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»Sie können noch nicht weit sein«, sagte er zu ihr. »Nicht zu Fuß. Gaul reitet nicht, und Loial hat immer behauptet, er traue seinen eigenen Beinen mehr zu als einem Pferd. Auf Traber kann ich sie bis spätestens um die Mittagszeit eingeholt haben.« Er zog sich das Hemd über den Kopf, ließ es aber lose über die Hose hängen und setzte sich erstmal, oder besser gesagt: Er plumpste auf den Stuhl, um die Stiefel anzuziehen.

»Du spinnst ja wohl, Perrin Aybara! Du kannst sie in diesem Wald noch nicht einmal finden!« »Ich bin kein so schlechter Spurensucher. Ich kann sie aufspüren.« Er lächelte sie an, doch sie ließ sich davon nicht berühren.

»Du kannst dich höchstens selber umbringen lassen, du haariger Narr! Sieh dich doch selbst mal im Spiegel an. Du kannst ja kaum stehen! Du würdest aus dem Sattel fallen, bevor du noch eine Meile geritten wärst!« Er versuchte, nicht zu zeigen, welche Mühe es ihm bereitete, stand auf und stampfte mit den Füßen auf, um sie richtig in die Stiefel hineinzubekommen. Traber würde schließlich die Hauptarbeit verrichten müssen. Er mußte sich ja nur festhalten. »Unsinn, ich bin so stark wie ein Pferd. Hör auf, mich herumzukommandieren.« Er zog sein Wams über, packte seine Axt und den Gürtel. Faile packte dafür ihn, als er die Tür öffnete, und so schleifte er sie mit. Ihre Versuche, ihn zurückzuhalten, waren vergebens.

»Manchmal hast du jedenfalls den Verstand eines Pferds«, schnaufte sie. »Weniger! Perrin, du mußt auf mich hören. Du mußt... « Das Zimmer befand sich nur wenige Schritte von der Treppe entfernt, die hinunter zum leeren Schankraum führte. Diese Treppe wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Als er sein Knie beugte, um die erste Stufe hinabzusteigen, gab es nach, und er taumelte vorwärts. Vergeblich bemühte er sich, nach dem Geländer zu greifen. Er riß auch noch die schreiende Faile mit. Sie überschlugen sich immer wieder und krachten schließlich mit einem dumpfen Schlag gegen das Faß am Fuß der Treppe. Faile lag ganz auf ihm und streckte alle viere von sich. Das Faß kippte und drehte sich. Die Schwerter drinnen klapperten, doch dann stand es schließlich wieder still.

Perrin brauchte einen Moment, um wieder Luft zu bekommen und zu sprechen. »Geht es dir gut?« fragte er besorgt. Sie lag schlaff auf seinem Brustkorb. Er schüttelte sie sanft. »Faile, was ist...?« Langsam hob sie den Kopf, wischte sich ein paar dunkle Haarsträhnen vom Gesicht und sah ihn eindringlich an. »Geht es dir denn gut? Wenn ja, dann werde ich dir möglicherweise zur Strafe etwas antun.« Perrin schnaubte. Ihr tat wahrscheinlich weniger weh als ihm. Vorsichtig fühlte er nach der Stelle, wo der Pfeil gesteckt hatte, aber die fühlte sich auch nicht anders an als der Rest. Nun ja, sein ganzer Körper schmerzte von oben bis unten. »Geh runter von mir, Faile. Ich muß Traber aus dem Stall holen.« Statt dessen packte sie ihn mit beiden Händen am Kragen, und ihr Gesicht näherte sich dem seinen so weit, daß sich ihre Nasen fast berührten. »Hör auf mich, Perrin«, sagte sie beschwörend. »Du-kannst-nicht-alles-allein-schaffen. Falls Loial und Gaul gegangen sind, um das Wegetor zu verschließen, mußt du das ihnen überlassen. Dein Platz ist hier. Selbst wenn du wieder bei Kräften wärst — und das ist nicht der Fall! Hörst du? Du bist nicht stark genug! — Aber selbst wenn du stark genug wärst, dürftest du ihnen nicht hinterherreiten. Du kannst nicht alles selbst erledigen!« »Also, was treibt Ihr beiden denn da?« fragte Marin al'Vere. Sie wischte sich die Hände an der langen, weißen Schürze ab. Sie war von der Hintertür des Schankraums hergekommen. Die Augenbrauen hatte sie fast bis zum Haaransatz hochgezogen. »Bei diesem Lärm hatte ich Trollocs erwartet, aber nicht so was.« Es klang peinlich berührt, aber auch amüsiert.

