»Nicht, Gawyn!« keuchte Min. »Das darfst du nicht!« Sie tat einen Schritt auf ihn zu, doch er erhob seine freie Hand gegen sie, ohne überhaupt hinzublicken, und sie blieb stehen. Er war angespannt wie eine Stahlfeder und konnte jeden Moment explodieren. Sie bemerkte, daß Leane ihren Umhang zur Seite geschoben hatte, um ihre eine Hand zu verbergen. Sie konnte nur hoffen, daß die Frau nicht so dumm war, ihr Messer zu ziehen.
Gawyn musterte Siuans Gesicht und nickte dann bedächtig. »Ihr seid es wirklich. Ich war nicht sicher, aber nun bin ich es. Diese... Verkleidung kann mich nicht... « Er schien sich nicht zu bewegen, doch ein plötzliches Aufreißen von Siuans Augen berichtete davon, daß die Schneide etwas stärker in ihre Haut drückte. »Wo sind meine Schwester und Egwene? Was habt Ihr mit ihnen gemacht?« Was Min am meisten ängstigte, mehr als das blutverschmierte Gesicht und die glasigen Augen, mehr als die angespannte Körperhaltung und die erhobene Hand, die er wohl vergessen hatte, war die Tatsache, daß er die Stimme nicht erhob und sie derart tonlos klang. Er klang außerdem müde, erschöpfter, als sie jemals jemand anderen empfunden hatte.
Siuans Stimme klang beinahe genauso leidenschaftslos. »Das letzte, was ich von ihnen hörte, war, daß sie sicher und wohlauf seien. Ich weiß aber nicht, wo sie sich jetzt befinden. Hättet Ihr es lieber, sie befänden sich hier mitten im Getümmel?« »Keine Wortspiele der Aes Sedai, bitte«, sagte er leise. »Sagt mir, wo sie waren, und zwar geradeheraus, damit ich weiß, Ihr sprecht die Wahrheit.« »In Illian«, sagte Siuan ohne Zögern. »In der Stadt selbst. Sie werden von einer Aes Sedai namens Mara Tomanes ausgebildet. Sie sollten eigentlich noch dort sein.« »Nicht in Tear«, murmelte er. Einen Augenblick lang schien er darüber nachzudenken. Mit einemmal sagte er: »Sie behaupten, Ihr wärt ein Schattenfreund. Das würde Euch zur Schwarzen Ajah machen, oder?« »Falls Ihr das glaubt«, sagte Siuan gelassen, »dann hackt mir den Kopf ab.« Min hätte beinahe aufgeschrien, als seine Knöchel sich weiß verfärbten vor Kraftaufwand. Langsam streckte sie die Hand aus und legte ihre Finger auf sein Handgelenk. Sie bewegte sich vorsichtig, damit er nicht glaubte, sie wolle mehr als ihn nur berühren. Es war, als ruhten ihre Finger auf Felsgestein. »Gawyn, du kennst mich doch. Du glaubst doch wohl nicht, daß ich den Schwarzen Ajah helfen würde.« Sein Blick wandte sich keinen Moment klang von Siuans Gesicht. Er zuckte mit keiner Wimper. »Gawyn, Elayne unterstützt sie und alles, was sie getan hat. Deine eigene Schwester, Gawyn.« Seine Haut fühlte sich immer noch wie warmer Stein an. »Auch Egwene glaubt an sie, Gawyn.« Sein Handgelenk bebte unter ihren Fingern. »Ich schwöre, Gawyn. Egwene glaubt an sie.« Sein Blick huschte zu ihr herüber und dann zu Siuan zurück. »Warum sollte ich Euch nicht an den Haaren zurückzerren? Nennt mir einen stichhaltigen Grund!« Siuan begegnete seinem Blick viel ruhiger, als Min das gekonnt hätte. »Das könntet Ihr tun, und ich schätze, Ihr würdet mit mir genauso leicht fertigwerden, wie mit einem Kätzchen. Gestern war ich eine der mächtigsten Frauen der Welt. Vielleicht die mächtigste von allen. Könige und Königinnen folgten meinem Ruf, selbst dann, wenn sie die Burg haßten und all das, wofür sie steht. Heute muß ich fürchten, zur Nacht nicht einmal etwas zu Essen zu finden und unter einem Busch schlafen zu müssen. Innerhalb eines Tages bin ich von der mächtigsten Frau der Welt zu einer Bettlerin geworden, die hofft, einen Bauernhof zu finden, auf dem sie ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit verdienen kann. Was Ihr auch glaubt, das ich getan haben solclass="underline" Ist das keine würdige Strafe?« »Vielleicht«, sagte er nach einem Moment des Überlegens. Min atmete tief und erleichtert auf, als er mit einer eleganten Bewegung sein Schwert in die Scheide zurückgleiten ließ. »Aber das ist nicht der Grund, warum ich Euch gehen lasse. Elaida wird vielleicht doch noch Euren Kopf bekommen, und das kann ich nicht zulassen. Ich will Euer Wissen zur Verfügung haben, wenn ich es brauche.« »Gawyn«, sagte Min, »komm mit uns.« Ein von den Behütern ausgebildeter Schwertkämpfer konnte in den kommenden Tagen sehr nützlich sein. »Auf diese Art hast du sie zur Hand, um deine Fragen zu beantworten.« Siuans Blick huschte zu ihr herüber, aber auch sofort wieder zu Gawyns Gesicht zurück. Er wirkte keineswegs zornig. Trotzdem bohrte Min weiter: »Gawyn, Egwene und Elayne vertrauen ihr wirklich. Kannst du ihr nicht auch vertrauen?« »Verlange nicht mehr von mir, als ich zu geben in der Lage bin«, sagte er ruhig. »Ich bringe Euch zum nächstgelegenen Ausgang. Ihr würdet ohne mich niemals hinauskommen. Das ist alles, was ich für Euch tun kann, Min, und es ist mehr, als ich tun sollte. Deine Festnahme wurde angeordnet; hast du das gewußt?« Sein Blick wanderte wieder zu Siuan hinüber. »Falls ihnen etwas zustößt«, sagte er in diesem ausdruckslosen Tonfall, »ich meine Egwene und meine Schwester, dann suche ich Euch. Ich werde Euch finden, wo immer Ihr euch aufhaltet, und sichergehen, daß Euch das gleiche zustößt.« Mit einemmal trat er ein Dutzend Schritte weit von ihnen weg und stand mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf da, als könne er es nicht länger ertragen, sie sehen zu müssen.
