»Beeilt Euch, Kind«, wurde sie von Laras angetrieben. Die dicke Küchenherrin hielt die Laterne für Min und spähte immer wieder ängstlich den Flur hinauf und hinunter. Es fiel schwer, daran zu glauben, daß diese Frau mit ihrem schwabbelnden Mehrfachkinn einst eine Schönheit gewesen sein sollte, doch im Moment fand Min sie einfach wunderschön.
Sie kämpfte mit dem Schlüssel und schüttelte den Kopf. Sie war auf Laras gestoßen, als sie sich zu ihrem Zimmer zurückschleichen wollte, um das einfache graue Reitkleid zu holen, das sie jetzt trug, und noch ein paar andere Dinge. Tatsächlich war die massige Frau auf der Suche nach ihr gewesen, da sie sich wahnsinnig Sorgen um ›Elmindreda‹ gemacht hatte, und dann hatte sie ihr einen Vortrag gehalten, welches Glück sie gehabt habe, heil davonzukommen, und sie hätte sie am liebsten in ihr Zimmer eingeschlossen, bis alles vorüber war. Sie wußte nicht mehr genau, wie Laras aus ihr sämtliche Absichten herausgequetscht hatte, und sie konnte nicht darüber hinwegkommen, daß ausgerechnet diese Frau zögernd verkündet hatte, sie werde ihr helfen. Eine richtige Abenteurerin. Na ja, hoffen wir mal, daß sie mich — wie hat sie das ausgedrückt? — tatsächlich aus dem Salztopf heraushalten kann. Der verdammte Schlüssel wollte sich nicht drehen. Sie warf ihr ganzes Gewicht in die Waagschale und stemmte sich dagegen.
Natürlich war sie Laras mehr als nur dankbar. Sie bezweifelte, daß sie allein in der Lage gewesen wäre, alles vorzubereiten und alle Sachen zusammenzusuchen, die sie brauchte — jedenfalls nicht so schnell. Außerdem... Außerdem hatte sie sich zu dem Zeitpunkt, als sie auf Laras getroffen war, bereits einzureden versucht, es sei doch alles sinnlos und sie sollte sich besser auf ein Pferd setzen und nach Tear losreiten, solange sie die Chance dazu hatte, bevor jemand daran dachte, ihr Kopf stelle eine gute Dekoration für die Burgmauer dar. Sie vermutete, sie wäre selbst nie mehr mit ihrem Schuldgefühl fertiggeworden, wenn sie weggelaufen wäre. Das allein machte ihre Dankbarkeit Laras gegenüber so groß, daß sie nicht protestierte, als diese noch ein paar hübsche Kleider zu den Sachen packte, die sie bereits herausgesucht hatte. Sie konnte ja das Rouge und den Puder irgendwo ›verlieren‹. Warum dreht sich dieser verdammte Schlüssel nicht? Vielleicht kann Laras...
Plötzlich bewegte sich der Schlüssel und drehte sich mit einem lauten Krachen, daß Min schon fürchtete, er sei abgebrochen. Doch als sie gegen die grobe Holztür drückte, öffnete sie sich. Sie schnappte sich ihre Bündel vom Boden und trat in die kahle Steinzelle. Dann blieb sie jedoch verwirrt stehen.
Der Laternenschein enthüllte ihrem Blick zwei Frauen mit verschwollenen und geschundenen nackten Körpern, die ihre Augen vor dem plötzlichen Lichtschein schützten. Einen Augenblick lang war Min nicht sicher, ob es tatsächlich die Gesuchten seien. Die eine war groß, und ihre Haut war kupferfarben, die andere kleiner, stämmiger, mit hellerem Haar. Die Gesichter sahen aus wie die der Gesuchten — beinahe jedenfalls — und waren wohl von dem, was man ihnen angetan hatte, unberührt geblieben. Also hätte sie eigentlich sicher sein müssen. Aber jene Alterslosigkeit, die so typisch für die Aes Sedai war, schien von ihnen abgefallen zu sein. Sie hätte ansonsten nicht gezögert, diese Frauen für höchstens sechs oder sieben Jahre älter als sich selbst zu schätzen und sie bestimmt nicht für Aes Sedai zu halten. Bei diesem Gedanken lief sie vor Verlegenheit rot an. Sie sah auch keine Bilder, keine Visionen, um die beiden flimmern. Aber bei Aes Sedai sah sie doch immer welche. Hör auf damit, sagte sie sich.
»Wo...«, begann eine der beiden staunend, und dann unterbrach sie sich und räusperte sich erst einmal. »Woher habt Ihr diese Schlüssel?« Es war die Stimme Siuan Sanches.
»Sie ist es tatsächlich!« Laras' Stimme klang ungläubig. Sie stupste Min mit einem dicken Finger. »Schnell, Kind! Ich bin zu alt und zu langsam für solche Abenteuer.« Min warf ihr einen überraschten Blick zu. Die Frau hatte darauf bestanden, mitzukommen. Sie werde auf keinen Fall zurückbleiben, hatte sie gesagt. Min hätte Siuan am liebsten gefragt, wieso sie beide auf einmal soviel jünger aussähen, aber für solche Anzüglichkeiten blieb jetzt keine Zeit. Ich bin schon verdammt noch mal daran gewöhnt, Elmindreda sein zu müssen!
