»Natürlich. Ich will nichts über die geheimen Angelegenheiten der Weißen Burg wissen.« »Ihr scheint sehr an den Aes Sedai interessiert zu sein«, sagte Elayne. »Ich kann die Fähigkeit nicht in Euch spüren, aber vielleicht könnt Ihr lernen, die Macht zu gebrauchen.« Egeanin hätte fast ihre Porzellantasse fallen lassen. »Man... man kann es lernen? Ich wußte nicht... Nein. Ich will es... nicht lernen.« Ihre Erregung machte Elayne traurig. Selbst unter den Menschen, die vor den Aes Sedai keine Angst hatten, wollten zu viele nichts mit der Einen Macht zu tun haben. »Was wollt Ihr denn wissen, Egeanin?« Bevor die Frau etwas sagen konnte, klopfte es an die Tür, und Thom trat ein, angetan mit einem teuren, braunen Umhang, den er nun gewöhnlich beim Ausgehen trug. Er erregte auf jeden Fall nicht soviel Aufsehen wie sein Gauklerumhang mit den bunten Flicken. Er wirkte darin sogar sehr würdevoll mit seinem weißen Haarschopf, den er allerdings häufiger kämmen sollte. Wenn sie ihn sich jünger vorstellte, war Elayne schon klar, was ihre Mutter zu ihm hingezogen hatte. Das entschuldigte allerdings nicht, wie er sie verlassen hatte. Sie glättete ihre Züge schnell, bevor er ihre gerunzelte Stirn wahrnehmen konnte.
»Man sagte mir, daß ihr nicht allein seid«, sagte er und warf Egeanin einen abschätzenden Blick zu, der dem Juilins sehr ähnlich war. Männer mißtrauten immer jemandem, den sie nicht kannten. »Aber ich dachte, ihr solltet wissen, daß die Kinder des Lichts heute morgen den Palast der Panarchen umstellt haben. Die ganze Stadt schwirrt bereits von Gerüchten. Wie es scheint, soll morgen Lady Amathera als Panarchin eingeführt werden.« »Thom«, sagte Nynaeve müde, »außer, falls Amathera in Wirklichkeit Liandrin ist, ist es mir völlig gleich, ob sie Panarchin wird oder Königin oder Seherin für die gesamten Zwei Flüsse auf einmal.« »Das Interessante daran ist«, sagte Thom ungerührt und hinkte zum Tisch, »daß den Gerüchten nach die Versammlung sich weigerte, Amathera zu wählen. Sie weigerten sich. Also, warum wird sie dann in das Amt eingeführt? So eigenartige Vorkommnisse muß man einfach beachten, Nynaeve.« Als er sich setzen wollte, sagte sie ruhig: »Wir führen hier eine private Unterhaltung, Thom. Ich bin sicher, daß du lieber im Schankraum sitzen wirst.« Sie nippte an ihrem Tee und blickte ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg an. Sichtlich erwartete sie seinen Rückzug. Errötend erhob er sich wieder, ohne richtig gesessen zu haben, doch er ging noch nicht gleich. »Ob nun die Versammlung ihre Meinung geändert hat oder nicht, es wird auf jeden Fall Ausschreitungen geben. In den Straßen glaubt man immer noch, daß Amathera abgewiesen wurde. Wenn ihr unbedingt ausgehen müßt, dann auf keinen Fall allein.« Er sah Nynaeve nur an, aber Elayne hatte den Eindruck, er hätte ihr beinahe die Hand auf die Schulter gelegt. »Bayle Domon hängt in diesem kleinen Zimmer unten in der Nähe des Hafens fest und regelt seine Angelegenheiten für den Fall, daß er fliehen muß. Aber er hat sich einverstanden erklärt, fünfzig ausgewählte Männer zur Verfügung zu stellen, harte Burschen, die an Raufereien gewöhnt sind und schnell mit Messer oder Schwert.« Nynaeve öffnete den Mund, aber Elayne kam ihr zuvor. »Wir sind dankbar, Thom, sowohl Euch wie auch Meister Domon. Bitte, sagt ihm, daß wir sein freundliches und großzügiges Angebot annehmen.« Nynaeves strenger Blick traf sie, und sie fügte bedeutungsschwanger hinzu: »Ich will nicht bei hellem Tageslicht von der Straße weg entführt werden.« »Nein«, sagte Thom. »Das wollen wir doch nicht.« Elayne glaubte, ein nur halb gehauchtes ›Kind‹ am Ende gehört zu haben, und diesmal berührte er wirklich ihre Schulter, streifte kurz mit den Fingerspitzen darüber. »Übrigens«, fuhr er fort, »warten die Männer bereits draußen auf der Straße. Ich versuche auch, eine Kutsche aufzutreiben, denn auf diesen Sänften ist man einfach zu exponiert.« Er schien zu wissen, daß er damit zu weit gegangen war, Domons Männer herzubringen, bevor sie auch nur zugestimmt hatten, ganz zu schweigen von einer Kutsche. Auch dazu hatte er sie nicht einmal um Erlaubnis gebeten. Doch er stand ihnen nun gegenüber wie ein in die Enge getriebener Wolf, die buschigen Augenbrauen heruntergezogen. »Ich würde es... persönlich... bedauern, wenn euch etwas zustieße. Die Kutsche wird hiersein, sobald ich ein Gespann auftreiben kann. Falls man eines findet.« Nynaeve hatte die Augen aufgerissen und war offenbar nahe daran, ihm eine Abreibung zu verpassen, die er nie mehr vergessen würde. Elayne hätte ihm ebenfalls, wenn auch etwas sanfter, einiges zu sagen gehabt. Sanfter, aber ›Kind‹ zu ihr zu sagen...!
