Einige rannten erschreckt vor dem Hengst davon, doch das war Perrin gleich. »Wir werden niemanden abweisen«, sagte er mit mühsam unterdrücktem Zorn in der Stimme. »Niemanden! Oder wollt Ihr etwa den Trollocs diese Kinder schicken?« Eines der Tuatha'an Kinder begann zu weinen, ein durchdringendes Klagen, und er verwünschte seine Worte, doch Cenns Gesicht färbte sich puterrot, und selbst Daise blickte zerknirscht drein.
»Natürlich nehmen wir sie auf«, sagte der Dachdecker unwirsch. Dann fuhr er Daise an, wobei er sich aufplusterte wie ein aufgeregter Gockel, der bereit ist, auf den Hofhund loszugehen: »Und wenn du die Versammlung der Frauen einschalten und dagegen aufbringen willst, dann wird Euch der Rat der Gemeinde den Mund stopfen! Wart's nur ab!« »Du warst schon immer ein alter Narr, Cenn Buie«, schnaubte Daise. »Glaubst du, wir würden dich Kinder zu den Trollocs hinausschicken lassen?« Cenns Kinnlade bewegte sich verkrampft, doch bevor er ein Wort herausbringen konnte, drückte ihm Daise eine Hand auf die schmale Brust und schob ihn beiseite. Sie setzte ein schwaches Lächeln auf und ging hinaus zu den Tuatha'an. Dort angekommen, legte sie beruhigend den Arm um Ila.
»Kommt nur einfach mit mir, und ich sorge dafür, daß Ihr baden und Euch ausruhen könnt. Die Häuser sind zwar überfüllt, aber wir finden schon Platz für alle. Kommt.« Marin al'Vere eilte durch die Menge heran und dazu Alsbet Luhhan, Natti Cauthon, Neysa Ayellin und weitere Frauen. Sie nahmen die Kinder hoch oder die Tuatha'an-Frauen in den Arm und führten sie weg. Dabei schimpften sie mit den Männern, weil sie nicht schnell genug Platz machten. Nicht, daß irgend jemand unwillig gewesen wäre, doch es war nicht so leicht, mitten in der Menschenmenge auszuweichen und eine Gasse zu öffnen.
Faile warf Perrin einen bewundernden Blick zu, aber er schüttelte den Kopf. Das war nicht das Werk eines Ta'veren. Vielleicht brauchte man manchmal den Holzhammer bei den Menschen der Zwei Flüsse, aber wenn sie etwas einsahen, dann handelten sie auch dementsprechend. Selbst Hari Coplin wirkte nicht mehr so unwirsch, als er zusah, wie man die Kesselflicker ins Dorf führte. Nun ja, nicht ganz so unwirsch. Man konnte natürlich keine Wunder erwarten.
Raen schlurfte vorbei und blickte mit trüben Augen zu Perrin auf. »Der Weg des Blatts ist der einzig richtige. Alles stirbt zu seiner vorbestimmten Zeit, und... « Er brach ab, als könne er sich nicht mehr daran erinnern, was er hatte sagen wollen.
»Sie kamen letzte Nacht«, sagte Ila mühsam und offensichtlich unter Schmerzen, da ihr Gesicht so verschwollen war. Ihr Blick war beinahe genauso leer wie der ihres Mannes. »Die Hunde hätten uns vielleicht zur Flucht verhelfen können, aber die Kinder des Lichts hatten ja alle Hunde getötet und... Wir konnten überhaupt nichts tun.« Hinter ihr schauderte Aram in seinem gelbgestreiften Wams zusammen, und er blickte die vielen bewaffneten Männer verängstigt an. Die meisten Kinder der Kesselflicker weinten mittlerweile.
Perrin sah mit gerunzelter Stirn hinüber, wo sich im Süden eine Rauchwolke erhob. Wenn er sich im Sattel herumdrehte, konnte er im Norden und im Osten weitere entdecken. Selbst wenn die meisten davon von Häusern stammten, die sowieso schon verlassen waren, hatten die Trollocs doch ganze Arbeit geleistet. Wie viele mußten es gewesen sein, um eine so große Anzahl von Bauernhöfen anzustecken? Klar, sie konnten von einem zum anderen gelaufen sein und sich dann lediglich die Zeit genommen haben, um eine Fackel in ein leeres Haus oder auf ein unbewachtes Feld zu werfen, aber trotzdem... Vielleicht waren es noch mal genauso viele gewesen, wie sie heute getötet hatten. Was sagte das aus in bezug auf die Anzahl der Trollocs, die sich bereits an den Zwei Flüssen befand? Es schien unmöglich, daß eine einzige Horde all dies angerichtet haben konnte, all die Häuser niederzubrennen und auch den Wagenzug der Tuatha'an zu zerstören.