Sie drückte schnell jeder der Frauen eines ihrer Bündel in die Hand und sagte hastig: »Kleider. Zieht Euch so schnell wie möglich an. Ich weiß nicht, wieviel Zeit wir haben. Ich habe dem Wächter vorgemacht, ich wolle Euch etwas heimzahlen, und ihm ein paar Küsse versprochen, wenn er mich hinunter läßt. Während ich ihn ablenkte, schlich sich Laras von hinten an und hat ihm mit dem Nudelholz eins über den Schädel verpaßt. Ich weiß aber nicht, wie lange er noch schlafen wird.« Sie beugte sich hinaus und blickte besorgt den Flur hinauf in Richtung Wachraum. »Wir sollten uns wirklich beeilen.« Siuan hatte bereits ihr Bündel geöffnet und begonnen, sich anzuziehen. Abgesehen von einem leinenen Unterhemd waren die mitgebrachten Kleidungsstücke alle aus einfacher, brauner Wolle gefertigt und paßten zu Bauersfrauen, die zur Weißen Burg gekommen waren, um die Aes Sedai um Rat zu bitten. Allerdings waren die Hosenröcke zum Reiten doch etwas ungewöhnlich. Laras hatte sie schnell abgenäht. Min stach sich immer nur in die Finger dabei; also hatte sie es sein lassen. Auch Leane kleidete sich an, doch ihr Interesse schien vor allem dem kurzen Messer zu gelten, das an ihrem Gürtel hing, und nicht ihrer Kleidung.
Drei einfach gekleidete Frauen sollten doch wenigstens eine Chance haben, das Burggelände zu verlassen, ohne besonders aufzufallen. Eine Anzahl von Menschen mit Bittschriften und andere Hilfesuchende waren von den Auseinandersetzungen in der Burg überrascht worden. Drei weitere, die sich aus ihrem Versteck herauswagten, würden wohl schlimmstenfalls auf die Straße hinausgeschoben werden. Solange man sie nicht erkannte. Die Gesichter der anderen könnten auch hilfreich sein. Keiner würde dieses Paar junger Frauen — jung erschienen sie jedenfalls — für die Amyrlin und die Behüterin der Chronik halten. Für die ehemalige Amyrlin und die ehemalige Behüterin, mußte sie sich selbst mahnen.
»Nur ein Wächter?« fragte Siuan, die vor Schmerz zusammengezuckt war, als sie die dicken Strümpfe übergezogen hatte. »Seltsam. Sie würden ja einen Taschendieb noch besser bewachen.« Sie blickte Laras an, während sie ihre Füße in die festen Schuhe schob. »Es ist gut, zu merken, daß nicht jeder den Anklagen gegen mich Glauben schenkt. Was immer sie auch besagen mögen.« Die dicke Frau runzelte die Stirn und senkte das Kinn, was zu einem vierten Wulst führte. »Ich verhalte mich loyal der Burg gegenüber«, sagte sie ernst. »Solche Dinge gehen über meinen Horizont. Ich bin nur Köchin. Dieses närrische Mädchen hier hat mich schon zuviel an die Zeiten erinnert, als ich selbst ein solch närrisches Mädchen war. Ich glaube — nachdem ich Euch jetzt sehe —, es ist an der Zeit, mich daran zu erinnern, daß ich kein schlankes Reh mehr bin.« Sie drückte Min die Laterne in die Hand.
Min packte ihren mächtigen Arm, als sie sich zum Gehen wandte. »Laras, Ihr verratet uns doch nicht? Nicht jetzt, nach alledem, was Ihr für uns getan habt.« Das breite Gesicht der Frau verzog sich zu einem Lächeln. Es wirkte halb in Erinnerung schwelgend, halb bedauernd. »Oh, Elmindreda, erinnert mich nicht daran, als ich noch in Eurem Alter war. Dumme Sachen habe ich da angerichtet. Manchmal war ich nahe daran, gehängt zu werden. Ich werde Euch nicht verraten, Kind, aber ich muß hier leben. Wenn die Zweite Stunde eingeläutet wird, schicke ich ein Mädchen mit Wein für den Wächter herunter. Falls er bis dahin noch nicht erwacht oder entdeckt worden ist, gibt Euch das mehr als eine Stunde Zeit.« Sie wandte sich den anderen beiden Frauen zu, und ihr Gesicht trug plötzlich den harten Ausdruck, den Min bei ihr gesehen hatte, wenn sie mit den Unterköchinnen oder den Küchenmägden gesprochen hatte. »Nützt diese Stunde gut, verstanden? Sie wollen Euch in die Spülküche stecken, wie ich weiß, damit sie Euch als Beispiel vorzeigen können. Mir ist das gleich. So etwas wird von Aes Sedai entschieden und nicht von Köchinnen. Für mich ist eine Amyrlin so gut wie die andere. Aber wenn Ihr es zulaßt, daß dieses Mädchen gefangen wird, werde ich Euch von früh bis spät das Fell über die Ohren ziehen, solange ihr nicht mit den Köpfen in schmierigen Töpfen steckt oder Spucknäpfe ausleert! Ihr werdet Euch wünschen, sie hätten Euch die Köpfe abgehackt, bevor ich mit Euch fertig bin. Und glaubt ja nicht, sie würden Euch abnehmen, daß ich Euch geholfen habe! Jeder weiß, daß ich immer in meiner Küche bleibe. Denkt daran und macht gefälligst schnell!« Das Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück und sie kniff Min in die Wange. »Sorgt dafür, daß sie sich beeilen, Kind. Oh, wie es mir fehlen wird, Euch einkleiden zu dürfen. Ihr seid ein so hübsches Mädchen.« Sie kniff noch einmal richtig zu und watschelte im Eiltempo aus der Zelle.