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Jenseits des Steins
Reste des Regens von frühen Morgen tropften noch von den Ästen der Apfelbäume und ein Purpurfink hüpfte an einem Zweig entlang, wo Obst reifte, das dieses Jahr niemand ernten würde. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, verbarg sich aber hinter dichten, grauen Wolken. Perrin saß mit übergeschlagenen Beinen am Boden und überprüfte geistesabwesend seine Bogensehne. Die gut verpackten, eingewachsten Sehnen neigten dazu, bei feuchtem Wetter zu erschlaffen. Der Sturm, den Verin heraufbeschworen hatte, um sie in der Nacht ihrer Rettungsaktion vor den Verfolgern zu verbergen, hatte selbst sie durch seine Gewalt überrascht. In den darauffolgenden sechs Tagen hatte es noch dreimal solche herabtrommelnden Platzregen gegeben. Jedenfalls glaubte er, es seien sechs Tage vergangen. Er war seit jener Nacht einfach nicht zum Nachdenken gekommen, hatte sich nur von den Ereignissen treiben lassen und auf das reagiert, was auf ihn zukam. Die stumpfe Seite seiner Axt drückte ihm in die Seite, aber er bemerkte es kaum.
Niedrige, grasbewachsene Erhebungen zeigten, wo Generationen von Aybaras beerdigt waren. Die ältesten der geschnitzten hölzernen Kopfbretter, längst gesprungen und kaum noch lesbar, trugen Daten, die beinahe dreihundert Jahre zurücklagen, auf Gräbern, die sich fast nicht mehr von der Grasnarbe abhoben. Doch die Erhebungen, die wohl vom Regen ausgewaschen, aber noch nicht von Gras bewachsen waren, die schafften ihn. Wohl waren Generationen von Aybaras hier bestattet worden, aber sicher nie vierzehn zur gleichen Zeit. Tante Neain lag drüben bei Onkel Carlins älterem Grab, und ihre beiden Kinder neben ihr. Großtante Ealsin lag in der gleichen Reihe wie Onkel Edward und Tante Madge und ihre drei Kinder, in derselben langen Reihe wie seine Mutter und sein Vater. Dann Adora und Deselle und der kleine Paet. Eine lange Reihe von Grabhügeln, wo die ersten Grashalme aus dem nassen, braunen Erdboden lugten. Er zählte, ohne hinzusehen, die Pfeile, die noch in seinem Köcher steckten. Siebzehn. Zu viele waren beschädigt worden, und nur die stählernen Pfeilspitzen waren das Aufheben wert gewesen. Keine Zeit, neue anzufertigen; er würde bald nach Emondsfeld zum Pfeilmacher gehen müssen. Buel Dawtry machte gute Pfeile, bessere sogar als Tam.
Ein schwaches Rascheln hinter ihm ließ ihn witternd die Nase in die Luft stecken. »Was ist los, Dannil?« fragte er, ohne sich umzusehen.
Man hörte förmlich, wie dem hinter ihm Auftauchenden der Atem stockte und er einen Augenblick lang überrascht innehielt, und dann sagte Dannil Lewin: »Die Lady ist hier, Perrin.« Keiner von ihnen konnte sich daran gewöhnen, daß er schon wußte, wer kam, bevor er ihn sah, auch im Dunkeln, aber es war ihm mittlerweile gleich, was sie an ihm seltsam fanden und was nicht.
Er sah sich mit gerunzelter Stirn um. Dannil wirkte magerer als zuvor. Die Bauern konnten auch nicht so viele auf einmal durchfüttern, und die Jagd brachte so unterschiedliche Ergebnisse, daß sie einmal ein Festmahl vor sich hatten und ein andermal hungerten. Meist hatten sie gehungert. »Die Lady?« »Die Lady Faile. Und auch Lord Luc. Sie sind aus Emondsfeld hergekommen.« Perrin erhob sich geschmeidig und ging mit langen Schritten los, so daß Dannil sich beeilen mußte, um mitzuhalten. Er zwang sich dazu, das Haus nicht anzublicken — die verkohlten Balken und rußverschmierten Schornsteine, die aus dem Schutt ragten, wo das Haus gestanden hatte, in dem er seine Jugend verbrachte. Er suchte statt dessen die Bäume nach seinen Spähern ab, jedenfalls diejenigen, die dem ehemaligen Bauernhof am nächsten standen. So nahe beim Wasserwald standen hier viele hohe Eichen und Schierlingstannen und recht große Eschen und Lorbeerbäume. Dichtes Laub verbarg die jungen Burschen, deren triste Bauernkleidung Tarnung genug war, so gut, daß sogar er Schwierigkeiten hatte, sie auszumachen. Er würde mit den weiter entfernten ein Wörtchen reden müssen, denn sie sollten ja eigentlich dafür sorgen, daß sich niemand ohne Warnung nähern konnte. Selbst Faile und dieser Luc.
Das Lager befand sich in einem ausgedehnten Dickicht, wo er als Kind sich einst vorgestellt hatte, im tiefsten Urwald zu sein. Der Boden war dicht mit Unterholz bewachsen. Man hatte zwischen den Bäumen Decken gespannt, um sich vor Wind und Wetter zu schützen, und weitere Decken lagen auf dem Boden zwischen den kleinen Küchenfeuern. Auch hier tropfte es von den Zweigen. Die meisten der beinahe fünfzig Männer im Lager — alle jung —waren unrasiert, entweder weil sie Perrin nachahmten, oder weil es unangenehm war, sich mit kaltem Wasser zu rasieren. Sie waren gute Jäger. Alle anderen hatte er heimgeschickt. Doch auch die Dagebliebenen waren nicht daran gewöhnt, mehr als ein oder zwei Nächte hintereinander im Freien zu verbringen. Und auch nicht an das, was er sie tun ließ.
