»Dann suchen wir weiter«, intonierte der drahtige Mann. »Wie es war, so soll es sein, wenn wir uns nur erinnern, suchen und finden.« Er verzog das Gesicht, als er die blutverschmierten Gesichter vor ihm musterte. Seine Augen wichen ihren Waffen aus. Das Fahrende Volk berührte nichts, was sie als Waffe betrachteten. »Seid willkommen an unseren Feuern. Es wird heißes Wasser da sein und Binden und Salben. Ihr kennt meinen Namen«, fügte er hinzu und blickte Perrin forschend an. »Natürlich.
Eure Augen.« Raens Frau war inzwischen neben ihn getreten. Sie war mollig, grauhaarig, doch ihr Gesicht war faltenlos, und sie überragte ihren Mann um Hauptesgröße. Ihre rote Bluse in Kombination mit einem leuchtend gelben Rock und einem grüngefransten Schal tat dem Auge weh, aber sie verhielt sich ausgesprochen lieb und mütterlich. »Perrin Aybara!« rief sie. »Ich dachte mir doch, daß ich dieses Gesicht kenne. Ist Elyas auch bei Euch?« Perrin schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn schon lange nicht mehr getroffen, Ila.« »Er führt ein Leben voller Gewalt«, sagte Raen traurig. »Genau wie Ihr. Ein Leben der Gewalt ist befleckt, selbst wenn es lang andauert.« »Versuche nicht, ihn vom Weg des Blatts zu überzeugen, während wir hier herumstehen, Raen«, sagte Ila knapp, aber nicht unfreundlich. »Er ist verletzt. Sie sind alle verwundet.« »Wo habe ich nur meine Gedanken?« knurrte Raen. Dann erhob er seine Stimme und rief: »Kommt, Leute. Kommt und helft! Sie sind verletzt. Kommt und helft!« Schnell versammelten sich die Männer und Frauen und äußerten ihr Mitgefühl, als sie den Verwundeten von den Pferden halfen. Sie führten sie zu ihren Wohnwagen, und wenn nötig, trugen sie die Männer sogar. Wil und ein paar andere blickten besorgt drein, weil man sie voneinander trennte, aber Perrin war es recht. Gewaltanwendung war den Tuatha'an nun wirklich fremd. Sie würden gegen niemanden ihre Hand erheben, nicht einmal, um ihr eigenes Leben zu verteidigen.
Perrin mußte wohl oder übel Ihvons Hilfe annehmen, um vom Pferd zu kommen. Der Schmerz stach ihm wie ein Dolch in die Seite und breitete sich wellenförmig durch seinen Körper aus. »Raen«, sagte er ein wenig atemlos, »Ihr solltet Euch nicht hier draußen aufhalten. Wir haben keine fünf Meilen von hier gegen Trollocs gekämpft. Bringt Eure Leute nach Emondsfeld. Dort sind sie sicher.« Raen zögerte, wovon er selbst überrascht schien, und schüttelte dann den Kopf. »Selbst wenn ich es wünschte, Perrin, würden meine Leute das nicht wollen. Wir bemühen uns, nicht einmal in der Nähe auch nur des kleinsten Dorfes zu lagern, und das nicht nur, weil uns die Dorfbewohner vielleicht wieder in falschem Verdacht haben würden, die Dinge gestohlen zu haben, die sie einst verloren, oder ihre Kinder vom Weg des Blatts überzeugen zu wollen. Wo Menschen zehn Häuser nebeneinander gebaut haben, da findet man bereits den Samen der Gewalt. Das wissen die Tuatha'an seit der Zerstörung der Welt. Die Sicherheit liegt nur in unseren Wohnwagen und darin, immer in Bewegung zu bleiben und immer nach dem Lied zu suchen.« Sein Gesicht wurde wehmütig. »Von überall her bekommen wir Nachrichten über immer neue Gewalttaten, Perrin. Nicht nur hier an den Zwei Flüssen. Es liegt eine Stimmung der Veränderung über der Welt, der Zerstörung. Wir müssen bald das Lied finden. Sonst glaube ich nicht, daß wir es noch jemals finden werden.« »Ihr werdet das Lied finden«, sagte Perrin leise. Vielleicht verabscheuten sie Gewalt einfach zu sehr, als daß ein Ta'veren dagegen ankäme. Vielleicht konnte nicht einmal ein Ta'veren sie vom Weg des Blatts abbringen. Er war auch ihm einst verlockend vorgekommen. »Ich hoffe sehr, daß Ihr es findet.« »Was geschehen soll, wird geschehen«, meinte Raen lakonisch. »Alles, was existiert, stirbt auch wieder. Vielleicht sogar das Lied.« Ila nahm ihren Mann beruhigend in den Arm, obgleich ihre Augen genauso besorgt dreinblickten wie seine.
