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Elayne war sich des verdrehten Steinrings bewußt, der zwischen ihren Brüsten hing, aber danach hatte sie ja nicht gefragt. »Nein«, sagte sie. Sie hatten nichts davon in ihren Gemächern.

Die Frau schob alles zur Seite, lehnte sich zurück und sprach so halb mit sich selbst. »Rand al'Thor. So nennt er sich also heute.« Ihr Gesicht verzog sich einen Augenblick lang. »Ein arroganter Mann, der nach Religiosität und Güte stank. Ist er immer noch derselbe? Nein, bemüht Euch nicht, zu antworten. Eine überflüssige Frage. Also ist Be'lal tot. Der andere hört sich für mich nach Ishamael an. Sein ganzer Stolz darauf, nur halb im Kerker zu stecken, was auch der Preis dafür gewesen sein mag... In ihm war weniger Menschliches übrig geblieben als an allen anderen von uns, als ich ihn wieder traf. Ich denke, er glaubte beinahe, selbst der Große Herr der Dunkelheit zu sein. Dreitausend Jahre seiner Machenschaften, und dann wird er von einem unausgebildeten Jungen gejagt. Nein, mein Weg ist der beste. Leise, leise und im Schatten bleiben. Etwas, um einen Mann unter meine Kontrolle zu bringen, der die Macht benützen kann. Ja, das ist wohl notwendig.« Ihr Blick wurde wieder scharf und sie musterte die beiden Mädchen nacheinander. »Und nun zu Euch. Was mache ich mit Euch?« Elayne wartete geduldig. Nynaeve lächelte dümmlich mit erwartungsvoll halb geöffneten Lippen. Das wirkte besonders töricht in Verbindung mit dem Klammergriff an ihren Zöpfen.

»Ihr seid zu stark, um Eure Kräfte zu verschwenden. Eines Tages könntet Ihr nützlich werden. Ich fände es herrlich, Rahvins Augen zu sehen, wenn er Euch eines Tages ohne Eure Abschirmung kennenlernt«, sagte sie zu Nynaeve. »Wenn ich könnte, würde ich Euch ja von Eurer Jagd abhalten. Schade, daß diese Suggestion so eingeschränkt ist. Aber da Ihr erst so wenig herausgefunden habt, ist Euer Rückstand zu groß, um sie jetzt einzuholen. Ich schätze, ich muß Euch später zu mir holen und für Eure... Neuausbildung sorgen.« Sie stand auf, und plötzlich juckte es Elayne am ganzen Körper. Ihr Gehirn schien zu schaudern. Sie konnte nur noch die Stimme der Frau wahrnehmen, die wie aus großer Entfernung in ihren Ohren dröhnte. »Ihr nehmt Eure Sachen wieder vom Tisch, und wenn Ihr sie zurückgesteckt habt, erinnert Ihr euch an nichts mehr, was hier geschehen ist. Ich kam hierher, weil ich glaubte, Freundinnen vom Land wiederzutreffen. Ich habe mich geirrt. Ich habe eine Tasse Tee mit Euch getrunken und bin dann gegangen.« Elayne blinzelte und fragte sich, wieso sie ihre Geldbörse wieder neben die Gürteltasche schnallte. Nynaeve blickte verwirrt auf die eigenen Hände nieder, die ihre Tasche gerade zurechtrückten.

»Eine nette Frau«, sagte Elayne und rieb sich die Stirn. Sie hatte Kopfschmerzen. »Hat sie ihren Namen genannt? Ich erinnere mich nicht mehr daran.« »Nett?« Nynaeve hob die Hand und zupfte hart an ihren Zöpfen. Sie sah die Hand an, als habe sie sich ohne ihr Zutun bewegt. »Ich... glaube nicht, daß sie ihn genannt hat.« »Worüber sprachen wir eigentlich gerade, als sie hereinkam?« Egeanin war erst kurze Zeit vorher gegangen. Was war das nur gewesen?

»Ich erinnere mich daran, was ich in dem Moment sagen wollte.« Nynaeves Stimme klang wieder fest. »Wir müssen die Schwarzen Schwestern finden, ohne daß sie es bemerken, sonst haben wir keine Chance, ihnen dorthin zu folgen, was Rand so gefährlich werden kann.« »Das weiß ich«, antwortete Elayne ungeduldig. Hatte sie das schon einmal gesagt? Natürlich nicht. »Das haben wir wirklich schon durchgekaut.« Egeanin blieb unter dem Torbogen stehen, der aus dem kleinen Innenhof der Schenke führte, und musterte die Männer mit harten Gesichtern, die barfuß und zumeist auch mit nacktem Oberkörper zwischen den Herumlungernden auf dieser Straßenseite hockten. Sie sahen aus, als könnten sie gut mit den gekrümmten Entermessern umgehen, die sie am Gürtel hängen oder durch die Schärpe gesteckt hatten, aber keines dieser Gesichter kam ihr bekannt vor. Falls einer von ihnen sich auf Bayle Domons Schiff befunden hatte, als sie mit ihm nach Falme segelte, erinnerte sie sich nicht an ihn. Falls es der Fall sein sollte, hoffte sie, daß er eine Frau im Reitkleid nicht mit der Frau in einer Rüstung in Verbindung brachte, die ihr Schiff gekapert hatte.

