Sie erreichten die Alte Straße, die vom Norden her vom Weißen Fluß — dem Manetherendrelle — über Devenritt nach Emondsfeld führte, und jetzt sahen sie endlich auch wieder Schafe auf der Weide, große Herden, als habe man die Schafherden eines Dutzends von Züchtern zusammengetrieben, und mit zehn Schäfern, wo normalerweise einer genügt hätte. Dazu waren die Hälfte davon auch noch erwachsene Männer. Mit Bogen bewaffnete Schäfer beobachteten ihren Vorbeizug und konnten offensichtlich nicht verstehen, wieso sie aus voller Kehle sangen.
Dafür wußte Perrin nichts mit dem ersten Anblick von Emondsfeld anzufangen, der sich ihnen bot. Den anderen Männern von den Zwei Flüssen ging es ebenso. Ihr Gesang wurde zögernd und erstarb.
Die Bäume, Zäune und Hecken in der direkten Umgebung des Dorfs waren weg. Man hatte sie entfernt. Die Häuser am westlichen Ende Emondsfelds hatten einst unter den ersten Bäumen des Westwalds gestanden. Die Eichen und Lederblattbäume zwischen den Häusern standen noch, aber der Waldrand war nun fünfhundert Schritt entfernt, gerade die Schußweite eines guten Langbogens, und die Äxte der Männer hackten laut auf weitere Bäume ein, die ebenfalls noch gefällt wurden. Eine Reihe hüfthoher, schräg in den Boden gerammter Pfähle nach der anderen säumte nun das Dorf, von den Häusern aus bis weit in die freie Fläche hinein. Es wirkte wie eine gewaltige Dornenhecke, die nur dort eine Unterbrechung aufwies, wo die Straße in das Dorf hineinführte. In Abständen waren hinter den Pfählen Wachen aufgestellt worden. Ein paar der Männer trugen Teile alter Rüstungen oder Lederwesten, auf die man rostige Stahlscheiben genäht hatte. Einige wenige hatten zerbeulte alte Stahlkappen auf den Köpfen. Bewaffnet waren sie mit Saufedern oder Hellebarden, die sie wohl in ihren Speichern ausgegraben hatten, oder mit Buschhaken, die sie einfach auf lange Stangen gesteckt hatten. Andere Männer und Jungen saßen mit Bögen bewaffnet auf den strohgedeckten Dächern. Als sie Perrin und die anderen kommen sahen, standen sie auf und riefen den Leuten unten die Neuigkeit zu.
Neben der Straße und ein Stück hinter den Pfählen stand eine Vorrichtung aus Holz und dicken, gezwirbelten Tauen, und daneben lag ein Stapel von mehr als kopfgroßen Steinen. Ihvon bemerkte, daß Perrin die Stirn verständnislos runzelte, als sie näher kamen. »Katapult«, sagte der Behüter. »Bisher haben sie sechs davon. Eure Zimmerleute wußten, was sie zu tun hatten, nachdem Tomas und ich es ihnen einmal gezeigt hatten. Die Pfähle werden die angreifenden Trollocs oder auch Weißmäntel zurückhalten, gleich, wer von ihnen nun kommt.« Er hätte, seinem Tonfall nach, genauso über das Wetter sprechen können.
»Ich sagte dir doch, daß sich dein Dorf auf die Verteidigung vorbereitet.« Faile machte einen wild entschlossenen und stolzen Eindruck, gerade so, als sei es ihr Dorf. »Harte-Menschen in einer so sanften Landschaft. Sie könnten fast aus Saldaea kommen. Moiraine hat ja immer behauptet, daß hier das Blut von Manetheren noch seine Wirkung zeige.« Perrin konnte da nur den Kopf schütteln.
Auf den ausgetretenen Lehmstraßen des Dorfes herrschte ein Betrieb wie in einer Stadt. Die Lücken zwischen den Häusern waren angefüllt mit abgestellten Wagen und Karren, und durch die geöffneten Türen und Fenster sah er noch mehr Menschen. Die Menge teilte sich vor Ihvon und den Aiel und sie wurden die Straße entlang von verhaltenem Gemurmel begleitet.
