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Min tauschte einen verblüfften Blick mit Leane, und dann galoppierten beide hinterher. Der Mann blickte sich um, als er den Hufschlag der Pferde hörte, und begann selbst zu laufen, doch Siuan überholte ihn und brachte Bela vor ihm zum Stehen, so daß er aufstöhnend auf die Stute prallte. Min erreichte sie gerade in dem Moment, als Siuan sagte: »Ich hatte nicht erwartet, Euch hier anzutreffen, Logain.« Min riß Augen und Mund auf. Er war es tatsächlich.

Diese Augen mit ihrem Ausdruck der Verzweiflung, das von dunklem, lockigem und langem schwarzen Haar eingerahmte gutgeschnittene Gesicht und die breiten Schultern — das alles war unverkennbar. Ausgerechnet auf ihn mußten sie stoßen. Er wurde wahrscheinlich von der Burg nun genauso energisch gesucht wie Siuan.

Logain fiel auf die Knie nieder, als versagten seine Beine nun endgültig den Dienst. »Ich kann doch jetzt niemandem mehr gefährlich sein«, sagte er müde und blickte auf die Pflastersteine vor Belas Hufen nieder. »Ich wollte nur weg, um irgendwo in Frieden zu sterben. Wenn Ihr nur wüßtet, wie es ist, wenn man das verloren hat, was ich... « Leane straffte ärgerlich die Zügel, als er immer leiser wurde. Da begann er erneut, ohne ihre Ungeduld bemerkt zu haben: »Die Brücken sind alle bewacht. Sie lassen niemanden hinüber. Sie kannten mich nicht, aber sie ließen mich nicht weg. Ich habe es überall probiert.« Mit einemmal lachte er müde auf, als sei das alles lustig. »Ich habe es überall probiert.« »Ich bin der Meinung«, sagte Min vorsichtig, »wir sollten jetzt schnell weg. Er versucht wahrscheinlich, denen zu entkommen, die ihn suchen.« Siuan warf ihr einen Blick zu, der sie beinahe rückwärts vom Pferd geworfen hätte. Die Augen der ehemaligen Amyrlin waren kalt wie Eis, und ihr Kinn hatte sie energisch vorgestreckt. Min wäre es lieber gewesen, die Frau zeigte noch ein wenig von der Unsicherheit, wie es vorher der Fall gewesen war.

Der große Mann hob den Kopf und blickte sie eine nach der anderen an. Nachdenklich runzelte er die Stirn. »Ihr seid keine Aes Sedai. Wer seid Ihr? Was wollt Ihr von mir?« »Ich bin die Frau, die Euch aus Tar Valon hinausbringen kann«, sagte Siuan zu ihm. »Und die Euch vielleicht eine Möglichkeit verschaffen kann, Euch an den Roten Ajah zu rächen. Ihr hättet doch sicher gern eine Chance, denen etwas zurückzuzahlen, die Euch gefangennahmen, oder?« Er schauderte sichtlich. »Was muß ich tun?« fragte er dann bedächtig.

»Folgt mir«, antwortete sie. »Folgt mir und denkt immer daran, daß ich die einzige auf der ganzen Welt bin, die Euch eine Möglichkeit zur Rache verschaffen wird.« Von den Knien aus musterte er die drei Gesichter mit schräggehaltenem Kopf, und dann stand er langsam auf, den Blick auf Siuan gerichtet. »Ich bin Euer Mann«, sagte er schlicht.

Leanes Gesichtsausdruck zeigte die gleiche Ungläubigkeit, die Min empfand. Was beim Licht konnte Siuan ein Mann nützen, dessen geistige Gesundheit in Zweifel stand und der sich einst fälschlich als der Wiedergeborene Drache bezeichnet hatte? Wahrscheinlich würde er sich gegen sie wenden und versuchen, eins ihrer Pferde zu stehlen! Wenn Min so seinen Körperbau betrachtete, seine Größe und die Breite der Schultern, war sie sogar der Meinung, sie sollten lieber immer die Messer griffbereit haben. Plötzlich flammte einen Augenblick lang ein goldener und blauer Lichtschein um seinen Kopf herum auf, der genauso gewiß wie beim erstenmal, als sie ihn gesehen hatte, auf künftigen Ruhm und Ehre hindeutete. Sie schauderte. Visionen. Bilder.

Sie blickte sich nach hinten zur Burg um. Der mächtige, weiße Finger des Turms beherrschte die ganze Stadt. Gerade und hoch ragte er auf, und doch war seine Macht gebrochen, als sei er eine Ruine. Einen Augenblick lang gestattete sie sich die Erinnerung an die Visionen, die sie ganz kurz um Gawyns Kopf herum wahrgenommen hatte. Gawyn, der mit gesenktem Kopf zu Egwenes Füßen kniete, und Gawyn, der Egwene den Hals brach — erst die eine Vision und dann hinterher gleich die andere, als könne jede davon möglicherweise die Zukunft zeigen.

Was sie sonst sah, war nur selten so klar gewesen in bezug auf die Bedeutung, wie diese beiden Bilder, und sie hatte auch dieses Hin- und Herflackern noch nie erlebt, als könne ihr selbst die Vision nicht die wahre Zukunft zeigen, sondern nur zwei Möglichkeiten. Noch schlimmer war dieses Gefühl, sie selbst habe mit ihrem Handeln an diesem Tag Gawyn erst zu den beiden Möglichkeiten hingeführt.

Trotz des wärmenden Sonnenscheins schauderte sie erneut. Was geschah, ist nun einmal geschehen. Sie blickte zu den beiden Aes Sedai — ehemaligen Aes Sedai —hinüber, die auf Logain hinunterblickten, als sei er ein dressierter Hund, wild, möglicherweise gefährlich, aber auch nützlich. Siuan und Leane lenkten ihre Pferde nun in Richtung zum Fluß hin, und Logain marschierte zwischen den beiden mit. Min folgte ihnen etwas langsamer. Licht, ich hoffe, es war den Aufwand wert.

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Ein Angebot wird abgelehnt

Ist das der Typ von Frau, der Euch gefällt?« fragte Aviendha verächtlich.

Rand blickte auf sie hinunter, wie sie neben Jeade'en mit ihrem dicken Rock und dem doppelt um den Kopf geschlungenen braunen Schal einherschritt. Große, blaugrüne Augen blitzten unter ihrem breiten Kopftuch hervor zu ihm hoch, als wünsche sie sich, sie habe noch immer den Speer, zu dem sie während des Angriffs der Trollocs gegriffen hatte, obwohl die Weisen Frauen sie deshalb kräftig gescholten hatten. Manchmal war es ihm richtig unangenehm, daß er ritt und sie nebenherlief, aber er hatte bereits versucht, selbst zu Fuß zu gehen, und seine wunden Füße waren sehr bald dankbar für die Gegenwart eines Pferds gewesen. Manchmal, aber nur äußerst selten, hatte er es geschafft, sie zu überreden, hinter seinem Sattel Platz zu nehmen. Er hatte sich nämlich beklagt, sein Hals werde allmählich steif, weil er ihn immer verdrehen mußte, um mit ihr sprechen zu können. Wie sich herausstellte, widersprach das Reiten nicht unbedingt den guten Sitten, doch sie verachtete eben die angebliche Schwäche, nicht die eigenen Beine zum Vorwärtskommen benutzen zu wollen. So ging sie meist nebenher. Wenn nur einer der Aiel lachte — besonders eine Tochter des Speers —, weil sie auf einem Pferd saß, war sie blitzartig wieder unten.