Выбрать главу

»Wo werdet Ihr als nächstes hinfahren, Coine?« fragte Nynaeve gerade, als sich Elayne ihnen anschloß.

»Nach Dantora und zur Aile Jafar«, antwortete die Segelherrin, »und von dort nach Cantorin und zur Aile Somera, um die Nachricht vom Coramoor zu verbreiten, wenn es dem Licht gefällt. Aber ich muß zuerst einmal Toram gestatten, hier seinen Handel abzuwickeln, sonst platzt er mir noch.« Ihr Mann befand sich bereits unten auf dem Kai, diesmal ohne seine eigenartigen Augengläser, aber mit nacktem Oberkörper und all seinen Ringen, und er diskutierte ernsthaft mit Männern in bauschigen weißen Hosen und kurzen Mänteln, die auf den Schultern mit Runen bestickt waren. Jeder dieser Männer aus Tanchico trug eine dunkle, zylindrische Kappe auf dem Kopf und dazu einen durchsichtigen Schleier vor dem Gesicht. Diese Schleier wirkten wirklich lächerlich, besonders bei Männern mit dichten Schnurrbärten.

»Das Licht gebe Euch eine sichere Reise«, sagte Nynaeve und verlagerte das Gewicht der Bündel auf ihrem Rücken. »Falls wir hier auf irgendeine Gefahr stoßen, die Euch bedroht, bevor Ihr wieder absegelt, werden wir Euch benachrichtigen.« Coine und ihre Schwester wirkten bemerkenswert ruhig. Das Wissen von den Schwarzen Ajah berührte sie nicht besonders. Für sie spielte nur der Coramoor, also Rand, eine Rolle.

Jorin küßte ihre Fingerspitzen und drückte sie auf Elaynes Lippen. »So das Licht will, treffen wir uns wieder.« »So das Licht will«, gab Elayne zurück und imitierte die Geste der Windsucherin. Es kam ihr wohl noch immer eigenartig vor, doch es war auch eine Ehre, so verabschiedet zu werden. Man sah das eigentlich nur unter Familienmitgliedern und bei Liebenden. Sie würde diese Meervolkfrau sehr vermissen. Sie hatte eine Menge von ihr gelernt und ihr auch ein wenig von ihrem Wissen beigebracht. Jorin konnte jetzt beispielsweise mit dem Element Feuer viel besser umgehen.

Als sie den Landesteg hinuntergegangen waren, seufzte Nynaeve erleichtert auf. Wohl hatte eine ölige Tinktur, die ihr Jorin verpaßt hatte, nach etwa zwei Tagen auf See ihren Magen einigermaßen beruhigt, aber sie war trotzdem verkrampft und unsicher gewesen, bis Tanchico endlich in Sicht kam.

Die beiden Männer nahmen sie sofort unaufgefordert in die Mitte. Juilin übernahm die Führung mit seinem Bündel auf dem Rücken und dem hellen, daumendicken Stock in beiden Händen. Seine dunklen Augen blickten sich wachsam um. Thom machte den Abschluß und brachte es irgendwie fertig, trotz seiner weißen Haare, seines Hinkens und des Gauklerumhangs einen gefährlichen Eindruck zu erwecken.

Nynaeve schürzte die Lippen einen Augenblick lang, sagte aber nichts, und Elayne hielt das auch für weise. Bevor sie auch nur fünfzig Schritt weit über den langen, gepflasterten Kai gegangen waren, waren sie bereits von ebenso vielen Männern mit zusammengekniffenen Augen und hungrigen Gesichtern gemustert worden. Überall um sie herum trugen Hafenarbeiter ihre Kisten und Ballen und Säcke zu und von den Schiffen. Sie vermutete, daß beinahe jeder von diesen Männern ihr durchaus die Kehle durchschneiden würde, in der Hoffnung, ihr teures Seidenkleid bedeute gleichzeitig, daß sie einiges Geld im Beutel habe. Sie jagten ihr aber keine Angst ein. Mit zwei oder drei von denen würde sie bestimmt fertigwerden. Doch sie und Nynaeve trugen ihre Schlangenringe in den Gürteltaschen, um nicht erkannt zu werden. Wenn sie aber vor hundert Männern die Macht gebrauchte, wäre es sinnlos, noch die Verbindung zur Weißen Burg leugnen zu wollen. Also war es am besten, wenn Thom und Juilin so wild dreinblickten wie möglich. Sie hätte nichts dagegen gehabt, noch zehn Mann mehr von der Sorte dabei zu haben.

Plötzlich erscholl ein Brüllen vom Deck eines der kleineren Schiffe her: »Ihr! Es sein wirklich Ihr!« Ein untersetzter Mann mit rundem Gesicht und einem grünen Seidenwams sprang herunter auf den Kai und beachtete Juilins drohend erhobenen Stock gar nicht. Er starrte sie und Nynaeve aus der Nähe an. Der Bart, der die Oberlippe frei ließ, zeigte, daß er aus Illian kam, und sein Akzent stammte auch von dort. Er kam ihr bekannt vor.