Plötzlich wurde ihr bewußt, daß ihre Hände ganz feucht waren. Aes Sedai. Frauen, die die Macht benützen konnten, und sie waren nicht an die Leine gelegt, wie es sein sollte. Sie hatte mit ihnen am gleichen Tisch gesessen und sich sogar mit ihnen unterhalten. Sie waren ganz anders, als sie erwartet hatte. Das ging ihr immer wieder durch den Kopf. Sie konnten die Macht lenken, also waren sie eine Gefahr für die öffentliche Ordnung. Demzufolge mußte man sie sicher an die Leine legen — und doch... Es war überhaupt nicht so, wie man es sie gelehrt hatte. Man konnte es lernen. Lernen! Solange sie Bayle Domon mied, der sie sicher erkennen würde, sollte sie in der Lage sein, wieder hierher zurückzukehren. Sie mußte mehr erfahren. Das war wichtiger denn je.

Sie wünschte, sie hätte einen Umhang mit Kapuze. Dann jedoch packte sie ihren Stock entschlossen und ging die Straße hinauf los. Sie schlängelte sich durch die Menschenmenge. Keiner der Seemänner warf ihr mehr als einen Blick zu, und sie beobachtete sie genau, um sicherzugehen.

Sie sah den Mann mit hellblondem Haar nicht, der in schmutziger, einheimischer Kleidung vor einer weiß getünchten Schenke auf der anderen Straßenseite kauerte. Er hatte blaue Augen über dem schmuddeligen Schleier und einen dicken Schnurrbart, der von Klebstoff festgehalten wurde, und sein Blick folgte ihr, bis er schließlich wieder zum ›Hof der Drei Pflaumen‹ zurückschlüpfte. Er richtete sich auf und überquerte die Straße, wobei er sich nicht darum scherte, wie ekelhaft eng das Gedränge war, das er durchqueren mußte. Egeanin hätte ihn beinahe entdeckt, als er sich soweit vergessen hatte, den Arm dieses Narren zu brechen. Einer vom Blut, wie man das in seiner Heimat bezeichnete, der hier zum Bettler geworden war und nicht genug Ehre im Leib hatte, die eigenen Pulsadern zu öffnen. Ekelhaft. Vielleicht konnte er mehr darüber in Erfahrung bringen, was sie vorhatte, wenn man in dieser Schenke feststellte, daß er mehr Geld besaß, als seine Kleidung andeutete.

47

Eine Vorhersage geht in Erfüllung

In den auf ihrem Schreibtisch verteilten Papieren stand wenig von Interesse für Siuan Sanche, doch sie gab nicht auf. Natürlich wurden die routinemäßigen Verwaltungsarbeiten der Weißen Burg von anderen erledigt, damit die Amyrlin Zeit hatte, wichtige Entscheidungen zu treffen, aber sie hatte schon immer die Angewohnheit gehabt, jeden Tag ohne Vorwarnung ein paar Dinge genauer zu überprüfen, die sie sich einfach herausgriff, und das würde sich auch jetzt nicht ändern. Sie würde sich nicht von Sorgen lähmen lassen. Alles entwickelte sich doch planmäßig. Sie rückte ihre gestreifte Stola zurecht, tauchte die Feder sorgfältig in das Tintenglas und hakte eine weitere korrigierte Abrechnung ab.

Heute überprüfte sie Listen mit Einkäufen für die Küche des Weißen Turms und den Bericht des Poliers über einen Anbau an der Bibliothek. Die enorme Anzahl kleiner und kleinster Unterschlagungen, von denen die Leute glaubten, sie würden nicht bemerkt, überraschte sie immer wieder. Und auch die Anzahl derer, die tatsächlich den Frauen entgingen, die für diese Dinge verantwortlich waren. So schien Laras zum Beispiel die Überprüfung von Abrechnungen für etwas zu halten, das unter ihrer Würde war, seit sie offiziell vom Rang einer Chefköchin zur Herrin der Küchen erhoben worden war. Danelle andererseits, die junge Braune Schwester und verantwortliche Aufseherin über Meister Jovarin, den Polier, und die anderen Handwerker der Burg, ließ sich wahrscheinlich durch die Bücher ablenken, die der Kerl immer für sie auftrieb. Nur so ließ sich erklären, wieso Danelle die Zahl der Arbeiter nicht aufgefallen war, die Jovarin angeblich eingestellt hatte, als die ersten Schiffsladungen mit Stein aus Kandor im Nordhafen eingetroffen waren. Mit so vielen Männern hätte er ja die gesamte Bibliothek neu bauen können. Danelle war einfach zu verträumt, selbst für eine Braune. Vielleicht würde ihr eine Weile Arbeitsdienst auf dem Bauernhof guttun. Bei Laras war das schon schwieriger. Sie war keine Aes Sedai und konnte zu leicht ihre Autorität den Unterköchinnen und Mägden und Küchenjungen gegenüber verlieren. Aber vielleicht konnte man ja auch sie ›zur Erholung‹ aufs Land schicken. Das würde...