Beinahe jeden Morgen, wenn sie aufbrachen, ritt der Händler auf einem der Maultiere herüber, die zu den von den Trollocs verbrannten Wagen gehört hatten. Durch den langen weißen Schal, den er sich um den Kopf gewickelt hatte und der ihm hinten herunterhing, wirkte sein Gesicht noch dunkler. Rand gegenüber war er ausgesprochen schüchtern, doch seine kalten, immer gleich dreinblickenden Augen machten aus seiner Hakennase einen Adlerschnabel.
»Mein Lord Drache«, hatte er am Morgen nach dem Angriff der Trollocs begonnen und sich dann erst einmal mit dem immer vorhandenen Taschentuch den Schweiß abgewischt. Er war nervös auf dem zerkratzten, alten Sattel umhergerutscht, den er irgendwo für das Maultier aufgetrieben hatte. »Darf ich Euch so nennen?« Die verkohlten Reste der drei Wagen blieben im Süden hinter ihnen zurück und mit ihnen die Gräber von zwei Männern Kaderes und einer ganzen Anzahl Aiel. Man hatte die Trollocs aus den Lagern geschleift und den Aasfressern überlassen, heulenden Biestern mit großen Ohren. Rand wußte nicht, ob das große Füchse seien oder kleine Hunde; sie hatten von beiden etwas an sich. Über ihnen kreisten Geier mit rotgeränderten Flügeln. Manche trauten sich noch nicht herunter, während andere bereits in einem Durcheinander von wirbelnden Schwingen neben ihrer Beute landeten.
»Nennt mich, wie Ihr wollt«, sagte Rand zu ihm.
»Mein Lord Drache, ich habe darüber nachgedacht, was Ihr gestern sagtet.« Kadere sah sich um, als fürchte er, belauscht zu werden, obwohl sich Aviendha bei den Weisen Frauen befand und die nächsten Ohren zu seiner eigenen Wagenkarawane gehörten, die mehr als fünfzig Schritt entfernt war. Er senkte trotzdem die Stimme zu einem Flüstern und wischte sich nervös das Gesicht ab. Dennoch änderte sich der Ausdruck seiner Augen überhaupt nicht. »Was Ihr sagtet in bezug auf den Wert des Wissens und daß gerade dies den Weg zum Ruhm ebnet. Es ist wahr.« Rand sah ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, an. Sein eigenes Gesicht blieb ausdruckslos. »Das habt Ihr gesagt und nicht ich«, sagte er schließlich.
»Na ja, vielleicht stimmt das. Aber es ist doch wahr, oder nicht, Lord Drache?« Rand nickte, und der Händler fuhr fort, immer noch im Flüsterton und nach wie vor wachsam nach Lauschern suchend: »Doch im Wissen kann auch eine Gefahr liegen. Wenn man mehr gibt, als man empfängt. Ein Mann, der Wissen und Kenntnisse verkauft, muß nicht nur seinen guten Preis dafür verlangen, nein, er muß sich auch absichern. Absichern gegen... Rückschläge. Seid Ihr nicht meiner Meinung?« »Habt Ihr Kenntnisse, die Ihr zu... verkaufen wünscht, Kadere?« Der massige Mann blickte seine Wagenkarawane finster an. Keille war von ihrem Wagen gesprungen und wollte wohl eine Weile nebenherlaufen, obwohl die Hitze ständig wuchs. Ihr fetter Körper war in Weiß gekleidet, und die Elfenbeinkämme in ihrem groben schwarzen Haar hielten einen weißen Spitzenschal fest. Immer wieder blickte sie zu den beiden Männern hinüber, die nebeneinander her ritten. Auf diese Entfernung war ihr Gesichtsausdruck nicht zu deuten. Es war schon eigenartig, daß sich jemand mit diesem Gewicht so leichtfüßig bewegte. Isendre war aus dem Wageninneren auf den Kutschbock des ersten Wagens geklettert und beobachtete sie ganz offen. Sie hielt sich fest, damit sie um die Ecke des weißgestrichenen Wagens nach ihnen ausschauen konnte, obwohl der Wagen schaukelte und ruckte.
»Diese Frau ist noch mein Tod«, knurrte Kadere. »Vielleicht können wir uns später weiter unterhalten Lord Drache, wenn es Euch gefällt.« Er rammte seine Stiefel in die Flanken des Maultiers, damit es zum ersten Wagen hinüber trottete, und dort angekommen, schwang er sich überraschend gelenkig auf den Kutschbock. Er band die Zügel des Maultiers an einen Eisenring an der Ecke des großen Wohnwagens. Dann verschwand er mit Isendre im Inneren und tauchte nicht mehr auf, bis sie am Abend anhielten, um ihr Lager für die Nacht aufzuschlagen.
