Alviarin durchblätterte die Papiere auf ihrem Schreibtisch, schnell, aber nicht überhastet, während Joline und Danelle und andere damit begannen, die Bücher auf den Lesepulten aufzuheben und auszuschütteln, um festzustellen, ob irgend etwas herausfallen würde, was zwischen den Seiten verborgen gelegen hatte. Die Weiße zischte leicht frustriert durch die Zähne, als sie nicht fand, was sie auf dem Tisch wohl gesucht hatte. Dann schlug sie den Deckel des schwarzen Holzkastens auf. Sofort flammte der Kasten wie eine Feuerkugel auf.
Alviarin sprang mit einem Schrei zurück und schüttelte ihre Hand, an der sich bereits Blasen bildeten. »Abgeschirmt«, knurrte sie, offensichtlich blankem Zorn so nah, wie es einer Weißen nur möglich war. »So gering, daß ich es nicht bemerkt habe, bis es zu spät war.« Nichts war von dem Kasten und seinem Inhalt übriggeblieben, als ein Häufchen grauer Asche auf einem Brandfleck an der Tischoberfläche.
Auf Elaidas Gesicht war jedoch keine Enttäuschung zu bemerken. »Ich verspreche Euch, Siuan, daß Ihr mir noch jedes Wort sagen werdet, das hier verbrannte, für wen es bestimmt war und zu welchem Zweck.« »Euch muß ja wohl der Drache gepackt haben!« brauste Siuan auf. »Ich werde Euch dafür das Fell über die Ohren ziehen, Elaida! Euch allen! Ihr müßt Glück haben, wenn der Burgsaal nicht dafür stimmt, Euch alle einer Dämpfung zu unterziehen!« Elaidas leichtes Lächeln reichte nicht bis an ihre kalten Augen heran. »Der Saal hat vor nicht einmal einer Stunde getagt. Es waren genug Sitzende anwesend, um ein gültiges Abstimmungsergebnis zu erzielen. Es wurde einstimmig beschlossen, so wie es vorgeschrieben ist, daß Ihr nicht mehr die Amyrlin seid. Es ist beschlossen, und wir sind gekommen, um den Beschluß durchzuführen.« Siuans Magen verwandelte sich in einen Eisklumpen und eine dünne Stimme in ihrem Hinterkopf schrie: Wieviel wissen sie? Licht, wieviel wissen sie? Närrin! Blinde, dumme Närrin! Sie verzog das Gesicht jedoch nicht. Das war nicht die erste Zwangslage, in der sie sich befunden hatte. Als fünfzehn Jahre altes Mädchen, mit nichts als einem Fischermesser bewaffnet, war sie einst von vier völlig betrunkenen Schlägern in eine Gasse gezerrt worden... Es war schwerer gewesen, ihnen zu entkommen, als denen hier. Das redete sie sich jedenfalls ein.
»So, wie das Gesetz es vorschreibt?« höhnte sie. »Gerade die kleinstmögliche Anzahl und dann überfrachtet mit Euren Freunden und denen, die Ihr beeinflussen oder einschüchtern könnt.« Ihre Kehle wurde trocken bei dem Gedanken daran, daß Elaida auch nur eine relativ kleine Anzahl von Schwestern dazu hatte überreden können. Doch das ließ sie sich nicht anmerken. »Wenn die Vollversammlung mit allen Sitzenden zusammentritt, dann werdet Ihr euren Fehler bereuen! Zu spät! Es hat in der Burg noch nie eine Rebellion gegeben. In tausend Jahren noch werden sie Euer Schicksal den Novizinnen als Beispiel dafür erzählen, was mit denen geschieht, die eine Rebellion anzetteln.« Auf einigen Gesichtern begann sich Zweifel zu zeigen. Anscheinend hatte Elaida ihre Verschwörer doch nicht so gut in der Hand, wie sie glaubte. »Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, ein Leck in den Rumpf zu schlagen, und statt dessen mit Schöpfen zu beginnen. Selbst Ihr könnt Euren Fehler noch wiedergutmachen, Elaida.« Elaida wartete mit eisiger Ruhe, bis sie ausgesprochen hatte. Dann schlug sie Siuan mit voller Kraft ihre Hand ins Gesicht. Siuan taumelte und vor ihren Augen flimmerte alles.
»Ihr seid am Ende«, sagte Elaida. »Habt Ihr geglaubt, ich — wir — würden Euch gestatten, die Burg zu zerstören? Nehmt sie mit!« Siuan stolperte, als zwei der Roten sie vorwärts stießen. Sie konnte nur mühsam auf den Beinen bleiben und funkelte die beiden zornig an, doch sie ging in die gewünschte Richtung. Wen mußte sie von den Ereignissen in Kenntnis setzen? Welche Anklagen sie auch gegen sie vorgebracht hatten: wenn ihr genug Zeit blieb, würde sie alles widerlegen. Selbst Anklagen, die Rand einschlossen. Sie konnten ihr nicht mehr als Gerüchte anhängen, und sie hatte das Große Spiel schon zu lange gespielt, um sich von Gerüchten unterkriegen zu lassen. Es sei denn, sie hatten Min. Min könnte aus den Gerüchten Wahrheiten machen. Sie knirschte mit den Zähnen. Seng meine Seele, ich werde dieses Pack zu Fischfutter verarbeiten! Im Vorzimmer kam sie erneut ins Stolpern, aber diesmal war sie nicht geschubst worden. Sie hatte so halb gehofft, Leane sei nicht auf ihrem üblichen Posten gewesen, doch die Behüterin der Chronik stand genauso da wie Siuan, die Arme steif am Körper, der Mund formte lautlose Worte, zornige Worte, doch nichts drang durch den Knebel aus Luft. Nun wurde ihr auch bewußt, daß sie gespürt hatte, wie man Leane band, doch sie hatte das Gefühl nicht beachtet, denn in der Burg spürte man immer, wenn Frauen die Macht benützten.
