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Als Vater Maedin mit zur Grenze der Fäule nahm — er ist zwei Jahre jünger als ich —, war das nun mehr, als ich aushalten konnte. Man bildet in Saldaea Mädchen nicht für den Krieg aus, aber Vater hatte mir als Lakaien einen alten Soldaten zur Seite gestellt. Eran war immer nur zu glücklich, wenn er mir beibringen durfte, wie man mit Messern und mit den Händen kämpft. Ich denke, das hat ihm wirklich Spaß gemacht. Als jedenfalls Vater Maedin mitnahm, hatte sich gerade die Nachricht verbreitet, daß man zur Großen Jagd nach dem Horn aufgerufen habe, also... zog ich einfach los. Ich schrieb Mutter einen Brief, um es zu erklären, und... ritt fort. Und ich war rechtzeitig in Illian, um den Eid des Jägers abzulegen... « Sie nahm das Tuch wieder in die Hand und tupfte ihm den Schweiß von der Stirn. »Du solltest jetzt wirklich schlafen, wenn du kannst.« »Ich schätze, du bist also Lady Bashere oder so was?« sagte er. »Wie bist du denn dazu gekommen, einen einfachen Schmied zu mögen?« »Der richtige Ausdruck lautet ›lieben‹, Perrin Aybara.« Die Strenge in ihrem Tonfall widersprach der Sanftheit, mit der sie ihm das Gesicht abtupfte. »Und du bist auch nicht gerade ein gewöhnlicher Schmied, denke ich.« Das Tuch hielt in der Bewegung inne. »Perrin, was hat dieser Bursche gemeint, als er von dir und den Wölfen sprach? Und Raen hat auch von diesem Elyas gesprochen.« Einen Moment lang stockte ihm der Atem, und er erstarrte. Aber gerade eben hatte er noch geschimpft, weil sie Geheimnisse vor ihm gehabt hatte. Das hatte er nun von seinem Ungestüm und Ärger. Wenn man einen Hammer zu zornig schwingt, trifft man gewöhnlich den eigenen Daumen. Er atmete langsam aus, und dann erzählte er ihr die Geschichte, wie er Elyas Machera kennengelernt und erfahren hatte, daß er sich mit den Wölfen verständigen konnte. Wie seine Augen die Farbe gewechselt hatten und schärfer geworden waren, und genauso sein Gehör und sein Geruchssinn — so gut wie der eines Wolfs. Von den Wolfsträumen. Von dem, was mit ihm geschehen werde, sollte er jemals seine Menschlichkeit verlieren. »Es ist so leicht. Manchmal, besonders im Traum, vergesse ich, daß ich ein Mensch bin und kein Wolf. Wenn ich mich bei einer dieser Gelegenheiten nicht mehr rechtzeitig daran erinnere, werde ich meine Menschlichkeit bei der Rückkehr verlieren und ein Wolf sein. Jedenfalls im Kopf. Eine Art von Halbwolf. Von mir selbst ist dann nichts mehr übrig.« Er hielt inne und wartete darauf, daß sie zusammenzucke und von ihm abrücke.

»Wenn dein Gehör wirklich so scharf ist«, sagte sie gelassen, »werde ich künftig aufpassen müssen, was ich in deiner Nähe sage.« Er ergriff ihre Hand, damit sie mit der Tupferei aufhörte. »Hast du eigentlich etwas von dem gehört, was ich dir sagte? Was werden dein Vater und deine Mutter denken, Faile? Ein Halbwolfschmied. Und du bist eine Lady! Licht!« »Ich habe jedes Wort verstanden. Vater wird hinter mir stehen. Er hat schon immer gesagt, daß das Blut unserer Familie zu dünn wird, nicht so wie früher. Ich weiß, daß er glaubt, ich sei schrecklich weich.« Sie lächelte ihn mit so wildem Gesichtsausdruck an, daß es jedem Wolf zur Ehre gereicht hätte. »Natürlich wollte Mutter immer, daß ich mal einen König heirate, der mit einem Schwertstreich einen Trolloc in zwei Stücke haut. Ich denke jedoch, die Axt tut's auch, aber könntest du ihr bitte erzählen, du seist der König der Wölfe? Ich glaube nicht, daß jemand vortritt und dir diesen Rang streitig macht. Ach, dieses Trolloc-Spalten wird Mutter wohl auch reichen, doch hätte sie das andere schon gern gehört.« »Licht!« sagte er heiser. Das hatte beinahe ernst geklungen. Nein, sie schien es wirklich ernst zu meinen. Aber wenn sie es auch nur halbwegs ernst meinte, hätte er lieber Trollocs getroffen, als ihre Eltern kennenzulernen.

