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Als sie auf dem Kiesweg Gawyn wieder einholten, erschienen zwanzig oder mehr junge Männer und schritten auf sie zu. Ein paar waren vielleicht etwas älter als er, andere dagegen kaum mehr als Knaben. Min vermutete, daß einige von ihnen sich noch nicht rasierten, jedenfalls nicht täglich. Alle trugen Schwerter an den Gürteln oder auf dem Rücken, und drei oder vier besaßen sogar Brustharnische. Mehr als einer hatte eine durchblutete Bandage aufzuweisen, und die Kleidung der meisten war blutbefleckt. Jeder stierte genauso glasig vor sich hin wie Gawyn. Als sie ihn sahen, blieben sie stehen und klopften sich mit der Faust auf die Brust. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, erwiderte Gawyn ihren Gruß mit einem Kopfnicken, und die jungen Männer schlossen sich ihnen hinter den Pferden der drei Frauen an. »Die Schüler?« murmelte Siuan. »Sie haben auch an den Kämpfen teilgenommen?« Min nickte und bemühte sich um eine ausdruckslose Miene. »Sie nennen sich die ›Jünglinge‹.« »Eine passende Bezeichnung«, seufzte Siuan.

»Ein paar davon sind nicht mehr als Kinder«, knurrte Leane.

Min hatte nicht vor, ihnen zu berichten, daß Behüter der Grünen und Blauen Ajahs geplant hatten, sie zu befreien, bevor sie der Dämpfung unterzogen wurden, und sie hätten wohl auch Erfolg gehabt, wenn nicht Gawyn die Schüler, diese ›Kinder‹ in die Burg und gegen sie geführt hätte, um sie aufzuhalten. Die Kämpfe hatten zu den tödlichsten überhaupt gezählt, Schüler gegen Lehrer, und es hatte keine Gnade gegeben, keine Rücksicht.

Die hohen, bronzebeschlagenen Torflügel des Alindrelle-Tores standen offen, waren aber schwer bewacht. Einige der Wächter trugen die Flamme von Tar Valon auf der Brust, andere dagegen waren wie Arbeiter gekleidet und hatten sich lediglich nicht einmal zueinanderpassende Harnische und Helme zugelegt. Das waren wohl die Kerle, die sich als Maurer verkleidet eingeschlichen hatten. Alle aber wirkten hart und kampferprobt, als könnten sie gut mit ihren Waffen umgehen. Die beiden Gruppen hielten sich allerdings voneinander fern und beäugten sich gelegentlich mißtrauisch. Ein grauhaariger Offizier hob sich von den anderen Burgwächtern ab, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete, wie sich Gawyn und die anderen näherten.

»Schreibutensilien, bitte!« befahl Gawyn herrisch. »Beeilt Euch!« »Also, Ihr müßt wohl diese Jünglinge sein, von denen ich gehört habe«, sagte der ergraute Mann. »Eine prima Truppe von jungen Kampfhähnen, aber ich habe Befehl, niemanden aus dem Bereich der Burg hinauszulassen. Von der Amyrlin selbst unterschrieben. Wer glaubt Ihr denn, daß Ihr seid, wenn Ihr dem zuwiderhandeln wollt?« Gawyn hob langsam den Kopf. »Ich bin Gawyn Trakand von Andor«, sagte er leise. »Und ich werde diese Frauen hinausgeleiten, oder Ihr seid ein toter Mann.« Die anderen Jünglinge traten näher zu ihm hin und bildeten eine Reihe, um sich den Wächtern mit den Händen an der Schwertgriffen entgegenzustellen. Sie taten das, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne sich darum zu kümmern, daß die anderen in der Überzahl waren.

Der ergraute Mann trat nervös von einem Fuß auf den anderen und einer der anderen murmelte: »Er ist derjenige, von dem sie behaupten, er habe Hammar und Coulin getötet.« Einen Augenblick später machte der Offizier eine Kopfbewegung in Richtung Wachhaus, und einer der Wächter rannte hinein und kam mit einem Schoßpult wieder. An einer Ecke davon befand sich ein Messingbehälter, in dem über einer kleinen Flamme ein rotes Stück Siegelwachs gerade zu schmelzen begann. Gawyn ließ das Pult von dem Mann festhalten und schrieb wild drauflos.