Als sein Blick wieder auf die Tuatha'an fiel, während sie weggeführt wurden, fühlte er Verlegenheit in sich aufsteigen. Sie hatten zugesehen, wie letzte Nacht all ihre Verwandten getötet worden waren, während er kaltblütig nur an Zahlen dachte. Er konnte hören, wie sich einige der Männer von den Zwei Flüssen leise darüber unterhielten, welche Rauchwolke wohl von welchem Hof stammen mochte. Für all diese Menschen bedeuteten jene Brände wirkliche Verluste, nicht nur kalte Zahlen. Er war hier nutzlos. Jetzt, wo Faile damit beschäftigt war, sich um die Kesselflicker zu kümmern, war der richtige Zeitpunkt gekommen, Loial und Gaul zu folgen.
Meister Luhhan in seiner Weste mit der langen Lederschürze packte Trabers Zügel. »Perrin, du mußt mir helfen. Die Behüter wollen, daß ich weitere Teile für die Katapulte anfertige, aber mindestens zwanzig Mann wollen gleichzeitig, daß ich Teile von Rüstungen repariere, die von den närrischen Großvätern ihrer Großväter von irgendwelchen dummen Leibwächtern gekauft wurden.« »Ich würde Euch ja gern helfen«, sagte Perrin, »aber es gibt da etwas anderes, das unbedingt erledigt werden muß. Wahrscheinlich bin ich auch etwas aus der Übung. Ich habe das letzte Jahr über nur selten in einer Schmiede gearbeitet.« »Licht, so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte doch nicht, daß du mit dem Hammer arbeitest.« Der Schmied klang ganz erschrocken. »Jedesmal, wenn ich einen dieser Schafsköpfe mit einem Auftrag losschicke, kommt er zehn Minuten später mit einer anderen Ausrede zurück. Alle stehen mir im Weg herum. Ich kann einfach nicht richtig arbeiten. Aber auf dich werden sie hören.« Perrin bezweifelte das. Wenn sie schon nicht einmal auf Meister Luhhan hörten... Abgesehen davon, daß er Mitglied des Rates der Gemeinde war, war Haral Luhhan eben auch groß genug, um beinahe jeden Mann an den Zwei Flüssen hochheben und durch die Luft schleudern zu können. Also ritt er eben mit zu der improvisierten Schmiede, die Meister Luhhan in einem seitlich geöffneten, roh zusammengezimmerten Schuppen in der Nähe des Angers untergebracht hatte. Sechs Männer drängten sich um die Ambosse, die sie aus der von den Weißmänteln niedergebrannten Schmiede gerettet hatten. Ein anderer pumpte lässig an einem großen, ledernen Blasebalg, bis ihn der Schmied schließlich mit einem Schrei von den Handgriffen wegscheuchte. Zu Perrins Überraschung hörten sie wirklich auf ihn, als er sie wegschickte, und zwar ohne große Reden schwingen und sie dem Willen eines Ta'veren unterwerfen zu müssen, sondern nur auf die einfache Bemerkung hin, daß Meister Luhhan beschäftigt sei. Das hätte der Schmied durchaus selbst fertigbringen können, doch der schüttelte Perrin die Hand und dankte ihm überschwenglich, bevor er sich an die Arbeit machte.
Perrin beugte sich aus Trabers Sattel hinunter und packte einen der Männer an der Schulter, einen glatzköpfigen Bauern namens Get Eldin. Er forderte ihn auf, dazubleiben und jeden wegzuschicken, der Meister Luhhan belästigen wolle. Get mußte wohl dreimal so alt sein wie er, aber der Mann mit dem ledrigen, runzligen Gesicht nickte nur und bezog Posten in der Nähe Harals, der seinen Hammer auf heißes Eisen niederschmetterte. Jetzt konnte er weg, bevor Faile wieder auftauchte.
Doch kaum hatte er Traber wenden lassen, da tauchte Bran auf mit dem Speer auf der Schulter und der Stahlkappe unter einem kräftigen Arm. »Perrin, es muß doch möglich sein, die Schaf- und Viehhirten schneller hereinzuholen, wenn wir wieder angegriffen werden. Obwohl er die besten Läufer des Dorfs ausgeschickt hat, konnte Abell nicht einmal die Hälfte von ihnen zurückholen, bevor die Trollocs aus dem Wald brachen.« Dieses Problem war leicht zu lösen, denn er erinnerte sich an ein altes Signalhorn, beinahe schwarz angelaufen, das Cenn Buie an der Wand hängen hatte. Er entschied sich für ein Signal von drei langen Hornstößen, die auch der am weitesten entfernte Schafhirte hören würde. Dadurch kam das Gespräch auf weitere Signale, wie zum Beispiel eines, das alle an ihre Plätze schicken würde, wenn man einen Angriff erwartete. Das wiederum führte zu der Frage, woher man erfuhr, wann ein Angriff zu erwarten sei. Bain und Chiad und die Behüter erwiesen sich durchaus als gewillt, als Späher zu dienen, doch vier reichten wohl kaum aus. Also mußte man gute Waldläufer und Spurensucher finden und sie mit Pferden ausstatten, damit sie Emondsfeld auch erreichen konnten, bevor von ihnen beobachtete Trollocs da waren.