»Ich hoffe, er kommt bald zurück«, fuhr Elam fort. »Er hat mir gezeigt, wie man mit dem Schwert umgeht. Wußtest du, daß er ein Jäger des Horns ist? Und er wäre König, wenn er seine Rechte beanspruchen könnte. König von Andor, wie es heißt.« »Andor hat nur Königinnen«, murmelte Perrin geistesabwesend, wobei er Failes Blick suchte, »und niemals Könige.« »Also ist er nicht hier«, sagte sie. Gaul verlagerte sein Gewicht ein wenig. Er wirkte, als wolle er sich sofort auf die Suche nach Luc machen. Seine Augen waren wie blaues Eis. Es hätte Perrin nicht überrascht, hätten sich Bain und Chiad auf der Stelle verschleiert.
»Nein«, sagte Verin, ganz in ihre Notizen versunken. »Nicht, daß er nicht manchmal eine Hilfe gewesen wäre, aber er hat so eine Art, Schwierigkeiten heraufzubeschwören, kaum daß er da ist. Gestern zum Beispiel hat er, bevor irgend jemand wußte, was er vorhatte, eine Delegation hinausgeführt zu einer Patrouille der Weißmäntel und ihnen mitgeteilt, daß Emondsfeld für sie geschlossen sei. Offensichtlich hat er ihnen auch erklärt, sie dürften nicht näher herankommen als bis auf zehn Meilen Entfernung. Ich halte nichts von den Weißmänteln, aber ich glaube nicht, daß sie erfreut waren. Es ist nicht gut, sie mehr als notwendig gegen uns aufzubringen.« Sie runzelte die Stirn über ihren letzten Notizen, rieb sich die Nase und schien nicht einmal zu bemerken, daß sie einen Tintenschmierer darauf hinterließ.
Perrin war es gleich, was die Weißmäntel davon hielten. »Gestern«, hauchte er. Wenn Luc gestern ins Dorf zurückgekommen war, konnte er nichts mit den Trollocs zu tun gehabt haben, die sich so plötzlich an einem unerwarteten Ort befunden hatten. Je mehr Perrin darüber nachdachte, wie dieser Hinterhalt zustande gekommen war, desto sicherer war er, daß die Trollocs sie erwartet hatten. Und desto lieber hätte er Luc die Schuld daran gegeben. »Der Wunsch macht aus einem Stein noch keinen Käse«, murmelte er. »Aber er riecht nach Käse, wenn ich mich nicht täusche.« Dav und die beiden anderen blickten einander befremdet an. Perrin glaubte, daß sie einfach aus seinen Worten nicht schlau wurden.
»Es waren vor allem welche von den Coplins«, sagte der dritte Bursche mit überraschend tiefer Stimme. »Darl und Hari und Dag und Ewal. Und Wit Congar. Daise hat mit ihm deshalb ganz schön Krach gemacht.« »Ich hatte gehört, sie hätten die Weißmäntel so gern?« Perrin kam der Bursche mit der Baßstimme bekannt vor. Er war zwei oder drei Jahre jünger als Elam und Dav, aber ein paar Fingerbreit größer, hatte ein hageres Gesicht, aber breite Schultern.
»Das schon.« Der Bursche lachte. »Du kennst sie ja. Sie neigen grundsätzlich zu allem, was den anderen die größtmöglichen Schwierigkeiten bereitet. Seit Lord Luc mit ihnen geredet hat, sind sie alle dafür, nach Wachhügel zu marschieren und den Weißmänteln zu sagen, sie sollten sich von den Zwei Flüssen fortscheren. Zumindest sind sie dafür, daß jemand anders dorthin marschiert. Ich denke, sie wollen sich im Moment der Mehrheit wieder anschließen.« Wenn dieses Gesicht runder gewesen wäre und sich einen Fuß näher am Boden befände... »Ewin Finngar!« rief Perrin mit einemmal. Das konnte fast nicht sein; Ewin war ein stämmiger kleiner Nichtsnutz, der sich immer dort hineindrängte, wo die älteren Jungen sich trafen. Dieser Junge dort würde genauso groß oder noch größer als er sein, wenn er mit Wachsen aufhörte. »Bist du das tatsächlich?« Ewin nickte und grinste breit. »Wir haben soviel von dir gehört, Perrin!« sagte er mit dieser verblüffenden Baßstimme. »Wie du gegen Trollocs gekämpft und alle möglichen Abenteuer erlebt hast draußen in der weiten Welt. So was erzählt man sich halt. Ich darf dich doch immer noch Perrin nennen, oder?« »Licht, ja, natürlich!« fauchte Perrin. Er hatte wirklich die Nase voll von diesem Goldauge-Getue.
