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Auch Juilin hatte wohl dieses Gefühl. Er beäugte die Daube und sagte: »Ihr wißt genau, daß ich bei denen kein Risiko eingehen würde. Ein leeres Haus hat so etwas an sich — ich kann es nicht beschreiben. Gleich, wie groß es sein mag, aber man spürt die Leere. Man kann nicht so lange wie ich Diebe aufspüren und dann kein Gefühl für so etwas entwickeln.« »Und wenn Ihr damit eine Falle ausgelöst habt?« Nynaeve fauchte das beinahe. »Schließt Euer toller Sinn für bestimmte Dinge auch Fallen mit ein?« Juilins dunkles Gesicht verfärbte sich leicht ins Graue. Er leckte sich die Lippen, als wolle er etwas sagen oder sich verteidigen, doch sie schnitt ihm das Wort ab: »Wir sprechen später noch darüber, Meister Sandar.« Ihr Blick glitt ein wenig in Egeanins Richtung, denn offensichtlich erinnerte sie sich endlich daran, daß fremde Ohren alles mitgehört hatten. »Sagt Rendra, daß wir unseren Tee im Fallende-Blüten-Raum einnehmen.« »In der Kammer der Fallenden Blüten«, korrigierte Elayne sanft und Nynaeve warf ihr einen wütenden Blick zu. Juilins Nachricht hatte die ältere der beiden jungen Frauen in eine üble Laune versetzt.

Er verbeugte sich tief mit gespreizten Händen. »Wie Ihr befehlt, Frau al'Meara. Ich gehorche Euch aus ganzem Herzen«, sagte er trocken, setzte sich die dunkle Kappe wieder auf und stolzierte von dannen. Seine Haltung wirkte würdevoll indigniert. Es mußte unangenehm sein, von jemandem Befehle entgegenzunehmen, mit dem man vorher zu flirten versucht hatte.

»Närrischer Mann!« knurrte Nynaeve. »Wir hätten beide auf dem Kai in Tear zurücklassen sollen.« »Er ist Euer Diener?« fragte Egeanin bedächtig.

»Ja«, fauchte Nynaeve, während Elayne im gleichen Moment »Nein« sagte.

Sie blickten sich an. Nynaeve hatte die Stirn gerunzelt. »Na ja, auf gewisse Weise vielleicht«, seufzte Elayne, während zugleich Nynaeve ergeben murmelte: »Na ja, eigentlich nicht.« »Oh, ich... verstehe«, sagte Egeanin.

Rendra kam geschäftig zwischen den Tischen hindurch mit einem lächelnden Schmollmund unter dem Schleier auf sie zu. Elayne wünschte sich, sie sähe Liandrin nicht so verteufelt ähnlich. »Oh. Ihr seht heute morgen so hübsch aus. Eure Kleider sind einfach großartig. Wirklich schön.« Als habe die Frau mit dem honigfarbenen Haar nicht genausoviel mit der Auswahl der Stoffe und Schnittmuster zu tun gehabt wie sie selbst. Ihr eigenes Kleid war rot genug, um jede Kesselflickerfrau zu erfreuen, und ganz bestimmt nicht für die Öffentlichkeit geeignet.

»Aber Ihr wart wieder ein wenig unklug, ja? Deshalb macht der gute Juilin wieder so eine finstere Miene. Ihr solltet ihm nicht so viele Schwierigkeiten bereiten.« Ein Zwinkern in ihren großen braunen Augen machte deutlich, daß Juilin in ihr offensichtlich jemanden zum Flirten gefunden hatte. »Kommt. Ihr nehmt Euren Tee im Kühlen und ohne Zuschauer ein, und wenn Ihr wieder ausgehen müßt, laßt Ihr mich die Träger und Leibwächter für Euch stellen, ja? Die hübsche Elayne hätte nicht so viele Geldbörsen verloren, wärt Ihr nur richtig beschützt worden. Aber sprechen wir jetzt nicht von solchen Dingen. Euer Tee ist fast fertig. Kommt.« Man mußte das wohl einfach richtig gelernt haben. So sah es Elayne jedenfalls. Man mußte lernen, wie man sprach, ohne den Schleier dabei halb aufzuessen.

Die Kammer der Fallenden Blüten, einen kurzen Flur vom Schankraum entfernt, war ein kleiner, fensterloser Raum mit einem niedrigen Tisch und geschnitzten Stühlen mit roten Sitzkissen. Nynaeve und Elayne nahmen hier ihre Mahlzeiten ein, entweder mit Thom oder Juilin oder beiden, wenn Nynaeve nicht gerade wütend auf sie war. Die verputzten Backsteinwände, auf die man einen ganzen Wald von Pflaumenbäumen und einen wahren Blütenregen gemalt hatte, waren so dick, daß niemand draußen etwas aufschnappen konnte. Elayne riß sich beinahe den Schleier herunter und warf das hauchdünne Stück Stoff auf den Tisch, bevor sie sich hinsetzte. Selbst die Taraboner Frauen versuchten nicht, mit dem Ding vor dem Mund zu essen oder zu trinken. Nynaeve machte ihren lediglich an der einen Seite von ihrem Haar los.

