Über seine eigenen angeblichen Abenteuer sagte er nur: »Zur Hauptsache war ich damit beschäftigt, zu verhindern, daß man mir den Kopf abschlägt. Daraus bestehen Abenteuer, und daraus, mühsam einen Schlafplatz für die Nacht ausfindig zu machen und etwas zum Essen zu beschaffen. Wenn man Abenteuer erlebt, muß man ziemlich oft hungern und im Kalten und Feuchten schlafen oder alles auf einmal.« Das gefiel ihnen nicht besonders, und sie schienen es ihm auch nicht recht abzunehmen, genauso, wie sie einfach nicht glaubten, daß der Stein von Tear so groß sei wie ein kleiner Berg. Er erinnerte sich daran, daß er vor ihrem Aufbruch von den Zwei Flüssen genausowenig über die Welt gewußt hatte. Das half aber auch nicht viel. So große Augen hatte er nie gemacht. Oder doch? Im Schankraum schien es recht heiß zu sein. Er hätte ja sein Wams ausgezogen, aber das machte so unendlich viel Mühe.
»Was ist eigentlich mit Rand und Mat?« wollte Ewin wissen. »Wenn man ständig hungern muß und vom Regen naß wird, warum sind sie dann nicht auch heimgekommen?« Tam und Abell waren mittlerweile eingetreten. Tam hatte sich einen Schwertgürtel über das Wams geschnallt, und beide Männer trugen Bögen. Es war seltsam, aber bei Tam wirkte das Schwert irgendwie richtig, trotz der Bauernkleidung. Also erzählte Perrin den anderen dasselbe, was er schon zuvor berichtet hatte, wie Mat immer würfelte, sich in Tavernen herumtrieb und den Mädchen nachstellte, und wie Rand seine feine Kleidung trug und ein hübsches, blondes Mädchen am Arm hatte. Er machte eine einfache Lady aus Elayne, denn sie würden wahrscheinlich nicht glauben, daß sie die Tochter-Erbin von Andor sei, und daß er recht hatte, merkte er schon an ihren ungläubigen Mienen. Trotzdem verlief alles zufriedenstellend. Es war eben, was sie gern hören wollten, und ihre Zweifel schwanden auch zunehmend, als Elam feststellte, daß ja Faile auch eine Lady sei und Perrin ganz schön sicher im Griff habe. Da mußte Perrin selbst grinsen. Er fragte sich, was sie wohl sagen mochten, wenn er ihnen erzählte, daß sie auch noch die Cousine einer Königin war.
Faile schien sich aber aus irgendeinem Grund nicht darüber amüsieren zu können. Sie wandte sich ihnen mit einem eisigen Blick zu und einem Gesichtsausdruck, der Elayne hätte Konkurrenz machen können, wenn sie zornig war. »Ihr habt ihn jetzt genug ausgequetscht. Er ist verwundet. Raus mit Euch!« Zu seinem Erstaunen verbeugten sie sich ungeschickt — Dav probierte sogar einen Kratzfuß und wirkte dabei wie ein kompletter Narr — und murmelten hastig Entschuldigungen, aber ihr und nicht ihm gegenüber, und wandten sich zur Tür. Ihr Abgang wurde durch das Eintreten von Loial verzögert, der sich gebückt durch die Tür schob. Trotzdem streifte sein wie immer zerzaustes Haar den oberen Türbalken. Sie blickten den Ogier mit großen Augen an, als sähen sie ihn das erste Mal, warfen dann einen Blick zu Faile zurück und hasteten hinaus. Dieser kalte, ganz von der Lady geprägte Blick funktionierte perfekt.
Als sich Loial aufrichtete, befand sich sein Kopf genau unter den Deckenbalken. Seine Manteltaschen beulten sich wie immer eckig aus, wo er seine Bücher mit sich herumschleppte, aber zusätzlich trug er jetzt noch eine riesige Axt. Der Schaft war mannshoch, und die Axtschneide war beinahe so groß wie die ganze Axt Perrins. »Du bist verwundet«, dröhnte seine Stimme auf, als sein Blick auf Perrin fiel. »Man sagte mir, du seist zurückgekommen, aber nicht, daß du verwundet bist. Sonst wäre ich schneller gekommen.« Perrin fuhr beim Anblick der Axt doch ein wenig zusammen. Bei den Ogiern gab es eine Redensart: »... die Axt auf einen langen Schaft stecken...«, und das hieß, man handle überhastet oder im Zorn. Das schien für die Ogier so ziemlich ein und dasselbe zu sein. Loial sah wirklich zornig aus. Seine behaarten Ohren standen nach hinten gerichtet, und er runzelte die Stirn derart, daß die langen Augenbrauen bis auf seine Wangen herabhingen. Zweifellos hatte das damit zu tun, daß er Bäume fällen mußte. Perrin hätte ihn jetzt gern allein gesprochen, um ihn zu fragen, ob er mehr über Alannas Aktivitäten in Erfahrung gebracht habe. Oder die Verins. Er rieb sich müde über das Gesicht und stellte überrascht fest, daß es trocken war. Er fühlte sich aber, als schwitze er stark.
