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Glücklicherweise kam sie nicht ins Stolpern, solange er hinsah, aber dafür lief sie an ihrer Zimmertür vorbei, bemerkte ihren Irrtum und ging zurück. Zwei Lampen brannten im Zimmer, eine auf dem kleinen runden Tisch am Bett und die andere auf dem weißen Gipssims über dem gemauerten Kamin. Nynaeve lag vollständig angezogen und lang ausgestreckt auf der Bettdecke. Ihre Ellbogen standen weit ab, wie Elayne bemerkte.

Sie platzte mit der ersten Bemerkung heraus, die ihr in den Kopf kam: »Rand muß glauben, daß ich spinne. Thom ist ein Barde und Berelain ist doch nicht meine Mutter.« Nynaeve sah sie ganz eigenartig an. »Mir ist ein wenig schwindlig, ich weiß nicht, warum. Ein netter Junge mit süßen braunen Augen hat mir angeboten, mich hinaufzubringen.« »Ich wette, das hätte ihm Spaß gemacht«, sagte Nynaeve grimmig. Sie stand vom Bett auf, kam herüber und legte Elayne einen Arm um die Schultern. »Komm einen Moment lang mit dort hinüber. Es gibt etwas, das du sehen solltest.« Sie schien auf einen Eimer Wasser neben dem Waschtischchen zu deuten. »Hier. Wir knien uns hin, damit du es richtig sehen kannst.« Elayne schaute hinein, aber außer ihrem Spiegelbild konnte sie nichts im Wasser erkennen. Sie fragte sich, warum Nynaeve so komisch grinste. Dann spürte sie Nynaeves Hand in ihrem Nacken und plötzlich war ihr Kopf im Wasser.

Sie fuchtelte mit den Händen und versuchte, sich aufzurichten, aber Nynaeves Arm war wie aus Eisen. Man sollte unter Wasser eigentlich die Luft anhalten. Das war Elayne klar. Sie konnte sich nur nicht daran erinnern, wie man das machte. Alles, was sie fertigbrachte, war, herumzufuchteln, zu gurgeln und halb zu ersticken.

Nynaeve zog sie hoch. Wasser strömte ihr über das Gesicht und sie holte tief Luft. »Wie — kannst du es —wagen«, keuchte sie. »Ich bin — die Tochter-Erbin von...«, brachte sie gerade noch heraus, und dann klatschte ihr Kopf wieder ins Wasser. Sie packte wohl den Eimer mit beiden Händen und wollte ihn wegschieben, doch das half nichts. Auch mit den Füßen auf den Boden trommeln half nichts. Sie würde ertrinken. Nynaeve wollte sie ersäufen.

Nach einer Ewigkeit befand sie sich wieder an der Luft. Klitschnasse Haarsträhnen hingen ihr über das Gesicht. »Ich glaube«, sagte sie mit der festesten Stimme, die sie fertigbrachte, »ich muß mich übergeben.« Nynaeve konnte ihr gerade noch die weiß emaillierte Schüssel vom Waschtisch vor die Nase stellen. Sie hielt Elaynes Kopf fest, während die alles herauswürgte, was sie je in ihrem Leben gegessen hatte. Ein Jahr später — nun ja, es waren vielleicht nur ein paar Stunden, aber so lang kam es ihr halt vor — wusch Nynaeve ihr Gesicht, wischte ihr den Mund, die Hände und Unterarme ab. In ihrem Tonfall lag allerdings nichts Beruhigendes.

»Wie konntest du das tun? Was ist denn in dich gefahren? Ich hätte ja von einem idiotischen Mann erwartet, daß er sich total betrinkt, aber von dir? Und das heute abend!« »Ich hatte doch nur einen Becher«, murmelte Elayne erschlagen. Auch wenn dieser junge Mann nachgefüllt hatte, konnte sie nicht mehr als zwei Becher voll getrunken haben. Bestimmt nicht.

