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Als sie sich einer der Eingangstüren näherten, begann sie aufzuatmen. Sie hatte im bewaldeten Teil des Geländes unweit vom Westausgang Pferde versteckt. Es war natürlich noch eine Frage, wie leicht es ihnen fallen werde, tatsächlich hinauszureiten, aber sobald sie einmal die Pferde erreicht hatten, würde sie sich schon beinahe in Freiheit fühlen. Sicher würden doch die Torwächter drei Frauen nicht am Ausreiten hindern. Das redete sie sich jedenfalls ein.

Die Tür, nach der sie gesucht hatte, erschien vor ihnen. Es war eine kleine Tür mit glatter Holztäfelung, die auf einen selten benützten Weg hinausführte. Sie lag gegenüber der Einmündung des breiten Korridors, der sich um die ganze Burg herumzog. Und dann sah sie Elaida, die aus diesem Korridor heraus genau auf sie zukam.

Mins Knie schlugen auf den Fußbodenkacheln auf, und sie kauerte mit eingezogenem Kopf und durch die Kapuze verborgenem Gesicht da, während ihr Herz versuchte, die Rippen von innen zu durchschlagen. Eine Bittstellerin, mehr bin ich nicht. Nur eine einfache Frau, die nichts mit dem zu tun hat, was passiert ist. Oh, Licht, bitte! Sie hob den Kopf ein wenig, damit sie unter dem Rand der Kapuze hervorspähen konnte. Sie erwartete beinahe, Elaidas wütendes Gesicht auf sich herabblicken zu sehen.

Elaida fegte vorbei, ohne einen Blick in Mins Richtung zu werfen. Die breite, gestreifte Stola der Amyrlin lag um ihre Schultern. Alviarin folgte ihr in der Stola der Behüterin der Chronik, in Weiß gehalten, ihrer Ajah wegen. Auf ihren Fersen folgte ein Dutzend oder mehr Aes Sedai, die meisten Rote. Allerdings sah Min auch zwei Stolen mit gelben Fransen, eine grüne und eine braune. Sechs Behüter flankierten die Prozession, die Hände an den Schwertgriffen und die Augen wachsam. Ihre Blicke schweiften über die drei knienden Frauen und beachteten sie nicht weiter.

Sie knieten alle drei, wie Min jetzt erst bemerkte, und ihr wurde im selben Moment klar, daß sie befürchtet hatte, Siuan und Leane würden Elaida an die Kehle gehen. Beide Frauen hatten die Köpfe ebenfalls gerade so weit gehoben, daß sie den Weg der Prozession den Korridor hinunter verfolgen konnten.

»Sehr wenige Frauen nur sind bisher einer Dämpfung unterzogen worden«, sagte Siuan mehr zu sich selbst, »und niemand davon hat es lange überlebt, aber man behauptet, ein Weg zum Überleben sei, sich etwas zu suchen, was man mit der gleichen Leidenschaft erreichen will, wie man einst die Macht benützen wollte.« Die Hoffnungslosigkeit war aus ihren Augen gewichen. »Zuerst dachte ich, ich müßte Elaida aufschlitzen und in die Sonne zum Trocknen hängen. Jetzt wünsche ich mir nichts sehnlicher — nichts! —, als dieser Halsabschneiderin sagen zu können, daß sie noch lange leben wird, um als Beispiel dafür zu dienen, was mit jemandem geschieht, der mich als Schattenfreund bezeichnet!« »Und Alviarin«, fügte Leane mit gepreßter Stimme hinzu. »Und Alviarin!« »Ich hatte gefürchtet, sie würden meine Gegenwart spüren«, fuhr Siuan fort. »Aber es gibt jetzt nichts mehr, was man spüren könnte. Das ist ja wohl der Vorteil dabei... einer Dämpfung unterzogen worden zu sein, wie es scheint.« Leane schüttelte ärgerlich den Kopf, und Siuan sagte: »Wir müssen jeden Vorteil nützen, den wir haben. Und wir müssen froh sein über jeden davon.« Das letztere klang, als wolle sie es sich selbst einreden.

Der letzte Behüter verschwand in einiger Entfernung um eine Ecke, und Min schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. »Wir können später über Vorteile reden«, krächzte sie und hielt inne, um noch einmal schwer zu schlucken. »Gehen wir schnell zu den Pferden. Das muß ja wohl jetzt das Schlimmste gewesen sein, was wir zu überstehen hatten.« So schien es tatsächlich, als sie aus der Burg hinaus in den Mittagssonnenschein eilten. Das Schlimmste lag jetzt wohl hinter ihnen. Das einzige Anzeichen für etwas Außergewöhnliches war die Rauchwolke, die sich im Osten des Burggeländes in einen wolkenlosen Himmel erhob. In der Ferne liefen Gruppen von Männern herum, aber keiner warf den drei Frauen einen zweiten Blick zu, als sie an der Bibliothek vorbeigingen, die wie hoch aufragende Wogen aus Stein gebaut war. Ein kleiner Pfad führte von dort aus tiefer in das Gelände hinein in ein Wäldchen von Eichen und Nadelbäumen, wie man es ansonsten fern von den Städten fand. Mins Schritte wurden beschwingter, als sie die drei gesattelten Pferde immer noch dort vorfand, wo sie und Laras die Tiere zurückgelassen hatten — in einer kleinen Lichtung zwischen Lederblattbäumen und Birken.

Siuan begab sich sofort zu einer kräftigen, zottigen Stute, die zwei Handbreit kleiner war als die anderen. »Das richtige Reittier in meiner augenblicklichen Verfassung. Und sie wirkt friedlicher als die beiden anderen. Ich war noch nie eine gute Reiterin.« Sie streichelte die Nase der Stute und die steckte ihr die weiche Schnauze in die Hand. »Wie heißt sie, Min? Wißt Ihr das?« »Bela. Sie gehört...« »Ihr Pferd.« Gawyn trat hinter einem breiten Baumstamm hervor, die eine Hand auf dem langen Schwertgriff. Die Blutspritzer auf seinem Gesicht sahen genauso aus, wie Min es in ihrer Vision gesehen hatte an jenem ersten Tag in Tar Valon. »Ich wußte, daß du etwas vorhast, Min, als ich ihr Pferd sah.« Sein rotgoldenes Haar war blutverklebt, die blauen Augen blickten halb betäubt drein, doch er ging mit sicherem Schritt auf sie zu, ein hochgewachsener Mann mit katzengleicher Grazie. Eine Katze, die Mäusen auflauert.

»Gawyn«, begann Min, »wir... « Sein Schwert fuhr aus der Scheide und riß Siuans Kapuze von ihrem Kopf. Die scharfe Schneide lag blitzartig an ihrem Hals. Alles geschah so schnell, daß Min dem kaum folgen konnte. Siuan hielt hörbar die Luft an, und sie bewegte sich nicht, blickte nur zu ihm auf, äußerlich so würdevoll, als trüge sie noch die Stola.