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Er haßte es, sich schnell entscheiden zu müssen. Loial hatte durchaus recht. Überhastetes Denken führte dazu, daß Menschen verletzt wurden. Aber er glaubte zumindest, einen Weg entdeckt zu haben. »Seid Ihr gewillt, meine Festnahme noch hinauszuschieben, Bornhald? Bis die Trollocs erledigt sind? Ich werde vorher bestimmt hier nicht weggehen.« »Warum sollte ich es hinauszögern?« Der Mann war blind vor Haß. Wenn er so weitermachte, würde viele Männer sterben, er selbst wahrscheinlich eingeschlossen, und er erkannte das nicht. Es hatte jedoch keinen Zweck, ihm das zu sagen.

»Habt Ihr nicht die vielen brennenden Bauernhäuser heute morgen bemerkt?« fragte Perrin statt dessen. Er machte eine weitausholende Geste, um all diese langsam schrumpfenden Rauchwolken einzubeziehen. »Seht Euch um. Ihr habt es ja selbst gesagt. Die Trollocs geben sich nicht mehr damit zufrieden, jede Nacht einen oder zwei Bauernhöfe zu überfallen. Jetzt überfallen sie die Dörfer. Wenn Ihr versucht, nach Wachhügel zurückzureiten, wird Euch das vielleicht schon nicht mehr gelingen. Ihr habt Glück gehabt, überhaupt bis hierher zu kommen. Aber wenn Ihr hier in Emondsfeld bleibt...« Bran fuhr zu ihm herum, und andere Männer schrien laut »nein«. Faile ritt heran und packte ihn am Arm, doch er beachtete nichts davon. »... dann wißt Ihr immer, wo ich bin, und Eure Soldaten sind uns als zusätzliche Verteidiger willkommen.« »Bist du dir da auch sicher, Perrin?« fragte Bran, der Trabers Steigbügel ergriffen hatte, während auf der anderen Seite Faile eindringlich sagte: »Nein, Perrin! Das Risiko ist zu groß. Du darfst nicht — ich meine — ach, entschuldige... aber bitte, tu es nicht... oh, Licht, verbrenn mich zu verdammter Asche! Du darfst das nicht tun!« »Ich lasse nicht zu, daß Menschen gegen Menschen kämpfen, wenn ich das verhindern kann«, sagte er entschlossen zu ihnen. »Wir werden den Trollocs doch nicht die Arbeit abnehmen.« Faile stieß wild seinen Arm weg. Sie warf Bornhald einen finsteren Blick zu, holte dann einen Wetzstein aus ihrer Gürteltasche, hatte mit einemmal ein Messer in der Hand und wetzte die Klinge mit flinken, geübten Bewegungen.

»Jetzt weiß dann Hari Coplin bestimmt nicht mehr ein noch aus«, kommentierte Bran trocken. Er korrigierte wieder den Sitz seines runden Helms, wandte sich erneut den Weißmänteln zu und pflanzte seinen Speerschaft wuchtig auf den Boden. »Ihr habt seine Bedingungen gehört. Jetzt hört die meinen. Wenn Ihr nach Emondsfeld kommt, nehmt Ihr niemanden fest ohne die Zustimmung des Rates der Gemeinde, die Ihr nicht erhalten werdet. Also wird niemand festgenommen. Ihr geht nicht ungebeten in irgendein Haus. Ihr macht uns keine Schwierigkeiten und nehmt an der Verteidigung teil, wenn und wo man Euch dazu auffordert. Und ich will noch nicht einmal einen Drachenzahn riechen! Stimmt Ihr zu? Falls nicht, könnt Ihr zurückreiten, woher Ihr gekommen seid.« Byar starrte den rundlichen Mann an, als habe sich ein Schaf aufgerichtet und ihm angeboten, mit ihm zu ringen.

Bornhald wandte den Blick nicht von Perrin. »Einverstanden«, sagte er schließlich. »Bis die Trollocs erledigt sind, bin ich einverstanden!« Er riß sein Pferd herum und galoppierte zurück zu den Reihen seiner Männer. Der schneeweiße Umhang bauschte sich im Wind auf.

Als der Dorfvorsteher befahl, die Wagen wegzurollen, bemerkte Perrin, daß Luc ihn anblickte. Der Kerl saß ganz entspannt im Sattel. Eine Hand ruhte lässig auf dem Griff seines Schwerts, und die blauen Augen blickten amüsiert drein.

»Ich glaubte, Ihr würdet Einspruch erheben«, sagte Perrin, »so wie Ihr die Leute anscheinend gegen die Weißmäntel aufgehetzt habt.« Luc spreizte mit lässiger Geste die Hände. »Wenn diese Leute die Weißmäntel bei sich haben wollen, dann sollen sie ihre Weißmäntel haben. Aber Ihr solltet Euch in acht nehmen, junger Goldauge. Ich weiß recht gut, wie es ist, wenn man den eigenen Feind an die Brust nimmt. Seine Klinge dringt schneller ein, je näher er sich befindet.« Mit einem Lachen ließ er seinen Hengst durch die Menge drängeln und ritt zurück ins Dorf.