»Kommt«, sagte sie dann im Bemühen, ihre Beunruhigung zu überspielen, »wir müssen Euch hineinbringen. Männer reden gern, wenn ihr Wams auch schon brennt.« Zu Faile gewandt sagte sie: »Ihr seid schön, Kind. Ihr solltet Euch vor Perrin in acht nehmen. Ich sehe ihn immer nur in Begleitung schöner Mädchen.« Faile warf Perrin einen abschätzenden Blick zu und versuchte schnell, ihr Gesicht abzuwenden.
Er schaffte es gerade bis zu Raens Wagen — gelb mit rotem Rand, rote und gelbe Speichen in hohen, rotgeränderten Rädern, rote und gelbe Truhen außen festgeschnallt —, der neben einem der Feuer mitten im Lager stand, aber als er den Fuß auf die erste Holzstufe an der Rückseite setzte, versagten ihm die Beine den Dienst. Ihvon und Raen trugen ihn fast nach drinnen, hastig von Faile und Ila gefolgt, und legten ihn auf das an die Vorderwand des Wagens angebaute Bett. Daneben war gerade noch Platz, um sich durch die Schiebetür zum Kutschbock zu zwängen. Es war wirklich wie ein kleines Haus, bis hin zu den rosa Gardinen an den beiden kleinen Fenstern auf beiden Seiten. Er lag einfach da und blickte die Decke an. Auch hier verwendeten die Kesselflicker ihre typischen Farben. Die Decke war himmelblau gestrichen, die Hochschränkchen grün und gelb. Faile löste seinen Gürtel und nahm ihm Axt und Köcher ab, während Ila in einem der Schränke herumkramte. Perrin war nicht in der Lage, irgendwelches Interesse an ihren Aktivitäten zu entwickeln.
»Jeder wird einmal überrascht«, sagte Ihvon. »Lernt daraus, aber nehmt es Euch nicht zu sehr zu Herzen. Nicht einmal Artur Falkenflügel hat jede Schlacht gewonnen.« »Artur Falkenflügel.« Perrin versuchte zu lachen, aber es wurde ein Stöhnen daraus. »Ja«, brachte er heraus. »Und ich bin bestimmt nicht Artur Falkenflügel, oder?« Ila sah den Behüter finster an, oder genauer gesagt, sein Schwert, das sie noch schlimmer zu finden schien als Perrins Axt. Dann kam sie mit einem Bündel zusammengerollter Binden zum Bett herüber. Sobald sie Perrins Hemd von dem Pfeilstummel weggezogen hatte, verzog sie schmerzhaft berührt das Gesicht. »Ich glaube nicht, daß ich dazu in der Lage bin, das zu entfernen. Er sitzt sehr tief.« »Mit Widerhaken versehen«, sagte Ihvon im Plauderton. »Trollocs benützen nicht oft Bögen, aber wenn, dann nehmen sie Pfeile mit Widerhaken.« »Raus«, fuhr ihn die mollige Frau entschlossen an. »Und du genauso, Raen. Kranke zu pflegen ist nichts für Männer. Warum gehst du nicht zu Moshea und schaust, ob er das neue Rad schon an seinem Wagen hat?« »Gute Idee«, sagte Raen. »Vielleicht werden wir ja auch morgen weiterziehen. Das letzte Jahr über hatten wir einige sehr schwere Strecken zurückzulegen«, vertraute er Perrin an. »Der ganze Weg nach Cairhien und dann zurück nach Ghealdan und anschließend nach Andor hinauf. Ich denke, morgen geht's weiter.« Als sich die Tür hinter ihm und Ihvon geschlossen hatte, wandte sich Ila besorgt an Faile: »Wenn er Widerhaken hat, glaube ich nicht, daß ich ihn überhaupt herausholen kann. Ich versuche es schon, wenn es sein muß, aber falls sich jemand in der Nähe befindet, der mehr von solchen Dingen versteht... « »Es gibt jemanden in Emondsfeld«, versicherte ihr Faile. »Aber kann man das wirklich bis morgen in ihm drin lassen?« »Das ist vielleicht besser, als ihn durch mich herausschneiden zu lassen. Ich kann ihm etwas zusammenbrauen, damit er keine Schmerzen hat, und dazu eine Salbe gegen Infektionen auftragen.« Perrin funkelte die beiden Frauen an und fauchte: »Hallo? Erinnert Ihr euch noch an mich? Ich bin hier. Hört auf, über meinen Kopf weg zu bestimmen.« Sie blickten ihn einen Augenblick lang an.