Siuan erhob eine Hand und faßte nach ihrem Hals. Eine dünne rote Linie auf ihrer blassen Haut zeigte, wo seine Klinge sich befunden hatte. »Ich habe mich zu lang auf die Macht verlassen«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Ich hatte vergessen, wie es ist, wenn man jemandem gegenübersteht, der mich hochheben und wie einen Stock zerbrechen kann.« Dann blickte sie Leane an, als sehe sie die andere zum erstenmal, und berührte unsicher ihr eigenes Gesicht, da sie nicht wußte, wie sie wohl selbst aussehe. »Nach dem zu schließen, was ich gelesen habe, dauert es eigentlich länger, bis es aus dem Gesicht verschwunden ist, aber vielleicht wurde der Effekt durch Elaidas grobe Behandlung verstärkt. Es hilft möglicherweise dabei, unerkannt zu bleiben.« Sie kletterte ungeschickt auf Belas Rücken und handhabte die Zügel so vorsichtig, als sei die zottige Stute ein feuriger Hengst. »Noch ein Vorteil der D..., scheint mir. Ich muß noch lernen, das auszusprechen, ohne davor zurückzuschrecken. Ich wurde einer Dämpfung unterzogen.« Sie sprach die Worte langsam und betont aus und nickte dann. »Geschafft. Wenn ich nach Leanes Aussehen gehe, habe ich gute fünfzehn Jahre verloren, vielleicht auch mehr. Ich habe Frauen kennengelernt, die alles dafür gegeben hätten. Ein dritter Vorteil also.« Sie blickte zu Gawyn hinüber. Er hatte ihnen den Rücken zugewandt, doch trotzdem senkte sie ihre Stimme. »Außerdem scheint mein Mundwerk auch schneller als bisher, oder? Ich hatte mich jahrelang nicht mehr an Mara erinnert. Sie ist eine Freundin aus meiner Kindheit.« »Werdet Ihr jetzt altern wie wir alle?« fragte Min, als sie ebenfalls auf ihr Pferd stieg. Besser, als jetzt vom Lügen zu sprechen. Sie sollte sich nur daran erinnern, daß Siuan und Leane jetzt tatsächlich wieder lügen konnten. Leane stieg mit einer geschmeidigen Bewegung auf ihre Stute und ließ sie als Gehorsamsübung kurz im Kreis gehen. Sie hatte ganz gewiß schon öfter auf einem Pferd gesessen.
Siuan schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Keine Frau, die man einer Dämpfung unterzogen hat, hat jemals lang genug gelebt, um das herauszufinden. Ich habe es aber vor.« »Wollt Ihr eigentlich gehen oder Euch weiter hier unterhalten?« fragte Gawyn grob. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern ging zwischen den Bäumen durch voran.
Sie trieben ihre Stuten hinterher. Siuan zog ihre Kapuze wieder über, um ihr Gesicht zu verbergen. Ob sie nun schwer zu erkennen war oder nicht, sie wollte kein Risiko eingehen. Leane hatte sich ebenfalls so vollständig verhüllt, wie es möglich war. Einen Augenblick später folgte Min ihrem Beispiel. Elaida wollte, daß man sie gefangennahm? Das konnte nur eines bedeuten: Sie wußte, daß ›Elmindreda‹ in Wirklichkeit Min war. Wie lange hatte die Frau das schon gewußt? Wie lange war Min herumgelaufen in der Meinung, sie sei sicher, während Elaida sie beobachtete und sie hinter ihrem Rücken auslachte? Der Gedanke löste ein Schaudern aus.