Die Sonne stand noch kaum am Himmel und der Schankraum war bis auf Elayne ganz leer. Sie stützte den Kopf auf die Hände und starrte eine Tasse an, die Nynaeve vor sie hingestellt hatte, bevor sie wegging, um die Wirtin zu suchen. Bei jedem Atemzug roch sie den Inhalt und ihre Nase hätte sich fast verkrampft. Im Kopf hatte sie ein Gefühl... Es war einfach unbeschreiblich. Hätte ihr jemand angeboten, ihren Kopf abzuschneiden, wäre dieses Angebot dankend angenommen worden.
»Geht es Euch gut?« Beim Klang von Thoms Stimme zuckte sie zusammen und konnte gerade noch ein leises Wimmern unterdrücken. »Es geht mir gut, danke.« Beim Sprechen pulsierte ihr ganzer Kopf. Er zwirbelte unsicher an seinem Schnurrbart herum. »Eure Geschichten gestern abend waren wunderbar, Thom. Jedenfalls das, woran ich mich noch erinnere.« Sie brachte ein leicht schuldbewußt klingendes Lachen zustande. »Ich fürchte allerdings, ich kann mich an nicht gerade vieles erinnern, außer daß ich dasaß und zuhörte. Ich habe anscheinend verdorbenes Apfelgelee gegessen.« Sie würde bestimmt nicht zugeben, daß sie zuviel getrunken hatte. Wieviel es gewesen war, wußte sie selbst nicht. Genausowenig konnte sie zugeben, daß sie sich in seinem Zimmer zum Narren gemacht hatte. Das noch weniger. Er schien ihr zu glauben, denn es wirkte erleichtert, als er sich neben sie setzte.
Nynaeve erschien und reichte ihr ein feuchtes Tuch, bevor sie sich hinsetzte. Sie schob auch die Tasse mit diesem furchtbaren Gebräu näher vor sie hin. Elayne drückte dankbar das Tuch an die Stirn.
»Hat eines von Euch heute morgen schon Meister Sandar gesehen?« fragte die ältere der beiden Frauen.
»Er hat jedenfalls nicht in unserem Zimmer geschlafen«, antwortete Thom. »Dafür sollte ich ja dankbar sein, wenn man bedenkt, welche Größe unser Bett hat.« Wie gerufen erschien in diesem Moment Juilin durch den Vordereingang. Sein Gesicht war erschöpft und das sonst eng anliegende Wams verknittert. Unter dem linken Auge hatte er eine Schramme, und das kurze, schwarze Haar, das er normalerweise glatt angekämmt trug, wirkte, als sei er lediglich mit den Fingern einmal durchgefahren. Doch er lächelte, als er sich zu ihnen setzte. »Die Diebe sind in dieser Stadt genauso zahlreich wie die Elritzen im seichten Wasser, und sie sind durchaus zum Reden bereit, wenn man ihnen etwas zum Trinken spendiert. Ich habe mit zwei Männern gesprochen, die behaupteten, sie hätten eine Frau mit einer weißen Haarsträhne über dem linken Ohr gesehen. Ich glaube, einer von beiden war vertrauenswürdig.« »Also sind sie hier«, sagte Elayne, doch Nynaeve schüttelte den Kopf.
»Vielleicht. Mehr als nur eine Frau trägt eine weiße Strähne im Haar.« »Er konnte nicht sagen, wie alt sie sei«, sagte Juilin und gähnte hinter vorgehaltener Hand. »Überhaupt kein Alter, behauptete er. Er riß einen Witz darüber, daß sie vielleicht eine Aes Sedai sei.« »Ihr geht zu schnell vor«, sagte Nynaeve mit nervösem Unterton zu ihm. »Ihr helft uns nicht, falls Ihr sie auf uns aufmerksam macht.« Juilin lief dunkelrot an. »Ich bin schon vorsichtig. Ich sehne mich nicht gerade danach, daß mich Liandrin wieder in die Finger bekommt. Ich stelle keine Fragen. Ich unterhalte mich. Manchmal erzähle ich von Frauen, die ich einmal kannte. Zwei Männer haben bei der Erwähnung dieser weißen Strähne angebissen, und keiner von ihnen hielt es für mehr als eine belanglose Unterhaltung über einem Krug billigen Bieres. Heute abend geht mir vielleicht ein anderer ins Netz, nur daß es diesmal eine zerbrechlich wirkende Frau aus Cairhien mit sehr großen blauen Augen betreffen wird.« Das war Temaile Kinderode. »Ganz langsam werde ich die Orte einkreisen, an denen man sie gesehen hat, bis ich weiß, wo sie sich aufhalten. Ich werde sie für Euch finden.« »Oder ich finde sie.« Bei Thom klang das, als halte er es für viel wahrscheinlicher. »Sie werden sich wohl kaum mit Dieben abgeben, sondern sich statt dessen in die Politik und die Angelegenheiten des Adels einmischen. Irgendein Lord in dieser Stadt wird etwas Ungewöhnliches tun und mich damit in ihre Nähe führen.« Die beiden Männer blickten sich an. Elayne erwartete jeden Moment, daß der eine den anderen zum Ringkampf herausfordern werde. Männer. Erst Juilin und Domon, nun Juilin und Thom. Höchstwahrscheinlich würden am Ende noch Thom und Domon mit Fäusten aufeinander einschlagen. Männer. Das war ihr einziger Kommentar, aber sie sprach ihn nicht aus.
