Min rieb sich gereizt die Wange. Sie haßte das bei Laras. Die Frau war stark wie ein Pferd. Nahe daran, gehängt zu werden? Welche Art von ›lebhaftem Mädchen‹ war Laras denn gewesen?
Vorsichtig zog sich Leane das Kleid über den Kopf und schnaubte laut dabei. »Daß sie Euch in einem derartigen Ton anzusprechen wagte, Mutter!« Ihr Gesicht kam oben wieder heraus und sie machte eine finstere Miene. »Ich bin überrascht, daß sie uns überhaupt half, wenn sie es so sieht.« »Aber sie hat geholfen«, sagte Min zu ihr. »Denkt daran. Und ich glaube, sie wird Wort halten und uns nicht verraten. Da bin ich sicher.« Leane schnaubte noch mal.
Siuan legte sich den Umhang um. »Es ist eben ein Unterschied, Leane, daß ich diesen Titel jetzt nicht mehr beanspruchen kann. Es ist schon ein Unterschied, wenn Ihr und ich morgen vielleicht bei ihr das Geschirr spülen müssen.« Leane faltete die Hände, damit sie nicht so zitterten, und konnte sie nicht ansehen. Siuan fuhr gelassen in ihrem trockenen Tonfall fort: »Ich vermute auch, daß Laras ihr Wort in bezug auf... andere Dinge... halten wird. Also, selbst wenn es Euch gleich ist, ob Elaida uns wie ein paar gefangener Haie aufhängt, damit uns alle betrachten können, schlage ich doch vor, daß Ihr euch jetzt ein bißchen bewegt. Was mich betrifft, habe ich seit meiner Jugend schmierige Töpfe gehaßt, und das hat sich bis jetzt nicht gelegt.« Leane begann mürrisch damit, die Schnüre an ihrem Bauernkleid zuzubinden.
Siuan wandte ihre Aufmerksamkeit Min zu. »Ihr seid vielleicht nicht mehr so darauf erpicht, uns zu helfen, wenn ich Euch sage, daß man uns beide... einer Dämpfung unterzogen hat.« Ihre Stimme bebte nicht dabei, aber man merkte ihr die Mühe an, die sie sich geben mußte, um das auszusprechen, und in ihren Augen standen Schmerz und Einsamkeit. Min erschrak, als ihr klar wurde, daß die Ruhe der anderen nur äußerlich war. »Jede der Aufgenommenen könnte uns nun fesseln, wie es ihr beliebt, Min. Sogar die meisten Novizinnen würden so mit uns fertig.« »Ich weiß«, sagte Min und gab sich Mühe, nicht einmal eine Andeutung von Mitgefühl in ihrer Stimme anklingen zu lassen. Mitgefühl würde möglicherweise den beiden Frauen die Selbstbeherrschung vollends rauben, und sie mußten sich jetzt einfach zusammennehmen. »Man hat es auf jedem öffentlichen Platz in der Stadt bekanntgegeben und angeschlagen, wo immer man eine Mitteilung annageln konnte. Und doch lebt Ihr noch.« Leane lachte bitter auf, aber sie überhörte es. »Wir sollten jetzt gehen. Sonst wacht noch der Wächter auf, oder jemand findet ihn.« »Führt uns an, Min«, sagte Siuan. »Wir sind in Eurer Hand.« Einen Moment später nickte auch Leane kurz und legte sich hastig den Umhang um.
Im Wachraum ganz am Ende des dunklen Korridors lag der einzige Wächter ausgestreckt und mit dem Gesicht nach unten am Boden. Der Helm, der ihn vor einem Brummschädel hätte bewahren können, lag auf einem roh gezimmerten Tisch neben der einzigen Laterne, die ihr Licht in den Raum warf. Seine Atmung schien in Ordnung zu sein, und so warf ihm Min keinen weiteren Blick zu. Sie hoffte aber doch, daß er nicht ernsthaft verletzt sei. Er hatte sich trotz ihres frivolen Angebots anständig verhalten und seine überlegene Kraft nicht ausgenützt.
Sie schob Siuan und Leane schnell durch die Eingangstür mit ihren dicken Holzbohlen und Eisenstreben und dann die enge Steintreppe hinauf. Sie mußten immer in Bewegung bleiben. Sich als Bittsteller bei den Aes Sedai auszugeben würde sie nicht vor einem Verhör bewahren, falls man sie vom Zellentrakt her kommen sah.
Sie sahen keinen weiteren Wächter oder sonst irgend jemanden, als sie aus den Tiefen der Burg herausklommen, doch Min hielt immer wieder die Luft an, bis sie endlich die kleine Tür erreicht hatten, die in die eigentliche Burg hineinführte. Sie öffnete sie einen Spaltbreit, um hindurchspähen zu können, und musterte den Korridor zu beiden Seiten.
Vergoldete Lampen standen an den mit Friesen bedeckten weißen Marmorwänden. Zur Rechten verschwanden gerade zwei Frauen mit schnellen Schritten aus ihrem Gesichtsfeld, ohne sich umzublicken. Ihren selbstbewußten Schritten nach mußten sie Aes Sedai sein, obwohl sie ihre Gesichter nicht erkennen konnte. In der Burg schritt selbst eine Königin zögernd einher. In der anderen Richtung stolzierte ein halbes Dutzend Männer davon weg, genauso eindeutig Behüter mit der Grazie eines Wolfs und mit Umhängen, deren Farbe sich ihrer Umgebung anpaßte.