»Das wird Euch an den Brückenwärtern vorbeibringen«, sagte er, während er einen dicken Tropfen roten Siegelwachses unter seine Unterschrift klatschen ließ. Dann drückte er entschlossen seinen Siegelring hinein.

»Ihr habt Coulin getötet?« sagte Siuan mit kalter Stimme, wie es ihrem früheren Amt zugestanden hätte. »Und Hammar?« Mins Angst wuchs. Sei ruhig, Siuan! Denke daran, wer du jetzt bist, und halte den Mund!

Gawyn fuhr zu den drei Frauen herum, und seine Augen funkelten wie blaues Feuer. »Ja«, rief er verbittert. »Sie waren meine Freunde, und ich habe sie respektiert, aber sie stellten sich auf die Seite von... von Siuan Sanche und ich mußte...« Abrupt drückte er das von ihm versiegelte Dokument Min in die Hand. »Geht! Geht, bevor ich meine Meinung ändere!« Er klatschte ihrer Stute auf die Flanke und lief dann zu den beiden anderen Pferden hin, um auch sie anzutreiben, während Min bereits in vollem Galopp durch das offene Tor jagte. »Geht!« Min zügelte ihr Pferd und ließ es über den großen freien Platz traben, der das Burggelände umgab. Siuan und Leane ritten gleich hinter ihr her. Der Platz war wie leergefegt, genauso wie die Straßen dahinter. Das Hufgeklapper ihrer Pferde auf den Pflastersteinen warf ein hohles Echo. Wer noch nicht aus der Stadt geflohen war, versteckte sich offensichtlich.

Sie betrachtete beim Weiterreiten Gawyns Dokument. Auf dem großen roten Klecks aus Siegelwachs war ein angreifender Keiler eingeprägt. »Das sagt lediglich aus, daß wir die Erlaubnis haben, die Stadt zu verlassen. Wir können es benützen, um an Bord eines Schiffes zu kommen oder um die Brücken zu überqueren.« Es schien ihr raffiniert, einen Weg zu gehen, den niemand sonst kannte, nicht einmal Gawyn. Sie glaubte sowieso nicht, daß er seine Meinung ändern würde, doch er war psychisch angeschlagen und konnte bei jedem falschen Schlag zerbrechen.

»Das ist vielleicht gar keine schlechte Idee«, meinte Leane. »Ich habe immer Galad für den gefährlicheren der beiden gehalten, aber jetzt bin ich nicht mehr sicher. Hammar und Coulin... « Sie schauderte. »Ein Schiff würde uns weiter weg befördern und schneller, als Pferde dazu in der Lage sind.« Siuan schüttelte den Kopf. »Die meisten der geflohenen Aes Sedai dürften über die Brücken gegangen sein, schätze ich. Das ist der schnellste Weg aus der Stadt, wenn einen jemand verfolgt, schneller, als zu warten, bis die Besatzung eines Schiffs schließlich ablegt. Ich muß in der Nähe von Tar Valon bleiben, wenn ich sie zusammenführen will.« »Sie werden Euch nicht mehr folgen«, sagte Leane bedeutungsschwanger. »Ihr habt kein Recht mehr auf die Stola. Nicht einmal eines auf die einfache Stola oder den Ring.« »Ich mag vielleicht die Stola nicht mehr tragen«, erwiderte Siuan im gleichen Tonfall, »aber ich weiß immer noch, wie man eine Besatzung auf einen Sturm vorbereitet. Und da ich die Stola nicht mehr tragen kann, muß ich die richtige Frau erwählen, um meinen Platz einzunehmen. Ich werde Elaida nicht so davonkommen lassen, daß sie sich einfach selbst zur Amyrlin macht. Es muß eine sein, die sehr große Kräfte besitzt, eine, die die Dinge auf die richtige Art sieht.« »Dann wollt Ihr etwa tatsächlich diesem... diesem Drachen helfen?« fauchte Leane.

