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»Er soll still liegen«, sagte Ila zu Faile. »Er darf schon sprechen, aber gestattet ihm nicht, sich zu bewegen. Sonst verletzt er sich vielleicht noch mehr.« »Ich sorge dafür«, antwortete Faile.

Perrin knirschte mit den Zähnen und gab sich Mühe, dabei zu helfen, ihm Wams und Hemd auszuziehen, aber die Hauptarbeit mußte er den beiden überlassen. Er fühlte sich so schwach wie dünnes Eisenblech, das jedem Druck nachgeben mußte. Eine Handbreit des daumendicken Pfeils steckte beinahe genau über seiner untersten Rippe in einer angeschwollenen und dick mit geronnenem Blut verklebten Wunde. Sie drückten ihm den Kopf auf ein Kissen herunter, da sie aus irgendeinem Grund nicht wollten, daß er die Wunde anblickte. Dann wusch Faile sie aus, während Ila ihre Salbe mit einem Stößel in einem Steintiegel zubereitete. Beides war aus einfachem, glattem, grauem Stein gefertigt, und es waren die ersten Gegenstände, die er im Lager der Kesselflicker erblickte, die nicht bunt angemalt waren. Sie strichen die Salbe um die Pfeilspitze herum und wickelten Bandagen um seinen Brustkorb, damit die Salbe nicht unabsichtlich weggewischt werden konnte.

»Raen und ich schlafen heute nacht unter dem Wagen«, sagte die Tuatha'an-Frau schließlich und wischte sich die Hände ab. Sie sah die aus den Bandagen herausragende Pfeilspitze finster an und schüttelte den Kopf. »Einst habe ich geglaubt, daß er schließlich zum Weg des Blatts finden werde. Er war, glaube ich, ein zartbesaiteter Junge.« »Der Weg des Blatts kann nicht für jeden gelten«, sagte Faile sanft, doch Ila schüttelte erneut den Kopf.

»Er gilt für alle«, antwortete sie genauso sanftmütig und ein klein wenig traurig, »wenn sie es nur wüßten.« Sie ging, und Faile setzte sich auf die Bettkante. Sie tupfte sein Gesicht mit einem zusammengefalteten Tuch ab. Aus irgendeinem Grund schien er stark zu schwitzen.

»Ich habe einen Fehler gemacht«, sagte er nach einer Weile. »Nein, das drückt es nicht richtig aus. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.« »Du hast keinen Fehler begangen«, stellte sie entschlossen fest. »Du hast getan, was zu der Zeit richtig aussah. Es war richtig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie plötzlich hinter uns kamen. Gaul kann doch gewöhnlich gut einschätzen, wo sich der Gegner befindet. Ihvon hatte recht, Perrin. Jeder findet einmal veränderte Umstände vor, von denen er nichts geahnt hat. Du hast aber alle zusammengehalten. Du hast uns herausgebracht.« Er schüttelte heftig den Kopf, was die Schmerzen in seiner Seite noch verstärkte. »Ihvon hat uns herausgebracht. Was ich fertigbrachte, war, siebenundzwanzig Männer umbringen zu lassen«, sagte er in bitterem Tonfall und versuchte, sich aufzusetzen, damit er sie ansehen konnte. »Einige davon waren meine Freunde, Faile. Und ich bin dafür verantwortlich, daß sie getötet wurden.« Faile benützte ihr Gewicht, um ihn wieder hinabzudrücken. Es zeigte ihr deutlich, wie schwach er war, als sie ihn so leicht unten halten konnte. »Morgen ist noch Zeit genug, über so etwas zu sprechen«, sagte sie mit fester Stimme, wobei sie sein Gesicht genau musterte, »wenn wir dich wieder aufs Pferd hieven müssen. Ihvon hat uns nicht herausgebracht. Ich glaube, es war ihm so ziemlich gleichgültig, wer davonkommen würde, solange er und du es überlebten. Diese Männer hätten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut, wenn du nicht gewesen wärst, und dann hätten sie uns alle einzeln gejagt. Sie hätten sich nicht von Ihvon, von einem Fremden, zusammenholen lassen. Was deine Freunde betrifft... « Sie setzte sich seufzend wieder hin. »Perrin, meint Vater sagt immer, ein General kann sich um die Lebenden kümmern oder die Toten beweinen, aber nicht beides gleichzeitig.« »Ich bin kein General, Faile. Ich bin ein Narr von einem Schmied, der glaubte, er könne andere Menschen dazu benützen, ihm beim Durchsetzen der Gerechtigkeit behilflich zu sein oder vielleicht Rache zu üben. Ich will das immer noch, aber ich will dafür niemanden mehr benützen.« »Glaubst du etwa, die Trollocs ziehen ab, weil du findest, deine Motive seien nicht lauter genug?« Ihre Stimme klang so hitzig, daß er den Kopf hob, aber sie schubste ihn beinahe grob auf das Kissen zurück. »Werden sie davon weniger schlimm? Kennst du einen besseren Grund, sie zu jagen, als eben genau das, was sie darstellen? Noch eine Weisheit meines Vaters: Die schlimmste Sünde, die ein General begehen kann, schlimmer, als einen Fehler zu begehen, schlimmer, als zu verlieren, schlimmer als alles, ist, Männer im Stich zu lassen, die auf ihn angewiesen sind.« Es klopfte an der Tür, und ein schlanker, gutaussehender junger Kesselflicker in einem rot-grün-gestreiften Wams steckte den Kopf herein. Er lächelte Faile mit blitzend weißen Zähnen und vor Charme triefend an, und dann blickte er zu Perrin hinüber. »Großvater hat gesagt, daß Ihr es seid. Ich glaubte, es sei diese Gegend hier, von der Egwene sagte, daß sie herstamme.« Plötzlich runzelte er mißbilligend die Stirn. »Eure Augen. Wie ich sehe, seid Ihr letzten Endes Elyas gefolgt und zu den Wölfen übergegangen. Ich war ja auch sicher, daß Ihr nie zum Weg des Blatts findet.« Perrin kannte ihn: Aram, Raens und Ilas Enkel. Er mochte ihn nicht. Sein Lächeln wirkte wie das Wils. »Geht weg, Aram. Ich bin müde.« »Ist Egwene bei Euch?« »Egwene ist jetzt eine Aes Sedai, Aram«, grollte er, »und sie würde Euch mit Hilfe der Einen Macht das Herz aus dem Leib reißen, wenn Ihr sie zum Tanzen aufforderte. Geht weg!« Aram riß die Augen auf und schlug schnell die Tür zu. Er blieb natürlich draußen.