»Vielleicht werden Elayne und ich Erfolg haben, ohne einen von Euch zu brauchen«, sagte Nynaeve trocken. »Wir werden auch heute unsere Suche beginnen.« Ihr Blick wanderte ganz kurz zu Elayne hinüber. »Ich jedenfalls. Elayne braucht womöglich noch etwas Ruhe, um sich von... der Reise zu erholen.« Elayne legte das Tuch vorsichtig auf den Tisch und griff mit beiden Händen nach der Tasse vor sich. Die dicke, graugrüne Flüssigkeit schmeckte noch übler, als sie roch. Schaudernd zwang sie sich, alles zu schlucken. Als sie ihren Magen erreichte, fühlte sie sich einen Augenblick lang wie ein Umhang, der in starkem Wind flattert. »Zwei Augenpaare sehen mehr als eines«, sagte sie zu Nynaeve und stellte die leere Tasse hart auf den Tisch zurück.
»Hundert Paare sehen noch besser«, sagte Juilin schnell, »und wenn dieser Illianer Aal wirklich seine Leute ausschickt, haben wir mindestens so viele, zusammen mit all den Räubern und Taschendieben.« »Ich — wir — werden diese Frauen für Euch finden, falls sie überhaupt zu finden sind«, sagte Thom. »Es ist nicht notwendig, daß Ihr aus der Schenke geht. Diese Stadt ist wie ein gefährliches Raubtier, auch ohne Liandrins Anwesenheit.« »Außerdem«, fügte Juilin hinzu, »kennen sie Euch zwei. Sie kennen Eure Gesichter. Viel besser, Ihr bleibt hier in der Schenke außer Sicht.« Elayne sah die Männer verblüfft an. Noch vor einem Moment waren sie wie Hund und Katze gewesen, und nun hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Nynaeve hatte recht gehabt, daß sie ihnen Schwierigkeiten bereiten würden. Nein, die Tochter-Erbin von Andor würde sich nicht hinter Meister Juilin Sandar und Meister Thom Merrilin verstecken. Sie öffnete den Mund, um ihnen das mitzuteilen, aber Nynaeve ergriff zuerst das Wort.
»Ihr habt recht«, sagte sie gelassen. Elayne starrte sie ungläubig an. Thom und Juilin wirkten überrascht und gleichzeitig entschieden zufriedengestellt. »Sie kennen uns wirklich«, fuhr Nynaeve fort. »Ich habe dieses Problem heute morgen gelöst, glaube ich. Ach, da ist ja Frau Rendra mit unserem Frühstück.« Thom und Juilin tauschten einen besorgten Blick, aber sie konnten nichts sagen, da die Wirtin dabei stand und hinter ihrem Schleier lächelte.
»Wie steht es mit dem, worum ich Euch gebeten hatte?« fragte Nynaeve, als die Frau eine Schüssel Haferbrei vor sie stellte.
»Ach, ja. Es wird keine Schwierigkeiten geben, Kleidung zu finden, die Euch beiden paßt. Und das Haar —Ihr habt so wunderschönes, langes Haar — wird im Nu hochgesteckt sein.« Sie faßte an ihre eigenen goldenen Zöpfe.
Thoms und Juilins Gesichter brachten Elayne zum Lächeln. Sie waren vielleicht auf eine heiße Diskussion gefaßt gewesen, aber sie hatten kein Mittel dagegen, einfach ignoriert zu werden. Ihrem Kopf ging es jetzt auch ein wenig besser. Nynaeves üble Mixtur schien zu wirken. Während Nynaeve und Rendra über die Kosten, die Schnitte und Stoffe sprachen — Rendra wollte ihnen Kleider im Stil ihres eigenen enganliegenden Kleides beschaffen, das sie heute in Hellgrün trug, doch Nynaeve war dagegen, wurde aber langsam schwankend —, begann Elayne ihren Haferbrei zu essen, um den Geschmack dieses Gebräus im Mund loszuwerden. Das brachte ihr zu Bewußtsein, daß sie tatsächlich ziemlichen Hunger hatte.
Es gab noch ein Problem bei der ganzen Sache, das keine von beiden erwähnt hatte. Thom und Juilin wußten gar nichts davon. Wenn sich die Schwarzen Ajah in Tanchico befanden, befand sich auch das hier was Rand so in Gefahr brachte. Etwas, das ihn mit seiner eigenen Macht fesseln konnte. Es reichte nicht, Liandrin und die anderen aufzuspüren. Sie mußten auch das finden, was immer es auch war. Mit einemmal war ihr gerade erst aufgekommener Appetit vollständig verflogen.