Aber es war nicht der Anblick Leanes gewesen, der sie ins Stolpern kommen ließ, sondern der hochgewachsene, schlanke grauhaarige Mann, der mit einem Messer im Rücken ausgestreckt auf dem Fußboden lag. Alric war nahezu zwanzig Jahre lang ihr Behüter gewesen und hatte sich nie beklagt, weil er ständig in der Burg bleiben mußte, und auch nicht, wenn er es der Tatsache, daß sie die Amyrlin war, zu verdanken hatte, daß er sich manchmal Hunderte von Wegstunden von ihr entfernt aufhalten mußte. Das gefiel keinem der Gaidin.
Sie räusperte sich, aber ihre Stimme klang immer noch rauh, als sie sagte: »Dafür lasse ich Euch die Haut abziehen und salzen und in der Sonne trocknen, Elaida. Das schwöre ich!« »Hütet Eure eigene Haut, Siuan«, sagte Elaida. Sie kam näher, um ihr in die Augen sehen zu können. »Es steckt mehr dahinter, als bisher aufgedeckt wurde. Das ist mir klar. Und Ihr werdet mir auch die kleinste Einzelheit erzählen. Je-des-biß-chen!« Die plötzliche Ruhe in ihrem Tonfall war beängstigender als alle bösen Blicke zuvor. »Das verspreche ich Euch, Siuan. Bringt sie hinunter!« Min hielt Rollen blauer Seide in beiden Händen, als sie kurz vor Mittag durch den Nordeingang hereintrat. Ihr affektiertes Lächeln sollte den Wächtern mit der Flamme von Tar Valon auf der Brust gelten. Ihr grüner, weiter Rock schwankte aufreizend beim Gehen. Ganz so würde sich Elmindreda verhalten. Sie hatte schon damit begonnen, bevor ihr bewußt wurde, daß heute überhaupt keine Wächter am Eingang standen. Die schwere eisenbeschlagene Tür am Wachhaus stand offen, und das Haus machte einen leeren Eindruck. Das war unmöglich! Kein Tor zur Weißen Burg war jemals unbewacht. Ungefähr auf halbem Weg zu den blendend weißen Mauern der Burg erhob sich eine Rauchwolke über die Baumwipfel. Sie kam aus der Nähe der Wohnquartiere der jungen Männer, die von den Behütern ausgebildet wurden. Vielleicht hatte das Feuer die Wachen weggelockt?
Sie war noch ein wenig nervös, als sie den Gartenpfad durch den bewaldeten Teil des Burggeländes entlangschritt. Sie verlagerte das Gewicht der Seidenrollen. Eigentlich wollte sie ja gar kein neues Kleid, aber wie konnte sie es Laras abschlagen, als die ihr einen Beutel Silber in die Hand drückte und ihr sagte, sie solle dafür diese Seide kaufen. Die dicke Frau hatte sie in einem Laden entdeckt. Sie behauptete, es sei genau die Farbe, die zu ›Elmindredas‹ Teint passe. Ob sie wollte oder nicht, war dabei weniger wichtig, als sich die Zuneigung Laras zu erhalten.
Das Klappern von Schwertern machte sich hinter den Bäumen bemerkbar. Die Behüter ließen ihre Schüler diesmal wohl noch härter arbeiten als sonst.
Es war alles sehr verwirrend. Laras mit ihren Andeutungen in Bezug auf Schönheit, Gawyn und seine Witze, Galad, der ihr Komplimente machte und dem überhaupt nicht klar war, was sein Gesicht und sein Lächeln mit dem Pulsschlag einer Frau machten... Ob Rand sie so haben wollte? Würde er sie überhaupt bemerken, wenn sie Kleider trug und ihn anhimmelte wie eine hirnlose Schlampe?
Er hat kein Recht darauf, so etwas zu erwarten, dachte sie wütend. Das war überhaupt alles seine Schuld. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wäre sie jetzt auch nicht hier, trüge keine idiotischen Kleider und müßte nicht lächeln wie eine Blöde. Ich werde Wams und Hose tragen, basta! Vielleicht gelegentlich auch einmal ein Kleid — vielleicht aber nicht, um die Männerblicke anzuziehen. Ich wette, er himmelt in diesem Moment gerade irgendeine Frau aus Tear an, die den halben Busen aus dem Kleid hängen läßt. Ich kann auch solche Kleider tragen. Wollen doch mal sehen, was er denkt, wenn er mich in dieser blauen Seide sieht. Und mit einem Ausschnitt bis... Was dachte sie da eigentlich? Der Mann brachte sie noch um den Verstand! Die Amyrlin ließ sie nutzlos hier herumhocken und Rand al'Thor brachte sie um den Verstand. Seng ihn! Verdammt soll er sein für das, was er mir antut!