Выбрать главу

»Wenn Ihr mich vor meinen Schwestern zur Närrin macht, Feuchtländer«, fauchte sie ihm warnend von hinten zu.

»Warum würden Sie Euch für eine Närrin halten? Ich habe Bair und Amys und die anderen hinter Moiraine oder Egwene reiten sehen, wenn sie sich unterhalten wollten.« Nach einem Augenblick des Überlegens sagte sie: »Ihr akzeptiert Veränderungen schneller und leichter, als ich das kann, Rand al'Thor.« Er wußte nicht, was er damit wieder anfangen sollte.

Als er sich mit Jeade'en auf der Höhe von Rhuarc, Heirn und Amys und ein Stück vor den immer noch durcheinanderschreienden Jindo befand, sah er zu seiner Überraschung Couladin leichtfüßig mitlaufen. Sein flammenfarbener Haarschopf leuchtete unbedeckt im Sonnenschein. Aviendha zog nun auch Rands Schufa auf seine Schultern herunter. »Wenn Ihr eine Festung betretet, muß Euer Gesicht deutlich sichtbar sein. Das habe ich Euch doch gesagt. Und Lärm müßt Ihr machen. Man hat uns wohl schon lange gesehen und weiß, wer wir sind, aber es ist Sitte, um zu beweisen, daß man die Festung nicht durch einen Überraschungsangriff erstürmen will.« Er nickte, hielt aber ansonsten den Mund. Weder Rhuarc noch einer der drei anderen bei ihm gaben einen Laut von sich, und Aviendha schließlich auch nicht. Außerdem veranstalteten die Jindo schon genug Lärm, daß man es meilenweit hören konnte.

Couladin wandte sich ihm zu. Verachtung zeigte sich auf dem sonnengebräunten Gesicht und noch etwas anderes. Haß und Abscheu hatte Rand ja erwartet, aber Spott? Was fand denn Couladin so amüsant?

»Idiotischer Shaido«, knurrte Aviendha von hinten. Vielleicht hatte sie recht; vielleicht galt der spöttische Gesichtsausdruck ihrem Ritt. Aber Rand glaubte das nicht.

Mat galoppierte heran und zog dabei eine gelblichbraune Staubwolke hinter sich her. Den Hut hatte er weit heruntergezogen und der Speer ruhte wie eine Lanze senkrecht auf einem Steigbügel. »Was ist das hier, Rand?« schrie er herüber, um durch den Lärm hindurch hörbar zu sein. »Alles, was diese Frauen sagten, war immer nur: ›Macht schneller. Bewegt Euch schnellere« Rand sagte ihm Bescheid, und der Freund sah die hoch aufragende Steilwand der Felskuppe finster an. »Ich schätze, wenn man genügend Vorräte hat, kann man sich dort jahrelang verteidigen, aber es ist trotzdem nichts gegen den Stein oder die Tora Harad.« »Die Tora was?« fragte Rand.

Mat zuckte die Achseln, bevor er antwortete: »Ach, nur etwas, von dem ich mal gehört habe.« Er stellte sich in den Steigbügeln auf, um nach hinten über die Jindo hinweg zu der Händlerkarawane spähen zu können. »Wenigstens sind die noch bei uns. Ich frage mich, wie lange sie noch brauchen werden, um ihre Geschäfte abzuwickeln, und uns dann verlassen.« »Nicht, bevor wir in Alcair Dal waren. Rhuarc sagte, es gebe jedesmal so eine Art von Jahrmarkt, wenn sich die Clanhäuptlinge treffen, auch wenn es nur zwei oder drei sind. Da diesmal alle zwölf kommen, glaube ich kaum, daß Kadere und Keille das versäumen wollen.« Mat schien über diese Neuigkeit nicht unbedingt erfreut.

Rhuarc führte sie geradewegs auf den breitesten Riß in der fast senkrechten Felswand zu. Er war an den größten Stellen wohl etwa zehn oder zwölf Schritt weit und zog sich im Schatten der Felswände immer tiefer in den riesigen Steinklotz hinein. Drinnen war es dunkel und kühl. Darüber war gerade noch ein Streifen des Himmels zu sehen. Es war ein eigenartiges Gefühl, sich mit einemmal in solch tiefem Schatten zu bewegen. Die wortlosen Schreie der Aiel schwollen an, von den graubraunen Wänden um ein Vielfaches verstärkt, und dann brachen sie plötzlich ab, und Schweigen herrschte. Nur das Hufgeklapper der Maultiere und das Knarren der Wagenräder weit hinten war noch zu hören. In dieser Stille klang das schrecklich laut.