»Was sonst soll ich denn Eurer Meinung nach tun? Mich einrollen und sterben?« Leane schauderte, als habe man sie ins Gesicht geschlagen, und eine Weile lang ritten sie schweigend weiter. All die prachtvollen Gebäude in ihrer Umgebung, erbaut wie vom Wind geformte Klippen und Wogen und Vogelschwärme, ragten beängstigend über ihnen auf, nun, da sich keine Menschenseele auf den Straßen zeigte. Ein einzelner Bursche, der weit vor ihnen um eine Ecke bog, huschte anschließend von einem sichtgeschützten Eingang zum anderen, als erkunde er den vor ihnen liegenden Weg. Irgendwie verstärkte er diesen Eindruck von Leere noch, statt ihn abzumildern.

»Was können wir denn sonst tun?« fragte Leane schließlich. Sie hing zusammengesunken wie ein halb leerer Getreidesack auf ihrem Pferd. »Ich fühle mich so... leer. Ausgebrannt.« »Sucht Euch etwas, die Leere zu füllen«, sagte Siuan energisch zu ihr. »Irgend etwas. Kocht für die Hungrigen, pflegt die Kranken, sucht Euch einen Mann und zieht einen Stall voll Kinder auf. Was mich betrifft, so habe ich vor, dafür zu sorgen, daß Elaida nicht so davonkommt. Ich könnte ihr ja noch vergeben, wenn sie wirklich der Meinung wäre, ich hätte die Burg in Gefahr gebracht. Beinahe jedenfalls. Beinahe. Aber sie war vom ersten Tag an, als man mich und nicht sie zur Amyrlin wählte, von Neid erfüllt. Das hat sie genauso angetrieben wie ihr Ehrgeiz, und dafür werde ich sie zu Fall bringen. Das erfüllt mich, Leane. Das und die Tatsache, daß ihr Rand al'Thor nicht in die Hände fallen darf.« »Vielleicht reicht das schon als Aufgabe.« Die Frau mit der kupferfarbenen Haut schien wohl Zweifel zu hegen, doch richtete sie sich jetzt wenigstens im Sattel auf. Bei ihrer offensichtlichen Erfahrung im Reiten, verglichen mit Siuans unsicherem Sitz auf der kleineren Stute, wirkte sie wie die Anführerin. »Aber wie können wir damit beginnen? Wir haben drei Pferde, die Kleider, die wir tragen und was Min in ihrer Geldbörse mit sich trägt. Kaum ausreichend, um die Burg zu bedrohen.« »Ich bin froh, daß du...« — Siuan wechselte die Anrede und verstärkte damit den Eindruck einer verschworenen Gemeinschaft — »daß du dich nicht für einen Mann und eine Familie entschieden hast. Wir werden schon andere... « Siuan verzog das Gesicht. »Wir werden andere Aes Sedai finden, die geflohen sind. Wir finden alles, was wir benötigen. Wir besitzen vielleicht schon jetzt mehr, als du glaubst, Leane. Min, was steht in diesem Paß, den uns Gawyn gab? Steht etwas von drei Frauen drin? Was? Beeil dich doch, Mädchen.« Min blickte böse ihren Rücken an. Siuan war vorgeritten, um den Mann zu beobachten, der sich vorn von Tür zu Tür vorarbeitete. Er war groß und dunkelhaarig und einfach, doch gut in dunklen Brauntönen gekleidet. Die Frau benahm sich, als sei sie immer noch die Amyrlin. Na ja, ich wollte ja, daß sie wieder Rückgrat zeigt, oder? Siuan drehte sich um und blickte sie mit diesen scharfen blauen Augen an. Irgendwie wirkten sie jedoch nicht mehr so einschüchternd wie zuvor. »›Die Träger erhalten auf Grund meiner Autorität die Erlaubnis, Tar Valon zu verlassen‹« zitierte Min schnell aus dem Gedächtnis. »›Wer sie aufhält, wird sich vor mir verantworten müssen.‹ Unterzeichnet... « »Ich kenne seinen Namen«, maulte Siuan. »Folgt mir.« Sie hieb die Fersen in Belas Flanken und verlor fast den Halt, als die zottige Stute schwerfällig losgaloppierte. Sie klammerte sich aber tapfer fest und blieb oben, wenn sie auch mächtig durchgeschüttelt wurde. Ja, sie spornte sogar Bela zu noch schnellerer Gangart an!