»Ein Becher so groß wie ein ganzer Krug«, schnaubte Nynaeve und half ihr auf die Beine. Es war mehr ein Hochzerren. »Kannst du wach bleiben? Ich will nach Egwene suchen, und ich traue mir noch nicht zu, allein wieder aus Tel'aran'rhiod zu kommen, ohne jemanden, der mich aufweckt.« Elayne blinzelte sie müde an. Sie hatten erfolglos nach Egwene gesucht seit jener Nacht, in der sie so plötzlich aus ihrem Treffen im Herz des Steins verschwunden war. »Wach bleiben? Nynaeve, ich bin mit Suchen dran und das ist auch besser so. Du weißt, daß du die Macht nicht benützen kannst, wenn du nicht gerade wütend bist, und... « Dann wurde ihr bewußt, daß die andere Frau vom Glühen Saidars umgeben war. Und das war schon seit einiger Zeit der Fall gewesen; sie hatte es nur nicht bewußt bemerkt. Sie hatte ein Gefühl im Kopf, als hätte man ihn voll Wolle gestopft, und jeder Gedanke mußte sich erst hindurchwühlen. Sie konnte kaum die Wahre Quelle wahrnehmen. »Na, vielleicht gehst du doch besser. Ich werde wach bleiben.« Nynaeve runzelte die Stirn, nickte aber schließlich. Elayne versuchte, ihr beim Ausziehen zu helfen, aber ihre Finger waren heute irgendwie ungeschickt, als sie diese kleinen Knöpfe aufmachen wollte. Nynaeve grollte leise vor sich hin und schaffte es dann auch allein. Nur mit ihrem Unterhemd angetan, steckte sie den verdrehten Steinring an die Lederschnur, die sie um den Hals trug, neben einen schweren, goldenen Männerring. Das war Lans Ring. Nynaeve trug ihn immer zwischen den Brüsten.

Elayne zog einen niedrigen Holzhocker neben das Bett, während sich Nynaeve wieder ausstreckte. Sie fühlte sich wohl sehr schläfrig, aber wenn sie auf diesem Hocker saß, würde sie nicht einschlafen. Das einzige Problem war wohl, nicht zu Boden zu fallen. »Ich werde etwa eine Stunde abschätzen und dich dann wecken.« Nynaeve nickte und schloß dann die Augen. In ihren Händen hielt sie die beiden Ringe. Nach einer Weile wurden ihre Atemzüge tiefer und ruhiger.

Das Herz des Steins war leer. Nynaeve spähte in die Dämmerung zwischen den mächtigen Säulen hinein, nachdem sie Callandor umrundet hatte, das aus den Fußbodenplatten herausfunkelte. Mit einemmal wurde ihr bewußt, daß sie immer noch ihr Unterhemd trug und die Lederschnur mit beiden Ringen um den Hals hatte. Sie runzelte die Stirn, und einen Augenblick später trug sie ein typisches Kleid, wie es an den Zwei Flüssen üblich war, aus guter, brauner Wolle gestrickt und mit festen Wanderschuhen dazu. Elayne und Egwene schien dieser Kleidungswechsel in der Welt der Träume leicht zu fallen, aber sie hatte ihre Probleme damit. Bei früheren Besuchen in Tel'aran'rhiod hatte es peinliche Momente gegeben, meistens wenn sie zumindest flüchtig an Lan gedacht hatte, aber ganz bewußt ihre Kleidung zu ändern fiel ihr noch immer schwer. Es genügte schon, wenn sie sich wieder daran erinnerte, und sie trug ein Seidenkleid, so durchsichtig wie Rendras Schleier. Selbst Berelain wäre darin errötet. So ging es nun Nynaeve bei der Vorstellung, Lan könne sie so sehen. Mit einiger Mühe holte sie das braune Wollkleid zurück.

Noch schlimmer: Ihr Zorn war verraucht. Dieses närrische Mädchen! War ihr nicht klar, was geschah, wenn man zuviel Wein trank? Hatte sie noch nie allein in einem Schankraum gesessen? Nun ja, möglicherweise wirklich noch nicht. Jedenfalls war mit ihrer Wut auch der Kontakt zur Wahren Quelle abgerissen. Vielleicht spielte es keine Rolle. Nervös überblickte sie den Wald der riesigen Sandsteinsäulen und drehte sich dabei einmal um die eigene Achse. Wieso war Egwene so plötzlich von hier verschwunden?