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»Wie mein Lord Drache befiehlt.« Sie knickste leicht und eilte hinaus. Vielleicht fürchtete sie, er könne seine Ansicht ändern und sie doch nicht gehen lassen.

»Als sei ich der Dunkle König selbst«, knurrte er, als sich die Tür hinter ihr schloß.

Er humpelte zum Fuß des Betts und setzte sich mühsam auf die Truhe, die dort stand. Callandor legte er sich über die Knie. Seine blutigen Hände ruhten auf der glühenden Klinge. Solange er dieses Schwert in Händen hielt, würde selbst ein Verlorener ihn fürchten. Noch ganz kurz, dann würde er Moiraine holen lassen, um seine Wunden zu heilen. Danach würde er wieder mit den Aiel draußen sprechen und wäre wieder ganz der Wiedergeborene Drache. Aber jetzt wollte er nur einfach dasitzen und sich an einen Schafhirten namens Rand al'Thor erinnern.

3

Überlegungen

Trotz der späten Stunde eilten immer noch viele Menschen geschäftig durch die breiten Gänge des Steins; ein stetiges Kommen und Gehen von Männern und Frauen im Schwarz und Gold der Diener oder in der Amtstracht irgendeines Hochlords. Von Zeit zu Zeit ließ sich auch einer der Verteidiger sehen, mit bloßem Kopf und unbewaffnet, ein paar sogar mit geöffnetem Mantel. Die Diener verbeugten sich und die Dienerinnen knicksten vor Perrin und Faile und eilten dann sofort weiter. Die meisten Soldaten zuckten erst einmal zusammen, wenn sie die beiden sahen. Ein paar verbeugten sich steif mit der Hand auf dem Herzen, aber jeder von ihnen beschleunigte dann seine Schritte, als sei er froh, von ihnen wegzukommen.

Nur jede dritte oder vierte Lampe brannte. In den dämmrigen Zonen zwischen ihren hohen Ständern lagen Schatten auf den Wandbehängen und über den wenigen Truhen und Kommoden. Jedenfalls konnte bei dieser Beleuchtung kaum ein gewöhnliches Auge etwas wahrnehmen. Perrins Augen dagegen glühten wie schimmerndes Gold in diesen trüb beleuchteten Gängen. Er schritt schnell von Lampe zu Lampe und hatte den Blick zu Boden gerichtet, wenn er sich nicht gerade im hellen Lampenschein befand. Die meisten Menschen im Stein wußten ja ohnehin von seinen eigenartig gefärbten Augen, hatten es auf die eine oder andere Art erfahren. Keiner erwähnte es natürlich ihm gegenüber. Selbst Faile schien zu glauben, seine Augenfarbe habe mit der Zusammenarbeit mit einer Aes Sedai zu tun, etwas, das man einfach akzeptieren mußte, ohne eine Erklärung zu erwarten. Trotzdem lief es ihm immer kalt über den Rücken, wenn ihm bewußt wurde, daß ein Fremder seine Augen im Dunklen hatte leuchten sehen. Wenn sie auch kein Wort darüber verloren, unterstrich gerade dieses Schweigen seine Außenseiterrolle.

»Ich wünschte, sie würden mich nicht so ansehen«, murmelte er, als ein grauhaariger Verteidiger, der bestimmt mehr als doppelt so alt war wie er, beinahe zu laufen begannen, nachdem er sie erblickt hatte. »Als hätten sie Angst vor mir. So haben sie sich zuvor doch nicht benommen. Warum liegen all diese Leute nicht in ihren Betten?« Eine Frau, die einen Mop und einen Eimer in der Hand trug, knickste hastig und eilte mit gesenktem Kopf weiter.

Faile hatte sich bei ihm untergehakt und blickte zu ihm auf. »Ich würde sagen, daß die Wachen sich in diesem Teil des Steins nur dann aufhalten, wenn sie im Dienst sind. Um diese Nachtzeit ist es doch schön, auf dem Stuhl eines Lords zu sitzen, mit einer Zofe auf dem Schoß, und vorzugeben, sie seien Lord und Lady, während die echten schlafen. Sie haben möglicherweise Angst, daß du sie meldest. Und die Diener erledigen die meisten Arbeiten bei Nacht. Wer will schon, daß sie tagsüber ständig herumwuseln, fegen und Staub wischen und polieren?« Perrin nickte zweifelnd. Von zu Hause her wußte sie sicher über solche Dinge Bescheid. Ein erfolgreicher Kaufmann wie ihr Vater hatte Diener und Wächter für seine Wagenzüge. Wenigstens waren diese Leute nicht aus dem gleichen Grund auf den Beinen wie er. Falls sie erlebt hätten, was ihm widerfahren war, befänden sie sich nicht mehr im Stein und wären vermutlich immer noch auf der Flucht. Aber warum hatte ausgerechnet ihm allein dieser Angriff gegolten? Er freute sich nicht gerade auf die Konfrontation mit Rand, aber es mußte sein. Faile machte größere Schritte, um mit ihm mitzuhalten.