»Meister Domon?« fragte Nynaeve nach einem Augenblick des Überlegens, wobei sie wieder an ihrem Zopf zupfte. »Bayle Domon?« Er nickte. »Ja. Ich niemals glauben, Euch wiederzusehen. Ich... ich warten solange es ging in Falme, aber Zeit kommen, wo ich entweder auslaufen müssen oder sehen, wie mein Schiff brennen.« Elayne erkannte ihn nun auch wieder. Er hatte sie damals aus Falme herausbringen wollen, aber die Stadt war im Chaos versunken, bevor sie sein Schiff erreichten. Dem Wams nach war es ihm seither nicht schlecht ergangen.

»Wir freuen uns, Euch wiederzusehen«, sagte Nynaeve kühl, »doch jetzt müßt Ihr uns entschuldigen, denn wir müssen uns Zimmer in der Stadt suchen.« »Das werden aber schwer. Tanchico platzen aus allen Nähten. Aber ich kennen einen Ort, wo mein Wort werden helfen. Ich können nicht länger warten in Falme, aber ich fühlen in Eurer Schuld.« Domon schwieg einen Moment und runzelte mit einemmal besorgt die Stirn. »Ihr hier sein. Bedeuten das, dasselbe werden geschehen wie in Falme?« »Nein, Meister Domon«, sagte Elayne, als Nynaeve zögerte. »Selbstverständlich nicht. Und wir schätzen uns glücklich, Eure Hilfe in Anspruch nehmen zu können.« Sie erwartete beinahe einen Protest von Nynaeve, aber die etwas ältere Frau nickte nur nachdenklich und stellte die Männer sich gegenseitig vor. Beim Anblick von Thoms Umhang runzelte Domon die Stirn wieder, aber der finstere Blick, den er Juilin zuwarf, als er dessen Tairener Kleidung wahrnahm, wurde von diesem mit gleicher Münze erwidert. Keiner der beiden sagte allerdings etwas. Vielleicht wollten sie die Feindseligkeit zwischen Tear und Illian wenigstens aus Tanchico heraushalten. Falls nicht, würde sie ein ernstes Wort mit den beiden reden.

Domon erzählte, was ihm seit den Ereignissen von Falme alles passiert war, und begleitete sie den Kai entlang. Es war ihm wirklich nicht schlecht gegangen. »Ein Dutzend gute Küstenschiffe, von denen wissen die Steuereintreiber der Panarchin«, lachte er, »und vier Hochseeschiffe sie wissen nichts darüber.« Soviel konnte er auf ehrliche Art in dieser kurzen Zeit gar nicht verdient haben. Sie war aber doch überrascht, daß er auf einem Kai voller Menschen so offen darüber sprach.

»Ja, ich tun schmuggeln und machen soviel Gewinn, ich nie haben geträumt von. Zehnte Teil von Steuer in Taschen von Zollmänner und sie wegschauen und Mund halten.« Zwei typische Männer aus Tanchico schlenderten vorbei die Schleier vor dem Gesicht, runde Hüte auf dem Kopf und die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Jeder hatte einen schweren Messingschlüssel an einer dicken Goldkette um den Hals hängen. Es sah so aus, als seien das Kennzeichen ihrer Ämter. Sie nickten Domon vertraut zu. Thom wirkte belustigt, aber Juilin blickte sowohl Domon wie auch die beiden Tanchicaner finster an. Als Diebfänger konnte er eben Leute nicht leiden, die das Gesetz mißachteten. »Ich aber nicht glauben, es noch lange so weitergehen«, sagte Domon, als die beiden weg waren. »Es sein noch schlimmer in Arad Doman als hier, und hier alles sein schon schlimm genug. Vielleicht der Lord Drache nicht zerstören werden die Welt, aber er haben zerstört Arad Doman und Tarabon.« Elayne hatte schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber sie hatten das Ende des Kais erreicht, und so sah sie schweigend zu, als er Sänften und Träger auswählte und bezahlte, und dazu noch ein Dutzend Männer mit festen Stöcken und harten Gesichtern engagierte. Am Ende des Kais standen Wachen mit Schwertern und Speeren. Sie wirkten wie Söldner und nicht wie reguläre Soldaten. Von der anderen Seite der breiten Hafenstraße her blickten Hunderte von niedergeschlagenen, eingefallenen Gesichtern die Wächter an. Manchmal huschten die Blicke zu den Schiffen hinüber, aber meist waren sie auf die Männer gerichtet, die sie am Erreichen dieser Schiffe hinderten. Elayne schauderte, als sie daran dachte, was Coine erzählt hatte — wie die Menschen sie auf ihrem eigenen Schiff überrannt hatten und verzweifelt versuchten, sich eine Passage irgendwohin zu erkaufen, nur weg von Tanchico. Wenn diese hungrigen Augen die Schiffe ansahen, glühte die blanke Not in ihnen. Elayne saß steif in ihrer Sänfte, als sie hinter den die Menge zurückdrängenden Stöcken durch die Straßen schwankte. Sie bemühte sich, niemanden direkt anzusehen. Sie wollte diese Gesichter nicht sehen. Wo war denn ihr König? Warum kümmerte er sich nicht um sie?