»Plagt Euch der Gedanke an die Zukunft, Rand?« sagte Moiraine leise, als der Gaukler weg war. »Prophezeiungen sind in blumigen Worten mit versteckter Bedeutung geschrieben. Sie bedeuten nicht immer das, was sie auf den ersten Blick auszusagen scheinen.« »Das Rad webt, wie das Rad es wünscht«, sagte er zu ihr. »Ich werde tun, was sein muß. Denkt daran, Moiraine. Ich werde tun, was sein muß.« Sie schien es zufrieden, doch bei Aes Sedai konnte man das schlecht sagen. Sie würde bestimmt nicht zufrieden sein, wüßte sie alles.
Natael kam am nächsten Abend wieder und am nächsten und am nächsten, und immer sprach er von dem Epos, das er komponieren wolle, aber dabei trat ein morbider Zug immer deutlicher hervor. Ständig bohrte er nach, wie Rand mit Problemen wie Wahnsinn und Tod fertigwerden wolle. Wie es schien, wollte er eine Tragödie komponieren. Rand verspürte aber keinerlei Lust, seine Ängste öffentlich zu diskutieren. Was er im Herzen und im Kopf trug, ging niemanden etwas an. Schließlich war der Gaukler es wohl müde, immer nur zu hören: »Ich werde tun, was sein muß«, und er kam nicht mehr. Es schien, er wolle sein Epos nicht komponieren, wenn er es nicht mit Schmerz und Qual füllen konnte. Der Mann wirkte frustriert, als er zum letztenmal mit wild hinterherflatterndem Umhang davonstolzierte.
Der Bursche war schon eigenartig, aber wenn man Thom Merrilin als Beispiel nahm, waren das wohl alle Gaukler. Natael zeigte eben andere typische Züge des Gauklerhandwerks. Zum Beispiel war er recht eingebildet. Rand war es gleich, ob der Mann ihn mit einem Titel anredete oder nicht, doch Rhuarc, und selbst Moiraine, soweit er mit ihr zusammen war, behandelte er, als seien sie Gleichgestellte. Das war ganz und gar dasselbe wie bei Thom. Und dann gab er es auf, den Jindo seine Künste zu zeigen, und verbrachte statt dessen den größten Teil seiner Abende bei den Shaido. Es gebe eben mehr Shaido hier, erklärte er Rhuarc gelassen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ein größeres Publikum. Das gefiel keinem der Jindo, aber selbst Rhuarc konnte nichts dagegen tun. Im Dreifachen Land durfte ein Gaukler sich so ziemlich alles erlauben, bis auf Mord, und kam damit davon.
Aviendha verbrachte ihre Nächte bei den Weisen Frauen und ging auch manchmal während des Tages eine Stunde oder länger mit ihnen. Dann wurde sie von allen in die Mitte genommen. Auch Moiraine und Egwene schlossen sich dem an. Zuerst glaubte Rand sie berieten sich darüber, wie sie ihn am besten in den Griff bekäme und ihm alles aus der Nase zöge, was sie von ihm wissen wollten. Dann, eines Tages, als die Sonne wie ein Ball geschmolzenen Metalls über ihnen hing, flimmerte plötzlich ein pferdegroßer Feuerball aus dem Nichts kommend vor der Gruppe auf und rollte schlingernd durch die Luft davon. Er brannte eine Furche in das dürre Land, bis er schließlich schrumpfte und verschwand.
Einige der Fahrer ließen ihre erschreckten, schnaubenden Tiere anhalten und standen auf, um zuzusehen. Sie machten sich gegenseitig darauf aufmerksam. In ihren Stimmen schwang eine Mischung von Furcht und Verwirrung mit, und ein paar fluchten hilflos. Durch die Kolonne der Jindo lief ein Murmeln, und dasselbe geschah bei den Shaido, doch beide Kolonnen marschierten ohne Pause weiter. Die eigentliche Aufregung war nur bei den Weisen Frauen zu erkennen. Die vier drängten sich um Aviendha und redeten alle auf einmal auf sie ein und fuchtelten wild mit den Armen. Moiraine und Egwene, die ihre Pferde am Zügel führten, bemühten sich offensichtlich, auch ein Wort einzuwerfen. Ohne etwas verstehen zu können, war Rand klar, daß Amys ihnen unmißverständlich mit wütend fuchtelndem Zeigefinger erklärte, sie sollten sich heraushalten.