»Da ist Perrin Goldauge.« »Perrin Goldauge.« »Perrin Goldauge.« Er wünschte, sie sprächen nicht so über ihn. Diese Leute kannten ihn doch, jedenfalls die meisten. Was glaubten sie denn? Da war Neysa Ayellin mit dem Pferdegesicht, die ihm den zehnjährigen Hintern versohlt hatte, als Mat ihn überredet hatte, einen ihrer Stachelbeerkuchen zu klauen. Und dort stand Cilia Cole mit ihren roten Wangen und den großen Augen. Sie war das erste Mädchen gewesen, das er je geküßt hatte, und sie war immer noch an den richtigen Stellen mollig. Und Pel Aydaer stand neben ihr, immer noch die Pfeife im Mund und jetzt mit einem Kahlkopf ausgestattet. Er hatte Perrin beigebracht, wie man mit bloßen Händen Forellen fängt. Daise Congar höchstpersönlich stand an der Straße, eine große, breitgebaute Frau, neben der sogar Alsbet Luhhan sanft wirkte. Sie überragte wie immer ihren hageren Ehemann Wit. Und alle blickten ihn an und flüsterten den von außerhalb stammenden Leuten einiges zu, die vielleicht nicht wußten, wer er war. Als der alte Cenn Buie einen kleinen Jungen auf seine Schultern hob, auf Perrin deutete und ganz begeistert mit dem Kind sprach, stöhnte Perrin frustriert. Die waren doch alle verrückt geworden!
Die Leute liefen hinter Perrin und den anderen her, umringten sie sogar, in einer von Gemurmel begleiteten Prozession. Hühner rannten gackernd vor ihnen weg. Blökende Kälber und quiekende Schweine in den Ställen hinter den Häusern wetteiferten mit dem Lärm, den die Menschen da veranstalteten. Schafe drängten sich auf dem Anger und schwarzweiße Milchkühe grasten neben grauen und weißen Gänsen.
Und in der Mitte des Angers stand ein hoher Mast, an dem eine weiße Flagge mit rotem Rand träge im leichten Wind flatterte. Auf der Flagge war ein roter Wolfskopf abgebildet. Er sah Faile an, doch die schüttelte genauso überrascht wie er den Kopf.
»Ein Symbol.« Perrin hatte gar nicht bemerkt, daß Verin sich ihnen näherte, obwohl er nun auch gedämpftes Geflüster von einer ›Aes Sedai‹ hörte, das sie begleitete. Ihvon wirkte nicht überrascht. Die Menschen sahen sie mit großen Augen voller Ehrfurcht an.
»Die Menschen brauchen Symbole«, fuhr Verin fort und legte eine Hand auf Trabers Schulter. »Als Alanna ein paar Dorfbewohnern erzählte, wie sehr die Trollocs Wölfe fürchten, schien jeder die Flagge für eine tolle Idee zu halten. Euch gefällt es nicht, Perrin?« War das Sarkasmus in ihrer Stimme? Ihre dunklen Augen blickten vogelähnlich zu ihm auf. Ein Vogel, der einen Wurm betrachtet?
»Ich frage mich, was Königin Morgase davon hält«, sagte Faile. »Das hier ist ein Teil Andors. Königinnen haben es meist nicht sehr gern, wenn auf ihrem Gebiet eine fremde Flagge gehißt wird.« »Das sind doch nur Linien auf einer Landkarte«, sagte Perrin zu ihr. Es tat gut, stillzusitzen. Das von der Pfeilspitze ausgehende Pochen schien etwas nachgelassen zu haben. »Ich wußte noch nicht einmal, daß wir ein Teil Andors sein sollen, bis ich nach Caemlyn kam. Ich bezweifle, daß viele Menschen hier darüber Bescheid wissen.« »Herrscher haben die Angewohnheit, den Landkarten Glauben zu schenken, Perrin.« Es gab keinen Zweifel an dem Sarkasmus in Failes Stimme. »Als ich noch ein Kind war, gab es Teile von Saldaea, wo die Leute fünf Generationen lang keinen Steuereinnehmer mehr gesehen hatten. Sobald Vater aber in der Lage war, seine Aufmerksamkeit eine Weile lang von der Grenze zur Fäule abzuwenden, ließ Tenobia sie wissen, wer ihre Königin sei.« »Das hier sind die Zwei Flüsse und nicht Saldaea«, sagte er grinsend. Es klang ja ziemlich wild, was sie so von Saldaea erzählte. Als er sich wieder Verin zuwandte, wurde aus dem Grinsen schnell eine finstere Miene. »Ich glaubte, Ihr wolltet... verbergen... wer Ihr seid.« Er war nicht in der Lage, zu unterscheiden, was ihn mehr beunruhigte: eine heimliche Aes Sedai oder eine, die der Öffentlichkeit bekannt war.
Die Hand der Aes Sedai schwebte eine Handbreit über der abgebrochenen Pfeilspitze, die in seiner Seite steckte. Die Umgebung der Wunde kitzelte ein wenig. »Oh, das sieht gar nicht gut aus«, murmelte sie. »Steckt in der Rippe drin und ist trotz der Salbe etwas infiziert. Ich glaube, da muß Alanna ran.« Sie blinzelte und zog die Hand weg. Das Kitzeln verflog daraufhin auch. »Was? Geheimhalten? Oh. Bei alledem, was hier los ist, konnten wir es kaum geheimhalten. Ich denke schon, daß wir hätten... abreisen können. Aber das hättet Ihr nicht gewünscht, oder?« Da war wieder dieser berechnende Raubvogelblick.