»Du bist hübsch, wenn du schmollst«, sagte sie. Und dann kniff sie ihn in die Nase.
Ila, die an diesem Morgen eine grüne Bluse und einen blauen Rock trug, kletterte mit seinem Wams und Hemd in den Wagen. Beides war gewaschen und geflickt worden. Es ärgerte ihn, daß er die Hilfe beider Frauen benötigte, um sich anzuziehen. Er mußte sich sogar beim Hinsetzen helfen lassen! Dann hatten sie ihm endlich Wams und Hemd übergezogen, aber Knöpfe und Bändel waren offen, damit nichts auf die Pfeilspitze drücken konnte.
»Danke schön, Ila«, sagte er, als er die sauber geflickten Stellen befühlte. »Das ist gute Arbeit.« »Stimmt«, meinte sie daraufhin. »Faile kann gut mit der Nadel umgehen.« Faile lief rot an, und er grinste. Denn er mußte daran denken, wie vehement sie ihm erklärt hatte, sie werde niemals seine Kleider flicken. Doch ansonsten hielt er sich zurück, da er in ihren Augen ein gewisses Glitzern bemerkte. Manchmal war Schweigen die bessere Lösung. Also sagte er, statt sich zu amüsieren, lieber ernsthaft: »Ich danke dir, Faile.« Nun lief sie noch dunkler an.
Sobald sie ihn einmal auf den Beinen hatten, erreichte er die Tür ganz gut, doch die beiden Frauen mußten ihn stützen, damit er es die Holztreppe hinunter schaffte. Wenigstens waren die Pferde gesattelt, und alle Burschen von den Zwei Flüssen hatten sich mit übergehängten Bögen versammelt. Ihre Gesichter und Kleider waren sauber, und man sah auch nur ein paar Bandagen an unbedeckten Körperstellen.
Eine Nacht bei den Tuatha'an hatte ihnen offensichtlich gut getan und die Moral gehoben, selbst bei denen, die selbst jetzt noch aussahen, als könnten sie keine hundert Schritt weit laufen. Die Angst, die noch gestern in ihren Augen gestanden hatte, war zu einem bloßen Schatten geworden. Wil hatte in jedem Arm natürlich ein Kesselflickermädchen mit großen, verliebten Augen, und Ban Lewin mit der langen Nase und einer Bandage um die Stirn, die sein dunkles Haar wie eine Bürste hochstehen ließ, hielt mit schüchternem Lächeln die Hand eines anderen Mädchens in der seinen. Die meisten der anderen hielten dagegen Schalen mit Gemüseeintopf und Löffel in den Händen und schaufelten eifrig drauflos.
»Das ist gut, Perrin«, sagte Dannil und gab einer Kesselflickerfrau seine leere Schale zurück. Sie hielt die Schale kurz hoch und sah ihn fragend an, um festzustellen, ob dieser bohnenstangenlange Bursche mehr haben wolle, aber er schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube, ich kann gar nicht genug davon kriegen. Du auch?« »Ich bin voll«, sagte Perrin säuerlich. Zerdrücktes Gemüse und Brühe dazu. Ba!
»Gestern abend haben die Kesselflickermädchen getanzt«, sagte Dannils Cousin Tell mit großen Augen. »Alle unverheirateten Frauen und sogar einige der verheirateten! Du hättest es sehen sollen, Perrin.« »Ich habe die Kesselflickerfrauen schon tanzen sehen, Tell.« Offensichtlich waren seine Gefühle in dieser Beziehung aus seinen Worten herauszuhören, denn Faile sagte trocken: »Du hast die Tiganza gesehen, nicht wahr? Wenn du lieb bist, werde ich vielleicht eines Tages die Sa'sara für dich tanzen und dir zeigen, was wirkliches Tanzen ist.« Ila schnappte nach Luft, da sie die Bezeichnung anscheinend kannte, und dann lief Faile noch dunkler an als zuvor im Wagen.
Perrin schürzte die Lippen. Falls diese Sa'sara das Herz noch stärker zum Klopfen brachte als der schwingende, hüftbetonte Tanz der Kesselflickerfrauen — die Tiganza, so hieß er wohl —, dann würde er den Tanz ganz gewiß von Faile sehen wollen. Doch er vermied es, sie anzublicken.
Raen kam zu ihnen herüber. Er trug dasselbe hellgrüne Wams, aber eine Hose, deren Rot kräftiger leuchtete als jedes, das Perrin zuvor in seinem Leben erblickt hatte. Er bekam von dieser Farbkombination Kopfschmerzen. »Zweimal habt Ihr unsere Feuer besucht, Perrin, und zum zweitenmal geht Ihr ohne ein Abschiedsfest. Ihr müßt bald wiederkommen, damit wir das nachholen können.« Er löste sich aus Failes und Ilas Griff — wenigstens konnte er allein stehen — und legte dem drahtigen, kleinen Mann eine Hand auf die Schulter. »Kommt mit uns, Raen. Niemand in Emondsfeld wird Euch etwas antun. Und auch im schlimmsten Fall ist es dort sicherer als hier draußen, wenn Trollocs in der Nähe sind.« Raen zögerte, doch dann schüttelte er sich und murmelte: »Ich weiß nicht, wie Ihr mich überhaupt dazu bringt, mir solche Sachen auch nur zu überlegen.« Er wandte sich um und sagte laut: »Leute, Perrin hat uns gebeten, mit zu seinem Dorf zu kommen, wo wir vor den Trollocs sicher wären. Wer möchte mitgehen?« Erschrockene Gesichter blickten ihn an. Einige Frauen holten ihre Kinder heran, und die verbargen sich hinter ihren Röcken, als ängstigten sie sich bereits vor diesem Vorschlag. »Seht Ihr, Perrin?« sagte Raen. »Für uns liegt die Sicherheit nicht in Dörfern, sondern in der Bewegung.