Rand stand in den Steigbügeln und betrachtete die rußgeschwärzte Furche, die sich pfeilgerade über eine halbe Meile hinzog. Dann setzte er sich wieder in den Sattel. Sie brachten Aviendha also bei, die Macht zu gebrauchen. Klar. Das also wollten sie. Er wischte sich mit dem Handrücken Schweiß von der Stirn, der nicht von der Sonne herrührte. Als der Feuerball plötzlich dagewesen war, hatte er unwillkürlich nach der Wahren Quelle gegriffen. Es war, als wolle er Wasser mit einem zerrissenen Sieb schöpfen. Er hätte statt nach Saidin genausogut nach Luft greifen können. Das konnte ihm eines Tages auch passieren, wenn er die Macht dringend benötigte. Er mußte auch weiterlernen, doch er hatte keinen Lehrer. Er mußte nicht nur weiterlernen, weil die Arbeit mit der Macht ihn umbringen konnte, bevor er noch die Chance hatte, wahnsinnig zu werden, nein, er mußte mehr lernen, weil er die Macht gebrauchen mußte. Er mußte lernen, sie zu benützen, und er mußte sie benützen, um zu lernen. Er lachte so schallend los, daß die Jindo ganz nervös zu ihm herüberblickten.
Er hätte sich während dieser elf Tage und Nächte sehr über Mats Gesellschaft gefreut, doch Mat näherte sich ihm höchstens für ein oder zwei Minuten. Er hatte immer die breite Krempe seines flachen Huts heruntergezogen, um seinen Augen Schatten zu spenden. Der Speer mit dem schwarzen Schaft lag quer über Pips' Sattel, so daß man deutlich die mit Raben gezeichnete, mit Hilfe der Macht gefertigte gekrümmte Schwertklinge sah, die ihm als Spitze diente.
»Wenn dein Gesicht von der Sonne noch etwas brauner wird, dann wirst du tatsächlich noch zum Aielmann«, sagte er gelegentlich lachend, oder: »Willst du den Rest deines Lebens hier verbringen? Es liegt noch eine ganze Welt jenseits der Drachenmauer. Wein? Frauen? Erinnerst du dich noch an solche Dinge?« Aber Mat wirkte dabei eindeutig nervös, und er zögerte noch mehr als die Weisen Frauen, wenn er von Rhuidean sprechen sollte und was dort mit ihm geschehen sei. Bei der bloßen Erwähnung der in Nebel gehüllten Stadt verkrampfte sich sein Griff um den schwarzen Speerschaft, und er behauptete, sich an nichts während seines Gangs durch den Ter'Angreal zu erinnern, und dann widersprach er sich wieder, indem er zu Rand sagte: »Bleib von diesem Ding weg, Rand. Es ist dem im Stein überhaupt nicht ähnlich. Sie betrügen. Seng mich, ich wünschte, ich hätte es nie gesehen!« Beim einzigenmal, als Rand die Alte Sprache erwähnte, fauchte er: »Verdammt noch mal, ich weiß nichts über die verfluchte Alte Sprache!« Und damit galoppierte er geradewegs zu den Händlerwagen zurück.
Dort verbrachte Mat gewöhnlich seine Zeit. Er würfelte mit den Fahrern, bis ihnen klar wurde, daß er viel öfter gewann als verlor, gleich, wessen Würfel er benützte. Bei jeder Gelegenheit verwickelte er Kadere oder Natael in lange Gespräche und war hinter Isendre her. Es war klar, was er im Sinn hatte, als er sie zum erstenmal angrinste und seinen Hut zurechtschob. Das war am Morgen nach dem Angriff der Trollocs gewesen. Er unterhielt sich mit ihr fast jeden Abend, solange es nur ging, und er stach sich derart in die Finger, als er ihr weiße Blüten von einem Dornbusch pflückte, daß er zwei Tage lang kaum die Zügel halten konnte. Er weigerte sich aber, sich von Moiraine behandeln zu lassen. Isendre ermutigte ihn nicht gerade, aber ihr ruhiges, herausforderndes Lächeln war auch nicht geeignet, ihn von ihr fernzuhalten. Kadere sah zu und sagte kein Wort dazu, obwohl sein Blick manchmal Mat folgte wie der eines Geiers. Andere machten allerdings Bemerkungen darüber.
An einem Spätnachmittag, als gerade die Maultiere ausgespannt wurden und Rand Jeade'en absattelte, stand Mat mit Isendre im dünnen Schatten eines der Planwagen.
Sie standen sehr nahe beieinander. Rand schüttelte den Kopf und beobachtete die beiden, während er den Apfelschimmel abrieb. Die Sonne glühte ein kurzes Stück über dem Horizont, und die langen Schatten von den hohen Felssäulen fielen über das Lager.
Isendre machte an ihrem durchscheinenden Schal herum, als denke sie gelangweilt daran, ihn abzunehmen, und sie lächelte mit gespitzten, vollen Lippen. Ermutigt grinste Mat selbstbewußt und rückte noch näher. Sie ließ ihre Hand sinken und schüttelte bedächtig den Kopf, doch dieses einladende Lächeln blieb. Keiner von beiden hörte, wie Keille herankam, leichtfüßig, trotz ihres Gewichts.