Perrin ließ den Kopf zurücksinken. »Er lächelt zuviel«, knurrte er. »Ich kann Männer nicht leiden, die zuviel lächeln.« Faile gab einen erstickten Laut von sich und er sah sie mißtrauisch an. Sie biß sich auf die Unterlippe.

»Ich habe einen Frosch im Hals«, sagte sie mit erstickter Stimme und stand schnell auf. Sie eilte zu der breiten Ablage hinter dem Fuß des Bettes hinüber, auf der Ila ihre Salbe zubereitet hatte. Sie stand dort mit dem Rücken zu ihm und goß Wasser aus einer grünroten Kanne in einen gelbblauen Krug. »Möchtest du auch etwas zu trinken? Ila hat dieses Pulver hinterlassen, um die Schmerzen zu lindern. Damit kannst du auch besser schlafen.« »Ich will kein Pülverchen schlucken«, sagte er. »Faile, wer ist dein Vater?« Ihr Rücken versteifte sich. Einen Augenblick später drehte sie sich mit dem Krug in beiden Händen um. Der Blick aus ihren schrägstehenden Augen war für ihn nicht zu deuten.

Eine Minute verging, bevor sie sagte: »Mein Vater ist Davram aus dem Haus Bashere, Lord von Bashere, Tyr und Sidona, Hüter der Grenze zur Fäule, Verteidiger des Herzlandes, Generalfeldmarschall von Königin Tenobia von Saldaea. Und ihr Onkel.« »Licht! Und was hatte das alles zu bedeuten, daß er Holzhändler sei oder Pelzhändler? Ich kann mich auch dunkel daran erinnern, daß er mal mit Eispfeffer gehandelt hat.« »Das war nicht gelogen«, sagte sie scharf, und dann mit schwächerer Stimme: »Nur nicht... die ganze Wahrheit. Auf den Gütern meines Vaters wächst gutes Bauholz und feines Möbelholz und Eispfeffer, und es werden Pelztiere gezüchtet und noch mehr. Und seine Verwalter verkaufen sie für ihn, also handelt er auf gewisse Weise mit ihnen.« »Warum konntest du mir das nicht einfach sagen? Dinge vor mir verbergen. Lugen. Du bist eine Lady!« Er sah sie anklagend an. So etwas hatte er nicht erwartet. Ein kleiner Händler als Vater, vielleicht ein ehemaliger Soldat, aber nicht so etwas. »Licht, wieso rennst du dann als Jägerin des Horns herum? Erzähle mir nicht, der Lord von Bashere und was sonst noch habe dich losgeschickt, um Abenteuer zu suchen.« Sie hielt den Krug nach wie vor in der Hand und setzte sich wieder neben ihn. Aus irgendeinem Grund sah sie immerzu sein Gesicht an. »Meine beiden älteren Brüder sind gestorben, Perrin. Der älteste ist im Kampf gegen Trollocs gefallen, und der andere stürzte bei der Jagd vom Pferd. Damit war ich die Älteste, und das bedeutete, daß ich Buchführung und Verkaufen lernen mußte. Während meine jüngeren Brüder zu Soldaten ausgebildet wurden, während sie sich auf Abenteuer vorbereiteten, mußte ich lernen, die Güter zu verwalten! Das ist nun mal die Pflicht des oder der Ältesten. Pflicht! Es gibt keine Abwechslung, ist langweilig und trocken. Zwischen Beamten in Papieren vergraben sein!