Gerade jetzt aber standen sie herum und bestaunten Faile und Luc, und nur vier oder fünf hatten ihre Langbögen in der Hand. Der Rest der Bögen lag beim Bettzeug, genau wie die meisten der Köcher. Luc stand da und spielte müßig mit den Zügeln eines hochgewachsenen, schwarzen Hengstes herum, ganz das Urbild träger, rotgekleideter Arroganz. Seine kalten blauen Augen ignorierten die ihn Umstehenden. Die Witterung des Mannes hob sich von der der anderen deutlich ab. Sie war ebenfalls kalt und abweisend beinahe so, als habe er nichts mit den Männern in seiner Umgebung gemein, nicht einmal die Menschlichkeit.
Faile eilte herüber, um Perrin lächelnd zu begrüßen. Ihr enger Hosenrock gab beim Gehen ein leises Rascheln von sich, als graue Seide über graue Seide streifte. Sie roch schwach nach süßer Kräuterseife und nach sich selbst. »Meister Luhhan sagte, wir könnten dich hier finden.« Er wollte eigentlich fragen, was sie hier mache, ertappte sich jedoch dabei, daß er sie in die Arme nahm und in ihr Haar hineinsagte: »Es ist gut, dich wiederzusehen. Du hast mir gefehlt.« Sie wich ein wenig zurück, um besser zu ihm aufblicken zu können. »Du siehst müde aus.« Er beachtete ihre Worte nicht; er hatte keine Zeit dazu, müde zu werden. »Habt ihr alle sicher nach Emondsfeld gebracht?« »Sie sind in der Weinquellenschenke.« Plötzlich grinste sie. »Meister al'Vere hat eine alte Hellebarde gefunden und sagt nun, wenn die Weißmäntel kämen und sie holen wollten, bekämen sie es erstmal mit ihm zu tun. Alle sind sie jetzt im Dorf, Perrin. Verin und Alanna, die Behüter. Geben natürlich alle vor, etwas anderes zu sein. Und Loial. Er hat einen ziemlichen Aufruhr hervorgerufen. Sogar noch mehr als Bain und Chiad.« Das Grinsen verflog und wurde zu einem Stirnrunzeln. »Er bat mich, dir eine Botschaft zu überbringen. Alanna verschwand zweimal, ohne ein Wort zu sagen, einmal davon allein. Loial behauptete, Ihvon schien überrascht gewesen, daß sie weg war. Er sagte, ich solle mit niemanden anders darüber sprechen.« Sie musterte sein Gesicht. »Was bedeutet das, Perrin?« »Vielleicht nichts. Ich bin nur einfach nicht sicher, ob ich ihr vertrauen kann. Verin hat mich vor ihr gewarnt, aber kann ich Verin vertrauen? Du sagst, Bain und Chiad seien in Emondsfeld? Ich schätze, das bedeutet, daß er auch über sie Bescheid weiß.« Er wies mit dem Kopf in Lucs Richtung. Ein paar der Männer hatten ihn angesprochen und ihm schüchtern Fragen gestellt, die er nun mit leutseligem Lächeln beantwortete.
»Sie sind mit uns gekommen«, sagte sie bedächtig. »Sie erkunden jetzt die Gegend um dein Lager. Ich glaube, sie haben keine hohe Meinung von deinen Wachposten. Perrin, warum willst du nicht, daß Luc von den Aiel weiß?« »Ich habe mit einigen der Leute gesprochen, deren Höfe niedergebrannt wurden.« Luc war zu weit weg, um zu hören, was sie sprachen, doch er senkte seine Stimme noch mehr. »Wenn man Flann Lewins Hof dazuzählt, besuchte Luc am Tag des Angriffs oder einen Tag früher fünf der angegriffenen Höfe.« »Perrin, der Mann ist auf gewisse Weise ein arroganter Narr — ich habe gehört, daß er etwas angedeutet hat von einem Anspruch auf einen Thron in den Grenzlanden, obwohl er uns gesagt hat, er käme aus Murandy — aber du glaubst doch nicht wirklich, daß er ein Schattenfreund ist? Er hat den Leuten in Emondsfeld ein paar wirklich gute Ratschläge erteilt. Als ich sagte, alle befänden sich dort, meinte ich tatsächlich alle.« Sie schüttelte staunend den Kopf. »Hunderte und Aberhunderte von Menschen aus dem Norden und dem Süden, aus jeder Himmelsrichtung, mit ihrem Vieh und ihren Schafen, und alle sprachen von den Warnungen des Perrin Goldauge. Dein kleines Dorf bereitet sich auf die Verteidigung vor, wenn es nötig ist, und Luc war in den letzten Tagen überall zu finden.« »Perrin wer?« Er schnappte nach Luft und verzog schmerzhaft das Gesicht. Dann wollte er das Thema schnell wechseln und fragte: »Aus dem Süden? Aber ich bin doch gar nicht weiter südlich gewesen als hier. Ich habe mit keinem Bauern gesprochen, der weiter als eine Meile südlich des Weinquellenbaches wohnt.« Faile lachte und zupfte ihn am Bart. »Die Neuigkeiten verbreiten sich, mein feiner General. Ich glaube, die Hälfte aller erwartet von dir, daß du sie zu einem Heer ausbildest und die Trollocs bis zur Großen Fäule zurücktreibst. Man wird sich an den Zwei Flüssen die nächsten tausend Jahre über Geschichten von dir erzählen. Perrin Goldauge, der Trolloc-Jäger.« »Licht!« knurrte er.