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Bei dem Gedanken daran, sie in sich hineinzusaugen, wurde ihm schlecht, aber etwas anderes fiel ihm nicht ein. Aber ich weiß nicht, wie! Wie habe ich das angestellt? Licht, was genau habe ich getan? Er mußte mit einem davon ringen, ihn wenigstens berühren; irgendwie war er sich dessen sicher. Aber wenn er versuchte, sich einem so weit zu nähern, würde er innerhalb eines Herzschlags von drei Schwertern durchbohrt. Spiegelbilder. Inwieweit sind sie immer noch Spiegelbilder?

Er hoffte, sich damit nicht selbst zum Narren zu machen — dann wäre er nämlich im Handumdrehen ein toter Narr —und ließ sein Schwert verschwinden. Er war bereit, es innerhalb eines Augenblicks wieder erscheinen zu lassen, aber als seine flammengeschmiedete Klinge verlosch, geschah das gleiche mit den Klingen der anderen. Diesen einen Moment lang zeichnete Verwirrung die drei Kopien seines Gesichts, von denen eine nur noch eine blutige Grimasse darstellte. Doch bevor er einen von ihnen packen konnte, sprangen sie alle auf ihn zu und stürzten in einem wilden Haufen um sich schlagender Gliedmaßen zu Boden. Sie rollten über den scherbenübersäten Teppich.

Kälte sickerte in Rand ein. Seine Gliedmaßen wurden taub, seine Knochen ebenfalls, bis er die Scherben kaum noch spürte, die Glasscherben der Spiegel und die Porzellanscherben, die sich in seine Haut bohrten. Etwas wie Panik flackerte durch die ihn umgebende Leere. Möglicherweise hatte er einen tödlichen Fehler begangen. Sie waren viel größer als derjenige, den er in sich aufgenommen hatte. Sie entzogen seinem Körper auch viel mehr Wärme. Und nicht nur Wärme. In dem Maße, wie sein Körper erkaltete, nahmen ihre glasigen Augen Leben an. Mit kalter Sicherheit wurde ihm klar, daß sein Tod diesen Kampf nicht beenden würde. Sie würden untereinander weiterkämpfen, bis nur noch einer übrig blieb, und der würde dann sein Leben führen, seine Erinnerungen besitzen, er sein.

Verzweifelt kämpfte er weiter. Je schwächer er wurde, desto mehr strengte er sich an. Er sog Saidin in sich auf und versuchte, sich mit dessen Wärme aufzuladen. Selbst das Würgen ob Saidins Verderbtheit war ihm jetzt willkommen, denn je stärker er das empfand, desto mehr der Macht nahm er in sich auf. Wenn sein Magen rebellierte, zeigte das ja, daß er noch am Leben war und kämpfen konnte. Aber wie? Wie? Was habe ich vorhin nur gemacht? Saidin tobte durch seinen Körper. Wenn er diesen Kampf überlebte, so schien es ihm, würde die Macht ihn verschlingen. Wie habe ich das angestellt? Alles, was ihm übrig blieb, war, Saidin an sich zu reißen... zu versuchen... die Angreifer damit zu packen... in einer Gewaltanstrengung...

Einer der drei verschwand. Rand spürte, wie die Gestalt in ihn hineinglitt. Es war, als sei er aus großer Höhe herabgestürzt, direkt auf den steinernen Boden. Und dann kamen die beiden anderen zur gleichen Zeit. Der Aufschlag warf ihn auf den Rücken, und so lag er da und starrte die Stuckdecke mit den vergoldeten Ecken an. Er genoß die Tatsache, daß er immer noch atmete.

Immer noch schwoll die Macht in jeder Faser seines Seins an. Er hätte am liebsten jedes Mahl herausgewürgt, das er je gegessen hatte. Er fühlte sich so voller sprühenden Lebens, daß im Vergleich dazu ein nicht von Saidin erfülltes Leben wie eine Schattenexistenz schien. Er roch das Bienenwachs der Kerzen und das Öl der Lampen. Er fühlte jede Faser des Teppichs an seinem Rücken. Er spürte jeden Schnitt, jeden Riß, jede Schramme in seiner Haut. Aber er klammerte sich an Saidin.

Einer der Verlorenen hatte versucht, ihn zu töten. Oder sogar alle zusammen. Das mußte es gewesen sein, es sei denn, der Dunkle König wäre bereits in Freiheit, aber dann hätte er wohl kaum nur einem einfachen Angriff wie diesem trotzen müssen. Also blieb er in Verbindung mit der Wahren Quelle. Und wenn ich das alles selbst getan habe? Kann ich das, was ich bin, so sehr hassen, daß ich versuche, mich selbst auf diese Art zu töten? Ohne daß ich es weiß? Licht, ich muß endlich lernen, meine Kräfte unter Kontrolle zu bringen. Ich muß!

