Выбрать главу

»Unwahrscheinlich, daß ich so schnell aufwache«, murmelte er in sich hinein. Was das auch sein mochte, was ihm Faile verpaßt hatte, es hatte ihn jedenfalls sofort einschlafen lassen. Daran erinnerte er sich ganz klar, als habe er über ihre Schulter hinweg zugesehen. »Hat mich damit gefüttert wie ein Baby«, grollte er. Frauen!

Er machte einen dieser langen Schritte, das Land um ihn herum verschwamm, und er trat auf den Hof vor einem Bauernhaus. Zwei oder drei Hühner rannten vor ihm davon; der von aufgeschichteten Steinen umgebene Schafpferch war leer, und die beiden strohgedeckten Scheunen waren verrammelt. Trotz der Vorhänge an den Fenstern erweckte das Wohnhaus einen Eindruck von Leere. Wenn dies ein echtes Spiegelbild der wirklichen Welt war, und das war der Wolfstraum schon auf seine eigene Weise, dann waren die Leute hier bereits seit Tagen weg. Faile hatte recht: Seine Warnung hatte sich überallhin verbreitet.

»Faile«, murmelte er staunend. Die Tochter eines Lords. Nein, nicht nur eines Lords. Dreimal Lord und dann noch General und Onkel der Königin. »Licht, damit ist sie ja die Cousine der Königin!« Und sie liebte einen einfachen Schmied. Frauen waren schon eigenartige Geschöpfe.

Er versuchte herauszubekommen, wie weit sich die Kunde verbreitet hatte, und ging mit diesen TraumRiesenschritten, jeder mehr als eine Meile lang, im Zickzack halb hinauf nach Devenritt und wieder zurück. Die meisten Höfe, die er zu sehen bekam, erweckten den gleichen leeren Eindruck. Weniger als ein Fünftel machten einen bewohnten Eindruck, zeigten offene Türen und hochgeschobene Fenster und Wäsche auf der Leine und Puppen oder Reifen oder geschnitzte Schaukelpferde, die auf der Schwelle herumlagen. Besonders die Spielsachen verursachten ihm Magenkrämpfe. Auch wenn sie seine Warnung nicht ernst genommen hatten, waren doch in der Nähe schon genügend Höfe niedergebrannt worden und hätten sie warnen müssen. Ihre Schutthaufen, verkohlten Balken und wie einsame, tote Finger aufragenden Schornsteine mahnten zur Vorsicht.

Er bückte sich, um eine Puppe mit lächelndem Glasgesicht und einem mit Blumen bestickten Kleid, das einer liebevollen Mutter sicher viel Mühe bereitet hatte, wieder aufzustellen, und dann riß er erstaunt die Augen auf. Die gleiche Puppe lag nach wie vor auf den Steinstufen, obwohl er sie aufgehoben hatte. Als er danach faßte, wurde die Puppe in seiner Hand durchscheinend und verschwand.

Aus dem Augenwinkel nahm er etwas Schwarzes am Himmel wahr und hatte keine Zeit mehr, sich über die Puppe zu wundern. Raben, zwanzig oder dreißig in einem Schwarm, flogen auf den Westwald zu. Ihre Richtung wies auf die Verschleierten Berge hin, wo er den Schlächter das erstemal gesehen hatte. Er beobachtete sie kalt, während sie zu kleinen schwarzen Flecken am Himmel wurden und verschwanden. Dann machte er sich auf den Weg, ihnen nach.

Lange Sätze führten ihn jedesmal mindestens fünf Meilen weit. Das Land verschwamm, außer in den kurzen Augenblicken des Stillstands dazwischen. Er befand sich im dichtesten Westwald mit seinem felsigen Untergrund, dann in den von Gestrüpp überwachsenen Sandhügeln und schließlich zwischen den wolkengekrönten Bergen, wo die Hänge und Täler mit Tannen und Kiefern und Lederblattbäumen bewaldet waren. Dann war er in dem Tal, in dem er zum erstenmal den Mann gesehen hatte, den Springer den Schlächter nannte, und an dem Abhang, auf dem er von Tear aus herausgekommen war.

Da stand das verschlossene Wegetor, auf dem das Avendesora-Blatt nur eines von unzähligen fein in Stein gehauenen Blättern und Ranken war. Verstreute Bäume, verwittert und vom Wind gebeugt, wuchsen auf der dünnen Schicht von Erdboden zwischen den glasierten Steinen, wo Manetheren zu Asche verbrannt war. Sonnenschein glänzte auf dem Wasser des Manetherendrelle unten im Tal. Eine leichte Brise brachte die Witterung nach Hirschen, Kaninchen und Füchsen bis zu ihm herauf. Nichts Sichtbares bewegte sich.