Sie kamen um eine Ecke, und der Riß öffnete sich abrupt zu einer breiten Schlucht, lang und fast gerade. Von allen Seiten her erklang mit einem Schlag das schrille Heulen Hunderter von Frauenstimmen. Zu beiden Seiten drängte sich eine dichte Menge, Frauen in bauschigen Röcken, die Schals um die Köpfe gewickelt, und Männer im graubraunen Wams und Hosen, der Cadin'sor. Auch Töchter des Speers waren dabei und winkten ihnen zu oder schlugen mit den Speerschäften auf Töpfe und was sonst noch Lärm machte.

Rand hatte Augen und Mund aufgerissen, und das nicht nur des Lärms und Durcheinanders wegen. Die Wände der Schlucht waren grün. Schmale Terrassen zogen sich an beiden Seiten etwa bis zur Hälfte die Wände hoch. Dann wurde ihm bewußt, daß nicht alle tatsächlich Terrassen waren. Kleine Häuser aus grauem Stein oder gelbem Lehm und mit flachen Dächern standen praktisch eins auf dem anderen, türmten sich in ganzen Gruppen hoch auf. Dazwischen wanden sich schmale Wege hindurch. Auf jedem freien Dach wuchsen in einem winzigen Garten Bohnen und Kürbisse, Paprika und Melonen und andere Pflanzen, die er nicht erkannte. Hühner rannten herum, rötlicher, als er gewöhnt war, und eine seltsame Art von Truthühnern, größer als sonst und grau gefleckt. Kinder, die zumeist wie die Erwachsenen gekleidet waren, und in Weiß gehüllte Gai'schain wanderten zwischen den Beeten umher und gossen die Pflanzen aus großen Tonkrügen. Man hatte ihm immer gesagt, die Aiel hätten keine Städte, aber das hier war zumindest eine größere Kleinstadt, wenn auch die eigenartigste, die er je erblickt hatte. Der Lärm war einfach zu stark, um Aviendha auch nur eine der vielen Fragen zu stellen, die ihm durch den Kopf gingen. Was waren das für runde Früchte, zu rot und glänzend für Äpfel, die an niedrigen Büschen mit hellen Blättern wuchsen? Oder diese geraden Stengel mit breiten Blättern, unter denen lange, dicke Schoten mit gelben Narbenfäden hingen? Er hatte zu lange auf einem Bauernhof gelebt, und so etwas interessierte ihn nun doch.

Rhuarc und Heirn und auch Couladin gingen nun langsamer, aber immer noch schnell genug. Sie hatten die Speere durch die ledernen Bogenhalter auf dem Rücken gesteckt. Amys rannte voraus und lachte wie ein junges Mädchen dabei, während die Männer im gleichen Schritt wie vorher über den von Menschen gesäumten Felsboden marschierten. Das Heulen der Frauen ließ die Luft beben und übertönte noch das Klappern der Töpfe. Rand folgte den Anführern, wie Aviendha ihm geraten hatte. Mat sah aus, als wolle er am liebsten umkehren und wieder hinausreiten.

Am hinteren Ende der Schlucht hing die Felswand ein Stück über und erzeugte so eine düstere, überdachte Felsfläche. Der Sonnenschein erreichte niemals das hintere Ende, wie Aviendha gesagt hatte, so daß die Felsen dort immer kalt waren. Das hatte der Festung den Namen verliehen. Vor dieser Schattenfläche stand mittlerweile Amys zusammen mit einer anderen Frau auf einem breiten, grauen Felsblock, dessen Oberfläche man abgeschliffen hatte, um einen erhöhten Standplatz zu schaffen.

Die zweite Frau, die trotz des bauschigen Rocks schlank wirkte und deren blondes, an den Schläfen leicht ergrautes Haar unter dem Schal hervor bis über ihre Hüfte hinabreichte, schien älter als Amys, sah aber noch ausgesprochen gut aus. An den Augenwinkeln waren ein paar feine Fältchen zu entdecken, die den jugendlichen Eindruck überhaupt nicht störten. Sie war genauso wie Amys gekleidet, trug einen einfachen braunen Schal, dazu aber goldene Halsketten und glatte Armreife aus Gold oder Elfenbein. Das mußte Lian sein, die Dachherrin der Kaltfelsenfestung.

Das vibrierende Heulen wurde leiser und verklang, als Rhuarc vor dem Felsblock stehenblieb, einen Schritt näher als Heirn und Couladin. »Ich bitte um Erlaubnis, Eure Festung betreten zu dürfen, Dachherrin«, verkündete er mit lauter, hallender Stimme.