»Er ist eben ein Sturkopf«, sagte Faile, die nun Perrin den gleichen unnachgiebigen Blick zuwarf, den sie bei Dav und Elam und Ewin benützt hatte. »Du solltest im Bett liegen. Wo ist Alanna, Verin? Wenn sie ihn schon heilen soll, wo bleibt sie dann nur?« »Sie wird schon kommen.« Die Aes Sedai blickte nicht auf. Sie war wieder in ihr kleines Buch versunken, hatte die Stirn nachdenklich gerunzelt und die Feder in der Hand.
»Aber er sollte endlich ins Bett kommen!« »Dafür habe ich später auch noch Zeit«, sagte Perrin entschlossen. Er lächelte sie an, um seinen Worten die Härte zu nehmen, aber sie blickte trotzdem besorgt drein und murmelte leise ›Sturkopf‹. Er konnte Loial vor Verin nicht über die Aes Sedai ausfragen, aber es gab ja noch etwas genauso Wichtiges. »Loial, das Wegetor steht wieder offen, und Trollocs kommen durch. Wie kann das sein?« Die Brauen des Ogiers sanken noch weiter herunter, und seine Ohren hingen ebenfalls schlapp nach unten. »Mein Fehler, Perrin«, grollte er traurig. »Ich habe beide Avendesora-Blätter außen angebracht. Das verschloß das Wegetor von der Innenseite, aber von außen her konnte es immer noch jeder öffnen. Die Kurzen Wege lagen nun generationenlang im Dunkel, aber wir haben sie wachsen lassen. Ich konnte mich nicht dazu zwingen, das Tor zu zerstören. Es tut mir leid, Perrin. Es ist alles mein Fehler.« »Ich habe nicht geglaubt, daß man ein Wegetor überhaupt zerstören kann«, sagte Faile.
»Ich habe damit auch nicht wirklich Zerstören gemeint.« Loial stützte sich auf den langen Schaft seiner Axt. »Es wurde schon einmal ein Wegetor zerstört, weniger als fünfhundert Jahre nach der Zerstörung der Welt, wie es Damelle berichtet, die Tochter von Ala, Tochter der Soferra, denn das Tor befand sich in der Nähe eines Steddings, das von der Fäule verschluckt worden war. Wie die Dinge liegen, sind zwei oder drei Wegetore in der Fäule verlorengegangen. Aber sie schrieb, es sei äußerst schwierig gewesen und man habe dreizehn Aes Sedai dazu benötigt, die mit Hilfe eines Sa'Angreal zusammenarbeiteten. Ein vorheriger Versuch, von dem sie ebenfalls berichtete, mit nur neun Aes Sedai und während der Trolloc-Kriege, beschädigte das Tor auf eine Art, daß die Aes Sedai hineingesogen... « Er unterbrach sich, und seine Ohren ringelten sich vor Verlegenheit. Mit den Knöcheln einer Hand berührte er seine Nase. Alle sahen ihn an, selbst Verin und die Aiel. »Manchmal lasse ich mich etwas hinreißen. Das Wegetor. Ja. Ich kann es nicht zerstören, aber wenn ich beide Avendesora-Blätter ganz entferne, werden sie absterben.« Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken. »Das einzige Mittel, um dann noch das Tor zu öffnen, besteht darin, daß die Ältesten den Talisman des Wachsens hinbringen. Obwohl ich glaube, eine Aes Sedai könnte vielleicht ein Loch hineinschneiden.« Diesmal schauderte er. Ein Wegetor zu zerstören war wohl für ihn das gleiche, wie ein Buch zu zerreißen. Einen Augenblick später wirkte seine Miene wieder grimmig entschlossen. »Ich gehe jetzt hin.« »Nein!« sagte Perrin in scharfem Tonfall. Die Pfeilspitze schien zu pulsieren, aber es tat eigentlich nicht mehr weh.