Das Schild über der Toreinfahrt zu der weißgetünchten Schenke, zu der Domon sie brachte, verkündete stolz den ›Hof der Drei Pflaumen‹. Aber der einzige Hof, den Elayne entdecken konnte, war der von hohen Wänden umgebene und mit großen Steinplatten gepflasterte vor der Schenke, auf dem sie standen. Das Gebäude war quadratisch und dreistöckig. Das Erdgeschoß wies keine Fenster auf, und die Fenster oben hatten alle schmiedeeiserne Gitter.
Drinnen drängten sich Männer und Frauen im Schankraum. Die meisten trugen einheimische Kleidung. Das Stimmengewirr übertönte beinahe noch den Klang eines Hackbretts.
Nynaeve schnappte unwillkürlich nach Luft, als sie den ersten Blick auf die Wirtin erhaschte, eine hübsche Frau, nicht viel älter als sie selbst, mit braunen Augen und hellen, honigfarbenen Zöpfen, deren Schleier den Schmollmund mit seinen vollen Lippen nicht verbarg. Auch Elayne fuhr erst einmal zusammen, aber es war nicht Liandrin. Die Frau, sie hieß Rendra, kannte Domon offensichtlich gut. Mit freundlichem Lächeln hieß sie Elayne und Nynaeve willkommen, und besonders schien ihr zu gefallen, daß Thom ein Gaukler war. Sie gab ihnen ihre letzten beiden Zimmer zu einem Preis, der Elaynes Vermutung nach unter dem augenblicklich Üblichen lag. Elayne überzeugte sich zuerst davon, daß sie und Nynaeve das Zimmer mit dem größeren Bett bekamen. Sie hatte schon öfters das Bett mit Nynaeve geteilt und wußte deshalb, daß die andere nachts ziemlich mit den Ellbogen herumfuhrwerkte.
Rendra ließ ihnen auch von zwei verschleierten jungen Kellnern ein Abendessen in einem separaten Speisezimmer servieren. Elayne ertappte sich dabei, wie sie lediglich den Teller anstarrte: Lammbraten mit Apfelgelee und eine Art langer, gelblicher Bohnen in Nußsauce. Sie brachte es nicht fertig, davon zu essen. All diese hungrigen Gesichter! Domon schlug dagegen kräftig zu. Er mit seiner Schmuggelei und seinem Gold! Auch Thom und Juilin übten keine Zurückhaltung.
»Rendra«, sagte Nynaeve leise, »hilft hier eigentlich niemand den Armen? Falls es helfen würde, kann ich über einiges Gold verfügen.« »Ihr könnt es Bayles Küche spenden«, antwortete die Wirtin mit einem verschmitzten Lächeln in Richtung Domon. »Der Mann meidet wohl alle Steuern, aber er besteuert sich selbst. Für jede Krone, die er als Bestechungsgeld zahlt, spendet er zwei für Suppe und Brot für die Armen. Er hat sogar mich zum Spenden überredet, und ich zahle meine Steuern.« »Es sein weniger als die Steuern«, murmelte Domon, und er zog abwehrend die Schultern ein. »Ich machen wirklich guten Profit. Glück stech mich, wenn nicht.« »Es ist eine gute Eigenschaft, daß Ihr gern anderen Menschen helft, Meister Domon«, sagte Nynaeve, als Rendra und die Kellner weg waren. Thom und Juilin standen beide auf, um nachzusehen, ob die anderen wirklich gegangen waren und nicht lauschten. Mit einer leichten Verbeugung überließ Thom Juilin den Vortritt. Der Flur draußen war leer. Nynaeve fuhr fort: »Wir brauchen vielleicht auch Eure Hilfe.« Messer und Gabel des Illianers unterbrachen ihren Weg zu einer Scheibe Lammbraten. »Wie?« fragte er mißtrauisch.
»Ich weiß nicht genau, Meister Domon. Ihr habt Schiffe. Ihr müßt ja auch Männer zur Verfügung haben. Wir brauchen vielleicht Augen und Ohren. Ein paar der Schwarzen Ajah halten sich möglicherweise in Tanchico auf, und wenn, dann müssen wir sie aufspüren.« Nynaeve führte eine Gabel mit Bohnen zum Mund, als habe sie nichts Ungewöhnliches gesagt. In letzter Zeit erzählte sie ja wohl jedem von den Schwarzen Ajah.
Domon starrte zuerst sie mit offenem Mund an und warf dann Thom und Juilin ungläubige Blicke zu, als die sich wieder hinsetzten. Sie nickten, und er schob resigniert seinen Teller weg und legte den Kopf auf die Arme. Beinahe hätte er ja eine Kopfnuß von Nynaeve abbekommen, so indigniert sah sie ihn an. Elayne hätte ihr keinen Vorwurf gemacht. Warum suchte er noch eine Bestätigung für ihre Worte? Glaubte er ihr vielleicht nicht?
