Wieder erklang das Klappern von Schwertern aus einiger Entfernung, und sie blieb stehen, als eine Horde junger Männer ein Stück vor ihr aus dem Gebüsch brach. Sie trugen Speere und hatten die Schwerter gezogen. An ihrer Spitze befand sich Gawyn. Sie erkannte auch andere von denen, die gekommen waren, um sich von den Behütern ausbilden zu lassen. Irgendwo auf dem großen Gelände erklangen Schreie; das Brüllen zorniger Männer.
»Gawyn! Was ist denn los?« Er wirbelte herum, als er ihre Stimme vernahm. Sorge und Furcht standen in seinen blauen Augen und sein Gesicht wirkte zum Äußersten entschlossen. »Min. Was tust du...? Raus, weg von der Burg, Min! Es ist gefährlich!« Eine Handvoll der jungen Männer rannte weiter, doch die meisten warteten ungeduldig auf ihn. Wie ihr schien, befanden sich fast alle Schüler der Behüter in dieser Gruppe.
»Sag mir doch, was los ist, Gawyn!« »Heute morgen haben sie die Amyrlin beseitigt. Geh weg, Min!« Die Seidenrollen fielen ihr aus den Händen. »Beseitigt? Das kann doch nicht sein! Wie? Warum? Im Namen des Lichts, warum denn?« »Gawyn!« rief einer der jungen Männer. Andere machten es ihm nach und reckten ihre Waffen hoch. »Gawyn! Der Weiße Keiler! Gawyn!« »Ich habe keine Zeit«, sagte er atemlos zu ihr. »Überall wird gekämpft. Man behauptet, Hammar versuche, Siuan Sanche zu befreien. Ich muß in die Burg, Min. Geh bitte!« Er wandte sich um und rannte los in Richtung der Burg. Die anderen folgten ihm mit erhobenen Waffen. Einige riefen immer noch: »Gawyn! Der Weiße Keiler! Gawyn! Die Jünglinge greifen an!« Min blickte ihnen hinterher. »Du hast nicht gesagt, für welche Seite du kämpfst, Gawyn«, flüsterte sie.
Der Kampfeslärm war lauter und deutlicher, nun, da sie genauer hinhörte, und die Rufe und Schreie, das Hämmern von Stahl auf Stahl, schienen von allen Seiten her zu kommen. Bei diesem Lärm bekam sie eine Gänsehaut, und ihre Knie zitterten. Das konnte doch nicht wahr sein, nicht hier geschehen! Gawyn hatte recht. Es wäre viel sicherer und klüger, sofort das Burggelände zu verlassen. Nur konnte sie dann nicht vorhersehen, wann — falls überhaupt — sie zurückkehren durfte, und ihr fiel nicht viel ein, was sie in der Zwischenzeit draußen erreichen könne.
»Und was kann ich hier drinnen erreichen?« fragte sie sich in einer heftigen Gefühlsaufwallung.
Doch sie kehrte nicht um. Sie ließ die Seide liegen, wo sie zu Boden gefallen war, und eilte zwischen die Bäume, um sich ein Versteck zu suchen. Sie glaubte ja nicht, daß jemand ›Elmindreda‹ wie eine Gans aufschlitzen würde —schaudernd verwünschte sie diese Vorstellung —, aber sie mußte ja kein unnötiges Risiko eingehen. Früher oder später würden die Kämpfe abebben, und dann mußte sie sich entschließen, was sie als nächstes unternehmen wollte.
In der vollkommenen Dunkelheit der Zelle öffnete Siuan die Augen, rührte sich, zuckte unter dem Schmerz zusammen und lag wieder still. War es draußen noch Morgen? Sie war lange Zeit über verhört worden. Nun bemühte sie sich, ihre Schmerzen hinunterzuschlucken und sich lieber daran zu erfreuen, daß sie überhaupt noch atmete. Der rauhe Stein unter ihr tat den Schwellungen und Abschürfungen an ihrem Rücken nicht gerade gut. Schweiß brannte in allen Wunden, und die zogen sich von den Schultern bis hinab zu den Knien, so daß sie vor Kälte zitterte. Sie hätten mir wenigstens die Unterwäsche lassen können. Die Luft roch nach altem Staub und trockenem Moder. Eine der ganz unten liegenden Zellen. Hier war keiner mehr eingesperrt worden seit den Zeiten Artur Falkenflügels. Bonwhin war wohl die letzte gewesen.