»Er hat recht«, sagte Faile, die immer noch ihr Messer an dem Stein wetzte. »Vielleicht wird ja dieser Bornhald sein Wort halten und dich nicht festnehmen lassen, aber was kann einen seiner Männer davon abhalten, dir ein Messer in den Rücken zu stoßen? Du hättest das nicht tun sollen!« »Ich mußte«, sagte er zu ihr. »Besser, als den Trollocs die Arbeit abzunehmen.« Die Weißmäntel begannen mit ihrem Einritt. Bornhald und Byar ritten an ihrer Spitze. Die beiden funkelten ihn mit unverhülltem Haß an, und die anderen, die paarweise einritten... Kalte, harte Augen in kalten, harten Gesichtern, die sich ihm beim Vorbeireiten zuwandten. Sie haßten ihn nicht, sahen aber in ihm einen Schattenfreund, wenn sie ihn erblickten. Und zumindest Byar war zu allem fähig.

Er hatte nichts anderes tun können, aber er hielt es doch für keine schlechte Idee, wenn Dannil und Ban und die anderen ihm überallhin folgen durften, wie sie es ja wollten. Er würde nicht unbeschwert schlafen können, ohne jemanden vor seiner Tür Wache stehen zu lassen. Wachen. Wie bei einem idiotischen Lord! Aber wenigstens Faile würde sich darüber freuen. Wenn er die Burschen nur dazu bringen könnte, diese Flagge irgendwo zu verlieren.

46

Schleier

Die Menge drängte sich durch die engen, gewundenen Straßen der Halbinsel Calpene in der Nähe des Großen Kreises. Der Rauch unzähliger Küchenfeuer, der über die hohen, weißen Mauern drang, war der Grund dafür. Ein säuerlicher Geruch nach Qualm, heißem Essen und altem Schweiß lag in der feuchten Morgenluft. Das Schreien von Kindern und das dumpfe Gemurmel, das große Menschenmengen immer begleitete, ergab einen Hintergrundlärm, der sogar das schrille Kreischen der Möwen vom Himmel übertönte. Die Läden in diesem Gebiet hatten längst endgültig die Eisengitter vor den Türen geschlossen. Es gab nichts mehr zu verkaufen.

Angeekelt wand sich Egeanin zu Fuß durch die Menge. Es war schlimm, daß Gesetz und Ordnung in einem solchen Maß zusammengebrochen waren, daß abgerissene Flüchtlinge es wagen konnten, die Kreise zu übernehmen und sogar auf den Steinbänken zu schlafen. Das war genauso schlimm wie Regierungsoberhäupter, die diese Flüchtlinge einfach verhungern ließen. Der Zustand sollte an sich ihr Herz erfreuen, denn dieses entmutigte Pack konnte der Corenne sicher nicht widerstehen, und anschließend würde man die Ordnung sehr schnell wiederherstellen, aber sie konnte trotzdem den Anblick kaum ertragen.

Die meisten der zerlumpten Menschen um sie herum schienen viel zu apathisch, um sich über eine Frau in sauberem, frisch gewaschenem, blauseidenem Reitkleid in ihrer Mitte zu wundern. Wohl war ihr Kleid von einfachem Schnitt, wirkte aber ganz und gar nicht billig. Hier und da sah sie in der Menge Männer und Frauen in einstmals feiner Kleidung, doch nun war sie verschmutzt und zerknittert. Aber dadurch fiel sie vielleicht doch nicht so sehr auf. Die wenigen, die sie taxierten und sich wohl fragten, ob ihre Kleidung auch eine wohlgefüllte Börse bedeuten mochte, hielten sich lieber von ihr fern, wenn sie bemerkten, mit welch geübtem Griff sie ihren festen, mannshohen Bauernspieß trug. Heute hatte sie die Wächter, die Sänfte und ihre Träger einmal zurücklassen müssen. Floran Gelb hätte an diesem Troß sonst todsicher bemerkt, daß er verfolgt wurde. Und dieses Kleid mit seinem Hosenrock gab ihr wenigstens einige Bewegungsfreiheit.

Selbst eingeklemmt in diesen Menschenmassen war es leicht, den schmierigen kleinen Mann im Auge zu behalten, und das, obwohl sie ständig Ochsenkarren und gelegentlich größeren Wagen ausweichen mußte, die häufiger von schwitzenden Männern mit bloßen Oberkörpern gezogen wurden als von Tieren. Gelb und sieben oder acht Begleiter, alles stämmige Burschen mit rohen Gesichtern, drängten sich gewaltsam und rücksichtslos durch die Menge, gefolgt von einer Flut von Flüchen und Verwünschungen. Sie ärgerte sich über diese Kerle. Gelb hatte bestimmt wieder eine Entführung vor. Seit sie ihm das versprochene Gold gesandt hatte, hatte er drei weitere Frauen gefunden, von denen keine denen auf der Liste auch nur annähernd ähnlich sah, und bei jeder, die sie ablehnte, hatte er lang und breit gejammert. Sie hätte ihn niemals für diese erste Frau bezahlen dürfen, die er auf der Straße hatte entführen lassen. Gier und der Gedanke an die Bezahlung hatten wohl die Erinnerung an die gewaltige Kopfwäsche getilgt, die sie ihm verpaßt hatte, als sie ihm den Beutel mit Gold überreichte.