Perrin wurde klar, wie die Szene auf andere wirken mußte: Faile lag auf ihm, und ihre Köpfe waren einander so nahe, daß sie wie ein Paar beim heftigen Küssen aussehen mußten. Auf dem Fußboden des Schankraums.

Failes Wangen erröteten, und sie stand ganz schnell auf und klopfte sich den Staub vom Kleid. »Er ist genauso stur wie ein Trolloc, Frau al'Vere. Ich sagte ihm, er sei zu schwach zum Aufstehen. Er muß sofort zurück ins Bett. Er sollte endlich lernen, daß er nicht alles selbst erledigen kann, besonders, wenn er nicht einmal eine Treppe hinunterlaufen kann.« »Oh, meine Liebe«, sagte Frau al'Vere kopfschüttelnd, »das ist aber die falsche Methode.« Sie beugte sich zu der jüngeren Frau vor und flüsterte ihr leise etwas zu, doch Perrin verstand jedes Wort. »Er war als kleiner Junge die meiste Zeit über durchaus angenehm und leicht zu führen, wenn man wußte, wie. Aber wenn man versuchte, ihn zu etwas zu zwingen, dann wurde er so starrköpfig, wie man nur sein kann. Die Männer ändern sich nicht so arg; sie werden nur größer. Wenn Ihr ihm weiterhin sagt, er müsse dies tun und das dürfe er nicht tun, dann legt er die Ohren an und stemmt sich mit aller Macht dagegen. Laßt mich es Euch zeigen.« Marin lächelte ihn strahlend an und ignorierte seinen bösen Blick. »Perrin, glaubst du nicht, daß eine meiner Gänsefedermatratzen bequemer ist als der Fußboden? Ich bringe dir etwas von meiner Nierenpastete, sobald du wieder in den Federn steckst. Du mußt ja mächtig Hunger haben, nachdem du gestern abend nichts zu essen hattest. Hier. Laß mich dir aufhelfen.« Er stieß ihre Hände weg und stand alleine auf. Nun ja, an der Wand mußte er sich ein wenig abstützen. Er glaubte, die Hälfte aller Muskeln in seinem Körper müßten gezerrt sein. Starrköpfig? Er war noch nie in seinem Leben starrköpfig gewesen. »Frau al'Vere, würdet Ihr bitte Hu oder Tad Traber satteln lassen?« »Wenn es dir wieder besser geht«, sagte sie und versuchte, ihn zur Treppe hin zu lenken. »Glaubst du nicht, du könntest noch ein bißchen mehr Ruhe vertragen?« Faile nahm ihn an seinem anderen Arm.

»Trollocs!« Der Schrei von draußen wurde durch die Wände gedämpft. Dann wiederholten ein Dutzend Stimmen: »Trollocs! Trollocs!« »Das geht dich heute nichts an«, sagte Frau al'Vere bestimmt und gleichzeitig beruhigend. Er hätte am liebsten mit den Zähnen geknirscht. »Die Aes Sedai werden schon damit fertig. In ein oder zwei Tagen bist du dann auch wieder auf den Beinen. Du wirst schon sehen.« »Mein Pferd«, sagte er und versuchte, sich loszureißen. Sie hielten ihn an den Ärmeln fest und er erreichte lediglich, daß sie vor- und zurückgezerrt wurden. »Bei der Liebe des Lichts, hört Ihr jetzt endlich auf, an mir herumzuzerren und laßt mich zu meinem Pferd? Laßt mich los!« Faile sah ihm in die Augen, seufzte und ließ seinen Arm los. »Frau al'Vere, laßt Ihr bitte sein Pferd satteln und zum Eingang bringen?« »Aber meine Liebe, er braucht wirklich... « »Bitte, Frau al'Vere«, sagte Faile energisch. »Und mein Pferd auch.« Die beiden Frauen blickten sich an, als hätten sie vergessen, daß er überhaupt existierte. Schließlich nickte Frau al'Vere.