Er wollte schon weitergehen, da hielt er inne. Das Avendesora-Blatt. Ein Blatt nur. Loial hatte das Wegetor verschlossen, indem er beide Blätter auf dieser Seite angebracht hatte. Er drehte sich wieder um, und die Nackenhaare stellten sich ihm auf. Das Wegetor stand offen, beide Flügel wie dichtes lebendiges Grün, das sich im Wind sanft bewegte. Dazwischen zeigte sich diese mattsilberne Fläche, auf der sein Spiegelbild zu sehen war. Wie denn das? fragte er sich. Loial hat doch das verdammte Ding verschlossen!

Er war sich nicht bewußt, die Entfernung zurückgelegt zu haben, aber mit einemmal stand er direkt vor dem Wegetor. In dem üppigen Bewuchs auf der Innenseite der beiden Torflügel befand sich kein dreifingriges Blatt. Seltsam, daß er sich in diesem Augenblick vorstellte, wie in der Welt des Wachen irgend jemand oder irgend etwas gerade jetzt diesen Fleck passierte, auf dem er stand. Er berührte die matte Fläche und knurrte. Es hätte auch ein Spiegel sein können. Seine Hand glitt darüber wie über das glatteste Glas.

Aus dem Augenwinkel entdeckte er das Avendesora-Blatt, das sich plötzlich wieder an seinem Platz auf der Innenseite des Torflügels befand. Er sprang schnell zurück, als sich das Tor zu schließen begann. Jemand — oder etwas — war gerade herausgekommen oder hineingegangen. Heraus. Es muß herausgekommen sein. Er hätte so gern bezweifelt, daß es weitere Trollocs oder Myrddraal gewesen waren, die die Zwei Flüsse erreicht hatten. Die Torflügel verschmolzen miteinander und wurden wieder zu Steinfriesen.

Ein Gefühl, beobachtet zu werden, war alles an Warnung, was er erhielt. Er sprang vor. Ein fast nicht mehr sichtbarer schwarzer Schemen huschte durch den Fleck, an dem sich seine Brust eben noch befunden hatte — ein Pfeil. Ein weiter Satz, der die Welt wieder verschwimmen ließ, und er befand sich an einem weit entfernten Abhang, und dann rannte er weiter, aus dem Tal von Manetheren in ein Wäldchen aus hoch aufragenden Tannen, und weiter. Beim Laufen dachte er angestrengt nach. Er stellte sich das Tal vor und rief den kurzen Augenblick, in dem er den Pfeil gesehen hatte, in sein Gedächtnis zurück. Er war aus dieser Richtung gekommen, in diesem Winkel, als er ihn erreichte, also mußte er von...

Ein letzter Satz brachte ihn zurück auf einen Hang über dem Grab Manetherens. Er kauerte zwischen dürren, windgebeugten Kiefern und hielt den Bogen schußbereit in den Händen. Dort unter ihm, zwischen den verkrüppelten Bäumen und Felsblöcken, war der Pfeil abgeschossen worden. Der Schlächter mußte sich irgendwo dort befinden. Er mußte dort...

Ohne lange nachzudenken, sprang Perrin davon. Die Berge wurden zu grauen und braunen und grünen Schlieren.

»Beinahe«, grollte er. Beinahe hätte er wieder den gleichen Fehler begangen wie im Wasserwald und geglaubt, der Gegner werde sich seinen Wünschen entsprechend bewegen, werde dort auf ihn warten, wo er ihn haben wollte.

Diesmal rannte er, so schnell er nur konnte. Drei blitzschnelle Schritte brachten ihm zum Rand der Sandhügel, in der Hoffnung, nicht gesehen worden zu sein. Diesmal umging er den Ort des Überfalls in weitem Bogen und kehrte viel weiter oben an denselben Berghang zurück, oben, wo die Luft dünner und kalt war und die wenigen übriggebliebenen Bäume wie geduckte Büsche mit dicken Stämmen kauerten, mindestens fünfzig Schritt voneinander entfernt, oben, hoch über einem Punkt, an dem ein Mann sich versteckt haben würde, der einen anderen beobachten wollte, der sich wiederum an den Ort anschleichen wollte, von wo der Pfeil hergekommen war.