Trotz all der Pracht, all des Golds und der schönen Schnitzereien und Einlegearbeiten war das Innere des Steins genau wie das Äußere für den Krieg geschaffen worden. Schächte waren über jeder Kreuzung von Korridoren in der Decke zu sehen. Noch nie benützte Schießscharten öffneten sich in den Gängen an Stellen, von wo aus sie den gesamten Gang bestreichen konnten. Faile und er kletterten eine enge Wendeltreppe nach der anderen empor, alle in die dicken Wände eingebaut oder auf andere Art durch Mauern geschützt, in denen sich weitere Schießscharten befanden, die auf den Gang darunter wiesen. Natürlich hatte nichts davon die Aiel aufhalten können, den ersten Feind, den die äußere Mauer nicht zurückgehalten hatte.

Als sie eine der Wendeltreppen hinaufhasteten, wobei Perrin gar nicht merkte, daß sie überhaupt rannten, und er noch schneller gemacht hätte, wenn sich nicht Faile an seinen Arm gehängt hätte, roch er eine Wolke alten Schweißes und süßlichen Parfums, aber das nahm er nur schwach im Hinterkopf wahr. Er konzentrierte sich darauf, zurechtzulegen, was er Rand sagen würde. Warum hast du versucht, mich umzubringen? Wirst du etwa schon wahnsinnig? Es gab keine einfache Formulierung für eine solche Frage, und er erwartete auch keine klaren Antworten.

Als sie fast ganz oben im Stein in einen dämmrigen Korridor traten, erblickten sie die Rücken eines Hochlords und zweier seiner Leibwächter. Nur den Verteidigern war es gestattet, innerhalb des Steins gerüstet herumzulaufen, doch die drei trugen Schwerter an den Hüften. Das war natürlich nicht ungewöhnlich, aber daß sie sich hier auf diesem Stockwerk im Schatten halb verborgen aufhielten und aufmerksam das helle Licht am hinteren Ende des Flurs unter Beobachtung hielten, das war nun ganz und gar nicht normal. Die Beleuchtung kam aus dem Vorraum der Gemächer, die man Rand überlassen hatte. Oder die er erwählt hatte. Oder vielleicht hatte ihn Moiraine auch dazu gedrängt.

Perrin und Faile hatten sich keine Mühe gegeben, besonders leise zu sein, als sie die vielen Treppen erklommen, aber die drei Männer beobachteten den Vorraum so intensiv, daß keiner von ihnen die Neuankömmlinge im ersten Moment bemerkte. Dann schüttelte der eine blau gekleidete Leibwächter seinen Kopf, als wolle er seine vom Beobachten starren Halsmuskeln lockern, und als er sie sah, fiel ihm beinahe die Kinnlade herunter. Der Bursche unterdrückte einen Fluch und wirbelte zu Perrin herum. Er brachte seine Schwertklinge vielleicht eine Handbreit aus der Scheide. Der andere war nur einen Herzschlag langsamer. Beide standen angespannt und kampfbereit da, aber ihre Blicke waren unstet und mieden Perrins Augen. Er roch an ihnen den sauren Geruch von Angst. Genauso stank auch der Hochlord, doch er hatte sich besser unter Kontrolle.

Hochlord Torean, dessen Spitzbart von Grau durchsetzt war, bewegte sich träge und entspannt wie auf einem Ball. Er zog ein viel zu süßlich parfümiertes Taschentuch aus dem Ärmel und betupfte eine Knollennase, die aber im Vergleich zu seinen Ohren nicht besonders groß erschien. Ein feiner Seidenmantel mit roten Satinmanschetten ließ sein grobes Gesicht noch mehr abstechen. Er musterte den in Hemdsärmeln dastehenden Perrin und betupfte noch einmal seine Nase, bevor er den Kopf leicht neigte. »Das Licht leuchte Euch«, sagte er höflich. Sein Blick berührte Perrins gelben Augen und zuckte weg, aber sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. »Es geht Euch gut, hoffe ich?« Vielleicht etwas zu höflich.