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Raen kam heran und schüttelte Perrin noch einmal die Hand. »Wollt Ihr es Euch nicht doch noch überlegen?« fragte Perrin. »Ich erinnere mich noch daran, wie Ihr einmal gesagt habt, das Böse breite sich in der Welt aus. Es wird immer schlimmer, Raen, und gerade hier.« »Friede sei mit Euch, Perrin«, antwortete Raen lächelnd.

»Und mit Euch«, sagte er traurig.

Die Aiel tauchten erst auf, als sie sich eine Meile nördlich des Lagers der Kesselflicker befanden. Bain und Chiad sprachen mit Faile und trabten nach vorn an ihren gewohnten Platz. Perrin war nicht ganz klar, was sie glaubten, das mit Faile bei den Tuatha'an geschehen sein mochte.

Gaul schritt mühelos neben Traber einher. Sie bewegten sich sowieso nicht sehr schnell, da fast die Hälfte aller Männer zu Fuß gehen mußte. Er blickte Ihvon kalkulierend an, bevor er sich Perrin zuwandte. »Was ist mit deiner Verwundung?« Seine Wunde brannte fürchterlich. Jeder Schritt seines Pferds erschütterte die Pfeilspitze. »Mir geht's gut«, sagte er, ohne mit den Zähnen zu knirschen. »Vielleicht veranstalten wir heute abend einen Dorftanz in Emondsfeld. Und du? Hast du die Nacht damit verbracht, den ›Kuß der Jungfrau‹ zu spielen?« Gaul stolperte und wäre fast auf die Nase gefallen. »Was ist los?« »Von wem hast du diese Bezeichnung gehört?« fragte der Aielmann leise, wobei er stur geradeaus blickte.

»Von Chiad. Warum?« »Chiad«, knurrte Gaul. »Die Frau ist eine Goshien. Goshien! Ich sollte sie als Gai'schain zur Heißquellenfestung zurückbringen.« Die Worte klangen zornig, doch sein eigenartiger Tonfall nicht. »Chiad.« »Sagst du mir vielleicht, was los ist?« »Ein Myrddraal ist weniger schlau als eine Frau«, sagte Gaul mit ausdrucksloser Stimme, »und ein Trollocs hat im Kampf noch mehr Ehre im Leib.« Einen Augenblick später fügte er in zornigem Tonfall hinzu: »Und ein Ziegenbock hat mehr Verstand als ich.« Er beschleunigte seine Schritte und lief nach vorn zu den beiden Töchtern des Speers. Er sprach aber nicht mit ihnen, wie Perrin feststellte, sondern lief nur neben ihnen her.

»Habt Ihr etwas davon verstanden?« fragte Perrin Ihvon. Der Behüter schüttelte den Kopf.

Faile schnaubte. »Wenn er glaubt, ihnen Schwierigkeiten bereiten zu müssen, dann werden sie ihn an den Beinen an einem Ast aufhängen, bis er abgekühlt ist.« »Hast du es vielleicht verstanden?« fragte Perrin. Sie ging neben ihm weiter, ohne ihn anzusehen oder zu antworten. Er glaubte zu verstehen, daß sie auch nicht mehr wisse als er. »Ich glaube, ich sollte später mal wieder Raens Lager besuchen. Es ist schon lange her, seit ich sie die Tiganza tanzen sah. Es war... interessant.« Sie knurrte leise etwas vor sich hin, doch er verstand ihre Worte recht gut: »Dich sollte man auch mal an den Beinen aufhängen, bis du abkühlst.« Er lächelte auf ihren Kopf hinunter. »Aber das muß ich ja gar nicht. Du hast ja versprochen, diese Sa'sara für mich zu tanzen.« Ihr Gesicht lief knallrot an. »Ist das was Ähnliches wie die Tiganza? Ich meine, sonst wäre es ja witzlos.« »Du hirnloser Klotz!« fuhr sie ihn an. Sie blickte böse zu ihm auf. »Männer haben schon ihr Herz und Ihr Vermögen Frauen zu Füßen gelegt, die die Sa'sara tanzten. Falls Mutter auch nur vermutete, daß ich sie beherrsche... « Ihr Mund klappte zu, als habe sie schon zuviel gesagt, und ihr Kopf fuhr schnell herum, damit sie wieder geradeaus blickte. Doch vom Haaransatz bis hinunter zum Ausschnitt ihres Kleides sah Perrin nur Hochrot.

