»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wenn es ihnen selbst überlassen ist, töten Trollocs ihre leichtesten Opfer. Ohne einen Halbmenschen suchen sie sich vielleicht lieber einen Bauernhof aus als jemanden, der sie mit Pfeilen spickt. Geht sicher, daß jeder, der noch auf den Beinen ist, einen Bogen mit aufgelegtem Pfeil trägt, selbst wenn er ihn nicht mehr spannen kann. Dann entschließen sie sich vielleicht, daß der Preis den Spaß nicht wert ist.« Perrin schauderte. Sollten die Trollocs angreifen, hätten sie genausoviel Spaß wie an einem Tanz zum Sonnentag. Ihvon und die Aiel waren die einzigen, die noch wirklich kämpfen konnten. Und Faile, denn ihre dunklen Augen glänzten vor Zorn. Er mußte sie in Sicherheit bringen.
Der Behüter bot sein eigenes Pferd keinem der Verwundeten an, und das hatte seinen Sinn. Das Tier würde kaum jemand anderes auf seinem Rücken dulden, und ein ausgebildetes Streitroß mit seinem eigenen Herrn im Sattel war eine eindrucksvolle Waffe, falls die Trollocs zurückkamen. Perrin versuchte, Faile auf Schwalbe zu setzen, aber sie hielt ihn davon ab. »Die Verwundeten sollen aufsteigen, hast du gesagt«, stellte sie mit sanfter Stimme fest. »Erinnerst du dich?« Gegen seinen Willen bestand sie darauf, daß er Traber ritt. Er erwartete einen Protest von den anderen, nachdem er sie ins Unglück geführt hatte, aber keiner machte den Mund auf. Sie hatten gerade genügend Pferde für alle diejenigen, die nicht laufen konnten, und er mußte zähneknirschend zugeben, daß er zu diesen zählte, und so saß er schließlich im Sattel. Die Hälfte aller Reiter mußte sich mühsam festklammern. Er saß aufgerichtet da und biß die Zähne tapfer zusammen.
Diejenigen, die zu Fuß gingen oder stolperten und auch einige der Reiter klammerten sich an ihre Bögen, als stellten diese ihre Rettung dar. Auch Perrin trug einen und Faile ebenfalls, aber er bezweifelte, daß sie einen Langbogen von den Zwei Flüssen auch nur spannen könne. Nun kam es auf ihr äußeres Erscheinungsbild an, und nur eine Täuschung konnte sie retten. Wachsam wie eine eingerollte Peitsche, so wie Ihvon, wirkten die drei Aiel, die ihnen vorausglitten, die Speere in die dafür vorgesehenen Schlitze am Köchergehänge auf dem Rücken gesteckt und die Hornbögen schußbereit in Händen. Der Rest, er selbst eingeschlossen, war ein zerlumpter Haufen, gar nicht wie die Gruppe, die er angeführt hatte und die so selbstbewußt und voll von seinem eigenen Stolz gewesen war. Doch die Illusion funktionierte ebenso gut wie die Wirklichkeit. Die erste Meile weit durch das Gestrüpp trug der leichte Wind ihm den Gestank der Trollocs zu, die Witterung der lauernden, sie verfolgenden Trollocs. Dann verflog der Gestank allmählich, als die Trollocs zurückfielen, von einer Sinnestäuschung verführt.
Faile ging neben Traber, eine Hand an Perrins Bein, als wolle sie ihn oben festhalten. Von Zeit zu Zeit blickte sie zu ihm auf und lächelte ermutigend, wenn auch die Sorgenfalten auf ihrer Stirn nicht verschwanden. Er lächelte so gut es ging zurück, um ihr vorzumachen, es gehe ihm gut. Siebenundzwanzig. Er konnte nicht verhindern, daß die Namen ihm ständig durch den Kopf gingen. Colly Garren und Jared Aydaer, Dael al'Taron und Ren Chandin. Siebenundzwanzig Männer von den Zwei Flüssen, die er mit seiner Dummheit in den Tod geschickt hatte. Siebenundzwanzig.
Sie wählten den kürzesten Weg aus dem Wasserwald hinaus, und irgendwann am Nachmittag waren sie draußen. Es war schwer zu sagen, wie spät es war, da der Himmel immer noch grau und die Schatten kaum zu sehen war. Mit hohem Gras bewachsene Weideflächen mit gelegentlichen Bäumen erstreckten sich vor ihnen. Ein paar vereinzelte Schafe weideten dort, und in der Ferne waren einige Bauernhäuser zu sehen. Aus den Schornsteinen quoll kein Rauch. Falls sich jemand in diesen Häusern befunden hätte, hätten sie jetzt bestimmt etwas gekocht. Die nächste Rauchwolke, die in den Himmel stieg, war mindestens fünf Meilen entfernt.
»Wir sollten uns für diese Nacht einen Bauernhof suchen«, sagte Ihvon. »Wir brauchen ein Dach über dem Kopf, falls es wieder regnet. Und Feuer. Eine warme Mahlzeit.« Er blickte die Männer von den Zwei Flüssen an. »Wasser und Verbandsmaterial.« Perrin nickte nur. Der Behüter wußte besser als er, was man in ihrer Lage tun mußte. Wahrscheinlich wußte sogar der alte Bili Congar mit seinem Suffkopf besser als er, was zu tun sei. Er ließ Traber einfach nur hinter Ihvons Grauem herschreiten.