Er nützte ihr Zögern aus, um sich mit grandioser Geste zu verbeugen, wie man sie in einem Palast nicht schöner zu sehen bekam, und zu gehen, solange er noch Zeit hatte.
Egeanin hatte ihre Tasse hingestellt und blickte sie konsterniert an. Elayne war klar, daß sie nicht gerade eine beeindruckende Vorstellung vom Rang einer Aes Sedai gegeben hatten, als sie sich praktisch von Thom hatten herumkommandieren lassen. »Ich muß gehen«, sagte die Frau, erhob sich und nahm ihren Stock von der Wand, wo sie ihn hingelehnt hatte.
»Aber Ihr habt Eure Fragen noch gar nicht gestellt!« protestierte Elayne. »Wir schulden Euch doch wenigstens einige Antworten.« »Ein andermal«, sagte Egeanin, nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte. »Wenn es gestattet ist, komme ich ein andermal zu Besuch. Ich muß mehr über Euch erfahren. Ihr seid ganz anders, als ich erwartet hatte.« Sie versicherten ihr, sie könne jederzeit kommen, wenn sie da waren, und bemühten sich, sie zum Bleiben zu überreden, um wenigstens noch ihren Tee zu trinken und noch etwas Gebäck zu essen, doch sie bestand darauf, sie jetzt verlassen zu müssen.
Nynaeve brachte sie zur Tür und drehte sich dann mit in die Hüften gestemmten Fäusten zu Elayne um. »Dich entführen? Falls du es vergessen haben solltest, Elayne, war ich es, die von diesen Männern entführt werden sollte!« »Um dich aus dem Weg zu haben, damit sie mich packen konnten«, gab Elayne zurück. »Falls du es vergessen hast: Ich bin die Tochter-Erbin von Andor. Meine Mutter hätte sie reich gemacht, um mich zurückzubekommen.« »Vielleicht«, meinte Nynaeve zweifelnd. »Na ja, wenigstens hatte das alles nichts mit Liandrin zu tun. Die würde uns keine Bande von Straßenschlägern schicken, um uns in einen Sack zu stopfen. Warum machen die Männer immer Sachen, ohne vorher zu fragen? Saugt denen das Haar auf der Brust etwa den Verstand aus?« Der plötzliche Themenwechsel verwirrte Elayne keineswegs. »Wenigstens müssen wir uns nicht mehr darum kümmern, wie wir Leibwächter auftreiben. Du bist doch auch der Meinung, daß sie notwendig sind, obwohl Thom ein wenig über das Ziel hinausgeschossen ist?« »Ja, ich denke schon.« Nynaeve hatte eine bemerkenswerte Abneigung, zuzugeben, daß sie im Unrecht war. Zu glauben, diese Männer seien hinter ihr hergewesen, ha! »Elayne, ist dir klar, daß wir immer noch nicht mehr haben als ein leeres Haus? Falls Juilin — oder Thom — einen Fehler begeht und sie ihn finden? Wir müssen die Schwarzen Schwestern finden, ohne daß sie es merken, oder wir werden niemals eine Gelegenheit bekommen, ihnen dorthin zu folgen, wo sich diese Gefahr für Rand befindet, was es auch sein mag.« »Ich weiß«, sagte Elayne geduldig. »Wir haben das alles doch schon durchgekaut.« Die ältere der beiden runzelte die Stirn und blickte ins Leere. »Wir haben noch immer nicht die geringste Ahnung, was es ist oder wo es sich befindet.« »Ich weiß.« »Selbst wenn wir im nächsten Moment Liandrin und die anderen einsacken, könnten wir es nicht dort draußen lassen, wo jemand anders es finden mag.« »Das weiß ich doch, Nynaeve.« Elayne zwang sich zu mehr Geduld und einem sanfteren Tonfall. »Wir finden sie bestimmt. Sie müssen sich irgendwann einmal verraten, und wenn Thoms Gerüchte stimmen, Juilins Diebe und Bayle Domons Seeleute aufpassen, dann erfahren wir davon.« Nynaeves Stirnrunzeln wirkte nun eher nachdenklich. »Hast du Egeanins Blick bemerkt, als Thom Domon erwähnte?« »Nein. Glaubst du, sie kennt ihn? Warum sollte sie das nicht zugeben?« »Ich weiß es nicht«, meinte Nynaeve leicht beunruhigt. »Ihr Gesichtsausdruck hat sich nicht geändert, aber ihr Blick... Sie war überrascht. Sie muß ihn kennen. Ich frage mich, was...« Jemand klopfte leise an die Tür. »Kommt denn heute jeder in Tanchico zu uns auf Besuch?« grollte sie und riß die Tür auf.