»Dann hast du leider keinen Grund, sie zu tanzen«, sagte er leise. »Mein Herz und mein Vermögen, soweit ich das habe, liegen dir ja sowieso schon zu Füßen.« Faile stolperte. Dann lachte sie leise und preßte ihre Wange an seine gestiefelte Wade. »Du bist zu schlau für mich«, murmelte sie. »Eines Tages tanze ich sie für dich und bringe das Blut in deinen Adern zum Kochen.« »Das schaffst du auch so schon«, sagte er, und sie lachte wieder. Sie griff hinter dem Steigbügel zu und umarmte sein Bein im Weitergehen.

Nach einer Weile half aber selbst die Vorstellung nicht mehr gegen die Schmerzen, daß Faile für ihn tanze. Sicher, so schloß er aus dem Tanz der Kesselflickerfrauen, mußte ihr Tanz noch etwas weiter gehen, aber die Schmerzen waren jetzt einfach zu stark. Jeder Schritt, den Traber tat, war die reinste Folter für ihn. Er hielt sich trotzdem aufrecht. In dieser Stellung schienen die Schmerzen ein ganz klein wenig schwächer. Außerdem wollte er vor den anderen besser dastehen und ihnen die gute Laune nicht verderben, die ihnen die Tuatha'an vermittelt hatten. Auch die anderen Männer saßen hochaufgerichtet in den Sätteln, selbst diejenigen, die sich noch am Vortag zusammengekrümmt an die Sattelhörner geklammert hatten. Und Ban und Dannil und die anderen schritten mit hocherhobenen Köpfen einher. Er würde doch nicht der erste sein, der wieder in sich zusammensackte.

Wil begann, ›Heimkehr vom Tarwin-Paß‹ zu pfeifen. Drei oder vier andere fielen schnell ein. Nach einer Weile dann fing Ban an, mit seiner tiefen, klaren Stimme zu singen:

»Die Heimat wartet dort auf mich

und das Mädchen, das ich gefreit.

Oh, liebstes Herzblut, halte dich

für meine Rückkehr bereit!

Es blitzt der Schalk in ihren Augen,

ihre Küsse brennen so heiß.

Die warmen Lippen zur Liebe taugen.

Sie ist der größte Schatz, den ich weiß.«

Bei der zweiten Strophe fielen noch mehr ein, bis schließlich alle sangen, selbst Ihvon. Und Faile. Aber Perrin natürlich nicht. Man hatte ihm oft genug gesagt, daß sein Singen wie das Quaken eines Frosches klang, auf den jemand tritt. Ein paar marschierten sogar im Rhythmus des Gesangs.

»›Ich habe den Paß von Tarwin gesehn

und hörte der Trollocs Geheule.

Ich blieb trotz des Myrddraals Angriff stehn,

schwang gegen den Halbmensch die Keule.

Doch mein Herz klopft, denk ich an meine Süße

und an ihre verheißungsvollen Küsse... «

Perrin schüttelte den Kopf. Noch vor einem Tag wären sie am liebsten weggelaufen und hätten sich versteckt. Heute sangen sie von einer Schlacht, die schon so lang her war, daß in den Zwei Flüssen außer in diesem Lied niemand mehr davon wußte. Vielleicht wurden langsam Soldaten aus ihnen. Das war auch notwendig, falls es ihm nicht gelang, das Wegetor wieder zu verschließen.

Nun wurden die Bauernhöfe wieder häufiger, standen näher beieinander, und schließlich zogen sie auf einem befestigten Weg zwischen heckengesäumten oder von niedrigen, aufgeschichteten Mauern geschützten Feldern weiter. Die Höfe waren verlassen. Keiner hier klammerte sich unbedingt an sein Land.