Ich versichere Euch, wir werden keine zwei Nächte am selben Ort verbringen und den ganzen Tag weiterziehen, bevor wir wieder lagern.« »Das genügt wahrscheinlich nicht, Raen.« Der Mahdi zuckte die Achseln. »Eure Anteilnahme erwärmt mein Herz, doch wir sind in Sicherheit, wenn das Licht es so will.« »Der Weg des Blatts besteht nicht nur darin, keine Gewalt auszuüben«, sagte Ila mit sanfter Stimme, »sondern auch zu akzeptieren, was geschieht. Das Blatt fällt ohne Klage, wenn seine Zeit gekommen ist. Solange birgt uns das Licht und gibt uns Sicherheit.« Perrin hätte sich gern mit ihnen gestritten, aber unter all der Wärme und dem Mitgefühl auf ihren Mienen lag eiserne Entschlossenheit. Er glaubte, eher könne er noch Bain und Chiad und selbst Gaul dazu bringen, hübsche Kleider anzuziehen und den Speer aufzugeben, als diese Leute zum Nachgeben.
Raen schüttelte Perrin die Hand, und auf dieses Zeichen hin umarmten die Kesselflickerfrauen die jungen Burschen von den Zwei Flüssen und sogar Ihvon. Die Männer schüttelten den Abreisenden die Hände und alle lachten, sagten sich auf Wiedersehen, wünschten einander eine gute Reise und drückten ihre Hoffnung aus, sich bald wiederzusehen. Jedenfalls die meisten Männer. Aram stand an der Seite, die Hände in die Taschen gesteckt und mit finsterer Miene. Perrin erschien er ziemlich launisch, und das war eigenartig bei einem Kesselflicker.
Die Männer gaben sich bei Faile nicht mit einem Händeschütteln zufrieden, sondern umarmten und drückten sie. Perrin verzog das Gesicht nicht, und als einige der jüngeren Männer den Abschied etwas zu enthusiastisch ausfallen ließen, knirschte er nur ein wenig mit den Zähnen, brachte aber sogar noch ein Lächeln zustande. Er wurde dagegen von keiner Frau in die Arme genommen, die viel jünger als Ila gewesen wäre. Irgendwie brachte Faile es fertig, ihn selbst dann noch wie eine scharfe Dogge zu bewachen, wenn ein magerer, grellbunt gekleideter Kesselflicker seine Arme um sie legte und sich bemühte, sie plattzudrücken. Frauen, die noch kein Grau im Haar zeigten, warfen einen Blick auf ihr Gesicht und suchten sich dann jemand anderen aus. Derweil schien Wil es geschafft zu haben, jede Frau im Lager zu küssen. Ban mit seiner langen Nase brachte das ebenfalls fertig. Sogar Ihvon schien das Ganze Spaß zu machen! Es würde Faile recht geschehen, wenn ihr einer dieser Kerle eine Rippe brach.
Endlich traten die Kesselflicker zurück, bis auf Raen und Ila, und um die Männer von den Zwei Flüssen herum entstand ein freier Raum. Der drahtige, grauhaarige Mann verbeugte sich förmlich, die Hände auf der Brust gekreuzt. »Ihr kamt in Frieden. So geht nun wieder in Frieden. Ihr werdet immer an unseren Feuern willkommen sein. Der Weg des Blatts ist der Friede.« »Der Friede sei immer mit Euch«, erwiderte Perrin, »und mit allen von Eurem Volk.« Licht, hilf ihnen! »Ich werde das Lied finden, oder ein anderer wird es finden, aber es wird gesungen werden, ob in einem Jahr oder in späteren Jahren.« Er fragte sich, ob es dieses Lied überhaupt jemals gegeben hatte, oder ob die Tuatha'an ihre Reise auf der Suche nach etwas ganz anderem begonnen hatten. Elyas hatte ihm erzählt, daß sie selbst nicht wüßten, welches Lied sie suchten, aber wenn sie es gefunden hatten, würden sie es wissen. Laß sie wenigstens Sicherheit finden. Wenigstens das! »Wie es einst war, so soll es wieder sein, eine Welt ohne Ende.« »Eine Welt ohne Ende«, murmelten die Tuatha'an ernst im Chor. »Welt und Zeit enden nie.« Ein paar letzte Umarmungen und noch ein wenig Händeschütteln, während Ihvon und Faile Perrin auf Traber hinaufhalfen. Wil bekam noch ein paar Abschiedsküsse. Und Ban auch. Ban! Sogar seine Nase küßten sie! Andere, die am schwersten Verwundeten, wurden vorsichtig auf ihre Pferde gehoben. Die Kesselflicker winkten ihnen zum Abschied zu wie alten Nachbarn, die eine lange Reise antraten.