Rendra plapperte fröhlich weiter, während ihnen der Tee serviert wurde. Ihre Themen wechselten wild durcheinander — von einer neuen Damenschneiderin, die ihnen Kleider im allerneuesten Stil aus der allerdünnsten Seide nähen könne — als sie Egeanin vorschlug, es mit dieser Frau zu versuchen, bekam sie einen abweisenden Blick zur Antwort, was sie aber nicht im geringsten bremste —, zu Juilin und warum sie auf ihn hören sollten, da die Stadt einfach zu gefährlich sei und eine Frau heutzutage noch nicht einmal bei hellem Tageslicht allein ausgehen könne, und dann kam sie auf eine parfümierte Seife zu sprechen, die dem Haar seidigen Glanz verschaffe. Elayne fragte sich manchmal, wie diese Frau eine gutgehende Schenke leiten könne, obwohl sie an nichts anderes als ihr Haar und ihre Kleider dachte. Doch die Schenke war und ging wirklich gut. Das blieb ein Rätsel für Elayne. Natürlich trug sie sehr hübsche Kleider, wenn sie auch nicht ganz anständig wirkten. Der Kellner, der den Tee und die blauen Porzellantassen und dazu winzige Plätzchen auf einem Tablett hereintrug, war der gleiche schlanke, dunkeläugige junge Mann, der in jener peinlichen Nacht Elaynes Becher immer nachgefüllt hatte. Er hatte es seither noch mehr als einmal versucht, aber sie hatte sich geschworen, in Zukunft niemals wieder mehr als einen einzigen Becher zu trinken. Ein gutaussehender Bursche, doch sie warf ihm einen eisgekühlten Blick zu, worauf er wohl froh war, den Raum schnell wieder verlassen zu können.

Egeanin beobachtete alles schweigend, bis Rendra auch weg war. »Ihr seid nicht, was ich erwartete«, sagte sie dann. Sie hielt ihre Tasse ganz eigenartig zwischen den Fingerspitzen. »Die Wirtin quatscht über Frivolitäten und behandelt Euch, als wärt Ihr Schwestern und genauso närrisch wie sie, und Ihr laßt es zu. Der dunkle Mann — ich glaube, er ist schon eine Art von Diener — macht sich über Euch lustig. Dieser junge Kellner starrt Euch mit offener Gier an, und Ihr gestattet es ihm. Ihr seid... Aes Sedai, oder?« Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern wandte sich mit einem scharfen Blick Elayne zu. »Und Ihr seid vom... Ihr seid von adeliger Abstammung. Nynaeve sprach vom Palast Eurer Mutter.« »Solche Dinge spielen in der Weißen Burg keine große Rolle«, sagte Elayne bedauernd zu ihr und wischte sich hastig Krümel vom Kinn. Die Plätzchen waren ziemlich stark gewürzt, beinahe scharf. »Falls eine Königin dorthin käme, um zu lernen, müßte sie genauso Böden schrubben wie jede andere Novizin und springen, wenn man es ihr befiehlt.« Egeanin nickte bedächtig. »Also auf diese Art herrscht Ihr. Indem Ihr die Herrscher beherrscht. Werden viele... Königinnen so ausgebildet?« »Nicht, daß ich wüßte.« Elayne lachte. »Bei uns in Andor ist es Tradition, daß die Tochter-Erbin dorthin geht. Eine ganze Anzahl von adligen Mädchen geht hin, obwohl sie es nicht an die große Glocke hängen, und die meisten gehen wieder weg, ohne auch nur die Wahre Quelle einmal wahrgenommen zu haben. Es war nur ein Beispiel.« »Ihr seid auch vom... eine Adlige?« fragte Egeanin und Nynaeve schnaubte.

»Meine Mutter war eine Bäuerin und mein Vater hat Schafe gehütet und Tabak angebaut. Nur wenige in der Gegend, aus der ich komme, können ohne den Verkauf sowohl von Wolle wie auch von Tabak auskommen. Wie steht es mit Euren Eltern, Egeanin?« »Mein Vater war Soldat und meine Mutter war die... Schiffsoffizier.« Einen Augenblick lang nippte sie an ihrem ungesüßten Tee und musterte sie. »Ihr sucht nach jemandem«, stellte sie schließlich fest. »Nach diesen Frauen, von denen der dunkle Mann sprach. Ich handle ein wenig mit Informationen, neben anderen Dingen natürlich. Ich habe Quellen, von denen ich einiges erfahre. Vielleicht kann ich helfen. Ich würde kein Geld dafür verlangen. Ich möchte nur von Euch mehr über die Aes Sedai erfahren.« »Ihr habt uns schon zuviel geholfen«, sagte Elayne schnell, wobei sie sich daran erinnerte, daß Nynaeve Bayle Domon fast alles erzählt hatte. »Ich bin Euch sehr dankbar, aber wir können nicht noch mehr annehmen.« Diese Frau von den Schwarzen Ajah wissen zu lassen oder sie ohne dieses Wissen mit einzuspannen kam absolut nicht in Frage. »Wir können wirklich nicht noch mehr annehmen.« Nynaeve stand mit halb geöffnetem Mund da und funkelte sie an. »Ich wollte gerade dasselbe sagen«, behauptete sie mit beherrschter Stimme. Dann fuhr sie etwas freundlicher fort: »Unsere Dankbarkeit geht aber gewiß so weit, daß wir Eure Fragen beantworten, Egeanin. Jedenfalls, soweit wir das können.« Sie meinte damit, daß es eine Reihe von Fragen gab, die sie gar nicht beantworten konnten, weil sie selbst die Antworten nicht wußten, Egeanin aber verstand sie anders.