Er kam am nächsten Tag wieder und an anderen Tagen, immer wenn er sah, daß Rand allein war, und immer deutete er etwas von Kenntnissen an, die er für einen guten Preis zu verkaufen bereit sei, wenn ihm die nötige Sicherheit geboten werde. Einmal verstieg er sich soweit, daß er sagte, alles, auch Mord, Verrat, eben einfach alles könne man vergeben, wenn man dafür Wissen erhält, und dann schien er sehr nervös zu werden, als Rand ihm nicht beipflichtete. Was er auch zu verkaufen suchte, offensichtlich wollte er Rands pauschalen Schutz für jede Untat, die er vielleicht einmal begangen hatte.
»Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Informationen kaufen will«, sagte ihm Rand mehr als einmal. »Da ist immer die Frage des Preises, oder? Es gibt Preise, die ich nicht zu zahlen bereit bin.« An jenem ersten Abend, nachdem die Feuer entzündet waren und der Duft nach Essen sich zwischen den niedrigen Zelten ausbreitete, nahm Natael Rand beiseite. Der Gaukler schien beinahe genauso nervös zu sein wie Kadere. »Ich habe ziemlich viel über Euch nachgedacht«, sagte er und blickte Rand von der Seite her mit geneigtem Kopf an. »Ihr solltet ein grandioses Epos erhalten, um Eure Geschichte zu erzählen. Der Wiedergeborene Drache. Er, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt. Die Figur unzähliger Weissagungen in diesem Zeitalter und aus anderen.« Er zog seinen Umhang um sich zusammen. Die bunten Flicken flatterten im leichten Abendwind. Die Dämmerung dauerte in der Wüste nicht lang; Nacht und Kälte kamen schnell und Hand in Hand. »Was haltet Ihr von dem Schicksal, das man Euch prophezeit hat? Ich muß es wissen, wenn ich dieses Epos komponieren will.« »Was ich davon halte?« Rand blickte sich im Lager um. Die Jindo eilten geschäftig zwischen den Zelten umher. Wie viele von ihnen würden sterben, bevor sein Schicksal erfüllt war? »Müde. Ich bin es müde.« »Wohl kaum ein heldenhaftes Gefühl«, murmelte Natael. »Aber es war zu erwarten bei Eurem Schicksal. Die Welt lastet auf Euren Schultern, die meisten Leute würden Euch töten, hätten sie eine Möglichkeit dazu, und die übrigen sind Narren, die glauben, Euch benützen zu können, um Ruhm und Ehre zu erlangen.« »Zu welchen gehört Ihr, Natael?« »Ich? Ich bin nur ein einfacher Gaukler.« Der Mann hob einen Zipfel seines Flickenumhangs, als könne der alles bezeugen. »Ich würde um keinen Preis der Welt Euren Platz einnehmen wollen, nicht bei dem Schicksal, das Euch droht. Tod oder Wahnsinn oder beides. ›Sein Blut auf den Felsen des Shayol Ghul...‹ Das steht doch im Karaethon-Zyklus, den Prophezeiungen des Drachen, oder? Daß Ihr sterben müßt, um die Narren zu retten, die bei Eurem Tod einen Seufzer der Erleichterung loswerden. Nein. Trotz all Eurer Macht und allem anderen um Euch möchte ich nicht in Eurer Haut stecken.« »Rand«, sagte Egwene, die aus der sich vertiefenden Dunkelheit heraustrat, ihren hellen Umhang eng zusammengezogen und die Kapuze auf dem Kopf, »wir sind gekommen, um zu sehen, wie du dich nach deiner Heilbehandlung und einem Tag in dieser Hitze fühlst.« Moiraine war bei ihr, das Gesicht unter der weiten Kapuze ihres weißen Umhangs verborgen, und Bair und Amys, Melaine und Seana, die Köpfe mit dunklen Schals umwickelt, und alle beobachteten ihn, ruhig und kalt wie die Nacht. Sogar Egwene. Sie zeigte noch nicht die Alterslosigkeit der Aes Sedai, aber sie hatte bereits deren Blick.
Anfangs bemerkte er Aviendha gar nicht, die hinter den anderen ein Stückchen zurückgeblieben war. Dann, als er sie entdeckt hatte, glaubte er einen Moment lang, auf ihren Zügen etwas wie Anteilnahme zu erkennen, aber das verschwand, sobald sie seinen Blick bemerkte. Einbildung. Er war wirklich müde.
»Ein andermal«, sagte Natael, der wohl mit Rand sprach, aber auf seine seltsame Art die Frauen von der Seite her anschielte. »Wir sprechen ein andermal weiter.« Mit einer angedeuteten Verbeugung schritt er weg.