Sie wartete, bis auch die Behüter verschwunden waren, und schlüpfte dann durch die Tür hinaus. »Die Luft ist rein. Kommt mit. Laßt die Kapuzen oben und senkt die Köpfe. Benehmt Euch leicht verängstigt.« Was sie betraf, mußte sie keine Angst heucheln. Die beiden Frauen folgten ihr aus dem stillen Treppenhaus. Sie hatte auch bei ihnen das Gefühl, die Angst sei absolut keine Heuchelei.
Die Säle der Burg waren selten nur voll, doch nun schienen sie ihr geradezu leer. Gelegentlich tauchte vor ihnen oder in einem Seitenkorridor jemand auf, aber ob Aes Sedai oder Behüter oder Dienerin: alle eilten geschäftig einher und konzentrierten sich so auf ihre Aufgaben, daß sie niemand anderes bemerkten. Auch hier draußen in der Burg herrschte Stille.
Dann betraten sie einen Quergang und entdeckten auf dessen hellgrünen Fußbodenkacheln dunkle Flecken eingetrockneten Blutes. Zwei größere Flecke zogen sich zu langen Blutschmierern dahin, als habe man Leichen weggeschleift.
Siuan blieb stehen und betrachtete die Blutflecken. »Was ist denn geschehen?« wollte sie wissen. »Sagt es mir, Min!« Leane packte den Griff ihres Messers und sah sich um, als erwarte sie jeden Moment einen Angriff.
»Kämpfe«, sagte Min zögernd. Sie hatte gehofft, die beiden Frauen befänden sich bereits außerhalb der Burg und möglichst sogar außerhalb der Stadt, wenn sie davon erfuhren. Sie führte sie um die Blutflecken herum und stieß sie an, als sie zurückblicken wollten. »Es begann gestern, nachdem man Euch festgenommen hatte, und erst vor vielleicht zwei Stunden hat sich alles beruhigt. Aber noch nicht vollständig.« »Meint Ihr damit etwa die Gaidin?« rief Leane. »Behüter, die untereinander kämpften?« »Behüter, Wachsoldaten, jeder. Es begann, als eine Reihe von Männern, die man als angebliche Maurer hereingelassen hatte — zwei- oder dreihundert —, versuchte, die Macht in der Burg an sich zu reißen, kaum, daß Eure Gefangennahme bekanntgegeben worden war.« Siuan blickte finster drein. »Danelle! Ich hätte wissen müssen, daß mehr daran war als nur ihre Unaufmerksamkeit.« Ihr Gesicht verzog sich noch weiter, und Min glaubte schon, sie werde zu weinen anfangen. »Artur Falkenflügel hat es nicht geschafft, aber wir selbst haben es nun erreicht.« Ob sie den Tränen nah war oder nicht, ihre Stimme klang jedenfalls wild entschlossen. »Licht, hilf uns, wir haben die Macht der Burg zerstört.« Ihr Atem und gleichzeitig ihr Zorn entluden sich in einem langen Seufzen. »Ich denke schon«, sagte sie traurig einen Augenblick später, »ich sollte mich glücklich schätzen, daß mich einige in der Burg unterstützt haben, aber ich wünsche beinahe, sie hätten es unterlassen.« Min bemühte sich, ein ausdrucksloses Gesicht zu machen, aber diese scharfen blauen Augen schienen jedes Wimpernzucken bei ihr wahrzunehmen und auszulegen. »Haben sie mich wirklich unterstützt, Min?« »Einige schon.« Sie hatte nicht die Absicht, ihr zu sagen, wie wenige es gewesen waren, noch nicht jedenfalls. Andererseits mußte sie Siuan klarmachen, daß sie innerhalb der Burg keine Unterstützung mehr hatte. »Elaida hat nicht abgewartet, ob die Blauen Ajah noch zu Euch hielten oder nicht. In der gesamten Burg befindet sich keine einzige Blaue Schwester mehr, jedenfalls keine, die noch am Leben wäre. Das weiß ich definitiv.« »Sheriam?« fragte Leane mit Angst in der Stimme. »Anaiya?« »Ich weiß nichts über sie. Es sind auch nicht mehr viele Grüne übrig. Nicht in der Burg jedenfalls. Die anderen Ajahs haben sich gespalten, die einen für die neuen Herrscher, die anderen dagegen. Die meisten Roten befinden sich noch hier. Soweit ich weiß, ist jede, die Elaida Widerstand leistete, entweder geflohen oder tot. Siuan... « Es war schon eigenartig, sie so anzureden. Leane knurrte deshalb auch etwas in sich hinein. Doch sie jetzt noch ›Mutter‹ zu nennen, wäre blanker Hohn. »Siuan, in den Anklagen gegen Euch und Leane, die man ausgehängt hat, wird behauptet, Ihr hättet die Flucht Mazrim Taims arrangiert. Logain ist während der Kämpfe entkommen, und auch das hat man Euch zugeschrieben. Sie nennen Euch nicht gerade Schattenfreunde — das würde wohl den Schwarzen Ajah zu nahe kommen —, aber es ist nicht weit davon entfernt. So, daß jeder es zwischen den Zeilen ablesen kann.« »Sie geben noch nicht einmal das zu, was sie in Wahrheit wollen«, sagte Siuan leise, »nämlich genau das, weswegen sie mich beseitigen mußten.« »Schattenfreunde?« murmelte Leane erstaunt. »Sie haben uns...?« »Warum sollten sie nicht?« hauchte Siuan. »Was sollten sie nicht wagen, wenn sie schon soviel gewagt haben?« Sie zogen unter den Umhängen ihre Schultern ein und ließen sich von Min führen, wohin sie wollte. Sie verwünschte den Ausdruck der Hoffnungslosigkeit auf ihren Gesichtern.