»Hier«, sagte sie und hielt ihm den Krug mit Wasser an die Lippen. »Du hörst dich nach einer trockenen Kehle an.« Er schluckte und spuckte beinahe wieder aus, als er den bitteren Geschmack wahrnahm. Sie hatte Ilas Pulver hineingerührt! Er wollte mit Trinken aufhören, aber sie goß weiter nach, und er mußte wohl oder übel schlucken, um nicht zu ersticken. Als er schließlich den Krug wegschieben konnte, hatte sie die Hälfte des Inhalts in ihn hineingeschüttet. Warum mußte Medizin immer so furchtbar schmecken? Er vermutete, daß die Frauen es so wollten. Er hätte wetten können, daß die Sachen, die sie selbst einnahmen, keineswegs so schlecht schmeckten. »Ich habe dir doch gesagt, ich wollte das Zeug nicht! Gaaah!« »Tatsächlich? Das muß ich überhört haben. Aber ganz gleich, du brauchst jedenfalls Schlaf.« Sie streichelte ihm über den Lockenkopf. »Schlaf, mein kleiner Perrin.« Er wollte erwidern, daß er es tatsächlich gesagt und sie es auch gehört habe, aber irgendwie verwickelten sich die Worte um seine Zunge. Seine Augenlider fielen immer wieder zu. Er konnte sie einfach nicht mehr oben halten, so schwer waren sie. Das letzte, was er noch hörte, waren ihre sanften Worte: »Schlaf, mein Wolfskönig. Schlafe ein.«

42

Ein fehlendes Blatt

Perrin stand allein in der Nähe der Wohnwagen der Tuatha'an im strahlenden Sonnenschein, und in seiner Seite steckte keine Pfeilspitze und er hatte keine Schmerzen. Zwischen den Wagen hatte man Holzscheite aufgestapelt, um unter den eisernen Kochtöpfen, die an ihren dreibeinigen Gestellen hingen, Feuer zu entzünden, und an den Wäscheleinen hing Kleidung, doch es waren keine Menschen oder Pferde zu sehen. Er selbst trug weder Wams noch Hemd, sondern die lange Lederweste eines Schmieds, die seine Arme bloß ließ. Es hätte wohl jeder gewöhnliche Traum sein können, aber ihm war klar, daß es ein Traum war. Und er kannte das Gefühl, sich in einem Wolfstraum zu befinden, das Gefühl von Realität, und irgendwie konnte er ihn körperlich spüren, so, wie das hohe Gras um seine Stiefel herum von der leichten Brise gestreichelt wurde, die auch sein lockiges Haar durcheinanderbrachte, und so, wie die verstreuten Eschen und Lorbeerbäume auf ihn wirkten. Doch die grellbunten Wohnwagen der Kesselflicker erschienen ihm dagegen nicht real. Sie hatten etwas Flüchtiges an sich, ein Gefühl, sie könnten jeden Moment verschwimmen und sich auflösen. Sie blieben niemals lange am selben Ort, die Kesselflicker. Kein Flecken Erdboden konnte sie festhalten.

Er fragte sich, inwieweit der Erdboden ihn festhalten könne, und griff nach seiner Axt. Doch dann blickte er überrascht hinunter. In der Schlinge an seinem Gürtel hing der schwere Schmiedehammer anstatt der Axt. Er runzelte die Stirn. Einst hätte er den Hammer vorgezogen und hatte sogar geglaubt, er habe sich dafür entschieden, doch jetzt war davon nichts mehr übrig. Die Axt. Er hatte die Axt gewählt. Aus dem Hammerkopf wurde plötzlich die halbmondförmige Schneide mit dem dicken Dorn am oberen Teil, flackerte, wurde wieder zum wuchtigen, kalten Stahlzylinder und flackerte wieder in ständigem Wechsel. Schließlich aber blieb es seine Axt und er atmete tief durch. Das war noch nie zuvor geschehen. Hier konnte er alles mit Leichtigkeit ändern, jedenfalls die Dinge, die er bei sich trug. »Und ich will die Axt«, sagte er entschlossen. »Die Axt.« Er sah sich um und konnte im Süden gerade noch ein Bauernhaus erkennen. Wild äste auf dem Haferfeld, das von einer locker aufgeschichteten Steinmauer umgeben war. Er fühlte keine Wölfe in der Nähe, und so rief er Springer auch nicht. Der Wolf würde vielleicht kommen, vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise hörte er ihn gar nicht. Aber der Schlächter könnte sich durchaus irgendwo hier aufhalten. Mit einemmal zog ein gefüllter Köcher an seinem Gürtel gegenüber der Axt, und er hielt einen kräftigen Langbogen mit einem aufgelegten Hammerkopfpfeil in der Hand. Ein langer Lederschutz bedeckte seinen linken Unterarm. Nichts rührte sich außer den äsenden Tieren.