»Vorwärts«, trieb der Mann mit dem schmalen Gesicht die anderen an. Er fuchtelte wild mit den Händen. »Vorwärts! Es sind doch nur zwei Frauen!« Er selbst machte aber keine Anstalten, sich ins Getümmel zu stürzen. »Vorwärts, sage ich! Wir brauchen nur die eine. Sie ist Gold wert, sage ich Euch.« Plötzlich ertönte ein dumpfer Schlag, und einer der Schläger fiel auf die Knie und hielt sich halb betäubt den blutenden Kopf. Eine dunkelhaarige Frau mit herbem Gesicht in einem blauen Reitkleid huschte an ihm vorbei und drehte sich dann blitzschnell herum, um einem anderen Kerl die Rückseite ihrer Faust auf den Mund zu donnern. Dann schlug sie ihm mit einem Stock die Beine unter dem Leib weg, und als er stürzte, trat sie ihm noch gegen den Kopf.
Daß ihnen überhaupt jemand half, war schon überraschend genug, und noch mehr überraschte die Person ihrer Helferin, doch Elayne war keineswegs wählerisch. Nynaeve wirbelte mit einem wortlosen Aufschrei herum, und sie selbst sprang mit dem Ruf vor: »Es lebe der Weiße Löwe!« Dann prügelte sie so schnell und kraftvoll sie konnte auf den am nächsten stehenden Kerl los. Der warf die Arme hoch, um sich zu schützen, und er schien zutiefst erschrocken. »Vorwärts der Weiße Löwe!« schrie sie wieder. Es war der Schlachtruf von Andor. Er wandte sich um und rannte davon.
Unwillkürlich mußte sie lachen und fuhr dann herum, um jemand anderen zu finden, den sie verprügeln konnte. Nur zwei waren noch nicht geflohen oder zu Boden gegangen. Dieser erste Kerl mit der gebrochenen Nase wollte ebenfalls fliehen, und Nynaeve gab im noch eins hinterher. Die Frau mit dem strengen Gesicht brachte es irgendwie fertig, ihren Stock zwischen Arm und Schulter des zweiten Kerls zu schieben und zog ihn auf diese Weise zu sich heran und gleichzeitig hoch auf die Zehenspitzen. Er wäre barfuß noch einen guten Kopf größer gewesen als sie und wog bestimmt das Doppelte, doch sie klatschte ihm ganz gelassen dreimal kurz hintereinander den Rücken ihrer freien Faust ans Kinn. Seine Augäpfel rollten, und er sackte zusammen. Gleichzeitig sah Elayne jedoch den Mann mit dem schmalen Gesicht mit blutender Nase und fast glasigen Augen von der Straße hochtaumeln, ein Messer aus dem Gürtel ziehen und von hinten an die Frau heranschleichen. Ohne nachzudenken griff Elayne nach der Macht. Ein Luftwirbel packte den Mann und schleuderte ihn mitsamt Messer nach hinten. Die Frau mit dem strengen Gesicht zuckte herum, aber er kroch bereits auf allen vieren weg, bis er wieder auf die Beine kam und in der Menge verschwand. Die Leute waren stehengeblieben, um den eigenartigen Kampf zu beobachten, aber keiner außer der dunkelhaarigen Frau hatte die Hand erhoben, um zu helfen. Die Frau blickte unsicher von Elayne zu Nynaeve. Elayne fragte sich, ob sie bemerkt hatte, daß der schmächtige Bursche offensichtlich von überhaupt nichts umgerissen worden war.
»Ich danke Euch sehr«, sagte Nynaeve ein wenig atemlos, während sie auf die Frau zuging und ihren Schleier zurechtrückte. »Ich glaube, wir sollten hier verschwinden. Ich weiß, daß die Miliz sich nicht oft auf die Straßen hinauswagt, aber falls die doch kommen, möchte ich nicht erklären müssen. Unsere Schenke ist nicht weit entfernt. Kommt Ihr mit uns? Eine Tasse Tee ist das Mindeste, was wir jemandem anbieten können, die in dieser vom Licht verlassenen Stadt tatsächlich jemand anderem zur Hilfe kam. Ich heiße Nynaeve al'Meara, und dies hier ist Elayne Trakand.« Die Frau zögerte sichtlich. Sie hatte es also bemerkt. »Ich... Ja, ich würde gern mitkommen. Ja.« Sie sprach irgendwie schleppend und schwer verständlich, aber es klang ein wenig vertraut. Sie war im Grunde eine sehr gut aussehende Frau, was vor allem an ihrem dunklen Haar lag, das beinahe bis auf ihre Schultern herabfiel. Vielleicht war ihr Gesicht ein bißchen zu herb, um es schön zu nennen. Ihre blauen Augen verströmten einen Ausdruck von Macht, als sei sie daran gewöhnt, Befehle zu geben. Vielleicht war sie eine Kauffrau, bei diesem Kleid. »Ich heiße Egeanin.« Egeanin zögerte nicht, mit ihnen in die nächste Seitenstraße zu gehen. Die Menge schloß sich bereits um die am Boden Liegenden. Elayne erwartete, daß die Männer, bevor sie noch richtig wach waren, um alle Wertsachen erleichtert würden, vielleicht sogar um Kleidung und Stiefel. Sie wünschte, sie könne erfahren, wie sie ihre Identität herausgefunden hatten, aber es gab keine Möglichkeit, einen mitzunehmen und zu verhören. Sie würden jedoch mit Sicherheit ab jetzt Leibwächter mitnehmen, gleich, was Nynaeve sagte.
