam einem Verrat so nahe, daß sie schauderte, aber er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
39
Ein Becher Wein
Als Elayne mit ihren sauber im Bündel verpackten Sachen an Deck kam, schien die untergehende Sonne das Wasser genau vor der Einfahrt in den Hafen von Tanchico zu küssen. Schnell war es soweit, daß die dicken Taue festgemacht wurden und der Wogentänzer als eines von vielen Schiffen am Kai der westlichsten Halbinsel der Stadt lag. Ein paar Besatzungsmitglieder falteten die letzten Segel ein. Jenseits der langen Hafenanlagen erhob sich die Stadt auf ihren Hügeln, blendend weiß, mit Kuppeln und Türmen, auf denen die metallnen Wetterfahnen im letzten Sonnenschein blitzten. Etwa eine Meile nördlich sah sie gerade noch eine hohe, runde Mauer. Wenn ihre Erinnerung sie nicht täuschte, mußte das der Große Kreis sein.
Sie hängte sich ihr Bündel über die gleiche Schulter, von der ihre Ledermappe hing, und ging hinüber zu Nynaeve, die mit Coine und Jorin an der Landungsbrücke stand. Es erschien ihr fast eigenartig, die beiden Schwestern wieder vollständig angezogen zu erblicken, mit blütenreinen, brokatbesetzten Seidenblusen, passend zu ihren Pumphosen. Sie hatte sich ja an die Ohrringe und sogar an die Nasenringe gewöhnt, und selbst die feine Goldkette, die über die dunkle Wange jeder der beiden Frauen hing, ließ sie mittlerweile kaum noch zusammenzucken.
Thom und Juilin standen mit ihren eigenen Bündeln ein Stückchen entfernt. Sie blickten etwas mürrisch drein.
Nynaeve hatte recht gehabt. Sie hatten ihre eigenen Vorstellungen entwickelt, seit man ihnen vor zwei Tagen den wirklichen Zweck — oder zumindest einiges davon —ihrer Reise mitgeteilt hatte. Beide schienen zu glauben, zwei junge Frauen seien einfach nicht fähig — fähig! — die Schwarzen Ajah aufzuspüren. Das war allerdings im Keim erstickt worden, als Nynaeve ihnen drohte, sie auf ein anderes Schiff des Meervolks bringen zu lassen, das wieder zurückfuhr. Die Drohung hatte aber schon massiv sein müssen und erst gewirkt, nachdem Toram und ein Dutzend Besatzungsmitglieder sie umstellt hatten, bereit, sie sofort zu packen, in ein Boot zu stecken und hinüberzurudern. Elayne blickte sie forschend an. Unzufriedenheit bedeutete Rebellion. Die beiden würden ihnen noch Schwierigkeiten bereiten.