Schmerzerfüllt drückte er sich hoch. Er hinterließ auf dem Teppich blutige Fußabdrücke, als er zu dem Ständer hinüberhumpelte, auf dem Callandor ruhte. Blut aus Hunderten von Schnitten lief über seinen Körper. Er hob das Schwert auf, und seine glasige Länge wurde von der Macht erleuchtet, die hineinfloß. Das Schwert, Das Kein Schwert War. Die Klinge, augenscheinlich aus Glas gefertigt, konnte genau wie der beste Stahl schneiden, und doch war Callandor kein wirkliches Schwert, sondern ein Überbleibsel aus dem Zeitalter der Legenden, ein Sa'Angreal. Mit Hilfe der wenigen erhalten gebliebenen Angreal, die den Schattenkrieg und die Zerstörung der Welt überstanden hatten, war es möglich, Ströme der Macht zu beherrschen, die ohne diese Hilfe jeden zu Asche verbrannt hätten. Mit einem der noch selteneren Sa'Angreal konnte man den Strom der Macht noch einmal um genauso vieles mehr verstärken, wie mit einem Angreal dem Menschen gegenüber, der keine solchen Helfer hatte. Und Callandor, das nur von einem Mann zu gebrauchen war, und das über dreitausend Jahre von Legenden und Prophezeiungen hinweg mit dem Wiedergeborenen Drachen verknüpft gewesen war, war einer der stärksten Sa'Angreal, die man jemals angefertigt hatte. Mit Callandor in der Hand konnte er eine Stadtmauer mit einem Schlag einebnen. Mit Callandor in der Hand konnte er sogar einem der Verlorenen gegenübertreten. Das waren sie. Es muß so sein.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er von Berelain die ganze Zeit über keinen Laut vernommen hatte. Er fürchtete beinahe, sie tot daliegen zu sehen, als er sich zu ihr umdrehte.

Sie zuckte unter seinem Blick zusammen. Wohl lag sie noch immer auf den Knien, hatte aber ihr Gewand wieder angelegt und um sich zusammengezogen wie einen schützenden Stahlpanzer oder wie eine Steinmauer. Ihr Gesicht war schneeweiß, und sie fuhr sich mit der Zunge über die ausgetrockneten Lippen. »Welcher seid...?« Sie schluckte und fing noch einmal von vorne an: »Welcher von denen...?« Sie war nicht in der Lage, ihre Frage auszusprechen.

»Ich bin der einzige«, sagte er sanft. »Derjenige, den Ihr behandelt habt, als seien wir verlobt.« Er wollte sie damit beruhigen und vielleicht zum Lächeln bringen. Sicher war doch eine so starke Frauenpersönlichkeit, als die sie sich erwiesen hatte, imstande, auch einen blutüberströmten Mann anzulächeln. Doch sie beugte sich vor und drückte ihr Gesicht auf den Fußboden.

»Ich bitte Euch untertänigst um Verzeihung, weil ich Euch so ungeheuerlich beleidigt habe, Lord Drache.« Ihre rauchige Stimme hörte sich demütig an und verängstigt dazu. Ganz anders als zuvor. »Ich bitte Euch, meine Beleidigung zu vergessen und zu vergeben. Ich werde Euch nicht mehr belästigen. Das schwöre ich, Lord Drache. Beim Namen meiner Mutter und beim Licht schwöre ich es Euch.« Er löste den vernabelten Strom der Macht. Aus den unsichtbaren Wänden um sie herum wurde wieder Luft. Ihr Gewand wurde einen Moment lang vom Luftzug bewegt. »Es gibt nichts, das ich Euch vergeben müßte«, sagte er erschöpft. Er war sehr, sehr müde. »Geht, wohin Ihr wollt.« Sie richtete sich zögernd auf, streckte eine Hand aus und seufzte erleichtert auf, als diese Hand auf keinen Widerstand traf. Sie hob ihr Gewand etwas an und begann, vorsichtig über den scherbenbedeckten Teppich zu gehen. Unter ihren Samtpantoffeln knirschte es gelegentlich. Kurz vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und blickte ihn an, was ihr offensichtlich schwerfiel. Ihr Blick traf den seinen nicht ganz. »Wenn Ihr wünscht, schicke ich die Aiel herein. Ich kann auch nach einer der Aes Sedai schicken, damit sie sich um Eure Wunden kümmert.« Sie könnte sich genausogut mit einem Mydrdraal im gleichen Raum befinden oder gar mit dem Dunklen König selbst, so wie sie mich ansieht. Aber sie ist kein Feigling. »Ich danke Euch«, sagte er ruhig, »aber — nein. Es wäre mir lieber, wenn Ihr niemandem davon erzähltet, was sich hier abgespielt hat. Noch nicht. Ich werde selbst veranlassen, was notwendig ist.« Es müssen die Verlorenen gewesen sein.