Wohl hatte Egeanin nicht gezögert, aber sie war doch nervös. Elayne las ihr das von den Augen ab, während sie sich durch die Menge drängten. »Ihr habt es bemerkt, nicht wahr?« fragte sie. Die Frau kam kurz ins Stolpern, und das war genug Bestätigung für Elayne. So fügte sie schnell hinzu: »Wir werden Euch nichts tun. Und schon deshalb nicht, weil ihr uns zur Hilfe gekommen seid.« Wieder mußte sie ihren Schleier ausspucken. Nynaeve schien kein Problem mit ihrem zu haben. »Du mußt nicht so böse schauen, Nynaeve. Sie hat gesehen, was ich tat.« »Das weiß ich«, sagte Nynaeve trocken. »Und es war durchaus das Richtige, was du gemacht hast. Aber wir befinden uns nicht gemütlich im Palast deiner Mutter und sicher vor allen Lauschern.« Ihre Geste umfaßte alle die vielen Leute in ihrer Umgebung. Wegen Egeanins Stock und ihren Faßdauben machten alle einen großen Bogen um sie. Dann sagte sie zu Egeanin: »Der größte Teil aller Gerüchte, die Ihr vielleicht gehört habt, sind falsch. Nur weniges daran stimmt. Ihr müßt keine Angst vor uns haben, aber Ihr müßt auch verstehen, daß es Dinge gibt, über die wir hier nicht sprechen wollen.« »Angst vor Euch?« Egeanin wirkte erstaunt. »Ich hatte nicht geglaubt, daß ich Angst haben müßte. Ich werde schweigen, bis Ihr zu sprechen wünscht.« Sie hielt denn auch Wort. Sie gingen schweigend weiter durch das Gemurmel der Menge den ganzen Weg zurück über die Halbinsel zum ›Hof der Drei Pflaumen‹. Von all der vielen Lauferei schmerzten Elayne allmählich die Füße. Trotz der frühen Tageszeit saß eine Handvoll Männer und Frauen im Schankraum über ihrem Wein oder Bier. Die Frau mit dem Hackbrett wurde von einem dürren Mann auf der Flöte begleitet, deren Töne genauso dünn klangen, wie er war. Juilin saß an einem Tisch in der Nähe der Eingangstür und rauchte seine kurzstielige Pfeife. Er war noch nicht von seiner nächtlichen Tour zurück gewesen, als sie gingen. Elayne war froh, daß er ausnahmsweise keine neue Schramme und keinen Schnitt aufwies. Was er die Unterseite von Tanchico nannte, schien noch rauher zu sein als das Gesicht, das die Stadt der Welt zeigte. Seine einzige Konzession an die in Tanchico übliche Kleidung war eine dieser spitz zulaufenden Filzkappen, die er schief auf dem Hinterkopf trug und die seinen flachen Strohhut nun ersetzte.
»Ich habe sie gefunden«, sagte er, sprang dabei wie von der Tarantel gestochen von seiner Bank auf und riß sich die Kappe vom Kopf. Erst dann bemerkte er, daß sie nicht allein waren. Er warf Egeanin einen vorsichtigen Blick zu und verbeugte sich leicht. Sie erwiderte seinen Gruß mit einem leichten Kopfneigen und einem genauso zurückhaltenden Blick.
»Ihr habt sie gefunden?« rief Nynaeve. »Seid Ihr sicher? Sprecht, Mann! Habt Ihr eure Zunge verschluckt?« Und das von ihr, die immer davor gewarnt hatte, sich vor anderen Leuten zu verplappern.
»Ich sollte besser sagen: Ich habe herausgefunden, wo sie sich aufhielten.« Er sah Egeanin nicht mehr an, wählte aber seine Worte sehr vorsichtig. »Die Frau mit der weißen Strähne im Haar führte mich zu einem Haus, wo sie mit einer Anzahl anderer Frauen wohnte, wenn sich auch nur wenige jemals draußen sehen ließen. Die Anwohner meinen, es seien reiche Flüchtlinge von irgendwelchen Landgütern. Jetzt ist nicht mehr viel dort übrig als ein paar Nahrungsreste in der Speisekammer. Selbst die Diener sind weg. Der eine oder andere Hinweis läßt mich glauben, daß sie letzten Nachmittag oder spätestens letzten Abend von dort weggingen. Ich glaube kaum, daß sie die Nacht in Tanchico fürchten.« Nynaeves Hand verkrampfte sich um mehrere ihrer Zöpfe. »Seid Ihr drinnen gewesen?« fragte sie mit betont gleichmütiger Stimme. Elayne fürchtete, es sei bald soweit, daß sie die Daube drohend erheben würde, die an ihrer Seite baumelte.