Perrin runzelte die Stirn, während er zusah, wie sie durch den Schankraum in Richtung Küche und Stall ging. Was hatte Faile an sich, daß es plötzlich doch ging? Er wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu und fragte: »Warum hast du deine Meinung geändert?« Sie steckte ihm das Hemd in die Hose und murmelte etwas in sich hinein, das zweifellos nicht für seine Ohren bestimmt war, oder? »Ich darf nicht sagen, ›du mußt‹, ja? Wenn er zu stur ist, um geradeaus gucken zu können, muß ich ihm noch Honig um den Mund schmieren, ja?« Sie warf ihm einen Blick zu, der bestimmt nichts mit Honig zu tun hatte, aber dann verwandelte sich der Ausdruck ihrer Augen, und der Blick wurde plötzlich so unausstehlich süß, daß er beinahe einen Schritt rückwärts tat. »Mein liebstes Herz«, flötete sie und zog sein Wams zurecht, »was da draußen auch geschehen mag, ich hoffe jedenfalls, du bleibst im Sattel und so weit auf Abstand von den Trollocs wie möglich. Du bist im Moment wirklich noch nicht in einer Verfassung, um gegen Trollocs zu kämpfen, oder? Vielleicht morgen. Denk auch bitte daran, daß du ein General bist, ein Anführer, und genauso ein Symbol für deine Leute darstellst wie die Flagge da draußen. Wenn du auf den Beinen bist und dich dem Volk zeigst, wird das die Moral heben. Und es ist viel leichter, zu kalkulieren, was zu tun ist, und deine Befehle auszugeben, wenn du dich nicht selbst im Getümmel befindest.« Sie hob seinen Gürtel vom Fußboden auf und schlang ihn um seine Hüfte. Sorgfältig rückte sie sodann die Axt an seiner Seite zurecht. Und dann noch ihr Augenaufschlag! »Bitte, sag, daß du meinem Rat folgen wirst. Bitte!« Sie hatte ja recht. Gegen einen Trollocs könnte er sich keine zwei Minuten halten. Und gegen einen Blassen vielleicht nicht einmal zwei Sekunden. Und so schwer es ihm fiel, das zuzugeben, würde er sich doch keine zwei Meilen im Sattel halten können, wenn er jetzt hinter Loial und Gaul herritt. Dieser Narr von einem Ogier! Er ist Schriftsteller und kein Held. »In Ordnung«, sagte er. Aber die Taktik würde er ihr zurückzahlen. So, wie sie und Frau al'Vere über seinen Kopf hinweg entschieden, was für ihn das Beste sei, und dann noch ihr Augenaufschlag, als sei er ein vollständiger Idiot. »Ich kann dir doch keinen Wunsch abschlagen, wenn du mich so süß anlächelst.« »Da bin ich aber froh.« Immer noch lächelnd, wischte sie ihm Fusseln vom Wams, die er überhaupt nicht sehen konnte. »Denn wenn nicht, und falls du dann überleben solltest, werde ich mit dir das gleiche anstellen, was du am ersten Tag innerhalb der Kurzen Wege mit mir gemacht hast. Ich glaube nicht, daß du genug Kraft hast, um mich davon abzuhalten.« Dieses frühlingshafte Lächeln strahlte voller Süße sein Gesicht an. »Hast du mich verstanden?« Er mußte unwillkürlich schmunzeln. »Klingt, als ob ich mich doch besser von ihnen umbringen lassen sollte.« Sie schien das nicht lustig zu finden.