Bevor sie viel mehr als eine Meile zurückgelegt hatten, hörte Perrin mit einemmal ferne Musik. Fiedeln und Flöten spielten da fröhlich auf. Zuerst glaubte er, er träume, aber dann hörten es auch die anderen und tauschten ungläubige Blicke. Dann wandelten sich die Blicke zu erleichtertem Grinsen. Musik bedeutete Menschen, und dem Klang nach in diesem Fall fröhliche Menschen, die etwas feierten. Daß irgend jemand einen Grund zum Feiern hatte, ließ ihre Füße etwas leichter marschieren.
41
Bei den Tuatha'an
Eine Ansammlung von Wohnwagen kam in Sicht, ein wenig abseits nach Süden hin. Es waren richtige kleine Häuser auf Rädern, hohe Holzkästen, die in den intensivsten Farbtönen bemalt und lackiert waren, rot und grün und blau und gelb. Alle standen in einem großen, etwas unregelmäßigen Kreis um eine alte, mächtige Eiche. Von dort kam die Musik. Perrin hatte gehört, daß sich Kesselflicker, Angehörige des Fahrenden Volks, im Gebiet der Zwei Flüsse aufhielten, aber bisher hatte er sie noch nicht zu Gesicht bekommen. In der Nähe grasten friedlich angepflockte Pferde.
»Ich werde woanders schlafen«, sagte Gaul eingeschnappt, als ihm klar wurde, daß Perrin in das Wohnwagenlager wollte, und ohne ein weiteres Wort trottete er davon.
Bain und Chiad unterhielten sich leise und eindringlich mit Faile. Perrin schnappte genug von ihrer Unterhaltung auf, um zu wissen, daß sie versuchten, Faile davon zu überzeugen, es sei besser, die Nacht mit ihnen in irgendeiner bequemen Hecke zu verbringen als bei den ›Verirrten‹. Es klang so, als seien sie entsetzt von der bloßen Vorstellung, mit den Kesselflickern zu sprechen, geschweige denn bei ihnen zu essen und zu schlafen. Failes Griff an seinem Bein wurde fester, als sie ruhig und entschlossen ablehnte. Die beiden Töchter des Speers blickten sich stirnrunzelnd an. Der Blick aus blauen Augen traf den aus grauen, und beide wirkten äußerst besorgt, doch bevor sie sich den Wohnwagen des Fahrenden Volks weiter näherten, wandten sie sich um und folgten Gaul. Sie schienen aber doch wieder etwas besserer Laune zu sein. Perrin hörte, wie Chiad vorschlug, Gaul dazu zu bringen, daß er irgendein Spiel mitspielen solle, das man wohl den ›Kuß der Jungfrau‹ nannte. Sie kicherten beide, als sie sich aus seiner Hörweite entfernten.
Männer und Frauen arbeiteten im Lager, nähten, reparierten Geschirre, kochten, wuschen Kleidung und Kinder oder stemmten einen Wagen hoch, um ein Rad auszutauschen. Andere Kinder rannten spielend herum oder tanzten zu den Melodien, die ein halbes Dutzend Männer auf ihren Fiedeln und Flöten spielten. Vom ältesten bis zum jüngsten trugen die Kesselflicker Kleidung, die noch bunter war als ihre Wohnwagen, und das in beinahe schmerzhaften Kombinationen, die wohl blindlings ausgewählt worden waren. Kein normaler Mann würde etwas in diesen Farbtönen tragen und bestimmt auch nicht viele Frauen.
Als die zerlumpte Gesellschaft sich den Wagen näherte, breitete sich Schweigen aus. Die Menschen hörten mit Arbeiten auf und beobachteten sie mit besorgten Mienen. Frauen griffen sich ihre Kleinkinder, und ältere Kinder rannten zu den Erwachsenen, um sich hinter ihnen zu verbergen. Manch eines spähte um ein Hosenbein herum oder verbarg das Gesicht im Rock der Mutter. Ein drahtiger Mann, klein und grauhaarig, trat vor und verbeugte sich mit ernster Miene, beide Hände an die Brust gedrückt. Er trug ein leuchtend blaues Wams mit hohem Kragen und eine Pumphose von einem Grün, das beinahe zu leuchten schien. Die Hose hatte er in kniehohe Stiefel gesteckt. »Seid willkommen an unseren Feuern. Kennt Ihr das Lied?« Perrin, der sich bemühte, sich des Pfeils in seiner Seite wegen nicht zusammenzukrümmen, konnte einen Augenblick lang nur entgeistert den Mann anblicken. Er kannte ihn, den Mahdi oder Sucher dieser Gruppe. Was für ein Zufall, staunte er insgeheim. Von all den Kesselflickern auf der Welt muß ich ausgerechnet die treffen, die ich kenne! Zufälle gefielen ihm nicht. Wenn das Muster Zufälle hervorbrachte, schien das Rad jedesmal die Ereignisse vorantreiben zu wollen. Ich höre mich schon wie eine verdammte Aes Sedai an. Er brachte keine Verbeugung fertig, aber er erinnerte sich an das Ritual. »Euer Willkommen erwärmt meinen Geist, Raen, wie Eure Feuer mein Fleisch erwärmen, aber ich kenne das Lied nicht.« Faile und Ihvon warfen ihm überraschte Blicke zu, aber die Männer von den Zwei Flüssen waren noch verblüffter. Den Bemerkungen Bans und Tells und der anderen nach zu schließen, hatte er ihnen gerade wieder einigen Gesprächsstoff geliefert.