»Ich wünschte, ich wäre letztes Jahr mit dir gekommen.« Dav rieb sich im Eifer die Hände. »Mit Aes Sedai und Behütern und einem Ogier heimkehren!« Es klangt als zähle er Trophäen auf. »Alles, was ich tue, ist Kühe hüten und Kühe melken und dann wieder Kühe hüten und Kühe melken. Dazwischen darf ich mit dem Rechen arbeiten und Holz hacken, damit ich Abwechslung habe. Du hast dagegen Glück gehabt.« »Wie war es denn?« fragte Elam atemlos. »Alanna Sedai hat gesagt, du wärst bis oben an die Große Fäule gekommen, und ich habe außerdem gehört, du seist schon in Caemlyn und Tear gewesen. Wie ist das Leben in einer Stadt? Stimmt es, daß sie zehnmal so groß wie Emondsfeld sind? Hast du ein richtiges Schloß gesehen? Gibt es Schattenfreunde in den Städten? Ist die Fäule wirklich voll von Trollocs und Blassen und Behütern?« »Hast du diese Narbe von einem Trolloc?« Trotz dieser mächtigen Stimme wirkte Ewin doch noch wie der aufgeregte kleine Frechdachs von einst. »Ich möchte auch gern eine Narbe haben. Hast du schon eine Königin gesehen? Oder einen König? Ich glaube, ich würde lieber eine Königin kennenlernen, aber ein König wäre auch toll. Wie ist es in der Weißen Burg? Ist sie so groß wie ein Palast?« Faile lächelte amüsiert, aber Perrin war verdutzt über diesen Frontalangriff. Hatten sie denn die Trollocs in jener Winternacht schon ganz vergessen und die draußen auf dem Land, die jetzt ihr Unwesen trieben? Elam hielt seinen Schwertgriff gepackt, als wolle er im nächsten Moment zur Fäule aufbrechen, und Dav stand beinahe auf Zehenspitzen. Seine Augen glitzerten richtig. Ewin wirkte, als wolle er Perrin am Kragen packen. Abenteuer? Sie waren rechte Idioten. Und doch standen ihnen schwere Zeiten bevor, schwerere, als die Zwei Flüsse jemals erlebt hatten, wie Perrin befürchtete. Es würde nicht schaden, wenn es noch ein wenig dauerte, bevor sie die brutale Wahrheit kennenlernten.
Seine Seite schmerzte, doch er bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie schienen enttäuscht davon, daß er die Weiße Burg nicht gesehen hatte und auch weder einen König noch eine Königin. Er glaubte wohl, Berelain sei ja auch eine Art von Königin, aber da Faile zugegen war, wollte er sie lieber nicht erwähnen. Er scheute auch vor einigen anderen Dingen zurück: Falme, das Auge der Welt, die Verlorenen und Callandor. Das waren gefährliche Themen, die letzten Endes direkt zum Wiedergeborenen Drachen hinführten. Aber ein wenig über Caemlyn erzählen konnte er gefahrlos, und dann erzählte er weiter von Tear und den Grenzlanden und der Fäule. Es war eigenartig, was sie so einfach hinnahmen und was nicht. So schnappten sie fasziniert alles über die vom Verderben gezeichnete Landschaft der Fäule auf und wie sie zu verrotten schien, noch während man zusehen konnte, und das von den schienarischen Soldaten mit ihrem Haarknoten, den Ogier-Stedding, in denen die Aes Sedai die Macht nicht benutzen konnten und die von Blassen nur sehr zögernd betreten wurden... Aber die Ausmaße des Steins von Tear oder die enorme Größe der Städte...