Sie verzog das Gesicht im Dunkeln. Es gab kein Vergessen. So biß sie die Zähne zusammen und richtete sich mühsam zu einer sitzenden Position auf dem Steinboden auf. Sie fühlte nach einer Wand, an die sie sich lehnen konnte. Dann endlich lehnte ihr Rücken an den kühlen Steinblöcken. Kleinigkeiten, sagte sie sich. Denke an Kleinigkeiten. Hitze. Kälte. Ich frage mich, wann sie mir wohl etwas Wasser bringen werden. Falls überhaupt. Sie konnte nicht anders, als nach ihrem Ring mit der Großen Schlange zu tasten. Nicht, daß sie wirklich erwartete, noch in seinem Besitz zu sein. Sie glaubte sogar, sich dunkel daran zu erinnern, wie man ihn ihr abgerissen hatte. Nach einer Weile war ihr alles nur noch ganz verschwommen erschienen. Sie war dankbar dafür. Doch sie erinnerte sich auch, ihnen am Ende ziemlich alles erzählt zu haben. Aber nicht wirklich alles. Sie empfand einen gewissen Triumph dabei, hier ein kleines Stückchen und dort einen Fetzen zurückgehalten zu haben. Aber meist hatte sie die Antworten herausgeheult, wollte alles gestehen, wenn sie nur aufhörten, wenigstens eine kleine Weile, wenn sie nur... Sie wickelte die Arme um ihren Körper und versuchte, das Zittern zu unterdrücken. Es half nicht viel. Ich muß ruhig bleiben. Ich bin noch am Leben. Daran muß ich vor allem denken. Ich bin nicht tot.
»Mutter?« Leanes schwankende Stimme erklang aus der Dunkelheit. »Seid Ihr wach, Mutter?« »Ich bin wach«, seufzte Siuan. Sie hatte gehofft, man habe Leane entlassen und sie vielleicht aus der Stadt geschickt. Sie empfand ein Schuldgefühl dabei, daß sie froh war, die andere Frau bei sich in der Zelle zu haben. »Es tut mir leid, daß ich Euch in diese Sache verwickelt habe, Toch...« Nein. Sie hatte kein Recht mehr, die andere so zu bezeichnen. »Es tut mir leid, Leane.« Es folgte ein langer Augenblick des Schweigens. »Geht es... Euch gut, Mutter?« »Siuan, Leane. Nur noch Siuan.« Unwillkürlich griff sie nach Saidar. Da war nichts. Nicht für sie jedenfalls. Nur die Leere in ihrem Innern. Niemals mehr. Ein zweckerfülltes Leben, und nun trieb sie steuerlos auf einem Meer, das viel dunkler war als diese Zelle. Sie rieb sich eine Träne von der Wange und ärgerte sich über sich selbst. »Ich bin nicht mehr die Amyrlin, Leane.« Etwas von ihrem Zorn stahl sich in ihre Stimme. »Ich schätze, Elaida wird meinen Rang erhalten. Wenn es nicht schon der Fall ist. Ich schwöre, eines Tages werde ich diese Frau den Haien verfüttern!« Leanes einzige Antwort darauf war ein langezogenes, verzweifeltes Ausatmen.
Das Knirschen eines Schlüssels in dem rostigen Eisenschloß ließ Siuans Kopf hochfahren. Niemand hatte daran gedacht, das Schloß zu ölen, bevor man Leane und sie in die Zelle warf, und die vom Rost zerfressenen Teile wollten sich nicht drehen. Grimmig zwang sie sich zum Aufstehen. »Auf, Leane. Steht auf.« Einen Augenblick später hörte sie, wie die andere Frau folgte. Sie stöhnte leicht dabei und knurrte etwas in sich hinein.
Mit etwas lauterer Stimme sagte Leane dann: »Was soll uns das helfen?« »Wenigstens finden sie uns nicht heulend auf dem Boden vor.« Sie bemühte sich, ihre Stimme fester klingen zu lassen. »Wir können kämpfen, Leane. Solange wir leben, können wir auch kämpfen.« Oh, Licht, sie haben mich einer Dämpfung unterzogen! Sie haben es wirklich getan!
Sie zwang ihren Verstand zur Ruhe, ballte die Fäuste und versuchte, ihre Zehen in den unregelmäßigen Steinboden zu bohren. Sie wünschte sich, das Geräusch aus ihrem Mund klänge nicht wie ein Wimmern.
Min legte ihre Bündel auf den Boden und schlug den Umhang zurück, damit sie den Schlüssel mit beiden Händen drehen konnte. Er war doppelt so lang wie ihre Hand und genauso verrostet wie das Schloß. Doch auch die anderen Schlüssel an dem großen Eisenring sahen nicht anders aus. Die Luft war kalt und feucht, als käme der Sommer nicht bis hier herunter.