Schließlich raffte sich Domon auf. »Es werden doch wieder geschehen. Schon wieder Falme. Vielleicht es sein Zeit für mich, einzupacken und zu fahren weg. Wenn ich bringen meine Schiffe nach Illian, ich auch sein dort ein reicher Mann.« »Ich glaube nicht, daß Ihr Illian heute als gutes Pflaster bezeichnen könnt«, sagte Nynaeve mit energischer Stimme. »Soviel ich weiß, regiert dort mittlerweile Sammael, vielleicht nun schon ganz offen. Unter einem der Verlorenen werdet Ihr Euren Reichtum kaum genießen können.« Domon fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, doch sie fuhr gelassen fort: »Es gibt keine sicheren Orte mehr. Ihr könnt wie ein Kaninchen wegrennen, aber verstecken könnt Ihr euch nicht. Ist es da nicht besser, Ihr tut Euer bestes, um wie ein Mann dagegen anzukämpfen?« Nynaeve ging zu hart mit ihm um. Sie mußte eben immer die Leute herumschubsen. Elayne lächelte und beugte sich vor, um eine Hand auf Domons Arm zu legen. »Wir wollen Euch nicht herumscheuchen, Meister Domon, aber wir benötigen vielleicht wirklich Eure Hilfe. Ich kenne Euch als tapferen Mann, denn sonst hättet Ihr in Falme nicht so lange auf uns gewartet. Wir wären Euch sehr dankbar.« »Ihr machen das äußerst geschickt«, knurrte Domon.
»Die eine mit Ochsenpeitsche und die andere mit Honig im Mund. Oh, also gut. Ich werden helfen, wie ich können. Aber ich nicht versprechen, daß ich bleiben, wenn neues Falme passieren.« Thom und Juilin knöpften ihn sich anschließend beim Essen vor und fragten ihn über Tanchico aus. Jedenfalls stellte Juilin die allgemeinen Fragen und legte Thom einige Fragen in den Mund, wie beispielsweise, in welchen Vierteln vor allem Räuber, Taschendiebe und Einbrecher ihr Unwesen trieben, welche Weinlokale sie bevorzugten und wer ihre gestohlenen Waren kaufe. Der Diebfänger beharrte nämlich darauf, daß solche Leute mehr von dem wußten, was in der Stadt vor sich ging, als die Stadtverwaltung. Er schien sich nicht unmittelbar mit dem Illianer unterhalten zu wollen, und Domon schnaubte immer, wenn er eine der Fragen des Taireners beantwortete, die Thom weitergegeben hatte. Er beantwortete sie überhaupt erst, wenn Thom sie gestellt hatte. Thoms eigene Fragen schienen keinen Sinn zu ergeben, jedenfalls nicht, wenn ein Gaukler sie stellte. Er fragte nach Adligen und politischen Parteien, wer mit wem verbündet sei und gegen wen, wer welche Ziele verfolge und was sie erreicht hatten und ob die Resultate anders ausgefallen seien, als sie erwartet hatten. Das waren ganz und gar nicht die Fragen, die sie von ihm erwartet hatte, trotz all ihrer Unterhaltungen an Bord des Wogentänzers. Er hatte sich durchaus gern mit ihr unterhalten — es schien ihm Spaß zu machen —, aber jedesmal, wenn sie glaubte, ihn soweit zu haben, daß er etwas über seine Vergangenheit erzählte, schaffte er es, sie durch irgend etwas abzulenken und wegzuschicken. Domon beantwortete Thoms eigene Fragen denn auch eifriger als die Juilins. Auf jeden Fall schien er Tanchico sehr gut zu kennen, sowohl die Lords und Stadtoberen, wie auch die düstere Unterschicht. So, wie er davon erzählte, klang es, als bestehe da kein großer Unterschied.
Nachdem die beiden Männer den Schmuggler ausgequetscht hatten, holte Nynaeve Rendra und ließ sie gleich Feder, Tinte und Papier mitbringen. Dann schrieb sie eine Liste mit Beschreibungen aller Schwarzen Schwestern. Domon hielt anschließend das Bündel Blätter mißtrauisch in der Hand und runzelte nervös die Stirn, als seien es die Frauen selbst, aber er versprach, daß diejenigen seiner Männer, die er hier im Hafen zur Verfügung hatte, die Augen nach ihnen offenhalten würden. Als Nynaeve ihn mahnte, daß sie alle extrem vorsichtig sein müßten, da lachte er, als habe sie ihm geraten, sich nicht selbst mit seinem Schwert zu durchbohren.